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DDR-Studenten zwischen Anpassung und Ausrasten: Wie an der Friedrich-Schiller-Universität diszipliniert und aussortiert wurde

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    "Am Anfang war Erziehung", heißt einer der Klassiker aus der Feder von Alice Miller. Und man liest dort und in ihren anderen Büchern, wie kindliche Charaktere geformt, verformt und auch vergewaltigt werden können. Und wie nicht nur die Betroffenen darunter ein Leben lang leiden und wieder zu Tätern werden, sondern auch ganze Gesellschaften. Eigentlich höchste Zeit für eine Psychoanalyse der DDR.

    Zwar glaubt so Mancher, das sei längst geschehen. Etwa mit „Der Gefühlsstau“ von Hans-Joachim Maaz. Aber das sind schon die Auswirkungen, nicht die Wurzeln für das, was da im Osten Deutschlands nach 1945 entstand. Der Westen ist ein eigenes Thema. Und mit „Die narzisstische Gesellschaft“ hat Maaz zumindest schon einmal den Finger in die Wunde gelegt.

    Aber was in Ostdeutschland an Disziplinierungs- und Kontrollmechanismen entstand, hat tiefe Wurzeln. Martin Morgner deutet es zumindest an, dass sich in der Disziplinierung der Studenten in der DDR ein ganz anderes, viel älteres Modell abbildete: die preußische Disziplin, die die absolute Unterordnung jedes Untertanen unter die Zustände verlangte. Martin Morgner, selbst in der DDR aufgewachsen, hat die Disziplinierungsmethoden selbst noch kennen gelernt. Sie waren allgegenwärtig – im Kindergarten, in der Schule, in der Armee, aber auch an den Hochschulen.

    Wie sie dort installiert wurden, kann man am Beispiel der Universität Leipzig sehr gut im Band 3 der Universitätsgeschichte nachlesen. Mit der Schaffung der „sozialistischen Hochschule“ wurde die traditionelle Selbstverwaltung der Universitäten praktisch abgeschafft, Partei- und FDJ-Leitungen wurden installiert, die Studienabläufe wurden reguliert und damit auch verschult, ein Großteil des Studiums wurde mit Pflichtfächern wie „Politische Ökonomie“ (die mit der politischen Ökonomie von Marx nichts mehr zu tun hatte) oder Wissenschaftlicher Kommunismus (noch so ein Monster der Indoktrination) zugepackt. Militärlager und Ernteeinsätze gehörten zum Pflichtprogramm. Das Leben der Studenten war durchgeplant vom Tag der Einschreibung bis zur Delegation an ihren künftigen Arbeitsort. Was nicht gut gehen konnte, wie Morgner feststellt. Denn immerhin waren das – bei aller Vorauswahl und „Lenkung“ der Studienbeginner – immer noch die klügsten Köpfe im Land. Und klug wird man nicht, wenn man nur Fakten bimst und den Lehrern und Funktionären alles nachplappert.Auch wenn natürlich die Angepassten und Funktionswilligen stets bevorzugt wurden in diesem System. Aber das waren ja nie alle. Und dass die Studenten nie wirklich so brav waren, wie es sich die Funktionäre wünschten, weiß Morgner ja aus eigener Erfahrung. Was aber fehlte, waren wirkliche Forschungen zu den Disziplinierungssystemen an den DDR-Hochschulen, zu den Fallzahlen, den wichtigsten Konflikten und zu den Akteuren der Bestrafung.

    Grundlage für Morgners Buch ist seine 2011 am Philosophischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena eingereichte Dissertation. Deswegen steht auch das Disziplinierungssystem der FSU im Mittelpunkt. Hier hat er die auffindbaren Akten und Disziplinierungsbücher in einer vierjährigen Fleißarbeit ausgewertet, hat die Fälle systematisiert und auch in Diagramme gepackt. Alles mit Einschränkungen zu nehmen, wie er auch betont. Denn aktenkundig wurde zumindest in den Archiven der FSU nur, was auch zu einer disziplinarischen Maßregelung durch die Hochschulleitung führte, die Spitze des Eisbergs. Mal war’s ein Verweis, mal ein Entzug des Studienplatzes.

    Die Fälle, die Morgner erzählt, zeigen sogar sehr detailliert, wie komplex die Disziplinierung der Studenten vonstatten ging, wie die Hochschulleitung auch keine Scheu davor hatte, aufs engste mit staatlichen Behörden und Organen zusammenzuarbeiten. Aber auch, wie eng die Bestrafung Einzelner zusammenhing mit der Gefügigmachung der anderen – des „Kollektivs“, wie es in der DDR so gern beschworen wurde. Immer wieder finden sich Stellungnahmen der Seminargruppe mit in den Unterlagen, Einschätzungen zum Verhalten des gemaßregelten Studenten auch im Studium und in der so genannten gesellschaftlichen Arbeit.

