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Warum ostdeutsche Maschinenbauer in Industrie 4.0 derzeit gute Karten haben

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    Für Freikäufer„Geschäftsaussichten so gut wie lange nicht“, meldete am 19. Oktober der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) über die Lage des Maschinenbaus in Ostdeutschland. Ein Satz aus der Meldung blieb hängen: „Die Mehrheit der Unternehmen lässt sich von den aktuellen politischen Krisen und außenwirtschaftlichen Unsicherheiten nicht beunruhigen.“ Wieso eigentlich? Sind Maschinenbauer besonders coole Typen?

    Die Antwort auf die Frage fand sich nicht unbedingt in dieser Pressemitteilung, die eigentlich eine gute Nachricht ist für Ostdeutschland. Denn das bedeutet, dass im Osten zumindest ein wichtiger Industriezweig zu Hause ist, der auch wirklich Zukunft hat – anders als etwa die Kohleenergiewirtschaft.

    Es gibt noch andere zukunftsträchtige Branchen. Aber der Maschinenbau hat eine besondere Spezifik: Er produziert die Instrumente, mit denen Länder weltweit überhaupt erst einmal Industrie aufbauen können. Und er profitiert von etwas, was Heike Buchter am 18. Oktober in der „Zeit“ und dann am 23. Oktober auch auf „Zeit Online“ klug analysiert hat: „Schluss mit der Globalisierung“, hatte die Redaktion ihren Artikel überschrieben.

    Was so klingt, als würde hier wieder jemand mit politischer Verve etwas fordern.

    Aber tatsächlich fordert die New-York-Korrespondentin der „Zeit“ gar nichts. Sie beschäftigt sich nur mit der scheinbar wilden Forderung Donald Trumps, die amerikanischen Unternehmen sollten ihre Produktion wieder zurück in die USA verlagern. Was ja bekanntlich mächtiges Geheul bei all den Vertretern der Wirtschaftsanalyse ausgelöst hat, die Globalisierung für eine heilige Kuh halten und Freihandel für das Nonplusultra aller Handelsbeziehungen.

    Alles Leute, die mit genauso großen Scheuklappen herumlaufen wie andere Ideologen auch. Denn es ist nur eine Ideologie. Die nicht mal geerdet ist. Die Beziehung zur Realwirtschaft fehlt völlig.

    Denn was Buchter beschreibt und analysiert, ist schon längst der Beginn einer neuen Etappe in der globalen Wirtschaftsentwicklung.

    Was eigentlich den Verfechtern der Globalisierung hätte auffallen müssen, als – zum Beispiel – „Spiegel“ am 17. Februar meldete: „Großreederei Hanjin ist pleite“. Die Containerschiffe von Hanjin Shipping, der siebtgrößten Reederei der Welt, lagen auf den Meeren und wurden von den Häfen nicht mehr abgefertigt, weil Hanjin die Gebühren nicht mehr bezahlen konnte.

    Und das zu einem Zeitpunkt, wo das Welttransportforum weiter massiv steigende Gütermengen auf den internationalen Verkehrsrouten prophezeite. Im Mai tagte das Forum ja bekanntlich wieder in Leipzig, der Stadt, wo es seit 2008 heimisch ist. Denn kaum eine andere Stadt in Ostdeutschland hat so vehement auf globalen Transport gesetzt. Stichworte: Flughafen, Güterverkehrszentrum.

    Wie kann bei einem derart massiv wachsenden Markt eine Riesenreederei einfach pleitegehen?

    Gründe sind vor allem die rapide gesunkenen Margen. Deutliches Zeichen dafür, dass ein Markt in Wirklichkeit gar nicht mehr so exorbitant wächst. Hanjin selbst hatte sich bei der Schaffung neuer Schiffskapazitäten völlig übernommen. Dort hatte man dummerweise das Lied von der weiter rasant wachsenden Globalisierung geglaubt.

    Heike Buchter geht zu Recht darauf ein, warum schon längst die ersten amerikanischen Konzerne begonnen haben, ihre Produktion zurück in die Vereinigten Staaten zu verlegen. Schon lange vor Trump. Und aus Gründen, die der Politiker im Weißen Haus wahrscheinlich nicht mal verstehen würde. Denn mit seinem Protektionismus hat das alles nichts zu tun.

    Dafür mit etwas, was einer nun seit Jahren predigt, der zwar gern in Talkshows eingeladen wird – aber seine Botschaften erreichen die Höhen der Bundespolitik einfach nicht: Richard David Precht.

    Denn das, was heute so gern mit dem Kürzel Industrie 4.0 umschrieben wird, ist längst im Gang. Immer mehr ersetzen Computer und Roboter den Menschen in der Produktion. Und wo man den Menschen systematisch und am besten kostensparend aus dem Produktionsprozess nehmen kann, da schmilzt logischerweise der Kostenvorteil der Billigfabrikation in Fernost. Denn das war der einzige Faktor, der die Globalisierung immer getrieben hat: Der Kostenvorteil der billigen Arbeitskräfte und meist auch der miserablen Umweltstandards.

