Für Freikäufer„Zu viel Dünger: Trinkwasser könnte teurer werden“, meldete am 9. Juni das Umweltbundesamt (UBA). Ursache für die befürchteten Preissteigerungen um 45 Prozent ist die Überdüngung in der Landwirtschaft. „Grund ist die hohe Belastung des Grundwassers mit Nitrat. Über 27 Prozent der Grundwasserkörper überschreiten derzeit den Grenzwert von 50 mg/l“, warnte das Umweltbundesamt. Ist Sachsen da eine Ausnahme? Nein.

Auch wenn das Umweltbundesamt in seiner Studie keine Daten zu Sachsen aufführte, ändert das nichts daran, dass die jahrelange Überdüngung in der industrialisierten Landwirtschaft auch die Grundwasserkörper in Sachsen beeinträchtigt. Die Zahlen hat postwendend nach dem UBA-Artikel Volkmar Zschocke, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Sächsischen Landtag, bei der Staatsregierung abgefragt.

Ergebnis: Auch in Sachsen überschreiten 23 Prozent aller Grundwassermessstellen den gesetzlichen Nitrat-Grenzwert.

Oder im Tonfall der Antwort von Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU): „448 Grundwasserbeschaffenheitsmessstellen liegen im Radius von fünf Kilometern um nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BlmSchG) zulassungspflichtige Tierhaltungsanlagen. Der Freistaat Sachsen betreibt insgesamt 626 Grundwasserbeschaffenheitsmessstellen, von denen 144 den Wert von 50 mg/L Nitrat Überschreiten (Betrachtungszeitraum: aktuelle Messwerte ab dem Jahr 2016).“

Er geht zwar nicht extra darauf ein, welche Rolle diese Massentierhaltungen bei der Nitrat- bzw. Ammoniumbelastung des Grundwassers haben, aber das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie gibt regelmäßige Belastungskarten heraus, die zeigen, welche Grundwassermessstellen deutlich erhöhte Belastungen aufweisen – und welche nicht.

Nitratbelastung in sächsischen Grundwassermessstellen 2014. Karte: Freistaat Sachsen, LfULG
Nitratbelastung in sächsischen Grundwassermessstellen 2014. Karte: Freistaat Sachsen, LfULG

Und schon 2007 berichtete das Amt über das Vorkommen besonders auffälliger Messergebnisse so: „Extrem hohe mittlere Nitratwerte oberhalb von 90 mg/l pro Grundwasseraufschluss finden sich vor allem im Lockergesteinsbereich in Nordwesten. Ein räumlicher Bezug zu den hydrogeochemischen Einheiten lässt sich hier nicht herleiten. Die hohen Konzentrationen finden sich sowohl bei Aufschlüssen in der Niederung als auch in Hochflächengebieten in Sanden oder unter Geschiebemergel. Der Einfluss der Landnutzung ist hier eindeutig dominant.“

In seiner Antwort hatte Minister Thomas Schmidt versucht, gerade die hohe Nitratbelastung in sächsischen Grundwasserkörpern zu relativieren. Denn auffällig ist, dass es praktisch landesweit eine Grundbelastung mit 20 mg/l gibt.

Wenn man die Sache so betrachtet, taucht natürlich genau das Problem auf, das das UBA benennt: Die Verursacher der hohen Nitratbelastung können (scheinbar) nicht aufgefunden werden. Die Reinigung der Wasser, die dann als Trinkwasser für die Bevölkerung genutzt werden sollen, müssen also die kommunalen Wasserwerke bezahlen und dann auf die Trinkwasserkosten umlegen. Was dann – bei steigenden Nitratbelastungen – folglich steigende Trinkwasserpreise ergibt.

Der Freistaat versucht zwar, die Landwirte mit etlichen Maßnahmen zu sparsamerer Düngung anzuhalten und auch sporadisch zu kontrollieren.

Aber eine wirkliche Konsequenz beim Feststellen von Verursachern zeigt die Minister-Antwort nicht: „Vor allem in großflächigen Wassereinzugsgebieten ist es nicht möglich, die Herkunft der Gesamt-Nitratbelastung gesichert nachzuweisen. Die Gründe dafür liegen vor allem in dem Eintrag aus überwiegend diffusen Quellen, der Vielzahl potenzieller Emittenten, der vielfältigen und komplizierten natürlichen N-Umsetzungsprozesse im Boden, in der ungesättigten Zone sowie im Grundwasserleiter, der unterschiedlichen und zum Teil lange nachwirkenden Flächennutzungs-/Bewirtschaftungsgeschichte, der unterschiedlichen Fließ-Verweilzeiten von Sicker- und Grundwasser, der Vermischung im Grundwasserleiter sowie der standörtlich und jahresabhängig unterschiedlichen Sickerwassermengen (Verdünnungs-/Konzentrationseffekte). Die zuständigen Behörden im Freistaat Sachsen führen Kontrollen im Hinblick auf die Einhaltung einschlägiger dünge- und wasserrechtlicher Vorschriften durch.“

Und da man die Sache so handhabt, sieht der Minister auch keinen Grund, die Kosten für die Trinkwasserreinigung dann möglichen Verursachern aufzuerlegen: „Seitens der Staatsregierung sind derzeit keine Maßnahmen geplant. Für die öffentliche Trinkwasserversorgung im Freistaat Sachsen, wie in anderen Bundesländern, gilt das Kostendeckungsprinzip. Das Kostendeckungsgebot im Sinne einer Pflicht, kommunale Einrichtungen (hier: Trinkwasserversorgung) – so weit zulässig und angemessen – aus Entgelten zu finanzieren, ergibt sich aus den Grundsätzen der Einnahmenbeschaffung.“

Die Warnung des UBA besteht also zu Recht.

Und dass Sachsen mit nur 23 Prozent der Messstellen betroffen zu sein scheint im Vergleich zu den 27 Prozent deutschlandweit, ist auch eher ein alarmierendes Ergebnis, denn ein Drittel der Landesfläche ist durch Mittelgebirge geprägt. Die auffälligen Messstellen gibt es alle eher in den landwirtschaftlich genutzten Tiefländern im Norden und Westen. Wobei auch da noch eine Besonderheit zutrifft, denn gerade die ehemaligen (und auch noch aktiven) Bergbauregionen sind mit Grundwassermessstellen geradezu gespickt, um hier vor allem Grundwasseranstieg und bergbaubedingte Belastungen zu messen. Diese Messstellen müssten aus dem Vergleich ebenfalls herausgerechnet werden, was das Lagebild deutlich verändert. Denn dann tendieren die Messstellen mit einer Überscheitung der Nitratgrenzwerte eher gegen 40 bis 50 Prozent. Dann liegt Sachsen deutlich über dem Bundeswert.

Und auch die Diffusität der Messwerte stimmt so auch nicht. Denn auf der Karte ist durchaus erkennbar, wie sich Messstellen mit Grenzwertüberschreitungen in einigen Regionen konzentrieren.

Die Antwort von Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) zur Nitratbelastung in sächsischen Grundwasserkörpern. Drs. 9925

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