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Otto Meißners Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg: Fünf Jahre meiner Jugend

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    Wie konnte vor 100 Jahren ein ganzer Kontinent in einen Krieg taumeln, der alles bis dahin Vorstellbare übertraf? - Die Bücher, die sich mit der Frage auseinandersetzen, schwemmen derzeit den Markt. Aber auch die anderen Bücher kündigen sich an. Einige sind schon da: Jene, die die Zeitzeugen zu Wort kommen lassen. Otto Meißner ist so einer. Er hat sogar ein Tagebuch geschrieben. Oder zwei.

    Das erste hat er – wie er schildert – während seiner Gefangenschaft in Palästina eingebüßt. Zumindest erzählt er nichts davon, dass er es vielleicht wieder ausgegraben hätte. Was dann auch die Proportionen in diesem zweiten Tagebuch mit bestimmt, in dem die ersten drei Jahre des Krieges, an dem der 1892 geborene Sohn eine Landwirts aus Elstertrebnitz bei Pegau als Angehöriger einer Krankenträgereinheit teilnahm, wesentlich kürzer geschildert sind als die Monate der Gefangenschaft und die Heimkehr nach Deutschland 1918/1919.

    Dieses (zweite) Tagebuch hat im Besitz seines Sohnes Manfred Meißner überdauert, musste aber vor Veröffentlichung erst einmal transkribiert werden, denn geschrieben hat es Otto Meißner in Sütterlinschrift. Diese Aufgabe hat Sylvia Kolbe übernommen, die auch versucht hat, all die von Meißner benannten Orte mit den realen Orten abzugleichen. Denn oft scheint Meißner die Namen so aufgeschrieben zu haben, wie er sie gehört hat.Meißner ist typisch für jene jungen deutschen Männer, die 1914 freiwillig in den Krieg zogen. Auch seine beiden Brüder zogen in den Krieg. Paul, der Ältere, als Einjährigfreiwilliger sogar mit der Perspektive einer Offizierslaufbahn, die er dann tatsächlich betrat. Mit der heiklen Folge, dass er als junger Offizier auch an den gefährlichsten Stellen der Front zum Einsatz kam und im Sommer 1918 an der Westfront gefallen ist.

    Der zweite Bruder, Max, wurde schon in den ersten Kriegstagen verwundet, was ihn in den Folgejahren aus dem gefährlichsten Schlamassel heraushielt. Er würde später den Hof des Vaters in Elstertrebnitz übernehmen. Otto, der vor dem Krieg seine Ausbildung zum Kaufmann gemacht hatte, war eigentlich wegen seiner körperlichen Konstitution zurückgestellt worden, doch als mit dem Ausbruch des Krieges im August 1914 die Rekrutierung von Freiwilligen begann, kannte er kein Halten und fuhr mit dem Fahrrad nach Leipzig, um so schnell wie möglich dabei zu sein. Ein wenig entschuldigend führt Manfred Meißner im Vorwort an, dass sich sein Vater ein paar Mal doch in recht nationalistischen Tönen äußerte.

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    Aber auch darin liegt die Authentizität dieses Tagebuches. Es ist zwar klug und mit Neugier auf die Welt geschrieben, die Otto Meißner nun kennen lernte – aber er verlässt nicht die Denkwelt, in der er diese fünf Jahre als Soldat gelebt hat. Möglicherweise beschönigt er sogar. Denn als er von der Überreichung des Eisernen Kreuzes 2. Klasse berichtet, deutet er wie beiläufig an, dass das ja nun nichts Besonderes mehr sei, da schon reihenweise Leute diese Auszeichnung bekommen hätten, die nie im Schützengraben waren.

