6.7 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Mittwoch, 20. Januar 2021

Wie Sachsen tatsächlich mit Muslimen und Asylsuchenden umgeht

Von Ralf Julke

Mehr zum Thema

Mehr

    Es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit. Es ist ja auch in der Zeit entstanden. In Dresden spazieren die grimmigen Islamfeinde, malen nun seit über einem Jahr das Schreckgespenst einer Islamisierung in die Welt. Und das just in der Ecke Deutschlands, in der die allerwenigsten Muslime leben. Auf ganz Sachsen hochgerechnet machen sie 0,6 Prozent der Bevölkerung aus. Und die meisten davon leben in Leipzig.

    Selten wie nie zuvor wird der mentale Unterschied zwischen einer aufs Vergangene geeichten Residenzstadt am einen Ende und einer weltoffenen Handels- und Universitätsstadt am anderen Ende sichtbar. Logisch, dass so ein Buch zurzeit aus Leipzig kommen muss. Im Zentrum steht hier der Lehrstuhl für Arabistik an der Universität Leipzig, wo die Kenntnis der arabischen Welt, des Orients, des Islam und der Nahost-Politik zum Einmaleins gehört. Und zwar in einer Breite, die man in den meisten Medien nicht findet, bei den erklärten Islamfeinden von Pegida, Legida & Co. sowieso nicht.

    Also haben sich 22 Autoren einfach mal hingesetzt und haben aufgeschrieben, was man über Muslime in Sachsen überhaupt weiß. Einige aus aktuellem Erleben. Auch das ist ein markanter Unterschied selbst zu großen Teilen der sächsischen Politiker, die sich auf die Begegnung und das Gespräch mit den Menschen aus dem arabischen und muslimischen Teil der Welt nie eingelassen haben. Die meisten Entscheider im Land haben sich schon seit Jahren eingeigelt in einer Trutzburg aus christlich-abendländischer Selbstzufriedenheit. Pegida konnte ja anknüpfen an diese Art der Selbstverklärung, die ja vor allem auch der Versuch einer Camouflage war und ist – bis heute: Christliche Religion als Mäntelchen einer neuen Moral, die sich dann auch noch mit dem innigen Glanz der Friedlichen Revolution absetzt von allem, was vorher war. Auch wenn der Glanz nur ein geliehener ist.

    Aber wer sich das Mäntelchen nur umhängt, der kann nicht wirklich offen und differenziert über die Konflikte reden, die dann entstehen, wenn sich eine Gesellschaft der Veränderung und dem Dialog verweigert. Das große Versprechen, das in güldenen Buchstaben über allem flimmert: „Jetzt bleibt alles, wie es früher einmal war.“ Eine Botschaft für ein Volk,  dem man die Beschäftigung mit seiner Vergangenheit und seiner Verantwortung höchstfeudal einfach abgenommen hat.

    Logisch, dass da ein paar Leute renitent werden, wenn sie auf einmal merken, dass das Versprechen der Unveränderlichkeit und der Insel der Seligen nicht aufgeht. Auf einmal sind sie konfrontiert – und sind heillos überfordert. Warum bleibt die Welt nicht einfach draußen?

    Nun kommt die Welt mit Rucksäcken und der Bitte um Asyl ins Land – und konfrontiert die Pantoffelkinohelden mit allem, was sie bisher höchst beruhigt in weiter Ferne glaubten, in beruhigender Distanz. Das steckt übrigens auch in der alten Entgegensetzung von Orient und Okzident: Ein kleiner Essay über diese Exotischmachung des Fremden hätte vielleicht auch noch ins Buch gepasst. Thematisch sowieso. Denn die Autoren kennen ja auch die Vorgeschichte. Sachsen hatte ja auch immer ganz spezielle Beziehungen in die arabische Welt – angefangen von den Kreuzzügen des 13. Jahrhunderts, als auch die sächsischen Fürsten eifrig mitzogen, um das Heilige Land zu erobern. Bis hin zu den Beteiligungen an den Kriegen gegen die vordringenden Türken und die Aufnahme eines idealisierten Orients in die eigene Kultur. Bis heute in Dresden zu bewundern: die Türkenkammer. Sachsens Fürsten waren vom Glanz der türkischen Sultane regelrecht bezaubert.

