Im Museum der bildenden Künste ist seit dem 14. Februar neben der Via-Lewandowsky-Ausstellung "Hokuspokus" auch die Ausstellung "Häuser Räume Stimmen" mit Fotos von Stefan Koppelkamm zu sehen. Einen dicken Katalog bekam die Ausstellung auch - obwohl er in seiner Mischung aus Essays und Fotos eigentlich auch wieder eine schöne Diskussion zum modernen Städtebau ist.

Denn Hauptteil der dreiteiligen Koppelkamm-Ausstellung sind seine Fotos von Gebäuden in ostdeutschen Städten, die 1990 / 1991 entstanden und die Koppelkamm mit Aufnahmen vom selben Standpunkt aus konfrontiert, die 10, 12 Jahre später entstanden sind. Logisch, dass es im Vorwort ein heftiges Bedauern darüber gibt, warum er nicht noch einmal zehn Jahre später loszog, um zu fotografieren, was nun draus geworden ist. Denn die Entwicklung in den ostdeutschen Städten ist ja weitergegangen. Der großen Sanierungswelle Ende der 1990er-Jahre folgte ja die große Abwanderung – diesmal nicht in den Westen, sondern in die Großstädte. Dafür stehen in vielen beschaulichen Kleinstädten, die Koppelkamm damals besuchte, heute auch die sanierten Häuser leer.

Natürlich gibt es auch ein paar Essays, die sich mit dem ganzen kunsttheoretischen Krempel beschäftigen oder mit den Kopfblasen, die Kunst- und Kommunikationswissenschaftler als ziselierte Beiträge zum Denken liefern.

Aber die Materie ist zum Glück eine andere. Und das haben einige der angefragten Autorinnen und Autoren auch genauso erfasst. Denn Kunst ist – auch schwarz-weiße Architektur-Fotografie, wenn sie gut ist – ein kritischer Zeit-Disput. Echtes Futter etwa für den Leipziger Kunsthistoriker Arnold Bartetzky, der dem, was in deutschen Städten seit 1949 an Städtebau betrieben wurde, bekanntermaßen höchst kritisch gegenübersteht.

„Die Austreibung der Geschichte“ nannte er seinen Beitrag, in dem er noch einmal deutlich macht, dass auch die moderne Rekonstruktion der Gründerzeit eine Neuerschaffung ist. Man rekonstruiert die Häuser komplett – oft nach den alten Bauplänen. Aber das Ergebnis entspricht in seiner Reinheit selten bis nie wirklich dem, was da einst gebaut wurde.

Noch deutlicher wird die Berliner Autorin Annett Gröschner in ihrem Beitrag „Hinter den Fassaden“, in dem sie diesen Verlust an Geschichte aus eigenem Erleben schildert. Denn als sie jung war und in den heruntergerissenen Vierteln der damaligen Großstädte der DDR lebte und unterwegs war, war die Geschichte allerorts sichtbar und greifbar. Nicht nur als mürbe gewordene Bausubstanz, sondern auch mit den Resten alter Ausmalungen, von Klingelzügen und alten Klingelschildern, Verbotsschildern und Bewohnertafeln in den Fluren, Werbeschriften an den Fassaden, alten Ladenschildern und selbst an den Wohnungstüren oft noch zahlreichen Spuren der früheren Bewohner. Die alten Häuser machten Geschichte erlebbar – bis hin zu den Brand- und Schussspuren des Zweiten Weltkrieges. All das war über 40 Jahre konserviert. Wer damals eine Wohnung „aufriss“, der richtete sie sich mit den kargen Möglichkeiten der Zeit her, ließ aber die alten Gusswannen, Kachelöfen und Dielen lieber in der Wohnung. Die gusseisernen Becken im Treppenhaus und die Klosetts „halbe Treppe tiefer“ logischerweise auch. In den schmalen Innenhöfen standen noch die Waschschuppen. Erst wenn man das alles aufzulisten beginnt, merkt man, wie radikal mit der anrollenden Sanierungswelle ab Mitte der 1990er-Jahre mit Geschichte aufgeräumt wurde. Mal von den deftig steigenden Mieten nach „Komplettsanierung“ ganz zu schweigen.

Koppelkamm hat die Veränderungen vor allem über Fassaden- und Straßenansichten eingefangen. Aber auch da wird schon in vielen Fällen sichtbar, wie radikal die Sanierer mit dem Alten aufgeräumt haben. Die Fotos werden trotzdem nicht sentimental, denn daneben gibt es auch die Häuser, die in den zehn Jahren sichtlich niemand angefasst hat und die noch genauso müde und stabil aussehen wie 1990. Und die ihre Chancen auf ein würdevolles Comeback bewahrt haben – freilich auch die Chance auf den endgültigen Abriss, wie es mit einigen alten Fachwerkhäusern in der Halberstädter Altstadt geschah.

Ines Weizman geht aber auch auf eine andere Ebene ein, die zu dieser Art Stadtgeschichte gehört: Die Bewahrung vergangener Zustände im Bild. Ein lange vernachlässigtes Thema in der Fotografie. Denn Fotos, die der Pariser Stadtfotograf Charles Marville vor dem radikalen Umbau von Paris durch Georges-Eugène Haussmann anfertigte, attestierte man reine Vergangenheitssehnsucht und einen verklärenden romantischen Blick. Da musste man erst die bitteren Erfahrungen des radikalen Stadtumbaus der Moderne machen, um das Dokumentarische und Historische an diesen Fotos zu entdecken.

