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Mittwoch, 20. Januar 2021

Alois Nebel: Ein Comic-Roman um einen liebenswerten Eisenbahner, die Nebel der Vergangenheit und die Liebe in Prag

Von Ralf Julke

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    "Sonar" nennt der Verlag Voland & Quist die Reihe, mit der er in ost- und südosteuropäischen Literaturen auf Erkundung geht und immer wieder Autoren ins Deutsche holt, die die Faszination östlichen Erzählens erfahrbar machen. Denn die Faszination gibt es. Melancholie, Ironie und eine gewisse schwere Leichtigkeit des Seins gehören dazu. Auch wenn die politischen Ereignisse einer finsteren Zeit durch die Geschichte flackern.

    So wie in der Lebensgeschichte des 1948 geborenen Alois Nebel, Bahnhofsvorsteher auf der kleinen Station Bily Potok. Er ist der Held der Geschichte, die Jaroslav Rudis geschrieben hat und die Jaromir Svejdik alias Jaromir 99 in einen Comic verwandelt hat. Er ist kein Supermann. Er liebt die Eisenbahn. Er ist mit ihr groß geworden. Auf den Gleisen rollen die Züge überall hin. Und selbst in Bily Potok war einmal der Hauch der Geschichte zu spüren. Die Berge sind durchlöchert von den Gängen der Goldsucher. Auch die Nazis gruben hier nach Gold – oder besser: Ließen die Häftlinge eines zum KZ umgebauten Ferienlagers nach Gold graben.Doch die Geschichte der Bahnstation geht in Zeiten zurück, als hier ein unternehmungslustiger Mann ein heilkräftiges Wasser abzufüllen begann. Auch wenn der Ort so abgeschieden liegt, dass dahinter gleich die Einsamkeit der Wälder beginnt. Und Alois Nebel heißt nicht nur so, es macht ihm auch ein besonderer Nebel zu schaffen, der ihn mitten in seinem Dienst zurückversetzt in die Tragödien, die der kleine Bahnhof erlebt hat. Dabei schreckt er mit seinen Anrufen auch die Nachbarstationen auf, so dass die Konsequenzen unausweichlich sind und Alois nicht nur den Dienst abgeben muss, sondern auch im nahen Sanatorium seine seltsamen geistigen Begegnungen abarbeiten und therapieren muss.

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    Wie das so ist: Wir leben ja nicht in Zeiten, die sich die ganz privaten Alpträume und Taggesichte einiger Mitmenschen leisten können. Auch wenn einer wie Nebel ein durchaus angenehmerer Zeitgenosse ist als all die Hektischen, Eiligen und Wichtigen, die zuweilen über Bahnhöfe hetzen. Im Sanatorium begegnet Alois dem „Stummen“, mit dem ihn im Laufe der immerhin 350 Seiten dicken Geschichte so einiges verbinden wird. Doch die Albträume, die diesen Sanatoriumsinsassen plagen, sind wohl deutlich realerer Art. Was Alois keineswegs bekümmert, denn eigentlich braucht er nur Menschen, die ihm zuhören, wenn er seine Geschichten erzählt oder nachdenkt über die Eisenbahn und alles drumherum. Den Hauptbahnhof von Prag zum Beispiel, den er sich nun endlich einmal anschauen fahren kann.

    Der Hauptbahnhof ist eine Welt für sich und Alois findet hier nicht nur einen, der ihm aufmerksam zuhört, sondern auch – spät und unerwartet – seine große Liebe. Eigentlich sogar kurz vor ultimo. Denn das alte Refugium der Bahnhofstoiletten, in dem Kveta mütterlich waltet, wird kurz darauf an die Japaner verscherbelt. Es geht den Tschechen wie den Ostdeutschen. Nichts ist ihnen sicher. Nicht einmal die Bahn.Bei Alois‘ Rückkehr nach Bily Potok hat sich auch dort einiges verändert. Einige Züge, die er so im Blut hatte, sind eingestellt worden. Und das Häuschen, das ihm die Bahngesellschaft überlassen hat, liegt zwar an den Gleisen – nur ein Zug hält dort nicht mehr. So dass sich das dritte große Kapitel so recht in der Wildnis abspielt. Mit einer verirrten Kveta in den Wäldern und einem Hochwasser, das fast ganz Nordmähren unter sich begräbt. Datiert auf das Jahr 1997. Auch hier beweist Jaromir 99, wie er mit den fast holzschnittartigen Bildern die Szenerie zu dramatisieren weiß. Er beherrscht sein Handwerk, lässt Blitze zucken, wechselt gern die Perspektive, zoomt seine Figuren heran oder öffnet die weite Waldlandschaft, arbeitet die Figuren, die am Ende auch noch fröhlich den Weltuntergang feiern, auch mal in schwarzem Schattenriss.

    Er beherrscht die Techniken des modernen Comics und schafft es, den stets mit Brille und Eisenbahneruniform auftauchenden Alois Nebel durch eine teilweise überschäumende Szenerie zu führen, ohne dass er auch nur ein bisschen von seiner freundlichen Ruhe zu verlieren scheint. Kein Fels in der Brandung, aber irgendwie ein Mitmensch, an dem man sich festhalten kann, wenn die ganze Welt ringsum närrisch wird. Am Ende lässt Jaromir 99 auch noch die beiden Autoren selbst auftauchen – überlegend, welches Finale nun die Helden verpasst bekommen sollen. Hier sind dann ganze Bilderstrecken ohne Text. Noch einmal ballen sich die Albträume des „Stummen“ und die realen Szenen der Wirklichkeit, bevor abgeblendet wird. Nur dass man nach dieser Blende das Gefühl haben darf, dass Alois und Kveta durchaus miteinander klar kommen werden.

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    Alois Nebel
    Jaroslav Rudi?, Voland & Quist 2012, 24,90 Euro

    Der dicke Comic-Roman erschien 2006 in Prag. 2011 wurde er von Tomá? Lu?ák verfilmt. Tschechien hat den Film sogar für den Oscar vorgeschlagen. 2012 soll der Film auch in die deutschen Kinos kommen. Und dann wird so mancher sehen, dass es keine auf Action und Bambule getrimmten Blockbuster-Filme braucht, um eine Geschichte filmisch und eindringlich erzählen zu können.

    Das Buch braucht den Film nicht. Doch wer es durchblättert und genossen hat und mit den einfallsreichen Bildfindungen von Jaromir 99 die Welt des Alois Nebel entdeckt hat, wird sich natürlich auch auf den Film freuen.

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