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Andreas Wagner stellt zur Leipziger Buchmesse seinen Krimi „Winzersterben“ vor

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    Leipzig ist nicht nur für Leute attraktiv, die hier leben und wirken wollen. Manche kreativen Köpfe reiten auch ein, um hier zu studieren, was sie interessiert, machen ihren Doktor und eilen dann zurück in ihre Heimat, um dort - naja - Krimis zu schreiben. So wie Dr. Andreas Wagner.

    In Leipzig hat der 1974 in Mainz Geborene Geschichte studiert – auch noch einen schönen Abstecher nach Prag drangehängt – und dann noch zwei Bücher zur „deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ veröffentlicht. Ganz verschämt ausgedrückt, als hätte er sich dabei nicht mit einem für Sachsen besonders kniffligen Kapitel beschäftigt – der Zeit von „König Mu“.

    „Mutschmann gegen von Killinger: Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP“ und „‚Machtergreifung‘ in Sachsen. NSDAP und staatliche Verwaltung 1930-1935“ heißen die beiden Bücher, die er 2001 und 2004 veröffentlichte und damit auch seinen Doktor machte. 2003, nach seiner Promovierung, kehrte er in seine Heimat nach Essenheim (Rheinland-Pfalz) zurück, um dort gemeinsam mit seinen Brüdern das elterliche Weingut zu übernehmen.

    Da sitzt also ein echter sächsischer Doktor auf dem Traktor. Und hat jede Menge Zeit, sich knifflige Mord- und Todesfälle auszudenken. Sein erster Krimi erschien 2007, hatte den knuffigen Titel „Herbstblut“. Und wenn einer erst mal so im Schwung ist und neben der Arbeit im Weinberg Zeit findet, dann kommt ein Krimi nach dem anderen. Und zwar nicht im Jahrestakt, sondern im Halbjahrestakt. Die Nr. 10 ist zwar erst 2014 auf den Markt gekommen, aber der Emons Verlag hat schon stolz ein „Bestseller“ draufkleben können. Mörderische Krimis aus dem Rheinland verkaufen sich also richtig gut. Und dieser wohl noch viel besser, weil er im Grunde völlig ohne Mordkommission, verzweifelte Ermittler und auch ohne Wagners Lieblingspolizisten, den Bezirkspolizisten Paul Kendzierski, auskommt. Was nicht heißt, dass die Kendzierski-Krimis sich nicht verkaufen: 200.000 verkaufte Exemplare sind eine Hausmarke. Wahrscheinlich reden ihm seine Brüder schon längst zu, er möge gar nicht mehr mit auf den Weinberg kommen, sondern lieber Krimis schreiben, das bringe extra Geld in die Familienkasse.

    Das Besondere an „Winzersterben“ ist tatsächlich, dass Wagner hier eine Reihe mysteriöser Todesfälle von alten Winzern ganz aus der Perspektive eines Weindorfes erzählt, in dem es seit Jahrhunderten nur um gute Parzellen, ertragreiche Hanglagen, die richtigen Rebsorten und gute und schlechte Jahrgänge geht. Ein Dorf, in dem es nicht immer Geld regnete, in dem es auch viele harte Jahre gab. Daran erinnern sich die alten Winzer noch, wie sehr sie einst von der Gunst der Witterung abhängig waren und wie schnell ihnen eine erfolgversprechende Ernte verloren gehen konnte und Jahre des Darbens folgten.

    Das war auch in der Nachkriegszeit noch so, als zumindest der alte Schlamp rücksichstlos die Gelegenheit beim Schopfe packte und seinen Weinbetrieb auf Teufel komm raus vergrößerte und modernisierte. Ein echter Macher, der aber auch keine Skrupel kannte, seiner Mitwelt seinen Willen auch mit Gewalt aufzudrücken, wenn es sein musste. Das ganze Dorf traute ihm durchaus zu, dabei auch über Leichen zu gehen. So ein Dorf lebt von Gerüchten. Oder lebt in Gerüchten. Kurt-Otto, der wohl am rundlichsten gezeichnete Held in der Geschichte, ist geradezu süchtig nach diesem Klatsch und Tratsch. Erst recht, als der zweite Todesfall, der wie ein Unfall aussieht, das Dorf zum Wispern bringt und Kurt-Otto Hattemer ins Grübeln, weil er da so eine Ahnung hat, dass das mit einem seltsamen Vorfall von vor 50 Jahren zu tun haben könnte, als das Verschwinden einer jungen, bildhübschen Erntehelferin auch die Polizei in Bewegung setzte. Eine Sache, über die eigentlich Gras gewachsen schien, denn gefunden hatte die Polizei damals nichts. Die junge Frau blieb verschwunden.

