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Sachsens Bauern leiden nicht nur unter Dürre, sondern auch unter einem demolierten Markt

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    Ein paar Prozentchen rauf, ein paar Prozentchen runter – irgendwie sehen die jährlichen Berechnungen von Bruttoinlandsprodukt und Bruttowertschöpfung so aus, als hätte man es hier mit tatsächlichen Wirtschaftsentwicklungen zu tun und nicht mit einem statistisch geglätteten Blick auf völlig verzerrte Märkte. Denn dass der deutsche Osten seit Jahren so fatal hinterherzuhinken scheint, hat auch etwas mit demolierten Märkten zu tun.

    Der erste Blick auf das, was Sachsens Wirtschaft 2017 erreicht hat, scheint zu beruhigen: Die sächsische Wirtschaft ist im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr preisbereinigt um 1,4 Prozent gewachsen (Deutschland: 2,2 Prozent), nachdem es 2016 bereits 2,1 Prozent Wirtschaftswachstum gegeben hatte. Das meldet das Statistische Landesamt.

    So lag das Bruttoinlandsprodukt 2017 bei 121,7 Milliarden € und wurde von jahresdurchschnittlich 2.054.200 Erwerbstätigen in 2,9 Milliarden Arbeitsstunden erbracht. Die Erwerbstätigenzahl erhöhte sich gegenüber 2016 um 0,9 Prozent (Deutschland: 1,5 Prozent), das Arbeitsvolumen um 1,0 Prozent (Deutschland: 1,1 Prozent).

    Und dann geht es in der Meldung gleich – hopplahopp – zu den Preisen: Mit dem Wirtschaftswachstum einher ging ein Anstieg der Verbraucherpreise um insgesamt 1,9 Prozent (Deutschland: 1,8 Prozent) im Jahresdurchschnitt 2017 gegenüber 2016.

    Preise sind normalerweise das, über was sich die Gleichgewichte im Markt einpegeln. Was aber in der Regel dann nicht funktioniert, wenn es keinen echten Wettbewerb mehr gibt. Die Bauern können ein Lied davon singen. Denn dass die Landwirtschaft so hinterherhinkt bei der Schaffung einer klimastabilen Grundlage, hat auch damit zu tun, dass sie keinen echten Markt mehr hat.

    Das, was den Bauern als „Markt“ bleibt, ist verzerrt – einerseits durch eine noch immer völlig falsch justierte Subventionspolitik der EU, und zum anderen durch ein System riesiger Lebensmittelkonzerne, die so übermächtig sind, dass sie die Abnahmepreise diktieren können.

    Ergebnis: Die Einnahmen der Bauern sind seit Jahren im Keller. Oder vielmehr: Sie wurden systematisch in den Keller getrieben. Davon erzählen die Abstürze in den Jahren seit 2009. Damals erzielte die sächsische Land- und Forstwirtschaft noch über 930 Millionen Euro Umsatz. Doch dann begannen ab 2010 die ersten „Preisschlachten“, wie das so schön heißt, wenn einer der großen Discounter anfängt, gerade Grundnahrungsmittel wie Milch und Butter zu „Kampfpreisen“ auf den Markt zu werfen – die anderen ziehen ja sofort nach.

    Und immer dann, wenn die Bauern glaubten, dass das mal wieder aufgehört hat und die Statistiker fast tragisch von „steigenden Preisen“ für Milch und Joghurt erzählen, kommt die nächste Preisschlacht. So bilden die Einnahmen der Bauern in Sachsen eine einzige Berg- und Talfahrt zwischen 900 und 600 Millionen Euro. Logisch, dass sie dabei gezwungen sind, permanent Personal abzubauen, Flächen zu vergrößern, Kühe noch schneller durch riesige Mastanlagen zu füttern.

    2017 war ein Jahr, da konnten sich die Bauern wieder ein bisschen von der letzten Preisschlacht im Jahr 2015 erholen, da waren ihre Einkünfte auf 614 Millionen Euro abgestürzt und haben sich nun endlich wieder auf 850 Millionen Euro erhöht. Was natürlich in keiner Weise reicht, um sich „Speck“ anzufressen oder gar wirklich langfristig Zukunft zu planen.

    Die Verbraucher merken zwar einen deutlichen Preisauftrieb in den Läden – Speisefette und Öle sind zum Beispiel seit 2010 um fette 51,7 Prozent teurer geworden. Aber die Marktpreise erzählen immer weniger von realen Erzeugerpreisen im Land – auch weil immer mehr Produkte im Supermarkt weltweit billig zusammengekauft werden.

    So weit der kleine Abschweif.

