Ohne diesen Burschen ist die gesamte moderne Kriminalliteratur nicht denkbar: Sherlock Holmes, geboren 1887 in London. Oder 1852, wenn man das fiktive Alter der Figur nimmt, die der Autor Arthur Conan Doyle da 1887 zum Leben erweckte im Roman "Eine Studie in Scharlachrot". Nicht ahnend, dass ihn der eigenwillige Detektiv 40 Jahre lang beschäftigen würde. Und seine Leser noch viel länger.

Über Arthur Conan Doyle und seine manchmal verwirrenden Beziehungen zu seinen literarischen Figuren haben schon Generationen von Forschern und Schriftstellern gegrübelt. Der Mann ist ein Rätsel – schrieb immerhin auch einige esoterische Schriften, war dem Glauben an das Übernatürliche gar nicht abgeneigt. Aber er schuf mit Sherlock Holmes den kaltblütigsten und analytischsten aller Detektive, Vorbild für ganze Generationen von Ermittlern, die von ihm gelernt haben, wie man seinen Kopf und die klare wissenschaftliche Vernunft anwendet, um den Verbrechern auf die Schliche zu kommen und ihnen ihre Taten nachzuweisen.

Das schlug schon die Leser der ersten Geschichten in Bann. Die Figur war neu, sie stach heraus aus der Literatur des viktorianischen Zeitalters. Aber sie befremdete nicht, sondern traf augenscheinlich den Nerv der Zeit. Die Leipziger Anglistin Maria Fleischhack hat hier nicht das erste Buch über den berühmten Londoner Detektiv und seinen Freund Dr. Watson geschrieben. Davon gibt es schon bergeweise. Aber vieles davon ist eher nur den eingeweihten Sherlockianern bekannt, vieles auch nicht übersetzt ins Deutsche.

Bei den meisten literarischen Figuren ist es so, dass sie nach dem großen Wirbel kurz nach ihrem Erscheinen und mit dem Tod des Autors wieder verblassen, abgelöst werden von anderen literarischen Höhenfliegern. Doch bei Sherlock Holmes ist das anders. Die Bücher mit den Romanen und Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle erleben immer wieder Neuauflagen. Dass sie auch mal wieder ein paar Neuübersetzungen vertragen könnten, deutet Maria Fleischhack an. Denn auch wenn so manches aus der Feder des studierten Arztes Doyle ganz simpel wirkt, als hätte er sich gar nicht groß angestrengt für seine Texte, erweisen sich die Storys in der Regel als erstaunlich genau. Bis in die Charakteristiken hinein und die knappen, geschliffenen Dialoge, von denen Fleischhack einige geradezu mit Bewunderung zitiert, weil es dem Autor darin gelingt, das vielschichtige Verhältnis von Holmes zu seinem Freund Watson genau auf den Punkt zu bringen. Gleiches gilt in der Beziehung des jüngeren Sherlock zu seinem Bruder Mycroft.

Natürlich leben die Holmes-Geschichten von der genauen Beobachtung. Gerade deshalb gibt es ja so viele sarkastische Kommentare des Meisterdetektivs über den blumigen Stil seines Freundes und Biografen.

Aber braucht es tatsächlich noch ein Buch, den Lesern zu erklären, wer und was dieser Sherlock Holmes ist?

Eigentlich ja. Dieses Buch ist ein Kompass. Jahrelang hat sich Mara Fleischhack intensiv mit den Sherlock-Holmes-Geschichten, ihren Hauptfiguren und der Publikationsgeschichte beschäftigt. Den größten Teil des Buches widmet sie der Analyse dieser Dinge. Drei Kapitel wendet sie sich ganz der Erkundung der wichtigsten Figuren in diesen Geschichten zu. Etwas, was Leser ja für gewöhnlich nicht machen, wenn sie gerade der Lösung eines Falles hinterher fiebern. Aber manchmal hilft der sachliche wissenschaftliche Blick von draußen, um deutlicher zu sehen, wie sehr die Gegenspieler von Sherlock Holmes den Meister spiegeln und gerade deshalb fordern, weil sie ihm auf intellektuell gleich hohem Niveau begegnen. Zumindest die wirklich wichtigen, die hart zu knackenden Burschen wie Dr. Moriarty.

