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Im stillen Weimar des Nordens mit Odysseus, Carl Maria und Dumm Hans

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    Eutin? Da muss man in der Regel erst mal auf der Landkarte nachschauen und wird ganz oben fündig, in Ostholstein. So ganz unwichtig ist das 16.500-Einwohner-Städtchen in diesem Jahr nicht, denn diesmal findet die Schleswig-Holsteinische Landesgartenschau in Eutin statt. Und einen 200 Jahre alten Schlossgarten, der zum Herzstück der Schau wird, hat Eutin auch. Natürlich auch ein Schloss.

    Hier residierten die Fürstbischöfe und Herzöge von Lübeck und von Oldenburg. Einige davon sehr kunstsinnig. So wie Peter Ludwig Friedrich von Holstein Oldenburg, der Eutin für eine kurze Zeit zum „Weimar des Nordens“ machte. Es waren zwar nicht Goethe und Schiller, die er in sein Residenzstädtchen locken konnte – auch Herder war nur kurz mal da als Prinzenerzieher. Aber Männer wie Jacobi, Voss, Stolberg, von Halem oder Schlosser hatten zu ihrer Zeit einen Namen. Sie bildeten den Eutiner Kreis, einige waren auch gleichzeitig dem Göttinger Hain verbunden.

    Voss war als Übersetzer von „Illias“ und „Odyssee“ berühmt. Der Fürst hatte ihn als Schulrektor nach Eutin geholt. Nur einer von den ganz Berühmten wurde hier geboren: Carl Maria von Weber. Und so pendelt der Eutiner Nationalstolz zwischen Voss und von Weber – das lokale Entsetzen wohl ebenso. Denn 2006 brannte das Wohnhaus von Voss komplett ab. Und das Geburtshaus von Carl Maria von Weber (das Maria kam erst später heimlich dazu) steht leer. Es geht also nicht nur kleinen Städten im Osten so, dass die Dinge manchmal klemmen und der Ort ein bisschen zu verschlafen wirkt.

    Deswegen nimmt das Schloss selbst den größten Teil der Tour ein, die Steffi Böttger durch das Städtchen gelegt hat, nachdem sie kurz mal über den großen Markt geschlendert ist und auch die Stolbergstraße 8/10 mit dem Tischbein-Garten besucht hat (der mit seinem Namen natürlich an den berühmten Maler erinnert, der seinerzeit „Goethe in der Campagna“ malte). Das Schloss mit seiner original erhaltenen Einrichtung ist natürlich ein Genuss für Schlossliebhaber – insbesondere die von barocken Schlössern. Auch weil man hier so ein wenig den Atem der Zeit spürt, als die regierenden Fürsten noch in große Herrscherhäuser einheirateten. Ein halbes Wasserschloss, ein ganzes Schmuckkästchen. Wer hier die Böden wienern und die Bilderrahmen abstauben muss, der hat zu tun, kann sich aber wohl auch Zeit lassen. Es sieht alles nach einem ganz anderen Tempo aus. Nebenan lockt das Ostholstein-Museum, der Schloss- und Kräutergarten mit dem Weber-Hain grenzt ebenso an. Hier muss niemand eilen.

    Und sogar einem Studiosus aus Leipzig begegnet man: Heinrich Wisser, dem „Märchenprofessor“, der nach seinem Germanistikstudium in Kiel und Leipzig begann, plattdeutsche Märchen zu sammeln. In denen kam auch ein gewisser Dumm Hans vor. Der steht in Eutin frech herum. Oder verschmitzt? Denn dumm war er ja nicht, er stellte sich nur so. Das ist die Stelle, an der man auch kurz das Ufer des Großen Eutiner Sees mit Stadtbucht und Rosengarten berührt, auch das ein Teil der Landesgartenschau. Ein kurzer Blick hinüber zur Fasaneninsel, wo einst die hiesigen Slawen – die Wagrier – die Siedlung gründeten, bevor Siedler aus Friesland und Holland auf dem festen Land zwischen dem Großen und dem Kleinen Eutiner See die Keimzelle der heutigen Stadt legten. Skandale gab’s natürlich auch, denn als der Dichter Klopstock hier 1776 seine Eutiner Freunde besuchte, badete er kurzerhand nackt im See.

    Noch ein paar solcher Stadtführer, und wir werden drauf achten müssen, was dieser Klopstock so alles getrieben hat bei seinen Frundesbesuchen. In Leipzig hat er ja bekanntlich auch studiert. Aber: Wo hat er da gebadet?

    Insgesamt hat man mit diesem Abstecher einen fast idyllischen Stadtrundgang erwischt. Quasi als Erholungsstation zwischen Kiel und Lübeck, so ein richtig holsteinisches Städtchen, in dem der große Marktplatz mit den niedrigen Häusern ringsum bestellt ist mit Stühlen, Tischen und Sonnenschirmen. Also so ungefähr das Gegenteil des immer eiligen inneren Leipzig. Ein guter Grund also doch, hier mal herzukommen. Vielleicht nicht in diesem Sommer, wenn die Gartenschau zur Attraktion wird. Vielleicht im nächsten, wenn man sich von Großveranstaltungen andernorts mal flüchten will und die „Odyssee“ mal in aller Ruhe auf einer Bank in frischer Luft lesen möchte. Natürlich in der Übersetzung von Voss, welcher denn sonst?

    Steffi Böttger Eutin an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2016, 4,95 Euro.

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