    Und auch in DDR-Zeiten gab es solche Bezüge, wenn auch völlig verwandelt in die Formen sozialistischer Politik – mit Asyl für Vertriebene aus arabischen Ländern, Gastarbeiterkontingenten aus Länden wie Algerien oder Studienplätzen für „befreundete politische Bewegungen“ wie etwa die Palästinenser. Alles streng reglementiert, reguliert und überwacht, so dass der landläufige Sachse in der Regel nie im Leben mit einem Menschen aus einem arabischen Land oder gar einem gläubigen Muslim in Berührung kam. Das änderte sich erst ab 1990 ein wenig, als auch Sachsen Asylbewerber nach bundesdeutschem Recht aufnehmen musste. Doch auch die gingen dann doch lieber dorthin, wo sie bessere Strukturen und mehr Offenheit vorfanden – Leipzig.

    Das Büchlein liefert die wichtigsten Dinge, die man zu dieser ganzen Entwicklung wissen kann, geht auch dezidiert darauf ein, dass der Islam keineswegs die monolithische Religion ist, als die er gern dargestellt wird, was auch eine seiner Schwächen im politischen Diskurs der Bundesrepublik ist: Obwohl geschätzte 4 Millionen Muslime in der Bundesrepublik leben, haben sie keine einheitliche Organisationsstruktur wie etwa die beiden großen christlichen Konfessionen. Moscheen sind viel stärker noch als die christlichen Kirchen Gebetsraum und Begegnungsraum für die Mitglieder einer Gemeinde. Die Imame sind keine muslimischen Pfarrer. Und nicht nur die Vielfalt der Interpretationen des Koran lebt nebeneinander (und das fast immer friedlich – was eben leider nicht ausschließt, dass die Extremisten innerhalb des Islam, die Islamisten, vor allem die eigenen Glaubensbrüder terrorisieren), sondern im sächsischen Asyl treffen sich auch die Traditionen und Interpretationen unterschiedlicher Länder.

    Mehrere Artikel in diesem Buch leben davon, dass die Autorinnen und Autoren sich auf die direkte Begegnung mit den Gemeinden, den Imamen, mit Frauen, Konvertiten, aber auch mit Nicht-Muslimen eingelassen haben. Denn nicht alle Menschen aus der arabischen Welt sind Muslime, etliche sind Christen oder Laizisten, denen das in Deutschland gelebte Modell des Laizismus – der strikten Trennung von Staat und Religion – vertraut ist und selbstverständlich. (Wobei auch das beiläufige Nachdenken darüber nicht fehlt, warum es mit dem Ethik / Religions-Unterricht im deutschen Schulsystem derart durcheinander geht. – Kann es sein, dass die christlichen Kirchen hier nach wie vor versuchen, die Trennlinie zwischen Religion und politischer Bildung zu verwischen?)

    Mehrfach beschäftigen sich die Autoren mit der Vielfalt innerhalb des Islam und den damit verbundenen Schwierigkeiten, sich in gesellschaftliche Diskurse einzubringen. Ein Problem, das auch viele Medienmacher verwirrt, die viel zu gern auf die islamistischen Scharfmacher zurückgreifen, wenn sie Stimmen zur Zeit einfangen wollen. Auch das verfälscht das öffentliche Bild über Muslime in Deutschland.

    Und dann geht es natürlich ans Eingemachte, an den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit Menschen, die durch Sprache, Aussehen und Kleidung als Andere wahrnehmbar sind, gar als gläubige Muslime. Und hier werden in etlichen persönlichen Einzelschicksalen die Funktionsweisen der Ausgrenzung sichtbar. Und zwar in ihrer ganzen Bandbreite von der staatlichen Diskriminierung (monatelanges Arbeitsverbot, jahrelange Verweigerung eines sicheren Aufenthaltsstatus und damit Verhinderung von Qualifikation, Deutschkursen, Studium; Bevorzugung einheimischer Bewerber bei der Arbeitsvermittlung) bis zur Diskriminierung durch all jene, die am Ende entscheiden, wie unsere Arbeitswelt aussieht. Da redet ein Leipziger Chefarzt mit einer Ärztin nicht über ihre Qualifikation, sondern über ihr Kopftuch, da mauern Beamte im Schuldienst oder bei kommunalen Kindergärten, wenn sich Bewerberinnen und Bewerber mit arabischer Herkunft vorstellen. Man bekommt so ein Gefühl dafür, dass der deutsche Chauvinismus eben nicht nur eine Angelegenheit ungebildeter alter Männer ist, sondern auch hinter Doktortiteln und Amtsfunktionen sein stilles und gnadenloses Werk tut.