    Immer wieder wird deutlich, wie auch FDJ- und Parteifunktionäre sich als Sittenwächter und Scharfmacher hervortaten. Die Schwere des Deliktes spielte dabei eher eine untergeordnete Rolle, scheint immer wieder nur Anlass dafür gewesen zu sein, ein Exempel zu statuieren. Vor versammeltem Publikum. Mit immer wieder neu abgefragten Loyalitätserklärungen von Mitbeschuldigten oder Mitstudenten.

    Die Fallzahl scheint klein. Morgner geht davon aus, dass der größte Teil der studentischen Aufmüpfigkeiten gar nicht in den relativ überschaubaren Aktenbestand der Universität gelangt ist. Da und dort ahnt man zumindest, welche Wege die Studenten gingen, um sich wenigstens manchmal der andauernden Kontrolle zu entziehen, Freiräume für sich außerhalb der vorgegeben Studienpläne zu finden oder auch der penetranten Indoktrination in den ideologischen Fächern zu entkommen.Wirklich den Mut zum Ausbruch, zur Konfrontation fanden logischerweise die Wenigsten. Denn das bedeutete eigentlich immer mit ziemlicher Sicherheit einen Rauswurf aus der Universität, ein Ende aller Karrieren. Was die Friedrich-Schiller-Universität Jena – die immerhin tatsächlich auf einen Professor Friedrich Schiller und einen genialen Studenten namens Karl Marx zurückschauen konnte – aber trotzdem in den 1970er Jahren zu einem Zentrum studentischen Widerstands in der DDR machte. Genau in jener Zeit, als die Ausbürgerung von Wolf Biermann landesweit für Unruhe sorgte. Jürgen Fuchs, Lutz Rathenow und Roland Jahn sind heute bekannte Namen. Sie haben 1975 bzw. 1977 selbst erlebt, wie das Bestrafungssystem der Hochschule mit politischen Querdenkern umging.

    So nebenbei erfährt man auch, dass das „Kollektiv“ nie wirklich als Team begriffen wurde, als eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten. Es war selbst ein Erziehungsinstrument, das Einfügen ins Kollektiv eine Grunderwartung. Womit man eigentlich wieder in einem Bereich der Linguistik wäre: der Erforschung der Macht-Sprache in der DDR, die selbst eine kryptische war, noch viel stärker als die „LTI“ des „Dritten Reiches“. Wer die Protokolle der Macht nicht zu entschlüsseln vermag, liest sie falsch.

    Was einen zu Morgners Hinweis bringt, die Machthaber in der DDR hätten irgendwann um 1949 beschlossen, den „Sozialismus“ aufzubauen. Hier mit Absicht in Anführungszeichen gesetzt, weil bis heute kein Mensch wirklich definiert hat, was das eigentlich ist. Oder sein sollte. Und eine Gesellschaft, die nicht das ist, was ihre Funktionäre von ihr behaupten, dass sie es sei, kann man nicht wirklich rational beschreiben. Hinter den Worthülsen stecken simple Macht- und Disziplinierungsinstrumente, die Morgner nicht ohne Grund im stalinschen Reich verortet. Makarenko benennt er mehrfach.

    Auf der beigelegten CD im Buch werden die von ihm recherchierten Studentenschicksale extra versammelt. Sie hätten das sowieso schon 400 Seiten dicke Buch gesprengt. Manche Schicksale verlieren sich im Dunkel, so dass Morgner auch nicht wirklich sagen kann, ob die Exmatrikulation einiger der hier beschriebenen Mutigen nicht eben doch in eine Lebenskatastrophe mündete.

    Morgner selbst ging noch in DDR-Zeiten zum Theater, einer jener Nischen im Land, in der eigenständiges Denken nicht gänzlich zu unterdrücken war. Aber dafür erwischte ihn nach 1990 das Verschwinden eines großen Teils dieser flächendeckenden Theaterlandschaft.

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    DDR-Studenten zwischen
    Anpassung und Ausrasten

    Martin Morgner, Leipziger Universitätsverlag, 49,00 Euro

    Aber wer jetzt Material sucht zum Rechtssystem an den Hochschulen der DDR, findet hier eine recht anschauliche Arbeit dazu. Und selbst das so oft verwendete Wort „Solidarität“ schreibt Morgner mit Recht in Anführungszeichen: „Das in der kleinen DDR-Welt inflationär gebrauchte Wort ‚Solidarität‘ wendeten die hauptamtlichen Funktionäre von SED und FDJ nicht auf die Querdenker und Dissidenten im eigenen Bereich an: im Gegensatz dazu wurde aussortiert, diffamiert und vom Schreibtisch aus bürokratisch ’nachgetreten‘.“ Beispiele dafür finden sich in diesem Buch genug.

    Wahrscheinlich könnte über die Uni Leipzig ein ganz ähnliches Buch geschrieben werden – wenn einer die Kraft findet, sich in die Aktenberge zu vertiefen. Aber da wird’s in deutschen Landen auch heute schwierig. Denn ein wirklich verlässliches Unterstützungssystem für die Doktoranden gibt es weder in Thüringen noch in Sachsen. Überall wird gespart, als wäre Bildung (wieder) etwas, was man auf Sparflamme halten kann.

    Aber da setzen wir jetzt keine Pointe drauf. Das wäre zu widerborstig.

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