    Und als Krankenträger war Meißner mit der Verlegung an die Front auch in den vordersten Kampflinien. Dort war die Aufgabe seiner Kompanie, die Verwundeten zu bergen und in die Lazarette zu bringen. Dass er dabei die Gräuel des Krieges aus nächster Nähe erlebte, versteht sich von selbst. Dass er dabei auch in einigen der heftigsten Schlachten und bei schlimmsten Wetterbedingungen im Einsatz war, erzählt er im ersten Teil seines Tagebuches. In seiner Militär-Dienstbescheinigung liest sich das ganz nüchtern: 2.3. – 20.3.1915 Schlacht in der Champagne, 27.8. – 14.10. Schlacht an der Somme, 1 1. – 24.2. Stellungskämpfe an der Aisne.

    Im Verlauf des Krieges kommt er auch an die Ostfront, ein Einsatz, er ihm wie eine Strafe vorkommt, weil die Kompanie nur in Stellung liegt und den Schikanen der Vorgesetzten preisgegeben ist. Er nutzt die erste Gelegenheit, sich zu einem Einsatz im Orient abkommandieren zu lassen, was ihm fast eine Weltreise über die Türkei, Syrien, den Libanon nach Palästina einträgt. Doch das ist dann schon 1918.
    Auch dort hat sich der Krieg, wo deutsche Truppenverbände die türkische Armee unterstützen, festgefressen. Die Offensive der Engländer überrollt auch die frisch eingetroffenen deutschen Verbände. Das Ergebnis ist die über ein Jahr dauernde Gefangenschaft Meißners, die er mit ihren Qualen und mit ihren Höhepunkten erlebt. Denn am Ende ist sogar noch ein Besuch der Pyramiden bei Kairo drin.

    Sein Kriegstagebuch, das er mit einer dramatischen Schilderung der Heimfahrt per Schiff beschließt, ist gespickt mit Fotos, die augenscheinlich vom Kompaniefotografen stammen und die Otto Meißner an den unterschiedlichen Schauplätzen seiner Kriegsreise zeigen.

    Dass sich seine Sicht auf den Krieg in den Schützengräben der Westfront deutlich verändert hat, lässt er ein paar Mal anklingen. Am deutlichsten in einem Satz, den er im Zusammenhang mit dem Tod seines Bruders Paul schreibt: „Ein Menschenalter haben sie sich, Vater und Mutter, gesorgt, und jetzt da sie die Früchte ihrer Arbeit sehen und sich ihrer freuen könnten, wird er ein Opfer eines Völkerwahnsinns, einer epedemischen Gerhirnerkrankung ganz Europas.“ Ein paar Schreibfehler hat Sylvia Kolbe drin gelassen im transkribierten Text.

    Und dass Otto Meißner erst auf seiner Orienttour zum Gefreiten befördert wurde, spricht Bände. Warum das so spät passierte, das erzählt er nicht. Er macht sich eher beiläufig darüber lustig, dass der Krieg wohl 100 Jahre dauern müsste, bis er es bis zum Feldmarschall gebracht hätte.

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    Fünf Jahre meiner Jugend
    Otto Meißner; Manfred Meißner, Engelsdorfer Verlag 2013, 12,00 Euro

    Dass er kein ganz so angepasster Typ war, wie es seine Schilderung zuweilen vermuten lässt, zeigte dann sein Schicksal im 2. Weltkrieg, auf das Manfred Meißner im Vorwort kurz eingeht, da wurde der über 50-jährige Otto Meißner – wohl wegen seiner „anerzogenen kritischen Meinung“ – noch von den Nazis rekrutiert und erlebte (nach der englischen Gefangenschaft im 1. Weltkrieg) nun auch noch die amerikanische. Gestorben ist er erst 1972. Und er hat mit seinem Tagebuch ein historisches Dokument hinterlassen, das in dieser Form nicht alltäglich ist.

    Und es zeigt natürlich anschaulich, wie ein junger Mann aus dem Leipziger Südraum dieses Drama eines aus den Fugen geratenen Europas erlebte – mitsamt der Bestürzung, als er in der englischen Gefangenschaft von den dramatischen Veränderungen in Deutschland ab 1918 erfuhr. Auch das eigentlich der Zusammenbruch einer Welt, die für ihn nicht vorstellbar gewesen war.

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