    Im Grunde kann man jede einzelne Branche so unter die Lupe nehmen und merkt, wie sich die eben nicht funktionierenden Märkte direkt auf das Bruttoinlandsprodukt des Landes auswirken. Denn wenn da 122 Milliarden Euro als Bruttoinlandsprodukt steht, dann erzählt das etwas darüber, wie gut oder schlecht sich sächsische Arbeitskraft an den unterschiedlichen Märkten „verkauft“. Denn die steckt ja in den Produkten, egal, ob es Dienstleistungen sind, Autos oder neu gebaute Schulen.

    Wobei eine einzige Zahl zeigt, wie den sächsischen Bauern die Wettbewerbsfähigkeit zerstört wurde: 2017 schufen sie nur noch (rein statistisch) 87,2 des Bruttoinlandsprodukts, das sie noch 2017 erzeugt haben. Während die führenden Branchen – das Produzierende Gewerbe und die Informations- und Kommunikationstechnologie – ihr BIP um über 20 Prozent gesteigert haben. Auch Gesundheits- und Bildungswesen konnten ihren Anteil ausbauen, neue Arbeitsplätze schaffen, aber auch die Einkommen erhöhen.

    Fast eine Ausnahme ist die Bauwirtschaft, die seit 2010 praktisch auf einem unveränderten Niveau festhängt. Was verblüfft, denn alle Baukapazitäten sind ausgelastet, Kommunen suchen verzweifelt nach Baufirmen, die noch Aufträge annehmen. Aber kein Mensch scheint den Rat von Leipzigs Finanzbürgermeister Torsten Bonew, den er schon vor Jahren gab, gehört zu haben: „Ich würde jetzt eine Baufirma gründen“, sagte er, als er mit OBM Burkhard Jung die anstehenden Bauvorhaben für Kitas und Schulen vorstellte.

    Aber augenscheinlich animiert der riesige Vorhabenstau der Kommunen keinen Inhaber einer Baufirma, jetzt zu expandieren.

    Das wäre ein eigenes Thema, aber es deutet alles darauf hin, dass der Markt in der Bauwirtschaft ebenfalls verzerrt ist – wenn nicht gar durch falsche politische Vorgaben sinnlos ausgebremst. Das Bauvolumen stagniert – nur die Umsätze selbst steigen. Von 5,7 Milliarden Euro stiegen sie seit 2010 auf 7,8 Milliarden. Bauen ist teurer geworden. Aber augenscheinlich durch viele Vorgaben zu teuer.

    Den Löwenanteil zum sächsischen BIP bringen übrigens auch weiterhin die Dienstleister, allen voran der Bereich „Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit“ mit über 29 Milliarden Euro, gefolgt von „Grundstücks- und Wohnungswesen, Finanz- und Unternehmensdienstleistung“ mit knapp 24 Milliarden Euro. Ein Punkt, an dem sich die Mieter daran erinnert fühlen dürfen, dass selbst ihr Leben als Mieter einer Wohnung Teil des Wirtschaftsgeschehens ist.

    Ihre monatlichen Mietraten sind Teil des sächsischen BIP, das logischerweise auch dann steigt, wenn die Mieten steigen. Schön wäre es natürlich, wenn vorher die Einkünfte steigen. Und zwar mindestens im selben Maß – was sie so aber nicht tun. Sie stiegen 2017 nur um 3,1 Prozent. Und zwar die Bruttolöhne. 28.981 Euro hatte jeder sozialversicherungspflichtig Arbeitende am Ende – im Durchschnitt und brutto. Da weiß jeder, was alles noch abgeht, bevor man seine Miete bezahlen kann.

    Fazit: Mit 121,7 Milliarden Euro hat Sachsen zwar einen neuen Höchstwert beim BIP erreicht (zum Vergleich: 2010 waren es erst 95 Milliarden), was sich auch in den Steuereinnahmen wieder positiv niederschlagen wird. Aber mindestens zwei Branchen leiden unter einem völlig verzerrten Marktgeschehen. Und es sind nicht die unwichtigsten.

    Warum sind die Mieten so hoch?

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      1 KOMMENTAR

      1. „Ich würde jetzt eine Baufirma gründen“, sagte er, als er mit OBM Burkhard Jung die anstehenden Bauvorhaben für Kitas und Schulen vorstellte.

        Das ist ein Witz?
        Wenn nicht, fehlen einem für so viel Dreistigkeit und fehlende Kenntnis öffentlichrechtlicher Vorschriften und Finanzierungsfragen einfach nur die Worte. Und man wundert sich über fehlende Schulen und Kitas noch viel weniger.

        Aber dafür macht sich Leipzig von den Großen richtig abhängig, die Zeiten, Preise Bedingungen diktieren, die dann Sub-, Subsub- und Subsubsub-Unternehmen oder gleich rumänische Werksarbeiter bezahlen.

        U.a. deshalb gibt es keine Unternehmensgründungen.

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