Was ein uralter VW-Werbeclip mit den Problemen Leipzigs im Jahr 2017 zu tun hat

Für alle LeserEin ganz seltsamer Gedanke taucht auf, wenn man jetzt auch die Kritik des ökologischen Verkehrsclubs VCD in Leipzig zum Aktionsplan des Bündnisses „700plus“ liest. Natürlich weist er die Forderungen der Wirtschaftskammern IHK Leipzig, Handwerkskammer Leipzig und Ingenieurkammer Sachsen zum Ausbau des Straßennetzes im Leipziger Stadtgebiet entschieden zurück. Dies sei wahrhaftig Verkehrsplanung aus dem letzten Jahrhundert.

Was ja auch stimmt. Und das Ring- und Tangentensystem, das seinerzeit unter Leipzigs Planungsdezernent Engelbert Lütke Daldrup entwickelt wurde, war auch nur eine Kopie. Es baute in DDR-Zeit auf ähnlichen Planungen auf, die wiederum auf Planungen aus den 1920er Jahren aufbauten, die damals hochmodern waren und keineswegs einzigartig. Weltweit versuchten Städte so die wachsende Motorisierung zu kanalisieren und mit immer größeren Straßenquerschnitten in Fluss zu halten. Das Ergebnis ist gerade in westdeutschen Städten gut zu beobachten: Man hat die Städte zwar immer mehr dem Automobil angepasst – aber man hat die Verstopfungen nicht beseitigt. Denn mehr Straßenraum sorgt fast automatisch für mehr Verkehr.

Der Grund liegt nicht im Auto, auch nicht unbedingt im Kopf des Menschen, der mit dem Auto seinen „Traum von Mobilität“ verwirklicht. Obwohl wir uns diesen Traum merken. Nicht wegen der Folgen, sondern wegen der Botschaft.

Indem die Kammern die alten Lösungen aus dem 20. Jahrhundert aufgriffen, griffen sie logischerweise zu Lösungen, die nicht der aktuellen Stadt- und Verkehrsentwicklung sowie der Umwelt- und Klimaschutzproblematik des 21. Jahrhunderts entsprechen.

Was an die tragische Tatsache erinnert, dass die Massenmotorisierung für einige der heftigsten Umweltfolgen verantwortlich ist – von der Klimabelastung über die Versiegelung riesiger Flächen bis hin zur Zersiedelung der Landschaft.

„Die Kammern waren selbst an der Entwicklung des Stadtentwicklungsplanes Verkehr und öffentlicher Raum aktiv beteiligt“, erklärt Laurenz Heine, Vorsitzender des Landesvorstands VCD Elbe Saale und Bewohner von Leipzig. „Darin wird eine Verlagerung wesentlicher Teile des privaten Pkw-Verkehrs auf andere Verkehrsträger angestrebt, um dem Wirtschaftsverkehr den notwendigen Raum zu geben.“

Die von den Kammern prognostizierte Zunahme von rund 30 Prozent würde nur eintreten, wenn dieses Ziel verfehlt wird oder die Stadt deutlich schneller wächst, als derzeit erkennbar. Beide Szenarien sind aus Sicht des VCD Leipzig nicht realistisch.

Vielmehr müsse es gelingen, die Ziele des Stadtentwicklungsplanes erfolgreich umzusetzen. Sollte die Stadt so wie in den letzten anderthalb Jahren eher moderat wachsen, könne der private Autoverkehr auf den Straßen unverändert bleiben. Laurenz Heine: „Forderungen nach der Umsetzung von Straßenbauprojekten, die vor mehr als 20 Jahren angedacht waren, sind kein Paradigmenwechsel, sondern ein Rückfall in das vergangene Jahrhundert.“

Der VCD Leipzig fordert den Oberbürgermeister und die Stadtverordneten deshalb auf, sich weiter für eine zukunftsweisende Entwicklung der urbanen Mobilität einzusetzen und diese auch umzusetzen. Die Stadt Leipzig kann sich nur weiterentwickeln, wenn ein attraktives Angebot an Bussen und Bahnen besteht sowie Radfahrern und Fußgängern mehr Raum gegeben wird.

Aber ist das eigene Automobil denn kein Traum? Ein Traum von Freiheit?

Da darf man sich ruhig den VW-Werbeclip aus den 1950er Jahren anschauen. Von Anfang an. Da sieht man jenen Moment, in dem im Wirtschaftswunderland eine Weiche umgestellt wurde. Man sieht eine überfüllte Straßenbahn, in die sich der Letzte gar nicht mehr hineinzwängen kann. Und dann steht der Arme am Straßenrand und träumt: „Einen Wagen müsste man haben, sein eigener Herr sein.“

Einem überfüllten ÖPNV wird das Automobil als Traum gegenübergestellt, das jederzeit und überall schnell und frei fahren kann. Dass dieser Traum vom eigenen Wagen in stauverstopften Großstädten endete, war Anfang der 1950er Jahre vielleicht noch nicht abzusehen. Aber in der Autowerbung fahren die neuen Wagen ja heute noch selig und allein auf leeren Landstraßen durch blühende Landschaften. Da gibt es keinen Stau. Ist das nicht verblüffend?

Über Jahrzehnte glaubten Stadtplaner, sie müssten die Stadt immer nur mehr dem steigenden Autoverkehr anpassen – und dabei vernachlässigten sie fast überall die ÖPNV-Strukturen. Viele Städte bauten sogar die Straßenbahn zurück. Den Planern war nicht einmal bewusst, dass sie (ganz im Sinn der Autobauer) die Bedürfnissen der allgemeinen Mobilität privatisierten. Wer mobil bleiben wollte, musste sich oft erst ein Auto kaufen und wechselte damit aus einer Welt, in der eine ganze Kommune daran arbeitete, gute Mobilität für alle zu schaffen, in eine Welt, in der jeder allein um seine Bewegungsfreiheit kämpft.

Dieses Denken dominiert noch immer, sonst gäbe es in Leipzig nicht den knickrigen Umgang mit dem ÖPNV und es lägen längst wirklich gut durchdachte Visionen für ein Straßenbahn- und S-Bahn-Netz auf dem Tisch, mit dem tatsächlich das Doppelte und Dreifache der jetzigen Fahrgastzahlen transportiert werden könnte.

Man sieht es ja ganz am Anfang im Werbeclip: Der ÖPNV wird dann zum Problem, wenn er nicht leistungsfähig genug ist.

Was übrigens auch heißt: Wenn Leipzig die Kapazität seines ÖPNV nicht spürbar für alle erhöht, tritt leider das Bild ein, das die Kammern befürchten: 30 Prozent mehr Autoverkehr in einem Straßennetz, das darauf nicht ausgelegt ist.

Eigentlich schreit der Vorschlag der Kammern geradezu danach, dass die Stadt jetzt die Visionen für ein ÖPNV-System der Zukunft vorlegt und beziffert. Denn wenn die Stadt alle ihre Probleme lösen will, ist das ein zentraler Punkt: „Ein flottes Straßenbahnnetz, das wäre ein Traum.“

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