Nicht nur Statistikerinnen und Statistiker grübeln darüber, warum immer weniger Kinder geboren werden: Auch Sachsens Familienministerin Petra Köpping wollte den Grund dafür wissen. Denn wenn es irgendwann keine Kinder mehr gibt, gibt es auch keine Familien mehr. Irgendetwas hat sich da in unserer Gesellschaft dramatisch verschoben. Eine Studie zu den Lebensentwürfen junger Frauen in Sachsen könnte jetzt vielleicht ein paar Antworten bieten. Petra Köpping hat sie am Donnerstag, dem 19. März, vorgestellt.

Ein wesentliches Ergebnis: Die Lebensentwürfe junger Frauen in Sachsen ändern sich. Das zeigt die am Donnerstag veröffentlichte Studie zur Familienplanung. So ist es für mehr als die Hälfte der Frauen in Sachsen (57 Prozent) zwar noch fester Teil ihres Lebensentwurfs, Kinder zu bekommen. Zwölf Jahre zuvor war dies aber noch für 83 Prozent der Frauen in Sachsen selbstverständlich.

Und dann geht es an die möglichen Ursachen für den zunehmenden Verzicht auf Kinder.

Als Gründe für das Zurückstellen des Kinderwunsches werden häufig Sorgen wegen der aktuellen Krisen (31 Prozent), finanzielle Unsicherheit (30 Prozent) und das Fehlen einer passenden Partnerschaft (30 Prozent) genannt. Dies ist ein zentrales Ergebnis der länderspezifischen Auswertung der neuen Studie „frauen leben 4“.

Sie beruht auf einer repräsentativen Befragung von 1.773 Frauen zwischen 20 und 44 Jahren zu Aspekten der Familienplanung wie Kinderwunsch, Schwangerschaften, Partnerschaft und Verhütung. Durchgeführt wurde sie zwischen Juli 2023 und August 2025 vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen Freiburg (SOFFI F).

Individuelle Planung oder von Krisen beeinflusst?

Am Donnerstag präsentierte das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) gemeinsam mit dem Sächsischen Sozialministerium im Rahmen einer gemeinsamen Tagung zentrale Ergebnisse der neuen Studie für das Bundesland Sachsen. Sie zeigen, wie Frauen im reproduktiven Alter leben und wie stark ihre Entscheidungen zur Familienplanung von gesellschaftlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst werden.

„Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Frauen heute ihr Leben sehr individuell planen und Kinder nicht mehr selbstverständlich zur Zukunftsplanung gehören“, kommentiert Petra Köpping, Staatsministerin für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenarbeit, die Ergebnisse.

„Die Entscheidung für Kinder wird wesentlich von den aktuellen Krisen beeinflusst und hängt stärker als früher von den gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen ab. Es ist uns wichtig, dass jungen Menschen mit Zuversicht in die Zukunft schauen und sich ein Leben mit Kindern vorstellen können. Als Freistaat werden wir weiterhin die geeigneten Bedingungen für die Gründung einer Familie bieten.“

Einige zentrale Ergebnisse fĂĽr Sachsen

Eine stabile Partnerschaft spielt für die Familiengründung eine wichtige Rolle, eine Heirat ist weniger wichtig: Bei der Geburt ihres ersten Kindes sind weniger als die Hälfte (45 Prozent) der Frauen in Sachsen verheiratet. Dennoch sind mehrjährige Partnerschaften bei der ersten Geburt mit einem Anteil von 79 Prozent die Regel.

Die Hälfte der Frauen (50 Prozent) lebt mindestens fünf Jahre in einer Beziehung, wenn sie ihr erstes Kind bekommen.

Der Kindefwunsch der befragten Frauen nach Bildungsgrad. Grafik: Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen | FIVE,Freiburg (SoFFI F.) im FIVE Forschungs- und Innovationsverbund an der Evangelischen Hochschule Freiburg e. V.
Der Kindefwunsch der befragten Frauen nach Bildungsgrad. Grafik: Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen | FIVE,
Freiburg (SoFFI F.) im FIVE Forschungs- und Innovationsverbund an der Evangelischen Hochschule Freiburg e. V.

Die Erwerbstätigkeit von Müttern wird in Sachsen als Selbstverständlichkeit angesehen: 92 Prozent möchten arbeiten, wenn das jüngste Kind drei Jahre alt ist. Bei Kindern im Grundschulalter sind es nahezu alle Frauen, wovon 45 Prozent eine Vollzeittätigkeit bevorzugen.