    Doch auf einmal scheint das alles wieder eine Rolle zu spielen und nicht nur die alten Frauen bei der Beerdigung fragen sich, wer da nun der nächste sein wird? Und ob da nicht jemand einen späten Rachefeldzug absolviert? Aber wer?

    So nebenbei geht natürlich das ganz normale Leben weiter. Die letzten Tage der Weinernte sind gekommen. Auf einigen Höfen herrscht Hochbetrieb, bangen die zum Erfolg verdammten Winzer um die Ernte und die schnelle Verarbeitung. Es wäre ja kein Winzerkrimi, wenn der Leser nicht auch noch eine Menge Wissenswertes aus dem Leben der alten und der jungen Winzer erführe, über Öchsle und Süße und Maische, über moderne Geräte und ein völlig verändertes Gechmacks- und Verkaufsverhalten. Man fühlt es Kurt-Otto nach, wenn er den alten fruchtigen Rieslingen nachtrauert, während die nächste Generation schon an abenteuerlichen neuen Geschmackskreationen feilt. Und man kann ihm auch nachfühlen, dass er auch mit den modernen Ernährungsgewohnheiten seiner Frau Renate hadert. Dabei meint sie es nur gut mit ihm und seiner Gesundheit. Er ist ja nicht mehr der Jüngste, zwei Jahre noch, dann ist der Ruhestand dran und die Frage steht, ob er seine Weinberge nicht an andere abgibt, die schon eifrig danach fragen. Wachsen ist angesagt, auch in den Weindörfern nahe Mainz.

    Und dann noch diese mysteriösen Todesfälle, die nach und nach ein Muster zu ergeben scheinen und den sonst eher nicht zum Eilen neigenden Mann geradezu in Panik versetzen, denn am Ende ahnt er schon, wen es als nächstes treffen könnte. Da hat er dann schon so geschätzte zehn, zwanzig Flaschen Wein konsumiert, dazu etliche Obstbrände. Kein Wunder, dass ihm der Magen rebelliert und der Schädel dröhnt und ihm der nackte Schweiß auf die Stirn tritt, wenn er nur dran denkt, dass er das Schlimmste nicht verhindern kann.

    Zwischendurch lässt Andreas Wagner seine Leser nicht ganz im Dunklen tappen, sondern blendet immer mal wieder zurück ins gar nicht so sonnige Jahr 1965, in dem das Alles seine Ursprünge hat. So ein Dorf vergisst nichts. Die alten Geschichten tauchen alle wieder auf, wenn sich irgendwo ein neues Puzzle-Stück zeigt.

    Und in diesem Fall ist es ein Fund, der zutage kommt, als ein Rebhang für eine Neubepflanzung umgepflügt wird.

    Am Ende geht ein Teil der Geschichte beinah so aus, wie man es die ganze Zeit erwartet, ein anderer dafür nicht. Und man ist froh, dass man sogar ein bisschen mehr erfährt über die Geschichte als der gehetzte Kurt-Otto (der mit seiner Renate hinter den Kulissen wohl noch richtig Ärger bekommen hat, weil er mit ihrem schicken kleinen Auto auf James-Bond-Art umgegangen ist).

    Da Andreas Wagner heute augenscheinlich recht frohgesinnt in so einem Winzerdorf im Maingebiet lebt, kann man annehmen, dass die moralische Engstirnigkeit, die 1965 diese ganze tragische Geschichte beginnen ließ, tatsächlich Geschichte ist und junge, unverheiratete Frauen, die aus keiner reichen Winzerfamilie stammen, sich ohne Kopftuch auf der Hauptstraße sehen lassen dürfen. Ist ja eigentlich keine hässliche Ecke, im Gegenteil: Man bekommt beim Lesen arge Lust auf eine kleine Weinrundreise mit möglichst vielen Verkostungen an Rhein oder Main.

    Vorher kommt Andreas Wagner aber noch einmal nach Leipzig. Er präsentiert während der Leipziger Buchmesse im Rahmen von „Leipzig liest“ seinen neuen Kriminalroman: Lesung „Winzersterben“ am Samstag, 14. März, um 19.30 Uhr in der Baumwollspinnerei (Halle 3, Spinnereistraße 7, Weinhandlung En Gros & En Detail). Wo auch sonst?

    Bestellen Sie versandkostenfrei in Lehmanns Buchshop: Andreas Wagner „Winzersterben„, Emons Verlag, Köln 2014, 9,90 Euro

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