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50 durchaus magische Orte mitten in Mitteldeutschland

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    2014 hat Peter Traub zusammen mit dem Fotografen Uwe Jacobshagen die Schönheit der Saale auf einer Wanderung quer durch die Stadt Halle beschrieben. Da und dort stolperte er über ein paar Sagen und Legenden, was für heutige Reiseführer nicht unbedingt noch zu erwarten ist. Auch weil die Autoren solcher Bücher zumeist gar keine alten Sagen mehr kennen. Dabei ist gerade Mitteldeutschland ein sagenhaftes Fleckchen Erde.

    Und damit auch ein touristisches. Und zwar eines, das auch ohne die wilden Pläne zum Wassertourismus auskäme. Wenn man es denn ernst nehmen wollte. Aber nicht nur das Tourismusmarketing ist zerstückelt. Jeder macht Seins, nichts greift ineinander. Und so sind seit 20 Jahren zahlreiche Agenturen mit nichts anderem beschäftigt, als eine der spannendsten Tourismusregionen Deutschlands immer wieder neu zu erfinden. Ergebnis ist ein Flickenteppich – sonnig aufgeblasen zu Highlights, Erlebniswelten, Wellness- und Fitness-Touren.

    Und da die „Highlights“ alles überstrahlen, versinkt alles andere jenseits davon in Finsternis, die Besucherzahlen brechen ein (während sich an den großvermarkteten „Hotspots“ die Touristen gegenseitig auf die Füße trampeln) und dann beginnen einstmals belebte Urlauberregionen regelrecht abzurutschen. Was dann diverse Folgen hat – auch aus Sachsen bekannt, wo die Vermarkter genauso närrisch sind -, dann werden Zug- und Buslinien unrentabel und eingestellt.

    Was tun?

    Hinfahren. Trotz alledem. Und das hat Peter Traub gemacht. Ohne Baedeker, ohne eines der Hochglanzfaltblätter, mit denen die Tourismusagenturen die „Destinationen“ überschwemmen und mit denen kein Mensch etwas anfangen kann, der wirklich Land und Leute und Geheimnisse kennenlernen will. Und der vor allem noch den Sinn hat für das Magische an so einer Landschaft. Nicht zu verwechseln mit dem Mystischen, das in dem ein oder anderen Wanderführer dominiert und versucht, die Esoteriker unter den Reisenden anzusprechen. Dafür gibt es natürlich rund um den Harz jede Menge Anknüpfungspunkte, denn dichter als anderswo haben sich hier auch die Reste uralter Kultstätten, Gräber, Burgen und Steinmale erhalten, die nicht immer verraten, wer sie gebaut hat.

    Die Magie, der Peter Traub nachspürt, ist also die Magie der erlebten Orte und Landschaften. Mit der Kamera ist er losgezogen und hat auf fünf verschiedenen Routen 50 markante Orte aufgesucht, die eigentlich zu den Dingen gehören, die man in dieser alten Kulturlandschaft kennen muss. Dazu gehören natürlich auch einige der Orte, die noch heute die wichtigen Anfangskapitel der deutschen Geschichte sichtbar machen, denn die Ottos und Heinriche hatten hier ihr Lieblingsland, ihre Lieblingspfalzen und ihre Lieblingsklöster. Hier formte sich dieses neue Königreich, das aus dem Ostfrankenreich entstand. Und hier stehen die Städte, die damals das Zentrum der Macht waren: Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg, Goslar und – nicht zu vergessen – die Pfalz Tilleda.

    Und was macht Peter Traub? Gerät er in historische Monologe? Nicht die Bohne. Er wandert, schaut und schwärmt. Das ist auch auf dem deutschen Markt der Reise(ver)führer selten geworden. Kaum einer preist noch so innig das Zufußgehen, das langsame Tempo, die Auf-, Ab- und Umwege, von denen der Autor so einige auf sich genommen hat. Er rast nicht im Sauseschritt von Spektakulum zu Spektakulum. Die Spektakel hat er eher vermieden. Auch das lernt man nur, wenn man wieder wandern lernt – abseits der Feste, der Hochzeiten und „Hotspots“. Heine zitiert er (natürlich „Die Harzreise“) und Goethe (natürlich die Walpurgisnacht im „Faust“). Er hätte auch Goethes Harzreise zitieren können: „Abseits,  wer ist’s?“

    Denn dem großen Wolfgang (der dem Mitreisenden auch am Wolfgangsee wiederbegegnet, den man auch im Harz finden kann, nämlich in Rübeland unter Tage) ging es ganz ähnlich. Der wollte auch mal weg aus dem damaligen Trubel – und schlug sich ins Gebüsch. Nur wenn man sich wirklich so herauslöst aus dem Getriebe der Welt, hört man wieder (Vögel – haufenweise, rauschende Baumkronen, plappernde Quellen, Insekten im Gras, Bienen) und sieht, was man sonst nicht beachtet. Das Einzige, was er mitnimmt, sind die Sagen, die er kennt. Denn jahrhundertelang haben die Bewohner dieser Region all das, was sie seltsam fanden, mit Sagen umwoben. Nirgendwo sonst wimmelt es (landschaftlich betrachtet) derart von Teufeln, Riesen und flüchtenden Prinzessinnen.

