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Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #24

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    Unter der Dornenkrone, die das Coronavirus der Welt aufgesetzt hat, lässt sich so manches verbergen. Das geschieht nicht absichtlich, es ist schlicht eine Frage des Nachrichtenwerts. Und der ist unterhalb einer drohenden Apokalypse aktuell nicht mehr zu haben. Aber in den Behörden, diesen großen Mahlströmen der Geschichte, mahlen sie weiter, die Mühlen der Macht.

    Und die Zersetzer sind beileibe nicht immer Männer, auch wenn es vordergründig so scheint. Aber es war nicht Donald Trump, der die Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen hinauskatapultiert hat. Trump hat nur seine Unterschrift gegeben. Das Rad rückwärts gedreht aber hat eine Frau: Mandy Gunasekara.

    Eine Phrasensuche bei Google liefert 10.300 Ergebnisse zu ihr. Das sind 0,002 % der 472 Millionen Treffer, die man bei Donald Trump landet. Oder Donald Trump bei der Welt, ganz egal. Mandy Gunasekara ist jedenfalls die neue Stabschefin der staatlichen Umweltbehörde EPA und als solche seit 16. März „Offiziell zurück in Aktion!“, wie sie ihren gut 2.000 Followern auf Twitter mitgeteilt hat.

    Dort nennt sie sich MississipiMG, und wer ihr folgt, dem wird schnell klar, wofür Mandy – das Maschinengewehr – Gunasekara politisch so steht. Ihre Aufgabe (und auch ihr Wunsch!) ist es, die Umweltgesetze im Sinne der Kohlelobby zu lockern und mit strengeren Richtwerten für die Kraftwerke so lange als möglich zu warten.

    Im Dienste der Kohlebosse war die Frau mit dem amerikanischen Allerweltsmodelgesicht bereits 2017–2019 unterwegs, als sie in der Umweltbehörde zum ersten Mal angestellt war. Nach ihrer Zeit bei der EPA hatte sie sich in der freien Wirtschaft verdingt, Trumps Leib- und Magensender Fox News mit politischen Kommentaren versorgt und eine Lobbygruppe ins Leben gerufen, deren Ziel es war, die Öffentlichkeit über die Fortschritte in der Umweltpolitik unter Präsident Trump zu informieren.

    Darüber hinaus hat sich Mandy Gunasekara im ebenso einflussreichen wie konservativen „Independent Women’s Forum“ engagiert und letztes Jahr zu Weihnachten erklärt, Santa Claus sei der Ansicht, dass die Leute aufhören sollten, sich für die großartige amerikanische Kohle zu schämen, was sie – so ist zu befürchten – ernst gemeint hat.

    Zumindest ernst genug, um sich damit in der Trump-Regierung für höhere Aufgaben zu empfehlen. Also ist Mandy Gunasekara Stabschefin der Umweltbehörde EPA geworden, nachdem ihr Vorgänger Ryan Jackson in die Bergbauindustrie gewechselt ist, wo er als Vizechef der „National Mining Association“ die Strippen zurück zur Politik ziehen soll. Es dreht sich eben alles im Kreis, in diesen mächtigen Mühlen, die unterhalb des Virus-Radars unablässig weiter rotieren, während die Welt obendrüber völlig aus dem Rhythmus gerät.

    Wobei natürlich auch die fossilen Industrien vom Corona-Chaos betroffen sind, denn der Ölpreis schmiert ab, die Gewinne der Fracking- und Gasindustrie verflüchtigen sich, und die amerikanische Kohleindustrie sieht schwarz und brüllt nach Staatshilfen. Was freilich die Frage aufwirft, wer die Branche bisher unterstützt und ihre Aktivitäten über Jahre und Jahrzehnte hinweg finanziert hat.

    Laut des gestern veröffentlichten „Fossil Fuel Finance Report 2020“ ist die Sache jedenfalls klar: Auf dem Siegertreppchen, das zu den notwendigen Krediten hochführt, mit dem die fossilen Aktivitäten bezahlt und zum Großteil überhaupt erst möglich gemacht wurden, stehen ausschließlich us-amerikanische Banken.

    Weltweit wurden seit der UN-Klimakonferenz von Paris im Dezember 2015 mehr als 2,7 Billionen US-Dollar in die Öl-, Gas- und Kohleindustrie gepumpt, und die Politik Donald Trumps hat diesen Trend noch weiter befeuert. Seit 2017 haben allein die drei größten Finanzierer über 450 Milliarden US-Dollar investiert. Was mir – da der Sport aktuell überall ausfällt – die Chance gibt, an dieser Stelle eine kleine Siegerehrung vorzunehmen.

    Platz 1: J.P. Morgan Chase

    64.925.399.856 Dollar (2019) / 204.607.466.002 Dollar (seit Amtsantritt Trumps)

    Platz 2: Citibank

    52.408.957.021 Dollar (2019) / 138.599.914.843 Dollar (seit Amtsantritt Trumps)

    Platz 3: Bank of America

    48.075.110.400 Dollar (2019) / 113.332.096.979 Dollar (seit Amtsantritt Trumps)

    Es sind dies genau jene drei Banken, deren CEOs Donald Trump am 14. August 2019 anrief, um sich ihre Einschätzung der Lage anzuhören und ihre Wünsche zu vernehmen, nachdem der Dow Jones an diesem Tag um 800 Punkte gefallen war und ganz Amerika von einer drohenden Rezession sprach. Angesichts der jetzigen Einbrüche durch Corona erscheint das geradezu lächerlich, ja fast schon absurd.

    Aber vielleicht ist das der entscheidende Punkt. Denn wie auch immer die historiographische Meistererzählung der Corona-Krise eines Tages aussehen wird – die ganze Angelegenheit lässt sich auch unter dem Thema „Kleine Ironien der Geschichte“ erzählen.

    Alle Auszüge aus dem „Tagebuch eines Hilflosen“.

    Direkt zum „Tagebuch eines Hilflosen“.

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