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Mit Sachsens Kommunen gegen das Insektensterben

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    LZ/Auszug aus Ausgabe 60Als der BUND Sachsen im Sommer seine Kampagne startete, mit der Sachsens Kommunen dazu gebracht werden sollen, auf den Einsatz von Glyphosat komplett zu verzichten, war das für Leipzig kein neues Thema. Die Grünen hatten es hier im Stadtrat angeregt. 2015 beschloss der Stadtrat einen schrittweisen Glyphosat-Verzicht. Damit passt Leipzig bestens hinein in das sächsische Flickenteppich-Bild, das der BUND jetzt malen kann.

    Mit der im Frühsommer gestarteten Kampagne möchte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Sachsen Städte und Gemeinden im Freistaat dazu bringen, bei der Pflege ihrer Grünflächen keine Insekten- und Unkrautvernichter wie Glyphosat einzusetzen. Zudem sollen kommunal- und landesrechtlich alle Möglichkeiten – auch des EU-Wasser- und Naturschutzrechts – zur Eindämmung des Pestizideinsatzes genutzt werden. Dazu will der BUND zur Landtagswahl 2019 dann entsprechende Forderungen vorlegen.

    Das Problem bei Pestiziden wie Glyphosat ist: Immer dann, wenn es Wissenschaftler und anerkannte Naturschutzverbände geschafft haben, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, prescht wieder ein Politiker vor und belegt mit Studien der Pestizid-Hersteller, dass das alles gar nicht so schlimm ist. Und so werden Verbote torpediert und Kontrollen unterlassen.

    Und es wird einfach gedankenlos weitergemacht, auch weil es vor allem Arbeitskräfte spart. Denn einfach Pestizid versprühen, das geht schnell. Wenig später sind die Pflanzen tot. Die Insekten zwar auch. Und die Vögel auch. Aber so denken ja deutsche Kommunen heute nicht.

    Die Stadt Aue hat es in ihrer Antwort schön auf den Punkt gebracht: „Leider ist die Akzeptanz von Gräsern und Kräutern in Teilen der Bevölkerung gering. In der Vergangenheit wurden die relevanten Flächen mit der Hand, überwiegend von Beschäftigten des zweiten Arbeitsmarktes von Unkräutern befreit. Dieses Personal steht, bei der positiven Entwicklung des Arbeitsmarktes nicht mehr zur Verfügung. Die Große Kreisstadt Aue wendet daher Pestizide auf gärtnerischen Nutzflächen an.“

    Billige Arbeitskräfte fehlen – also werden doch wieder Pestizide versprüht. Die dann mit dem Regen auch ins Grundwasser, in Seen und Flüsse gelangen. Und über die Nahrungskette auch in die menschliche Nahrung – zum Beispiel in Backwaren und Bier.
    Prost.

    Über 40.000 Tonnen Pestizide belasten jährlich in Deutschland die Umwelt, stellt der BUND fest. Mittlerweile verschwinden immer deutlicher nicht nur Schmetterlinge, Bienen oder Hummeln aus der Landschaft. Ihr Verlust stellt für Mensch und Natur einen gravierenden Schaden dar. Ohne Insekten fehlen Bestäuber, fehlen Beutetiere für andere Arten. Die dauerhafte Schädigung von Biodiversität und Ökosystemen ist für die Menschheit auf Dauer existenzbedrohlich.

    Die UN-Biodiversitätskonvention sowie Strategien auf EU- und Bundesebene verpflichten deshalb dazu, den Biodiversitätsverlust zu stoppen und die Biodiversität wieder zu steigern. Siedlungsgebiete sind oft letzte Rückzugsorte für bedrohte Arten, die in der Agrarlandschaft keinen Lebensraum mehr finden. Kommunen müssen hier Verantwortung und eine Vorreiterrolle für den Artenschutz übernehmen.

    Und wie sieht es aus?

