In Homerika verbinden sich Mythen, Irrfahrten und die Täuschungen des Lebens zum Großen griechischen Gesang

Es gibt Bücher, die wirken, als wären sie genau fürs aktuelle Drama der Zeit geschrieben. Und dabei sind sie in ganz anderen Zeiten erschienen. Der Gedichtband "Homerika" von Phoebe Giannisi schon 2010 in Athen, sogar noch vor Beginn des großen Troika-Dilemmas, erst recht vor dem großen Beginn der Flüchtlingsströme. Aber genau diese Szenerie ist ja der Schauplatz der Dramen des Jahres 2015. Eine homerische Szenerie.
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Wer wüsste das besser als die Griechen selbst, die hier seit Jahrtausenden an der Nahtstelle zwischen Nord und Süd, Ost und West leben? Eine Seefahrernation, eine Inselwelt. Ein Archipel, der zum Landen einlädt, der aber auch die kühnsten Seefahrer auf Irrfahrten schicken kann. Wer hier im Schatten des Pelion lebt, der steht auf antikem Grund. Der hat es nicht weit zu Orten, die auch Homer erwähnt in seiner Odyssee. Und den nimmt die Reise des Helden von Ithaka auf eigene Weise gefangen. Denn hier lösen sich die zeitlichen Distanzen auf, die räumlichen sowieso. Und das ganze Werk Homers lässt sich auf einmal lesen als Parabel auf eine ebenso unüberschaubare Gegenwart mit ihren tückischen Passagen, Verführungen, Sehnsüchten und Hoffnungen.

Phoebe Giannisi ist Architektin, widmet sich aber schon seit Jahren auch den Künsten und gibt ihrem Land in ihren Gedichten einen Klang. Nicht ganz zufällig erinnert der Buchtitel auch ein wenig an Walt Whitman, an sein „Ich singe Amerika“. Was nur verblüfft, wenn man verzweifelt Amerika sucht in diesen Gedichten. Das braucht es gar nicht. Wer seinen Homer kennt, der weiß, dass der griechische Archipel selbst eine reiche Welt ist, die man auch genauso betrachten und besingen kann wie Whitman einst die Neue Welt. Auch wenn es hier an den gewaltigen Strömen und Prärien und Häfen fehlt. Dafür berührt jeder Berg die Welt der Götter, hat jede einzelne Insel eine uralte Geschichte, sind die Namen der alten Könige, geheimnisvollen Völker und selbstsüchtigen Helden allgegenwärtig. Der dämliche Streit zwischen Patroklos und Achill zum Beispiel, der vor Troja so ein bescheuertes Ende nahm. Und wie ist das eigentlich mit der Geschichte hinter der Geschichte? Der wartenden Penelope, die irgendwie zurande kommen muss mit ihrem Alleinsein, während sich der ach so listige Odysseus irgendwie bei Kirke herumtreibt?

Es liegt nahe, dass eine stolze Griechin der Gegenwart sich identifiziert mit dieser Penelope. Aber das tut Phoebe Giannisi nur beiläufig, auch wenn das Motiv schon früh auftaucht bei ihren Fahrten zwischen Hagios Laurentios und der nächsten größeren Stadt Volos. Noch länger sind die Zugfahrten von Volos nach Athen. Da fliegen ihr die Motive zu. Und irgendwann im Jahr 2007 hat sich der Teppich aus Motiven, die sie schon 2006 aufgegriffen hat, verdichtet. Und verdichtet sich immer mehr, bis die Sprecherin selbst 2008 dasitzt, als sei sie selbst Penelope und ihr werter Herr Gatte hätte gerade beschlossen, anderswo seine Abenteuer zu suchen. War da nicht noch diese Nausikaa?

Und wie geht man damit um? Setzt man sich jetzt als trauernde Zurückgelassene vor den Webrahmen oder beschäftigt man sich mit der Angst, die in jeder Partnerschaft schwelt: der Angst vor dem Verlust. „Stück für Stück begreift man / dass die Zeiten sich ändern / der Verlust der Verbindung ist von Anfang an / Teil der Verbindung“. („Penelope IV“)

Da ist man schon lange drin in diesen Gedichten, die – ganz wie bei Whitman – die Motive dieser von Meer und Inseln und Bergen und einsamen Ausblicken geprägten Landschaft nutzen, die – anders als bei Homer – nichts Verwunschenes hat. Diese Penelope lässt sich keine Märchen mehr erzählen. Sie muss keine Rolle spielen. Und wenn er anfängt, faule Ausreden zu finden („Nausikaa II“), da sagt sie es deutlich: „Lügen / mit was für einer Stimme …“

Wer hat die „Odyssee“ schon einmal so gelesen? Als eine märchenhafte Ausflucht für einen Mann, der alle Welt getäuscht hat mit der Geschichte, wie unwillig er weggegangen wäre in den Krieg um Troja? Oja, die berühmten Helden mussten ihn erst überreden! Und dann kommt der Kerl nicht wieder, zehn Jahre lang nicht – und erzählt der Zurückgelassenen dann was von den Sirenen und den Phaiaken.

