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Gibt es eine besonders weibliche Spielart der Fantasy?

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    Die Trilogie ist komplett. Mit "Die Legende von Yr" hat die Leipziger Fantasy-Autorin Amanda Koch ihren Dreiteiler "Die Wächter von Avalon" in diesem Frühjahr abgeschlossen. Wobei: Was heißt schon abgeschlossen in der Fantasy? Hat man dazu neue Welten, unendliche Weiten erfunden? - Ein Leser darf ja mal skeptisch sein.

    Wer vor ein paar Jahren noch dachte, Tolkien habe ja nur den „Herr der Ringe“ geschrieben und „Der Hobbit“, na ja (und das war schon was für echte Tolkien-Kenner), „Das Silmarillion“, der hat heute eine ganze Tolkien-Bibliothek zu Hause stehen. Natürlich hatte John Ronald Reuel Tolkien den Vorteil: Er hat alles selbst erfunden. Ihm gehörte Mittelerde ganz allein. Die Erde konnte nicht dazwischenfunken.

    Das ist bei Amanda Koch ein wenig anders. Auch wenn sie ganz ähnliche Fragen stellt, auch die Macht-Frage, die bei Tolkien im Mittelpunkt steht. Auch bei ihr gibt es Gestalten, die in den Konflikt geraten, ihr Selbst zu verlieren, wenn sie nach der Macht greifen. Und nicht nur ihr Selbst riskieren sie, sondern auch das Gleichgewicht der Welt. Und das ist fein austariert bei Amanda Koch. Gleich drei Welten müssen miteinander in Einklang sein: die irdische Welt, aus der ihre vier Wächter in Band 1 aufgebrochen sind, noch nicht ahnend, welche Herausforderungen in der dritten Welt, in Amaduria, auf sie lauern würden, wo unsterbliche Könige regieren, Wasser-, Luft- und Feuerwesen zu Hause sind, und die in Band 2 durch den „Fluch des Suadus“ bedroht war – was die Wächter dann auch mit seelischen Blessuren verhinderten. Die Mittlere Welt und damit auch eine Art Hüter des Gleichgewichts ist Avalon, Fantasy-Lesern aus den alten Artus-Sagen, aber auch aus den Epen von Marion Zimmer-Bradley bekannt. Hier wirkt die Herrin am See, seit Band 1 ebenfalls eine junge, innerlich zerrissene Person, denn Nagaina ist nicht ganz ohne Konflikte und Verweigerungen in die Rolle der Herrin am See geschlüpft.

    Ihre Geschichte ist eine, die eigentlich auch Menschen ganz ohne Fantasy-Begeisterung kennen, denn ihr Weg beschreibt eigentlich – auf märchenhaft überhöhte Art – die nie wirklich einfache Suche junger Menschen nach ihrer Rolle im Leben, das Hadern mit Erwartungen – auch mit den eigenen, an denen viele zerbrechen, weil sie zu hoch sind. Oder weil man sich nicht stark, rein oder tough genug fühlt, die Rolle auszufüllen.

    In der Fantasy ist das Gute, dass die Protagonisten dieser Rolle nicht wirklich ausweichen können. Zumindest bei Amanda Koch ist das so. Es gibt keine Bewerberauswahl oder eine Art Aufsichtsratssitzung, auf der die Nachfolger gewählt werden. Alles ist fein austariert und vorherbestimmt und die Eigenschaften der ausgewählten Person entscheiden über die Wahl, die eigentlich keine ist, weil jede Ablehnung zu einem Widerspruch mit den eigenen Wünschen und Ansprüchen führt.

    Ein Schicksal, das in den drei Büchern die junge Esmé erlebt, die als Aylórien zur Lichtelfe geworden ist und damit eigentlich ihren Platz in Amaduria gefunden hat. Aber damit wurde sie schon in Band 2 nicht glücklich, denn sie hat aus ihrem irdischen Leben eine Sehnsucht mitgebracht – oder einen Schmerz, je nachdem, wie man’s nimmt. Denn als Mensch hat sie erlebt, wie das ist, einen geliebten Menschen ins Herz zu schließen und dann zu verlieren. Ein Schmerz, den die Bewohner der dritten Welt nicht kennen, so dass sie sich unter den Lichtelfen todunglücklich fühlt, weil niemand versteht, warum sie sterblich werden will.

