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Der Strukturwandel krempelt den Einzelhandel in den Landkreisen bei Leipzig völlig um

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    Eigentlich hatte die IHK zu Leipzig am Dienstag eingeladen, um den neuen Handelsatlas für die Region Leipzig vorzustellen. Oberbürgermeister, Bürgermeister und zuständige Amtsleiter/innen waren gekommen und bekamen eine Lehrstunde in Sachen Demografie. Denn dass die jungen Menschen scharenweise aus den ländlichen Regionen der Republik fliehen, hat auch mit dem täglichen Einkauf zu tun.

    Dass Handelsstrategien etwas mit Bevölkerungsentwicklung zu tun haben, das machte auch Steffen Böttger klar, Büroleiter des Gutachterbüros Stadt + Handel in der Niederlassung Leipzig und verantwortlich für die Erstellung des neuen Handelsatlasses für die IHK zu Leipzig. 1998 gab es zum ersten Mal so einen Atlas. Da gingen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Industrie- und Handelskammer (IHK) noch selbst los mit Stift, Block und Maßband, um die Handelseinrichtungen und ihre Sortimente zu erfassen. Drei weitere Atlanten entstanden in der Folgezeit, der letzte 2010. Jetzt liegt der fünfte vor – zumindest im Zahlenrohmaterial. Als gedrucktes Exemplar mit CD soll er Anfang Dezember an die Städte und Gemeinden im IHK-Bezirk Leipzig versandt werden.

    Aber was drin stehen wird, darauf gab Böttger am Dienstag, 10. November, schon mal einen recht nachdenklich machenden Vorgeschmack. Und für manche Gemeinde verheißt das nichts Gutes. Denn die Einzelhandelsbranche befindet sich derzeit in heftigen Strukturveränderungen. Exemplarisch demonstrierte er es an einer Karte der Drogeriemärkte in der Region Leipzig. 2010 – bei der letzten Erhebung – hatte praktisch noch jede Kleinstadt in den Landkreisen Leipzig und Nordsachsen eine eigene Schlecker-Filiale. Dann kam die große Schleckerpleite. Doch die Karte von 2015 zeigt, dass die Pleite wohl nicht am Missmanagement gelegen hat, sondern an der Tatsache, dass die vielen kleinen Filialen in ländlichen Räumen nicht mehr rentabel zu bewirtschaften sind: die Fläche zu klein, das Warenangebot nicht tief genug, zu wenige Käufer im Einzugsbereich.

    So dass die meisten Filialen schon seit Jahren in der Grenzrentabilität gewirtschaftet haben müssen. Und keiner der Schlecker-Konkurrenten hat überhaupt noch Interesse daran gezeigt, in dieses kleinteilige Filialnetz einzusteigen.

    Ergebnis: Heute dominiert die Rossmann-Kette den Drogeriemarkt in den Landkreisen – aber nur noch mit wenigen, deutlich größeren Filialen in den Mittelzentren.

    So wird ein Konzentrationsprozess sichtbar, der auch andere Branchen in den letzten drei Jahren erfasst hat. Befeuert natürlich von der permanenten Abwanderung aus den kleinen Dörfern und Städten der Landkreise.

    Selbst Discounter rechnen mit mindestens 5.000 Einwohnern im direkten Einzugsbereich – und zwar ohne Konkurrenz in diesem Gebiet. Und von Bad Düben bis Frohburg wird auch dort sichtbar, wie die kleinen Läden immer mehr verschwinden – darunter auch die alten, inhabergeführten Nahversorger, Bäcker- und Fleischerläden.

    Von 1.100 Geschäften mit weniger als 400 Quadratmeter Fläche, die 2010 noch gezählt wurden, existierten 2015 nur noch 962. Bei den Geschäften mit 400 bis 699 Quadratmeter ging die Zahl von 92 auf 67 zurück. Das bedeutete in so mancher Gemeinde, dass auch noch der letzte Händler am Ort den Laden dichtmachte.

    Und das war keineswegs der Einstieg neuer Händler, die sich freuten, einen jungfräulichen Absatzmarkt zu finden. Auch wenn die Betreiber der großen Discounter und SB-Märkte garantiert gerechnet haben. Aber seit Jahren lautet ihre Strategie nicht mehr, jeden Ort auf der Landkarte zu besetzen, sondern dann lieber größere und modernere Märkte mit breiterem Angebot an Knotenpunkten zu bauen, an denen sie aus allen Richtungen gut angefahren werden können. Deswegen nimmt die Zahl der Märkte mit mehr als 700 Quadratmeter im Lebensmittelhandel der Landkreise zu – wenn auch zahlenmäßig in geringerer Dimension. Ein neuer großer Markt kann ein deutlich größeres Gebiet abdecken als die klassische Kaufhalle der Vergangenheit.

    Ein Dilemma für die Bürgermeister, die vor Jahren teure neue Gewerbegebiete hinterm Dorf bauen ließen, dafür wertvolle Äcker geopfert haben – und nun will nicht mal ein Discounter hier seine Filiale hinsetzen. Der Konzentrationsprozess ist in vollem Gang. Und Opfer sind die früher dominierenden kleinen Händler. Sie haben keine Chance.

    Der positive Aspekt, so Böttger: Die meisten dieser Konzentrationsprozesse stärken tatsächlich die vom Landesentwicklungsplan festgelegten Mittelzentren (Grimma, Borna, Wurzen usw.). Hier entwickelt sich zumeist ein Schwerpunkt der Versorgung für ein ganzes Gebiet.