Heute gibt es Berge von Fotobänden, die den Leser mit Vorher-Nachher-Ansichten derselben Straßen und Häuser erfreuen. Nicht immer kommen sie bei den Kritikern gut weg – in diesem Band etwa die Beiträge von Niels Gormsen und Armin Kühne. Aber nicht, weil der Vergleich der abgerissenen Zustände mit dem sanierten neuen Zustand irgendwie anrüchig wäre, sondern weil Niels Gormsen, in den 1990ern immerhin selbst Stadtbaurat in Leipzig, die sanierten Zustände geradezu lobpreist, als wäre alles Neue per se das ultimativ Geglückte.

Dabei machen Koppelkamms Bilder erst sichtbar, wie wichtig der Mensch als elementare Größe und Maßstab fürs Bauen ist. Zwar sind die meisten Bilder aus dem Ausstellungsteil „Häuser“ alias „Bilder des Wandels“ fast menschenleer. Aber wo Menschen auftauchen im Foto, machen sie erst deutlich, welche Geschichte die Bauwerke eigentlich erzählen – und welche nicht.

Was dann im Ausstellungsteil „Räume“ / „Kommentare zum urbanen Leben“ deutlicher wird, wenn sich Koppelkamm intensiv mit den (Glas-)Fronten, (Bau-)Fluchten, (Blind-)Wänden, Ein- und Aussichten der geometrischen Bauweisen der Moderne beschäftigt. Da sind Fotos, in denen die Menschen puppenklein und wie ausgestellt wirken, während riesige Werbe-Poster den Himmel, die Straßenschlucht oder die betongebaute Quaderlandschaft zu überspannen scheinen. Der Mensch wird zum Liliputaner unter lauter werbeschönen Riesen und Riesinnen, die ihm Parfüm oder Kleidung verkaufen wollen. Über die Arbeitswelt der Menschenameisen dominiert die Konsumwelt mit ihren billigen Heilsversprechen.

Man merkt beim Blättern, worum es diesem Koppelkamm gehen muss. Eine Suche nach einer verschwundenen Welt der Kindheit ist das nur indirekt, auch wenn der Verlust der verkraftbaren Dimensionen aus der Gründerzeit sicherlich einer der Hauptgründe dafür ist, warum man sich in den kahlgeplanten Innenstädten der Moderne nicht mehr wohl und schon gar nicht zuhause fühlt. Mit dem stillen Blick der Schwarz-Weiß-Fotografie stellt Koppelkamm ganz ähnliche Fragen, wie sie Arnold Bartetzky umtreiben. Und wie sie eigentlich auch Architekten, Stadtplaner und Investoren umtreiben sollten (aber fast nie wirklich umtreiben): Wie baut man eigentlich Städte, in denen sich Menschen ganz selbstverständlich geborgen und gemeint fühlen, nicht untergebuttert von einer Idee oder einer gewollten Wirkmächtigkeit, die Bauwerke immer kaltschnäuziger wirken lässt, ohne sie wirklich einladend zu machen.

Der Ausklang des Bandes ist in gewisser Weise versöhnlich, weil Koppelkamm Cafés und Restaurants aus aller Welt fotografiert hat – aber ohne Gäste, nur den Moment, in dem alles hergerichtet und vorbereitet ist, bevor die Gaststätte ihre Türen öffnet. Und obwohl die Räume menschenleer sind, strahlen sie schon etwas von der Geselligkeit aus, die gleich hereinbrechen wird. In der Ausstellung im Museum der bildenden Künste gibt es dann noch den fehlenden Teil dazu: Die Tonaufnahmen aus diesen Restaurants mit der Geräuschkulisse, die sich einstellt, wenn die Gäste da sind. Jede Kulisse hört sich anders an, aber alle machen das lebendige Miteinander hörbar, den Trubel, der hier herrscht, wenn Menschen sich treffen, um das Beieinandersein zu genießen.

Insgesamt also ein Bild-Text-Band, der die in Leipzig gern und lebhaft geführte Diskussion berührt, wie Städte denn eigentlich sein müssen, damit sie den Menschen eine Heimat sind. Und ihrem Leben ein Obdach geben, aber es nicht dominieren. Und was passiert, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen und das Gemeinschaftserlebnis Stadt immer mehr den trostlosen Folgen von Kontrolle, Rendite, Marktfähigkeit und Segregation unterliegt? Viele Gebäude aus dem ersten Teil von Koppelkamms Ausstellung wirken nicht ohne Grund fast menschlich, denn Häuser sind ja nicht nur Hülle, sondern auch Lebensort. Und wenn die Lebensgrundlage der kleinen Städte verschwindet, muss das ja auch etwas mit veränderten oder gar falschen Gesellschaftsprozessen zu tun haben, mit falsch gewählten Dimensionen und einem aus dem Lot geratenen Wechselspiel von Kontrolle und Kontrollverlust.

Hübsches Futter also für Leute, die das Gegebene nicht so einfach akzeptieren, wie es sich darstellt, und die sich noch bärisch freuen können, wenn flotte Sanierer doch noch das Herz hatten, Spuren der Vergangenheit sichtbar sein zu lassen.

Denn gesichtslos gewordene Städte erzählen auch von einer tiefen Ignoranz unserer eigenen Geschichte gegenüber. Und wer seiner Geschichte nicht mehr bewusst ist, der läuft ziemlich bald ziemlich ahnungslos in den fatalen Schleifen einer scheinbar wegretuschierten Vergangenheit. Und weiß nicht mal, warum.

Stefan Koppelkamm: Häuser Räume Stimmen, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2016, 25 Euro.

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