    Mancher diese Orte (wie die Rosstrappe) ist leicht erreichbar, weil breite Straßen und Lifte hingebaut wurden. Aber Traub ist genau der Wanderer, der eher die Stirne kraust, wenn er da „Volkes Gewimmel“ sieht, und der sich lieber schnurstracks in die Büsche schlägt, auf den nächsten Pfad, der meist recht steil, krumm und abenteuerlich den Wanderer mit einiger Mühsal ans Ziel bringt. Einer Mühsal, die sich immer lohnt. Denn man sieht mehr (und muss sich eine Menge plappernder Gespräche nicht mit anhören). Einiges von dem, was er sah, hat der Autor als Foto mit dazu getan: Schmetterlinge, Gräser, Blumen, Baumkronen. Wer alleine geht, muss kein Tempo halten. Der kann zwischendurch Pause machen, Ausblicke genießen, Tieren beim Dasein zuschauen.

    Wir leben zwar in einer Gesellschaft, in der die Leute haufenweise lamentieren darüber, dass sie „nicht mehr runterkommen“. Aber wer in solche Landschaften nur reist, um doch wieder nur sein Fitness-Programm durchzuziehen, der hat es einfach nicht kapiert. Vielleicht hat er auch schon so viel Scheu vor der Stille, dass er lieber trotzdem weiterhechelt. Logische Folge: Einige der üblichen von „Touristen“ überlaufenen Orte kommen in diesen 50 Tipps nicht vor. Und von den großen Zielen wie Magdeburg, Quedlinburg und Halberstadt gibt es auch nur Hinweise auf ein paar der stilleren Stellen, meist jenen, wo man 1.000 Jahre Geschichte noch spüren kann – abseits vom Gewimmel. Ansonsten gibt es viele kleine Angebote, die einst – so ungefähr im 19. Jahrhundert – mal die Standards des frühen Verreisens waren, als man noch nicht überkandidelt war und unbedingt einen „Freizeitpark“ brauchte, um „was zu erleben“. Da schnürte man lieber – wie Traub es macht – seine Wanderschuhe und kletterte auf dem Heinrich-Heine-Weg durchs Ilsetal brockenaufwärts. Oder besuchte die Höhlenwohnungen in Langenstein, bestaunte die Menhire, Hünengräber und alten Burgen, die man nicht anfuhr mit Navigationsgerät, sondern erwanderte, wohl wissend, dass der Unstrutwein viel leckerer schmeckte, wenn man auf die Neuenburg hinaufgestiegen ist oder auf den Kyff… Ach nein, den Kyffhäuser lässt der Wanderer lieber am Horizont. In diese von nationaler Denkmalsmeierei verschandelte Burg rammeln sie alle. Die alte Pfalz Tilleda ist interessanter und reiht sich ein in die Reihe der Wanderziele von Burg Regenstein bis zur Konradsburg, Burg Falkenstein sowieso, Schloss Hundisburg, Wörlitzer Park und das Goethe-Theaterchen in Bad Lauchstädt.

    Insgesamt sind es 50 Angebote – auch wenn sich allein im Gebiet von Sachsen-Anhalt mühelos 100, 200 weitere finden ließen, die genauso magisch sind. Merseburg, Naumburg und das Sonnenobservatorium Goseck sind natürlich auch drin. Aber das Überraschendste für viele Leser wird die Stille sein, dieses summende Schwärmen des Autors von allem, was er da wachsen, fliegen, weben sieht. Da und dort überschreitet er auch ein paar Landesgrenzen, denn Mitteldeutschland ist ja größer. Allein wer schon nach Wettin und Landsberg wandert (beides in Sachsen-Anhalt) muss Sachsen mitdenken. Hier stehen noch Stammschloss und Kapelle, hier fingen die Wettiner mal an. Und aus Landsberg stammen ja die berühmten Landsberger Pfähle, die Leipzig im Wappen hat.

    Das Buch mit seinen fünf Routenangeboten ist eine Einladung, sich wieder auf ein altes Erleben von Landschaft einzulassen. Eins wie zu Bürgers Zeiten (den Burschen kann man in Molmerswende besuchen), den heute kaum noch einer kennt, weil kaum noch einer „Die Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“ in der Bürger’schen Variante gelesen hat. Es ist eine Einladung zum Abschweif, zur Wiederentdeckung auch des Nicht-Sensationellen und trotzdem Beeindruckenden, wo Geschichte, Sagen und zum Teil recht wilde Gegend ineinander verwachsen sind. Man ist zwar nicht mehr so sagengläubig heutzutage (die heutigen Legenden sind dafür wesentlich blutiger und rabiater), aber wen stört das, wenn die Geschichten zum Weg passen und zum Rastplatz? Die Magie beginnt nicht mit der Wunderlampe, sondern mit dem ersten Schritt auf den Wanderpfad, wenn der Lärm der Straße auf einmal verstummt und man Dinge hört, die man ewig nicht mehr gehört hat. Den eigenen Herzschlag zum Beispiel.

    Peter Traub: Magische Orte in Mitteldeutschland, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2016, 12,95 Euro.

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