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Mit Hans Fallada und Caspar David Friedrich in der Hansestadt Greifswald

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    Man kann ja mit den kleinen Stadtführern aus dem Lehmstedt Verlag umgehen, wie man mag - sich dann, wenn man mal in einem der beschriebenen Orte ist, einen zulegen. Oder sich vorher eine ganze Serie zulegen und dann eine regelrechte Städterundreise machen. Für jede Stadt auf der Route ein, zwei oder drei Tage einplanen, auch wenn die 50-seitigen Hefte versprechen, dass man jede Stadt an einem Tag schafft. Auch Greifswald.

    Das ist möglich. Und es gibt ja Zeitgenossen, die das genauso versuchen und alte, geschichtsträchtige Städte quasi im Eilschritt durchsausen. Für die sind diese Stadtrundgänge natürlich zuerst gedacht. Sie erfüllen ein Bedürfnis der Zeit. Aber gerade weil sie versuchen, das Wesentliche eines Ortes kompakt in eine Tagestour zu pressen, wird umso deutlicher, wieviel man tatsächlich nur oberflächlich mitbekommt, wenn man es so eilig hat.

    Und natürlich gehen die Interessen von Städtebesuchern weit auseinander. Steffi Böttger zum Beispiel, die hier die junge Universitätsstadt Greifswald besucht, liebt es, auf Kirchtürme zu steigen. In Greifswald ist sie gleich auf dreie geklettert. Das ist ein sportliches Programm – wird aber mit herrlichen Aussichten belohnt. Und in Greifswald geht es – mehr noch als in jedem anderen Ort an der Küste – um Aussichten. Denn Greifswald – das ist Caspar-David-Friedrich-Stadt. Hier wurde er geboren, wuchs auf und lernte bei  Johann Gottfried Quistorp das Zeichnen. Die Stadtansicht von Greifswald, die Schiffe auf dem Bodden, die Klosterruine Eldena – all das kennen Friedrich-Kenner aus seinen Bildern. In Greifswald können sie das Original sehen – oder das, was heute davon noch zu sehen ist. Und das ist eine Menge, denn Greifswald entging im 2. Weltkrieg der Zerstörung. Die Vandalen kamen erst später, als sie das Bauhandwerk in der DDR zerstörten und reihenweise alte Städte dem Verfall preisgaben  und in den 1980-er Jahren begannen, die alten Innenstädte zu planieren. Greifswald war Testfall und Modell. Man kann es im „Rekonstruktionsviertel“ noch sehen. Für das Experiment, auf das die damals Beteiligten bestimmt bannig stolz waren, findet Steffi Böttger recht trockene Worte: „… heute ist der Eindruck ein recht trister.“

    Zum Glück war es in Greifswald wie in Leipzig: Der Plattenbauwahnsinn, dem die alten Innenstädte geopfert werden sollten, wurde gestoppt. Genauso, wie das Atomkraftwerk Lubmin vor den Toren der Stadt sein Ende fand. Aber auch letzteres kann besichtigen, wer noch ein bisschen neugierig ist auf die alte sowjetische Technologie.

    Es gibt also durchaus Abwege für Leute, denen auch neuere Geschichte nicht ganz unheimlich ist. Die ältere ist ja zumeist einfach schön. Das ist alles lange her. Man streitet sich nicht mehr. Das Kloster der dänischen Mönche, das mal Hilda hieß und heute Eldena, ist eine romantische Kulisse für Musik und Theater. Kein Probst regiert mehr in das Stadtwesen hinein, das im 13. Jahrhundert tatsächlich mal als Gründung der Mönche begann, aber auch den Pommerschen Herzögen unterstand, deren Greif im Wappen erhalten ist (auch wenn Steffi Böttger lieber die Legende erzählt, die sich die Greifswalder selbst dazu ausgedacht haben).

    Und da sie auch eine literaturbeflissene Person ist (man darf sich an ihre engagierte Herausgeberschaft zum Leipziger Feuilletonisten Hans Natonek erinnern), hat sie in Greifswald auch nicht verpasst, hier die große Literatur zu finden. Denn was den Lübeckern ihr Thomas Mann ist, das ist den Greifswaldern ihr Fallada – den die Leipziger auch gut kennen, weil sein Vater als Richter in Leipzig tätig war und Sohnemann hier zur Schule ging. In Greifswald kann man das Geburtshaus von Rudolf Ditzen alias Fallada besichtigen. Und vorher im Zug schon mal eins seiner dicken Bücher lesen.

    Vorher kommt man bei einem anderen großen deutschen Autoren vorbei: bei Wolfgang Koeppen, ebenfalls in Greifswald geboren, aber erst in der alten Bundesrepublik zu Ruhm gekommen, als er mit seinen Romanen das alte „Treibhaus“ Bonn porträtierte. Wie Kenner erzählen: sehr treffend. Dafür haben die Greifswalder ihm ein „Koeppenhaus“ eingerichtet, angestiftet von Günter Grass (siehe Lübeck). Und zu den berühmten Schlachtrössern aus Greifswald gehört auch Ernst Moritz Arndt, der „Franzosenfresser“, nach dem auch die Greifswalder Universität benannt ist. Ob sie das weiterhin bleiben sollte, darüber wird sich noch immer gestritten, denn der Mann war hemmungslos – und gab sich eben nicht nur patriotisch, sondern geradezu nationalistisch (was nun einmal etwas anderes ist) und auch antisemitisch.

    Und noch ein Autor war da: Hermann Kant, dessen Roman „Die Aula“ an der einstigen Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) in Greifswald spielt. Da hat er selbst gelernt. Es gibt also durchaus Stoff, in Greifswald mehrere Schleifen zu ziehen – eine malerische, eine literarische oder auch eine maritime. Denn im Museumshafen liegen wunderschöne alte Kähne – und sogar eine kleine Museumswerft lädt wieder ein zum Beschauen, quasi als Ersatz für die einst zahlreichen Greifswalder Werften aus einer Zeit, als Schiffe noch wie schwimmende Wohnzimmer aussahen und nicht die Dimensionen von heutigen Containerburgen hatten, in denen eine komplette 56.000-Einwohner-Stadt wie Greifswald einfach verschwinden würde.

    Und wem jetzt noch das notwendige Stück Pommern fehlt, der findet’s im Pommerschen Landesmuseum, in dem natürlich auch Bilder eines gewissen Malers hängen. Das kommt sogar recht früh im Stadtrundgang – gleich nach dem Wall (wo noch ein paar Reste der alten Stadtmauer stehen). Danach geht’s zum Markt, kann man wieder das aus Lübeck bekannte Hansestadt-Feeling bekommen und sich im „Alten Fritz“ noch einmal stärken, bevor es auf den ersten Kirchturm, dem von St. Nikolai geht. Vorher lernt man noch die früh verstorbene Dichterin Sibylla Schwarz kennen, später die Uni und ihren Gründungsrektor Heinrich Rubenow, der einst einfach keine Lust hatte, nach Rostock zurückzukehren und lieber eine neue Uni gründete, die heute dafür sorgt, dass ein Fünftel der Greifswalder Studenten sind. Aber klein und fein heißt ja nicht erfolglos: Auch Greifswald hatte zwei Nobelpreisträger.

    Ein hübsches kompaktes Städtchen also, in dem sich alte Hansegeschichte mit romantischen Aussichten mischt. Ein bisschen romantischer als Lübeck. Und mit Futter für mehr als einen Stadtrundgang.

    Steffi Böttger „Greifswald an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2015, 4,95 Euro

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