Ute Scheffler zeigt, wie man die Fülle von Sommer und Herbst in Gläsern haltbar macht

Herbst? Das ist Erntezeit. Da holt man schnell noch alles rein, was nicht winterfest ist, wenn man es nicht schon lange gesichert hat. Aber muss man sich so mühen? Gibt es nicht alles im Supermarkt? Nicht wirklich, stellt Ute Scheffler fest. Denn eines wird man dort nie bekommen: die eigene, unverwechselbare Geschmacksnote, die wilde Vielfalt der Phantasie sowieso nicht.

Das Buch sieht zwar schön quadratisch, handlich, überschaubar aus. Aber was sich auf dem Cover noch als kleines braves Grüppchen von Einweckgläsern zeigt, wird im Buch selbst zu einem ausufernden Hobby. Keine Frage bleibt offen. Praktisch alles, was im Garten in reicher Pracht gewachsen ist, kann man auch in Gläser einwecken oder einmachen. Für Laien ein kleiner Lernschritt: Beides ist nicht dasselbe. Aber am Ende ist es die eigene Entscheidung, wie lange man die Gaben des Gartens im Regal aufbewahren möchte und wie viel Aufwand man da treiben will. Oder ob man sich die Mühe nicht lieber macht, um die Gläser mit allerlei exotischen Kreationen zu füllen. Denn einfach nur Kirschen, Gurken, Pflaumen schön für sich in Gläser zu füllen, das ist jedenfalls Ute Scheffler zu langweilig.

Und wenn sie ein ganzes Kapitel mit „Klassikern“ füllt, dann kann man sicher sein, auch eine kleine Finesse mit ins Glas zu bekommen, so dass schon das Öffnen der Gläser irgendwann im düsteren Winter oder im kommenden Frühjahr (wenn es im Laden nun wirklich nichts Frisches aus der Region gibt) ein kulinarischer Genuss wird. Gleich ob es „Schwarzwald im Glas“ ist, „Pikante Böhnchen“ oder „Süß-saure Möhrchen“. Natürlich kommt man da auf Gedanken und Ideen. Selbst die „Klassiker“ bieten schon eine Fülle, die man in der Regel selbst bei fleißigen Einweckern und Einlegern so selten findet. Was auch mit Zeit zu tun hat: Ein bisschen Zeit muss man schon investieren. Es ist – wie so Vieles aus den kleinen und großen Büchern des Buchverlags für die Frau – ein echt unlauteres Angebot für Leute, die eh schon quietschen vor lauter Zeitknappheit.

Aber man lebt in der Regel nur einmal. Und es gibt nicht wirklich viele Gründe, die wertvollen Rest-Stunden, die einem das tägliche Geldverdienen lassen, nun ausgerechnet mit wirklich sinnlosen Zeitverschwendungen zuzubringen.

Warum sollte einen das daran hindern, ein richtig pikantes Apfelmus zusammenzustellen (mit Chilischote, damit’s schön scharf wird), vier Gläser voll – oder vielleicht doch lieber acht? Oder vielleicht doch lieber Senfbirnen oder Rotweinpflaumen? Da ist man immer noch in der Welt, die Ute Scheffler ganz forsch „Klassiker“ genannt hat. Und auch wenn sie das nächste Kapitel „Alte Bekannte neu entdeckt“ betitelt, heißt das nicht, dass hier auf einmal Alt- oder Allbekanntes zu finden wäre. Denn eine Himbeer-Verbenen-Konfitüre dürfte in sächsischen Haushalten genauso selten anzutreffen sein wie „Aprikosen mit Zitronengras“ oder „Chili-Pfirsiche“. Alle drei Rezepte gehören in die Erntezeit „Mai bis August“. Denn natürlich empfiehlt diese Autorin ganz bestimmt nicht, sich das Einzuweckende aus dem Supermarkt zu holen. Denn richtig schmackhaft ist nun einmal nur das, was man selbst angebaut und geerntet hat, was hier in der Region (ohne lange Transportwege) dann geerntet wird, wenn es reif ist. Und das passiert eben auch manchmal im Übermaß, so dass man zuweilen von Allem zu viel hat und kein Pflaumenkompott und keinen Apfelkuchen mehr sehen kann. Dann – so Ute Scheffler – ist genau der richtige Zeitpunkt, die Gaben des Gartens (da und dort auch ergänzt um Früchte und Pilze aus Wald und Flur) einzuwecken.

Man braucht nur einen gut regelbaren Herd, genug Gläser (der Einfachheit halber Twist-off-Gläser) oder genug Steingut für Rumtöpfe und dergleichen und natürlich Geduld und Genauigkeit, denn hier kommt es auf Sorgfalt an. Und so kann, was sommers übrig blieb, einfach ins Regal wandern, bereit für spätere Tage, an denen einen die Lust auf Fruchtiges überkommt.

Natürlich endet die Einmachsaison nicht im August. Auch von September bis November geht das weiter – diesmal noch exotischer mit „Pikantem Apfel-Curry-Mus“ oder „Auberginen-Paprika-Pickles“. Und wer glaubt, es ginge immer nur um große Mengen, der irrt. Auch an das Kleine will gedacht sein – an Gelees, Chutney, Pesto, Relish und Sauce. Man sieht beim Blättern regelrecht vor sich, wie sich die Gläser füllen und – langsam abgekühlt – eins nach dem anderen ins Regal wandeln,  beschriftet oder unbeschriftet. Eine ganze Armee auf unterschiedlichste Weise gefüllter Gläser, die nur darauf wartet, dass vorne einer murmelnd ein Glas stibitzt, weil der Appetit aufs Eingemachte erwacht ist, während hinten noch emsig aufgefüllt wird. Nicht unbedingt für die nächsten Jahrzehnte, darum geht es der Autorin gar nicht. Sondern für die nächsten Monate, diese komische Zeit mit trübem Licht und kahlen Feldern, in der man sehnsüchtig auf die wiedererwachende Natur wartet. Und da hat man dann das ganze Regal voller Sommer und Herbst – was will man mehr? Man hat sich etwas richtig Gutes getan.

Und wer so ein gefülltes Regal hat, der weiß auch zu Weihnachten immer, was man verschenken kann, wohl wissend, dass sich darüber auch die bärbeißigsten Großstädter freuen.

Ute Scheffler Ran ans Eingemachte, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2015, 9,95 Euro.

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