Jana Pinka zum Erdüberlastungstag am 2. Mai

Was Karl Marx mit der sächsischen Landwirtschaft von heute zu tun hat

Für alle LeserDer 2. Mai ist der Erdüberlastungstag 2018 – aus deutscher Sicht. Mit der deutschen Art zu leben und zu wirtschaften, haben wir – rein rechnerisch – am heutigen Tag alle Ressourcen verfressen, die uns eigentlich natürlicherweise zur Verfügung stehen. Wir leben eigentlich in einer Wirtschaftsweise, die die Erde so nicht verkraftet. Das Problem ist unser Wachstums-Mythos. Und der ist eingebaut in den Kapitalismus. Ein Thema für Dr. Jana Pinka.

„Ab dem 2. Mai 2018 beanspruchen wir für den Rest des Jahres mehr natürliche Ressourcen – Landwirtschaftsfläche, Fischgründe und Wald – als uns rechnerisch zur Verfügung stehen. Laut dem Global Footprint Network lebt Deutschland so als hätten wir drei Erden zur Verfügung, die gesamte Weltbevölkerung bräuchte 1,7 Erden.

Den größten Fußabdruck hat Deutschland durch seinen CO2-Ausstoß (3,24 in globalen Hektar/Person). Zudem nahm die versiegelte Fläche in den letzten 25 Jahren um mehr als 20 Prozent zu“, erklärt Dr. Jana Pinka, Sprecherin für Umwelt- und Ressourcenpolitik der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag, zum heutigen (deutschen) Weltüberlastungstag.

„Bundes- und Landesregierung müssen gegensteuern!“, fordert die Landtagsabgeordnete. „300 Jahre nachdem der Freiberger Oberberghauptmann Carl von Carlowitz den Nachhaltigkeitsbegriff definiert hatte, verabschiedete die CDU/FDP-Koalition 2013 zwar eine ‚Sächsische Nachhaltigkeitsstrategie‘. Die allerdings verbindet den wirtschaftlichen Fortschritt nicht ausreichend mit sozialer Gerechtigkeit und dem Schutz der natürlichen Umwelt.

Auch die 2018 geplante Fortschreibung lässt wenig hoffen. Ich erwarte von der Staatsregierung einen Neuaufbau der Nachhaltigkeitsstrategie unter Beachtung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Erde. Dazu gehört es, den Wandel von der Braunkohleverstromung hin zu bezahlbarer und sauberer Energiegewinnung anzugehen.“

Alles Themen, die seit über 20 Jahren brennen. Aber als die Rot-Grüne Bundesregierung ab 1998 erste Weichen für ein nachhaltigeres Wirtschaften stellte, formierten sich umgehend kampfstarke Lobbyverbände von neoliberalen Thinktanks über Steuersparvereine bis hin zu einzelnen Gewerkschaften, die dagegen Sturm liefen. Die meisten Deutschen befürworten zwar Umweltschutz und Energiewende – aber bei den Wahlen geben sie trotzdem ihre Stimme vor allem Parteien, die beides nicht befürworten.

So wurden mittlerweile 20 wertvolle Jahre teilweise vertrödelt. Das Wachstums-Denken ist zu tief in den Köpfen verankert. Erst recht in den großen Wirtschaftsverbänden, wo man sich eine andere Art Wirtschaften gar nicht vorstellen kann.

„Wir können nicht so weiterwirtschaften. Statt der Erde Ressourcen zu entnehmen, sie zu Produkten zu verarbeiten und diese nach kurzer Nutzung zu entsorgen, heißt die Devise Ressourcenschonung durch Entwicklung langlebiger und recyclingfähiger Produkte“, findet Jana Pinka. „Die Bevölkerung muss stärker dafür sensibilisiert werden, sorgsam mit Energie, Wasser und Lebensmitteln umzugehen, Müll zu vermeiden und die Natur zu schonen. Denn auch in punkto Bodenvergiftung, Insektensterben und Wasserverschmutzung ist es fünf vor Zwölf.“

Alles aktuelle sächsische Themen. Oder wohl besser: Nicht-Themen. Die verantwortlichen Minister wollen nicht wirklich heran an diese Herausforderungen. Natürlich würde es zu Konflikten mit jenen Wirtschaftsgruppen führen, die vom Raubbau an der Natur leben. Keine Frage. Das Honorierungssystem ist falsch. Nicht Ressourcenschonung wird belohnt, sondern ihre Zerstörung.

„Der kapitalistische Zwang zum Wachstum um jeden Preis und auf Kosten der Natur schafft nicht nur Fluchtursachen, sondern untergräbt unsere Existenzgrundlage“, sagt Pinka und zitiert gleich mal das Super-Geburtstagskind des Jahres: „Karl Marx hat schon vor 150 Jahren festgestellt, dass diese Produktionsweise ‚die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter‘ (MEW 23, S. 529f). Ändern wir unsere Lebensweise!“

Das Zitat mal etwas länger: „Wie in der städtischen Industrie wird in der modernen Agrikultur die gesteigerte Produktivkraft und größere Flüssigmachung der Arbeit erkauft durch Verwüstung und Versiechung der Arbeitskraft selbst. Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt in Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit.

Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika z.B., von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozess. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

Aber wie baut man in eine auf unbedingtes Wachstum fixierte Wirtschaftsweise die Schonung ihrer Grundlagen ein? Wie sorgt man dafür, dass die „Springquellen allen Reichtums“ bewahrt bleiben?

Erstaunlich, wie modern der alte Knabe wirkt, wenn man ihn nicht buchweise, sondern satzweise konsumiert. Und dann darüber nachdenkt, wohin einen diese Überlegungen führen. Zum Beispiel in die industrialisierte Landwirtschaft Sachsens von heute und alle ihre ungelösten Probleme.

Manfred Hiekes „Genug Turbokapitalismus“

Erdüberlastungstag
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