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Leipzigs Autofahrer sind nicht wirklich zum Verzicht auf ihren Pkw geneigt

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    Für FreikäuferSeien wir doch mal ganz forsch: In Zukunft wird das Auto aus dem Leipziger Stadtverkehr verschwinden. Erschrocken? – Vielleicht zu Recht. Denn nicht mal Leipzigs Stadtplaner können sich so etwas vorstellen. Das ist unser Problem. Denn das sorgt dafür, dass auch keine Pläne entstehen, die eine Stadt ohne Auto vorstellbar machen. Nicht mal ein Stadtquartier.

    Aber genau darauf läuft es hinaus, wenn wir das Wort Energiewende wirklich ernst nehmen. Ein Fakt, der am Montag, 7. August, erst wieder offenkundig wurde, als die Agora Energiewende die neuesten Zahlen zum CO2-Ausstoß in Deutschland vorlegte. Statt sich langsam auf das Klimaschutzziel der Bundesregierung hinzuarbeiten, ist der CO2-Ausstoß im ersten Halbjahr 2017 wieder angestiegen. „Mit einem Plus von fast 5 Millionen Tonnen CO2 im ersten Halbjahr 2017 trug der Verkehr am stärksten zum Emissionsanstieg bei. Ursache dafür war ein Absatzplus beim Diesel von 6,5 Prozent, bei Benzin von 2,5 Prozent und beim Flugbenzin von fast 8 Prozent“, meldete Agora Energiewende.

    „Das zeigt, wie wichtig es ist, endlich auch Klimaschutzpolitik im Verkehr entschlossen zu betreiben“, sagt Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende. „Wenn eine umfassende Verkehrswende kein Schwerpunkt in der nächsten Legislaturperiode wird, lassen sich Deutschlands ambitionierte Klimaschutzziele nicht erreichen.“

    Denn hinter den Zahlen steckt einmal das starke Anwachsen der Pendlerströme in Deutschland („Fast 60 Prozent der Arbeitnehmer pendelten 2016 zum Job“, meldete z.B. „Spiegel Online“ am 31. Juli), zum anderen aber auch der enorme Zuwachs an Transportgütern, die mit Lkws transportiert werden, statt mit der Bahn. Der wachsende Frachtverkehr im Flugwesen kommt noch obendrauf.

    Alles in allem sind diese Zahlen aber ein Armutszeugnis für die letzten Bundesregierungen – denn seit 15 Jahren stagniert der Ausstoß. Es gibt kein einziges sichtbares Projekt, bei dem bemerkbar werden würde, dass die Bundesregierung bestrebt wäre, den Verbrauch fossiler Energie endlich deutlich zu senken. Dazu kommt dann noch die schlicht erschreckende Tatsache, dass die Braunkohlekraftwerke ihre Produktion sogar gesteigert haben und damit alle Entwicklungen bei Solar- und Windkraft konterkarieren.

    Zögern, Zaudern, Schönreden, so sieht die deutsche Energiewende aus.

    Und was heißt das für den Verkehr der Städte? Man wagt es ja gar nicht mehr auszusprechen, weil einen die Verantwortlichen dann jedes Mal anlächeln, als sei man ein unverbesserlicher Tagträumer.

    Natürlich liegen die Lösungen auf dem Tisch: Die ÖPNV-Angebote müssen dichter und leistungsfähiger werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Denn je besser Städte und Wirtschaftsgebiete mit (möglichst elektrischem) ÖPNV erschlossen sind, umso leichter fällt es Menschen, auf das Auto zu verzichten. Denn Mobilität ist immer eine komplexe Gleichung aus Transportkosten, Transportaufwand und Zeitbudget. Das weiß eigentlich jeder, der eine Familie zu managen hat.

    In 61 Prozent der Leipziger Haushalte steht heute ein Pkw zur Verfügung, haben Leipzigs Statistiker ausgerechnet. Erstaunliche 8 Prozent verfügen dabei über einen Dienst-Pkw. Und am höchsten ist der Ausstattungsgrad bei – Überraschung! – Rentnerpaaren.

    Das wäre ein Punkt, an dem eigentlich ein ganzer Planungsstab helle werden müsste: Warum meinen 78 Prozent der Leipziger Rentnerhaushalte, dass sie auf das Auto nicht verzichten können? Ist der Supermarkt zu weit entfernt? Kommt man mit dem ÖPNV nicht barrierefrei zum Arzt oder zum Seniorensport? Oder ist es Angst vor überfüllten Straßenbahnen?

    Ich neige dazu, solche Aspekte als ziemlich entscheidend zu betrachten. Gerade die jüngste Bürgerumfrage zum Sicherheitsgefühl der Leipziger zeigt, dass viele Bürger auch im ÖPNV das Gefühl haben, dass es dort aggressiver zugeht.

    Es kommen also auch hier viele Aspekte zusammen, auch wenn gerade Rentner in Leipzig am ehesten an die Aufgabe ihres Autos denken. Aber das wohl eher aus gesundheitlichen Gründen. Und auch Haushalte mit niedrigem Einkommen denken häufiger an den Pkw-Verzicht. Jene Leipziger mit unter 1.100 Euro Monatsnettoeinkommen sogar am häufigsten: Von ihnen will jeder Zehnte in den nächsten zwei Jahren den Pkw abschaffen. Natürlich wohl eher aus Geldgründen.

    Aber selbst solche scheinbar randständigen Aspekte zeigen, dass in Leipzig ein riesiges Potential für die Entwicklung umweltfreundlicher Verkehrssysteme da ist. Der Anstieg des Radverkehrs im Zeitverlauf gehört hierher.

    Aber es ist beim Radverkehr genauso wie beim ÖPNV: Wer wirklich wechseln will, merkt schnell, wie viele unsichtbare Barrieren ins System eingebaut sind. Der zweifelt schnell an den Schönmalereien aus dem Rathaus. Und selbst die Bürgerumfrage zeigt, dass Leipzig beim Radverkehr überhaupt nicht da steht, wo es stehen könnte, wenn es dieses Verkehrsprojekt auch nur einigermaßen konsequent vorantreiben würde.

    Denn wie barrierefrei und einfach zu nutzen diese Systeme sind, entscheidet auch darüber, ob Autofahrer auf ihren Pkw verzichten. Immerhin 21 Prozent spielen mit dem Gedanken auf den Verzicht. Aber nur 3 Prozent planen es kurzfristig, heißt: in den nächsten zwei Jahren.

    Das heißt: Die Autofahrer selbst tragen zum veränderten Verkehrsverhalten in Leipzig praktisch noch nichts bei. Wenn die Zahlen bei Rad und ÖPNV steigen, ist das vor allem eine Entwicklung bei den jungen Verkehrsteilnehmern, die von vornherein auf das Auto verzichten.

    Aber zum Radverkehr gibt’s gleich mehr an dieser Stelle.

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