    Mit Ausnahmen. Fehlallokation nennt es Böttger, wenn sich große Märkte und Filialen in Gemeinden außerhalb der Mittelzentren ansiedeln und die Kaufkraft abziehen. Die deutlichsten Beispiele rund um Leipzig sind Wiedemar (das vor allem die Einzelhandelsentwicklung in Schkeuditz verhindert) und Großpösna (das vor allem die Entwicklung in Naunhof hemmt).

    Eine Frage für Steffen Böttger war natürlich auch: Wo ordnen sich nun Leipzig und die angrenzenden Landkreise eigentlich überregional ein mit ihrer Kaufkraft und ihren Einzelhandelsflächen?

    Das Ergebnis: Mit im Schnitt 1,7 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Einwohner liegt der IHK Bezirk Leipzig überm bundesdeutschen Durchschnitt von 1,52 Quadratmeter. Was die Verkaufsfläche betrifft, ist die Region also gesättigt. Das bestätigt auch der Blick auf die bundesdeutsche Entwicklung: In den 1990er Jahren gab es bundesweit einen gewaltigen Zuwachs an neuer Verkaufsfläche, der vor allem dem Nachholbedarf im Osten geschuldet war. Doch seit 2000 sind die Zuwächse auch bundesweit eher minimal. Und beim genaueren Blick auf Sachsen und den IHK Bezirk Leipzig zeigt sich, dass es hier – wie bei der Bevölkerungsentwicklung – gegenläufige Tendenzen gibt: In den Landkreisen stagniert bzw. schrumpft der Einzelhandelsbesatz – da wird der oben beschriebene Konzentrationsprozess immer sichtbarer. Dafür wächst in den zentralen Großstädten wie Leipzig die Einzelhandelsfläche weiter – in Leipzig zum Beispiel von 664.000 Quadratmeter im Jahr 1997 auf 877.000 Quadratmeter im Jahr 2015.

    Was Leipzig trotzdem nur eine durchschnittliche Flächenversorgung von 1,6 Quadratmeter pro Einwohner beschert. Heißt im Klartext: In Leipzig wächst der Einzelhandel praktisch im selben Tempo wie die Bevölkerung. (Im Detail bedeutet es aber auch hier, dass immer weniger große Spieler immer mehr Fläche bewirtschaften, während kleine Händler aus dem Markt gedrängt werden.) Statistisch wächst dann in den Landkreisen die Pro-Kopf-Einkaufsfläche – in Nordsachsen zum Beispiel auf 2 Quadratmeter. Aber hinter so manchem scheinbaren Wachstum steckt dort nur der Effekt des Bevölkerungsrückgangs.

    Dazu kommt in den Landkreisen auch noch eine unterdurchschnittliche Kaufkraft von 80 bis 90 Prozent des bundesdeutschen Durchschnitts. Die Kaufkraft im IHK Bezirk Leipzig konzentriert sich in Leipzig und in den Städten direkt im Leipziger Speckgürtel. Dort werden Werte von 95 bis 105 Prozent des bundesdeutschen Durchschnitts ereicht. Der liegt übrigens bei 6.246 Euro je Einwohner. Sachsen kommt auf einen Schnitt von 5.676 Euro je Einwohner, was immerhin 90,9 Prozent vom Bundesdurchschnitt bedeutet.

    Was für die Region Leipzig heißt: Ein Überangebot an Verkaufsfläche trifft auf eine unterdurchschnittliche Kaufkraft. „Also ein angespannter Markt“, sagt Böttger. Heißt: Mögliche Investoren werden sich schwer tun, außerhalb der Ober- und Mittelzentren noch in neue Märkte zu investieren. Die Zeiten sind vorbei. Und Bürgermeister sind gut beraten, Einzelhandelsentwicklungspläne aufzustellen und so gut wie möglich die Einzelhändler dorthin zu steuern, wo die Zentren gestärkt werden.

    Ein Problem hatte Böttger freilich: Für Sachsen liegen nur die Bevölkerungsprognosen von 2010 vor. Mit denen aber kann eigentlich niemand mehr arbeiten – sie sind von der Entwicklung völlig überholt. Denn seit 2014 schrumpft die Bevölkerung im Freistaat ja nicht mehr. Auch wenn das den Landkreisen bis jetzt noch nicht zugute kommt. Die jungen Leute strömen ja in Scharen in die Großstädte und machen dort auch die Investments der großen Marktbetreiber attraktiv.

    Aber der neue Handelsatlas macht eben auch deutlich, dass der viel beschworene Markt eher alle negativen Effekte in den eher strukturschwachen Landkreisen verstärkt. Alles läuft auf Konzentration und wenige Mittel- und Grundversorgungszentren hinaus. Aber genau das verstärkt logischerweise die Abwanderung. Erst recht, wenn dann auf einmal die Einkaufsfahrt in die Mittelstadt direkt mit dem großen Angebot in der Großstadt konkurriert.

    Kleiner Lichtblick: Die Kaufkraft in Sachsen ist seit 2010 deutlich gestiegen: von 4.810 Euro auf besagte 5.676. Ob das am Ende nur die Einkaufslandschaft in Leipzig befeuert, bleibt abzuwarten. Noch hat jedenfalls niemand ein Mittel gefunden, den Strukturwandel im gesamten Einzelhandel zu bremsen. Noch ist auch der Internethandel in vielen Branchen auf dem Vormarsch, der ebenfalls vor allem kleinen Händlern das Geschäftsfeld entzogen hat. Nicht nur bei Büchern oder Elektronik, sondern auch bei Büromaterial, Mode, Heimwerkerbedarf, Sportartikeln … da dürfte auch so mancher Bewohner eines Landstädtchens sich fragen, ob er mit seinen eifrigen Bestellungen beim Internetriesen nicht auch dazu beigetragen hat, dass die Händler in der Hauptgeschäftsstraße aufgeben mussten.

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