    Aber was passiert mit Minderheiten, denen auf derart ungreifbare Weise die Integration verweigert und verbaut wird? Logisch – sie werden zum Dauer-Sozialfall, können mit ihren Qualifikationen keine gleichwertige Arbeit aufnehmen, erscheinen auch nicht als gleichberechtigte Kollegen im Arbeitsumfeld der hiesigen Bevölkerung. Und was man nicht kennt – ja, das verachtet man entweder oder man fürchtet sich davor.

    Oder mal so gesagt: Pegida & Co. sind der laufende Beweis für die jahrelang praktizierte Integrationsverweigerung der entscheidenden Instanzen in Sachsen. Da haben ein paar hochheilige Politiker 25 Jahre lang versucht, „ihre Sachsen“ vor der Fremdheit der Welt zu bewahren. Und heute lamentieren sie (auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich) über „Parallelgesellschaften“, ganz so, als hätten sich die Menschen, die im Lauf der Zeit nach Sachsen gekommen sind, freiwillig gettoisiert. Das Gegenteil ist der Fall: Sie wurden ausgesondert, ihnen wurden Hürden aufgebaut, die für viele Betroffene unübersteigbar sind.

    Und die Vereine und Initiativen, die sich um eine Integration all dieser Menschen bemüht haben, können ein Lied davon singen, was für bürokratische Hürden da aufgebaut wurden. All diese Mechanismen der Abwehr wirken bis heute, werden sogar noch aufgerüstet. Es ist eigentlich kein Wunder, dass deutsche Behörden und Ministerien in der Flüchtlingsfrage Probleme bekommen: Sie sind mental nicht auf Integration eingestellt, schwanken zwischen extremer Abwehr und verordneter Pflicht. Logisch, dass viele jener Menschen, die nach Sachsen gekommen sind, lieber an die Rückkehr denken in die Länder, aus denen sie gekommen sind, selbst wenn sie dort Armut, Krieg und eine zerstörte Gesellschaft erwarten. Selbst Flüchtlinge aus Syrien kommen zu Wort, die eigentlich nie wieder nach Deutschland wollten und die der Bürgerkrieg gezwungen hat, dennoch in diese miserablen Zustände zu flüchten, in denen versteckter und offener Rassismus allgegenwärtig ist.

    Das Buch ist, wenn man es so liest, im Grunde ein Spiegel für eine sächsische Gesellschaft, die sich noch immer hinter Schablonen der Ignoranz und der Vorurteile versteckt. Sichtbar selbst in politischen Gremien und Ämtern, wo Menschen aus anderen Kulturen praktisch nicht auftauchen. Man kann in den Landtag schauen, in die Kreistage und Stadträte, in den Rundfunkrat des MDR oder in die diversen Spitzenverbände: Menschen aus anderen Kulturen kommen dort nicht vor. Und auch so etwas wirkt auf das Klima in einem Land, in dem das Fremde nicht als das Selbstverständliche erscheint, sondern als das Störende, das Nicht-Passende.

    Solange sich das nicht ändert, hat Sachsen ein gravierendes Problem und kann sich nicht ehrlichen Herzens als „weltoffen“ bezeichnen. Denn die meisten Türe und Tore sind zugerammelt. Und vor jeder einzelnen sitzt ein bräsiger Bürokrat, dessen erste Frage fast immer ist: „Sie sind nicht von hier, oder?“

    Aber wahrscheinlich wird sowieso keiner von diesen Torwächtern das Büchlein lesen. Es würde die gängigen Stereotype hinterfragen, zum Nachdenken herausfordern, zur Beschäftigung mit dem Wort, das von einigen Politikern wie eine Fahne getragen wird: Integration. Aber Integration funktioniert nun einmal nicht, wenn Dialog und Chancen verweigert werden und Asylsuchende wie Bittsteller behandelt werden, die man für ein Weilchen verköstigt und dann schnell wieder loswerden möchte.

    Sicher: Wer sich schon engagiert in der Hilfe für Flüchtlinge und bei der Integration von Menschen, die in Sachsen Zuflucht gefunden haben, der sieht hier die ganze Spannbreite aufgeblättert – von den Chancen einer geglückten Integration bis zu den Gefahren, die entstehen, wenn Menschen immer wieder ausgegrenzt werden und dann wirklich Parallelgesellschaften entwickeln, die zum Problem für alle werden.

    Verena Klemm; Marie Hakenberg Muslime in Sachsen, Edition Leipzig, Leipzig 2016, 9,95 Euro.

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