Die Männer damals, zu Homers Zeiten, werden wohl in ein homerisches Gelächter ausgebrochen sein bei all den wilden Geschichten eines Kerls, der auch noch prahlte mit seinen Seitensprüngen – aber nie im Leben zugeben würde, dass er selbst danach gesucht hat.

Hinter der Geschichte einer Irrfahrt steckt die Geschichte einer Flucht. Und eines uralten männlichen Selbst-Betruges. Nur dass moderne Griechinnen sich die Märchen nicht mehr erzählen lassen müssen. Das tut weh. Wer verliert schon gern, was einem ans Herz gewachsen ist und irgendwann mal so klang: „Ich liebe dich – für immer – dein.“ Das war die Lüge, die Beständigkeit und Verlässlichkeit verhieß. Nicht am Ende hat Odysseus gelogen, sondern am Anfang. Aber es spielt auch eine andere alte Geschichte hinein. Denn wer so intensiv mit Gewinnen und Verlieren konfrontiert ist, der weiß, dass jedes Verlieren auch ein echter Verlust ist: Orpheus und Eurydike und dieser anekdotische Weg in den Hades, um Eurydike zurückzuholen. Und dann drehen sich beide um …

Und so wird diese Abfolge von Gedichten ein Teppich – ein Gesang auf diese geschichtenreiche und uralte homerische Landschaft und gleichzeitig eine Hinterfragung der alten Irrfahrt, die vielleicht auch zu Homers Zeiten nur ein Bild war für die eigentlichen Irrfahrten der Männer und Frauen auf der Suche nach dem Ein und Alles und den Versuchen einer Heimkehr in einen verlorenen Zustand: Heimkehr und Verlieren stehen dicht beieinander. Die äußere Landschaft ist verwoben mit der mythischen und der inneren, die Bewegung im Raum mit den eigenen Fahrten. Oder denen der anderen, die nach Jahren auf einmal wieder vor der Tür stehen.

Und auf einmal wird das Ganze zur Frage nach der eigenen Identität. In der Odyssee ja angelegt in der scheinbar spaßhaften Geschichte von Niemend, der den Polyphem austrickst. Da können Männer auch schon mal ins Grübeln kommen, wenn sie erklären sollen, warum sie zurückgekommen sind: „Bei der Rückkehr Jahre später / hast du die Namen der Straßen längst vergessen / aber an die Wege erinnerst du dich noch genau …“ Wobei motivisch offen bleibt, ob hier der Seefahrer zurückkehrt oder die Sprecherin selbst. Auf einmal merkt man, dass man immer nur zum eigenen, erinnerten Selbst zurückkommt.

Und auch wenn Phoebe Giannisi ihre Verse so geschrieben hat, dass ihre homerische Landschaft hörbar wird, bieten sie den nachdenklichen Blick auf die Reisen der Menschen in ihren eigenen Inselwelten der Hoffnung, der Täuschungen, ihrer Suche nach Liebe. Immer wieder neu. Immer wieder von Anfang an. Und nach einem Ort zum Bleiben: „Hier werde ich für immer bleiben nah am Meer / am schäumenden Gestade …“ („Lotophagen I“) Womit man wieder in der Welt ist, in der heute die Flüchtlinge landen, wenn sie von der Türkei aus versuchen, griechischen Boden zu erreichen. Aber wie gesagt: Entstanden ist dieser große Gesang auf die homerische Welt weit vor den Ereignissen, die uns heute bewegen, die aber genauso mythisch sind wie diese Landschaft und diese Gedichte. Und genauso getrieben von der Suche nach Liebe und einem Ort zum Bleiben.

Aber welcher deutsche Politiker wird in seiner Amtsgewalt noch Zeit finden, Gedichte zu lesen? Schon gar aus Griechenland?

Phoebe Giannisi Homerika, Reinecke & Voß, Leipzig 2016, 10 Euro.

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