Aber gerade diese fordernden Gegenspieler machen auch deutlich, was für ein Typus dieser Holmes eigentlich ist, wie er geradezu aufblüht, wenn ihm wirklich starke intellektuelle Herausforderungen geboten werden. Was auch in heutigen Zeiten ein auffallender Charakterzug ist, in einer Zeit, in der man mit Luschigkeiten, vorschnellen Verdächtigungen, Halbwissen oder esoterischem Quatsch nicht nur berühmt, sondern auch noch erfolgreich sein kann. Was wohl einer der Gründe dafür ist, warum dieser Detektiv, der stets zu Hilfe gerufen wurde, wenn die Polizei oder gar einige wichtige Staatsleute nicht mehr weiter wussten, immer neue Generationen von Lesern fasziniert hat, Theatermacher und Regisseure. Und zwar nicht nur beim immer neuen Inszenieren des Doylschen Original-Kanons, sondern auch in immer neuen Adaptionen bis hin zu den furiosen Kino- und TV-Serien-Filmen der jüngsten Zeit, die dem eh schon immer lebendigen Mythos einen neuen Kick gegeben haben.

Was natürlich die Frage aufwirft: Ist es dieses ganz spezielle Ermittlerpärchen, das die Leser und Zuschauer in immer neuen Generationen begeistert?

Oder ist es wirklich dieser zuweilen trockene und ganz auf die widerspruchsfreie Lösung des Falles fixierte Detektiv, der sich von Aberglauben und falschen Spuren nicht irritieren lässt – und von Emotionen schon gar nicht? Und zwar so konsequent nicht, dass Generationen von Parodien- und Pastichen-Schreibern hemmungslos versuchen, diesem Bindungsunfähigen irgendeine Art Beziehung, Liebe, Emotion anzudichten.

Spuren davon gibt es auch in den Originalgeschichten. Darauf weist auch Maria Fleischhack hin. Auch wenn sich Doyle hütete, die Freundschaft zwischen Holmes und Watson aus dem distanzierten viktorianischen Lot fallen zu lassen. Aber der Typus schlägt trotzdem das Publikum in Bann. Der Hinweis, den Maria Fleischhack einstreut, dass Leonard Nimoy den von ihm gespielten Mr. Spock in der Filmserie “Raumschiff Enterprise” nach dem Vorbild von Sherlock Holmes geschaffen hat, ist wichtig. Könnte auch wesentlich dafür sein, die Gestalt im Werk Arthur Conan Doyles zu verstehen.

Maria Fleischhack analysiert alle Romane und Kurzgeschichten aus dem Doyleschen Sherlock-Holmes-Kosmos, schildert die wichtigsten Handlungsstränge, die wesentlichen Figuren und Problemstellungen. Sie tut es mit Lust und Laune und versucht auch, die Lösungen der Fälle dabei nicht zu verraten.

Der Leser soll ja seine Neugier behalten, das alles selbst zu lesen.

Die Kurzexposés aber machen die Arbeitsweise nicht nur von Arthur Conan Doyle deutlich, sondern auch die seines Meisterdetektivs, mit dem Doyle auch einen wissenschaftlichen Stand der Ermittlungsarbeit schildert, wie er zu Doyles Zeiten noch nicht existierte oder bestenfalls in ersten Ansätzen. Vieles, was wir heute an kriminalistischer Arbeit für selbstverständlich erachten, wurde in den Sherlock-Holmes-Geschichten zum ersten Mal erklärt und angewendet. Unübersehbar steckt Doyles eigenes hohes Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten und analytischen Denken dahinter. Und die Vermutung, dass er mit seinen Geschichten die Polizeiarbeit geradezu revolutioniert hat, ist wohl nicht von der Hand zu weisen.