Das Alter der Frauen bei ihrer ersten Geburt ist zwischen 2012 und 2024 um 1,3 Jahre auf 29,5 Jahre gestiegen. Ein Grund für diese Entwicklung ist der zunehmende Anteil von Hochschulabsolventinnen unter den 25- bis 34-jährigen Frauen, der im gleichen Zeitraum von 20 Prozent auf 38 Prozent gestiegen ist.

Wenn der Kinderwunsch immer weiter verschoben wird

Und damit nähert sich die Befragung eben einem ganz zentralen Thema: Ab wann haben Frauen das Gefühl, dass jetzt endlich die Rahmenbedingungen stimmen und man sich traut, Kinder in die Welt zu setzen? Die Auswertung widmet diesem wirtschaftlichen Teil eine Menge Raum, geht auf die unterschiedliche Gewichtung des Kinderwunsches bei Frauen, die eine niedrigere Bildung haben, und bei denen mit höherer Bildung ein.

Unter anderem mit dem Ergebnis, dass gerade Akademikerinnen ihren Kinderwunsch weit jenseits des 30. Lebensjahres hinausschieben.

Der Kinderwunsch kinderloser Frauen nach Alter. Grafik: Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen | FIVE,Freiburg (SoFFI F.) im FIVE Forschungs- und Innovationsverbund an der Evangelischen Hochschule Freiburg e. V.
Der Kinderwunsch kinderloser Frauen nach Alter. Grafik: Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen | FIVE, Freiburg (SoFFI F.) im FIVE Forschungs- und Innovationsverbund an der Evangelischen Hochschule Freiburg e. V.

Was dann den Effekt hat, dass gerade kinderlose Frauen mit höherer Bildung zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf einmal den wachsenden Wunsch haben, nun doch noch Kinder zu bekommen.

Da erwerben also immer mehr Frauen höhere Bildungsabschlüsse und stehen auch zunehmend im Arbeitsleben. Aber ihre Arbeitsbedingungen sind ganz offensichtlich nicht so, dass sie frühzeitig das Gefühl haben, dass die Rahmenbedingungen jetzt die Erfüllung des Kinderwunsches nahelegen. Denn das hatten ja die Fragen zuvor gezeigt: Bevor die finanziellen Rahmenbedingungen nicht stimmen, verzichten vor allem Frauen mit höherem Bildungsabschluss lange auf die Erfüllung eines Kinderwunsches.

Oder um es so zu formulieren: Es braucht stabile Rahmenbedingungen für eine Familiengründung. Und gerade bei Frauen mit höherem Bildungsabschluss zählt nicht das alte Rollenmodell, nach dem der Mann der Alleinverdiener ist. Diese Frauen wollen auch im selbstgewählten Berufsfeld arbeiten und entscheiden sich dann oft lieber für die Option, dass ein erfülltes Leben auch ohne Kinder möglich ist.

Wenn die finanziellen Rahmenbedingungen nicht stimmen

Wie wichtig die finanzielle Absicherung ist, zeigt die Frage nach der finanziellen Lage nach Lebensform. Und die sicherste Lage haben verheiratete Frauen mit Kindern. Während gerade Alleinstehende – mit oder ohne Kinder – finanziell deutlich schlechter dastehen. Was man in der Argumentation natürlich auch umkehren kann. Wenn die finanzielle Sicherheit nicht gegeben ist, verzichten Frauen lieber auf eine Familiengründung.

Die finanzielle Lage nach Alter bei der Geburt. Grafik: Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen | FIVE,Freiburg (SoFFI F.) im FIVE Forschungs- und Innovationsverbund an der Evangelischen Hochschule Freiburg e. V.
Die finanzielle Lage nach Alter bei der Geburt. Grafik: Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen | FIVE, Freiburg (SoFFI F.) im FIVE Forschungs- und Innovationsverbund an der Evangelischen Hochschule Freiburg e. V.

Und die Frage nach der finanziellen Lage nach Alter und Geburt zeigt eben auch, dass sich diese Situation gerade bei den befragten Müttern über 30 Jahre deutlich stabilisiert hat. Und das eben in der Regel, nachdem sie endlich in ihrem selbstgewählten Beruf Tritt gefasst haben und ein erfüllter Kinderwunsch die gewählte berufliche Laufbahn nicht mehr gefährdet.

So zeigt eben auch diese Studie, welche wichtige Rolle finanzielle Sicherheit und stabile Rahmenbedingungen fĂĽr Familien spielen. Und dass da ganz offensichtlich etwas nicht funktioniert, wenn gerade gut gebildete Frauen bis weit ĂĽbers 30. Lebensjahr lieber auf die ErfĂĽllung des Kinderwunsches verzichten.

Den Länderbericht zu Sachsen findet man hier.

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