    Aus Sicht des BUND Sachsen zumindest hoffnungsvoll. Im Vorfeld seiner Kampagne hatte der BUND Sachsen sächsische Kommunen über den Einsatz von Glyphosat und Co. auf öffentlichen Flächen befragt. Von 421 angeschriebenen Städten und Gemeinden haben 314 geantwortet:

    – 177 gaben an, auf kommunalen Flächen ohne Pestizide zu wirtschaften.
    – 77 behandeln ihre Flächen regelmäßig mit Glyphosat.
    – 53 haben sich motiviert gezeigt, Pestizide nicht mehr zu nutzen. Diese Kommunen haben ihren Pestizideinsatz bereits stark reduziert oder testen Alternativen.
    – 41 können einen Einsatz von Pestiziden auf allen kommunalen Flächen ausschließen.
    – 32 konnten ausschließen, dass Pestizide auch auf verpachteten Flächen angewendet würden.

    „Beim Pestizid-Ausstieg sind viele sächsische Kommunen auf einem guten Weg, aber bei einigen ist auch noch viel zu tun – und bei denen, die nicht antworten, haken wir weiter nach“, erklärt Felix Ekardt, Vorsitzender des BUND Sachsen. Gemeinsam mit Kommunen, die zum Teil bereits seit vielen Jahren auf Alternativen und veränderte Pflegekonzepte umgestellt haben, möchte der BUND Sachsen den Blick auf kommunale Flächen verändern.

    Die jetzt anlaufende Stufe der Kampagne umfasst Informationen und Vorlagen für Bürgerinnen und Bürger, damit sie selbst dafür sorgen können, dass ihre Kommune bei der Pflege von Grünflächen auf Pestizide verzichtet.

    Im Januar wollen sich zudem Kommunen bei einer vom BUND Sachsen organisierten Tagung über ihre Fortschritte und ihre Probleme beim Verzicht auf Pestizide in der Pflege ihrer Grünflächen austauschen und sich über Alternativen informieren. Derzeit plant der BUND Sachsen weitere Aktionen, um den Druck auf Kommunen, die weiter ungebremst auf Pestizide setzen, zu erhöhen.

    Dass der Leipziger Beschluss von 2015 noch nicht bedeutet, dass Leipzig zu den Vorreiterkommunen gehört, hatte ja im Januar 2018 erst wieder eine Anfrage der Linken thematisiert. Leipzig tickt da genauso wie die kleineren Städte im Land: Andere „Unkraut“-Bekämpfungsmethoden sind arbeitsintensiver. Und auf vielen Flächen kann die Stadt nicht kontrollieren – etwa in Kleingärten oder auf verpachteten Landwirtschaftsflächen. Aber auch etliche Hausverwaltungen haben sich von der Einfachheit des „Sprüh-und-weg“ nicht verabschiedet und schicken die Hausmeister weiter mit Sprühflasche los.

    Von einer Öffentlichkeitsarbeit zum Thema kann in Leipzig auch noch keine Rede sein. Die Homepage der Stadt bietet dazu keine Informationen.

    Die Gemeinde Wildenfels hat das Dilemma schön auf den Punkt gebracht: „Ich darf aber auch erwähnen, dass dieses Nichteinsetzen von z. B. Round-Up ein großes Problem für uns als kleine Kommune darstellt. Sicherlich haben die großen Städte auch damit zu kämpfen. Leider können wir es uns nicht leisten, auf Alternativen wie beispielsweise thermische Geräte umzusteigen und wollen dies auch nicht, da beim thermischen Verbrennen Schäden an den Oberflächen bei Granitplatten, Betonsteinen etc. entstehen und im Umkehrschluss auch wieder wertvolle Energie durch den Verbrennvorgang in die Luft verblasen wird.“

    Weitere Informationen: www.sachsen-pestizidfrei.de

    Interview Nico DaVinci: „Glyphosat oder das nächste Gift? Wie wäre es mal mit – gar kein Gift?“

    Agrar-Industrie, Landfraß, geschrumpfte Lebensräume: Das große Insektensterben und die lange Vorgeschichte von Ignoranz und Lobby-Politik

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