    Und auch als sie nun in diesem dritten Band zwei sonderbare Steine als Geschenk von zwei der unsterblichen Könige bekommt, sieht es nicht danach aus, als könnte sie mit sich ins Reine kommen oder gar ihre Sehnsucht erfüllen. Typisch Mädchen, könnte man ja sagen, das kennt man ja von den Hübschen nicht anders.

    Aber das Schöne an dieser dezidiert weiblichen Sicht auf Fantasy ist: Hier liegt die Lösung eben nicht in gewaltigen Schlachten, der Niederringung des Bösen (das es in dieser Form bei Amanda Koch auch nicht gibt) oder der Eroberung eines „mächtigen“ Gegenstandes (auch wenn es ein paar davon gibt). Denn so wie die Wächter den richtigen Weg suchen müssen, die Aufgabe der Herrin vom See zu lösen und die Welten wieder in Einklang zu bringen (was in dieser Trilogie mit Tore-Öffnen und Wiederherstellen von Kraftlinien passiert), muss auch Aylórien die Lösung für ihr Problem selbst suchen. In Zeiten der großen Artus-Epen nannte man das Quest. Und dazu gehörten damals schon lauter Rätsel, Aufgaben, die zu lösen waren, ohne dass die Reisenden vorher ahnen konnten, worauf es zu achten galt und welche Bewährung eigentlich zu bestehen war. Man denke nur an die Geschichte vom „Fischerkönig“ – das unterscheidet sich schon sehr vom üblichen Klamauk, der in heutigen Ritter-Epen und Fantasy-Verfilmungen veranstaltet wird. Es ging eben auch in der „Fantasy des Mittelalters“ nicht (nur) um blutige Zweikämpfe, niedergerungene schwarze Ritter und inthronisierte Könige.

    Nicht ohne Grund versucht Amanda Koch ganz weit zurückzugehen in die europäische Epen-Welt, versucht auch die alten irischen/keltischen Sagen aufzunehmen und ihrer Geschichte anzuverwandeln. Auch als einen gewissen utopischen Entwurf einer heilen Welt, in der die Menschen noch Kenntnis hatten von Avalon und den sagenhaften Lichtwesen Amadurias. Nur ist seit 300 Jahren der Wurm drin, es herrscht das Dunkle Zeitalter. Irgendetwas funktioniert nicht mehr richtig. Und das ist auch nach dem Tod des Störenfrieds in Band 2 nicht besser geworden. Es reicht also nicht, einen dunklen Magier zu besiegen. Man muss die Welten wieder ins Gleichgewicht bringen.

    Und die Welten sind bei Amanda Koch wie ihre Helden: Wenn etwas fehlt, funktionieren sie nicht mehr richtig, sind regelrecht krank. Und es ist wie beim Doktor: Keiner weiß so richtig, was die Ursache der Verstimmung ist, man kann nur mutmaßen. Oder die Bücher studieren.

    Was übrigens bei Amanda Koch alle fleißig tun. Überall gibt es lauter uralte Bibliotheken, in denen ihre Heldinnen und Helden regelmäßig nach dem richtigen Hinweis, der richtigen Spur suchen. Mal abgesehen von all den unsterblichen Königen, Göttinnen, weisen Frauen, die auch nur in Rätseln sprechen. Manchmal haben sie alte Weissagungen drauf, manchmal haben sie in alten Legenden was gehört, manchmal haben sie so ein Ahnen. Was dann verständlich macht, warum die Wächter – und vor allen der in Aylórien verliebte Raven – herumlaufen mit gefalteter Stirn und ständig fragen, weil sie einfach nicht verstehen, worum es geht.

    Was übrigens auch dazu beiträgt, dass man ziemlich hibbelig wird beim Lesen, weil sich die rätselschwangeren Situationen nicht auflösen. Der Leser tappt genauso im Dunklen wie die Wächter.

    Warum das gar nicht so falsch ist, dazu gleich mehr im zweiten Teil der Besprechung.

    Amanda Koch „Die Wächter von Avalon. Die Legende von Yr“, Familia Verlag, Leipzig 2015, 17,95 Euro

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