Was natürlich dieses beiläufige Staunen mit einschließt, dass die Welt trotzdem nicht klüger, vernünftiger und abgeklärter geworden ist. Eine Type wie Sherlock Holmes würde auch heutzutage noch in jeder Gesellschaft auffallen – und wohl automatisch Faszination erzeugen. Der Kult um diese literarische Figur hat längst ganze Kontinente erfasst. Noch zu Doyles Lebzeiten eroberte die Figur die USA – die Russen und Chinesen sind von dem Ermittler-Duo genauso hingerissen. Und auf die Buchmärkte der Welt fließen immer neue Ströme von Romanen und Geschichten, die mal als Hommage, mal als Parodie, mal als Fortsetzung des Doylschen Kanons daher kommen. Die Sherlock-Holmes-Gesellschaften gibt es in zahlreichen Ländern. Restaurants und Museen über den Meisterdetektiv sowieso.

Auch davon erzählt die Autorin, um deutlich zu machen, wie diese über 100 Jahre alte literarische Figur heute noch immer neue Anhänger, Verehrer, Leser und Bewunderer findet. Aber sie schildert auch kurz das London, in dem Doyle die Geschichten handeln lässt. Was nicht ganz unwichtig wird, um den Kontext der Erzählungen zu erfassen. Und sie versucht, die literarischen Tricks von Arthur Conan Doyle zu erklären, die im Grunde ganz simpel sind. Aber so schnell er einige der Geschichten auch heruntergeschrieben hat – er hat es trotzdem meistens geschafft, die Regeln streng und funktional anzuwenden, so dass die Romane wie die Kurzgeschichten noch heute funktionieren und die Leser weder unterfordern noch ermüden.

Natürlich beschreibt sie auch kurz die Vorbilder, auf die sich Doyle bei der Erschaffung seines Detektivs berufen konnte. Von den vielen, vielen Ermittler-Duos, deren Vorbild dann wieder das Gespann Holmes-Watson war, kann sie natürlich nur eine Auswahl nennen. Das sind mittlerweile einfach zu viele.

Und die wichtigste Frage kann sie natürlich nicht beantworten, auch wenn sie ja belegen kann, dass Holmes und Watson bis heute Millionen Leser und Zuschauer in ihren Bann schlagen.

Die Frage, warum sie es tun, kann nur angerissen werden. Aber sie liegt vielleicht genau da, wo Maria Fleischhack für ihr Buch den Titel “Die Welt des Sherlock Holmes” fand, in dieser konsequent analytischen Rolle, die Sherlock Holmes einnimmt. Er ist die personifizierte Ratio in einer Umgebung, in der Polizisten am liebsten den ersten besten Verdächtigen verhaften, selbst Watson immer wieder die falschen Schlüsse zieht, Opfer wie Täter von ihren Emotionen und irrationalen Motiven getrieben sind. Damit steht dieser Holmes ja auch für einen Anspruch, den das wissenschaftlich-technische Zeitalter von Anfang an gestellt hat – immer wieder konfrontiert mit dem Chaos einer irrational handelnden Menschheit.

Ganz so weit geht Maria Fleischhack nicht in ihrer Analyse. Aber es liegt durchaus nahe, genau hier die bis heute andauernde Faszination dieses Mannes zu suchen, der erst zu voller Form aufläuft, wenn eine neue intellektuelle Herausforderung lockt.

Ihr Buch ist eine kompakte, kurzweilige Einführung in den Kosmos Sherlock Holmes, ein Schlüssel für alle, die die Geschichten noch nicht kennen. Aber auch für alle, die bislang nur durcheinander oder gar unaufmerksam gelesen haben.

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