    Die Hälfte aller Arbeitsplätze wird in den nächsten 20 Jahren verschwinden, prophezeit Precht. Und damit das, was wir seit 200 Jahren Lohnarbeit nennen. Was viele Konsequenzen hat – von den zwingenden Veränderungen in den Sozialsystemen bis hin zur Bildung. Eigentlich das schönste Thema, das Precht immer wieder anspricht: Eine Wirtschaft, die komplett computerisiert und robotorisiert ist, braucht nicht mehr den Malocher mit Stechuhr, den Bürobewohner in seiner befremdlichen Arbeitswelt usw. Die braucht den kreativen Menschen, der in der Lage ist, sich selbst nutzbringende Aufgaben zu stellen.

    Bevor wir zu weit ausholen, nur die Feststellung: Der Prozess ist zwangsläufig. Er wird genauso zwingend ablaufen wie in den vergangenen 40 Jahren die Globalisierung, weil es schlicht um Kosten-Nutzen-Rechnungen geht. Wenn ich ein Produkt zum selben Preis im eigenen Land herstellen und dabei auf die zunehmend unsicheren Verkehrswege übers Meer verzichten kann – dann mache ich das auch.

    Dann werden die Fabriken wieder in den USA oder Europa gebaut. Was natürlich die Auftragsbücher der Maschinenbauer füllt. Und wenn die bei Industrie 4.0 an der Weltspitze sind, dann werden sie in diesem Prozess auch ordentlich Umsatz machen.

    Die frustrierende Nachricht für den hiesigen Arbeitsmarkt aber lautet: Arbeitsplätze wird es da nur noch für hochqualifizierte Menschen geben.

    Und das ist der Grund, warum das jetzige, auf Disziplin und Anpassung geeichte Bildungssystem nicht mehr weiter funktioniert. Die Reform ist überreif.

    Schon dafür hätte die CDU-Regierung in Sachsen abgewählt werden müssen: Sie blockiert die dringend nötige Veränderung in der Bildungslandschaft und beschädigt damit massiv die Wettbewerbschancen der hiesigen Wirtschaft.

    Die klagt doch jetzt schon, dass sie die benötigten Fachkräfte nicht findet.

    ***

    Zum Schluss noch ein kurzer Blick ins Lagebild des ostdeutschen Maschinenbaus:

    Ein Großteil der Unternehmen erwartet auch in den kommenden Monaten gut gefüllte Auftragsbücher, meldet der VDMA Ost. Das ergab eine Umfrage des VDMA-Landesverbandes Ost unter seinen 350 Mitgliedern in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

    83 von 100 Unternehmen bewerteten ihre aktuelle wirtschaftliche Situation als sehr gut oder gut.

    „Wir verzeichnen seit einem Jahr einen stetigen Aufwärtstrend. Zwar flaute der extrem starke Aufwind zur Jahresmitte im dritten Quartal etwas ab – wichtige Indikatoren deuten jedoch auch weiterhin auf eine robuste wirtschaftliche Lage“, erklärte Reinhard Pätz, Geschäftsführer des VDMA Ost.

    Aber: Die Unternehmen konnten ihre vorhandenen Produktionskapazitäten zu durchschnittlich 90,6 Prozent auslasten. Damit knüpften sie an den Auslastungsgrad des Vorquartals an, welcher mit knapp 92 Prozent der höchste seit reichlich fünf Jahren war.

    Der positive Trend setzte sich auch bei der Auftragslage fort. Etwa 83 Prozent der Betriebe verzeichneten im Vergleich zum Vorquartal einen besseren oder gleich hohen Auftragsbestand. Mit einem Auftragspolster von 4,8 Produktionsmonaten verfehlten die ostdeutschen Maschinenbauer zudem nur knapp die 5-Monats-Grenze.

    Darüber hinaus ist ein Großteil der ostdeutschen Maschinenbauer nach wie vor auf Investitionskurs. 89,7 Prozent der Unternehmen haben in den zurückliegenden sechs Monaten ihre Investitionspläne wie beabsichtigt umgesetzt oder mehr Geld als ursprünglich geplant für neue Maschinen, Technik sowie Forschung und Entwicklung ausgegeben.

    Und dann kam der Satz: Die Mehrheit der Unternehmen lässt sich von den aktuellen politischen Krisen und außenwirtschaftlichen Unsicherheiten nicht beunruhigen. Vielmehr rechnen 97 von 100 Firmen im vierten Quartal 2017 mit gleichbleibenden oder besseren Geschäften.

    „Nur drei von 100 Unternehmen erwarten schlechtere Geschäfte. Solch einen niedrigen Wert registrieren wir höchst selten, das letzte Mal Anfang 2011“, betonte Pätz.

    Was dann auch heißt: In den kommenden sechs Monaten wollen 35 Prozent der Betriebe neue Mitarbeiter einstellen. Weitere 61 Prozent planen, ihren derzeitigen Personalbestand beizubehalten.

    Und dann stellte Pätz fest, dass man durchaus auch gemerkt hat, dass die internationalen Verkehrswege gar nicht mehr so flüssig funktionieren, wie das vor ein paar Jahren mal war: „Es mehren sich bereits die Klagen über längere Lieferzeiten der Zulieferer. Diese Engpässe gefährden die Liefertermine der Maschinenbauer“, sagte Pätz. Darüber hinaus verstärke sich die ohnehin schwierige Suche nach qualifizierten Facharbeitern, Ingenieuren und Führungskräften.

    Logische Folge: Auch im Maschinenbau wird Industrie 4.0 ganz zwangsläufig immer weiter Fuß fassen.

    Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

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