Leipziger Unternehmen kritisieren den zunehmendem Lehrermangel auch in den Berufsschulen

"Warum sollte das sächsische Bildungsdilemma ausgerechnet vor Berufsschulen Halt machen?", fragte sich die IHK zu Leipzig. Und befragte mal ihre Mitgliedsunternehmen, was sie von der Berufsschulsituation in der Region Leipzig halten. Je nachdem, wie man die Befragung auswertet, kommt eine Note 3 oder eine 4 minus dabei heraus.
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172 Unternehmen haben sich an der Online-Umfrage beteiligt. Die Note 3 gibt es für die allgemeine Einschätzung der Berufsschullandschaft aus Sicht der Unternehmer.

„Dreiviertel der Unternehmen (76,7 %) ist mit der Berufsschulsituation in der Region insgesamt zufrieden bzw. eher zufrieden“, stellt die IHK fest. Das ergibt gefühlsmäßig eine Note 3. Jeder vierte Unternehmer ist also unzufrieden. Und die Hauptgründe für die Unzufriedenheit sind eigentlich dieselben, wie sie auch fürs allgemeine Schulsystem gelten: Lehrer fehlen, wichtige Schulstunden fallen aus. Und teilweise sind auch noch Lehrer als Lückenfüller eingestellt, denen die nötige Qualifikation fehlt. Man muss in Deutschland nicht wirklich über andere oder bessere Bildungssysteme diskutieren, wenn nicht mal das bestehende Schulsystem mit genügend qualifiziertem Personal ausgestattet ist.

Mega-Thema: Unterrichtsausfall

Wenn man erst einmal in dieser Wunde bohrt, wird die Kritik der Unternehmen erstaunlich massiv:

– Ein Drittel der Unternehmen kritisiert die nicht ausreichende Zahl qualifizierter Berufsschullehrer in der Region.

– Gefragt nach der Unterrichtsversorgung der Berufsschulen in der Region sehen 50,0 Prozent der Unternehmen diese als „ausreichend“ an (Der Unterricht fällt hin und wieder aus. Ausfallzeiten sind nicht gravierend. Bei Ausfall eines Fachlehrers wird der Unterricht überwiegend durch andere Lehrkräfte vertreten).

– 37,2 Prozent finden die Unterrichtsversorgung „gut“, aber immerhin 12,8 Prozent „mangelhaft“.

– Am häufigsten kann in allgemeinbildenden Fächern (78,8 Prozent) der Unterrichtsausfall nicht abgedeckt werden. Schwerpunkt sind hier die Fächer „Wirtschaft“ und „Fremdsprachen (Englisch)“. Auch in den kaufmännischen (50,6 Prozent) sowie gewerblich-technischen Fächern (35,3 Prozent) gibt es aus Sicht der Unternehmen Lücken in der Unterrichtsabdeckung.

Die Mehrheit der Unternehmen (53,3 Prozent) rechnet damit, dass es in Zukunft (bis ca. 2025) einen Lehrermangel an den Berufsschulen der Region geben wird. Als Hauptgrund dafür geben 73,0 Prozent der Unternehmen an, dass viele Lehrer altersbedingt ausscheiden und es weniger Nachwuchs gibt. 51,7 Prozent der Unternehmen meinen, es würden zu wenige Lehrer eingestellt und dadurch werde es perspektivisch zum Lehrermangel kommen.

Das ergibt eigentlich bei so elementaren Fächern die Note 4. Die erwähnten Fächer sind elementar für den Berufseinstieg. Dort Löcher aufreißen zu lassen, ist geradezu fahrlässig.

Nur bei den Vorschlägen werden Unternehmer zuweilen seltsam. Statt ihre Wirtschaftsmacht zu nutzen, bei der sächsischen Regierung eine bessere Lehrerausstattung durchzusetzen, befürworten sie Dinge, die eher nichts am Dilemma ändern.

Verbesserungsvorschläge von Seiten der Unternehmen

– Um die Unterrichtsversorgung zu sichern, schlagen fast Dreiviertel der Unternehmen (70,8 Prozent) vor, vermehrt Seiteneinsteiger aus der Praxis zu werben.

– Aber immerhin: Fast die Hälfte (46,8 Prozent) meinen dazu, dass mehr Berufsschullehrer ausgebildet werden müssen.

– Ein Großteil der Unternehmen (75,3 Prozent) stimmt der Aussage zu, dass Berufsschullehrer in regelmäßigen Abständen ein Praktikum in einem Ausbildungsbetrieb absolvieren sollten.

– Fast zwei Drittel der Unternehmen (64,3 Prozent) stimmen zu, dass die Berufsschulen mehr interaktive Medien im Unterricht einsetzen sollten (z. B. digitale Lernplattformen).

Seiteneinsteiger können nicht wirklich die Existenz ausgebildeter Lehrer ersetzen. Und mehr interaktive Medien? In Berufsschulen, deren Sachausstattung jetzt schon als höchst bedenklich eingeschätzt wird?

– Für 26,1 Prozent der Unternehmen ist die Sachausstattung der Berufsschulen veraltet oder unzweckmäßig.

Qualifizierte Berufsschullehrer sind das A und O

Wichtig als Ergänzung zur Stimmungslage: Die Unternehmen wissen die Arbeit der noch vorhandenen echten Berufsschullehrer sehr zu würdigen. Immerhin stellen diese Leute eine wichtige Fachkompetenz dar – die durch die Kürzungsmiseren im Land freilich einem gewaltigen Stresstest ausgesetzt ist.

Fast die Hälfte der Unternehmen (45,0 Prozent) findet, dass die praktische Ausbildung im Betrieb gut durch die theoretische Fundierung in der Berufsschule ergänzt wird. Insgesamt 91,2 Prozent der Unternehmen stimmen der Aussage zu, dass der Beruf des Berufsschullehrers verantwortungs- und anspruchsvoll ist. Fast die Hälfte der Unternehmen (49,7 Prozent) stimmen der Aussage zu, dass die fachlichen Kenntnisse der Berufsschullehrer auf einem hohen Niveau sind und eine fundierte fachtheoretische Berufsausbildung und Allgemeinbildung ermöglichen. 36,1 Prozent sind bei dieser Aussage unentschieden.

Und was lernt man nun daraus?

Dr. Thomas Hofmann, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Leipzig, spricht eine deutliche Mahnung an die verantwortliche Politik besonders auf Landesebene aus. „Ausreichend ist noch nicht gut. Auch wenn die Unternehmen mehrheitlich mit der Unterrichtsversorgung der Berufsschulen zufrieden sind, sind dennoch Investitionen in Sachmittel und zusätzliches Personal nötig. Wenn künftig nicht auf die angemessene Versorgung des Unterrichtes vor allem in den allgemeinbildenden Fächern geachtet wird, leidet die theoretische Grundlagenausbildung der Azubis in den Berufsschulen. Auch muss sich der Unterricht den sich verändernden technischen Lernmöglichkeiten anpassen“, konstatiert er. Und empfiehlt: „Für ein erhöhtes Praxiswissen der Lehrer, mehr Kooperationen zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb sowie ein besseres Verständnis füreinander, sind auch für die Lehrer regelmäßige Praktika in Ausbildungsbetrieben empfehlenswert.“

LehrermangelSchuleBerufsausbildung
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Foto: Daniel Wagner

Foto: Daniel Wagner

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