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Wie die sächsische Landeskirche mit dem Nikolaipfarrer Friedrich Ernst Lewek umging

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    Am Dienstag, 23. August, gibt es etwas, was auch die Nikolaikirchgemeinde so noch nicht erlebt hat: Der historische Saal im Predigerhaus am Nikolaikirchhof wird in Ernst-Lewek-Saal umbenannt. Und damit bekennt sich die Nikolaikirche zu einem Kapitel, das bis 2014 praktisch nicht existierte: die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte in der NS-Zeit.

    Man staunt immer wieder, welche Institutionen, Unternehmen und Behörden in der Bundesrepublik sich bis heute nicht mit ihrer Vergangenheit im Hitlerreich und ihren Verstrickungen in die Justizmaschinerie der Nazis beschäftigt haben.

    Und wenn wir jetzt nichts verpasst haben, gehören in Leipzig ein ganzer Haufen Institutionen dazu. Wo bleibt das Buch, das sich mit der Rolle der Stadtverwaltung in der NS-Zeit beschäftigt? Immer nur auf die NS-Oberbürgermeister zu schielen, lässt weder Strukturen noch Abhängigkeiten noch Schuld sichtbar werden. Das Thema ist bis jetzt nur sachte gestreift mit den Verstrickungen in das „Euthanasie“-Programm und die „Judenverschickungen“. Kommt es vielleicht im Band 3 zur Stadtgeschichte? Wir zweifeln.

    Die Nikolaikirchgemeinde jedenfalls zeigte sich aufgeschlossen, als das Thema an sie herangetragen wurde. Eine Schülergruppe des Nikolai-Gymnasiums hatte sich vorgenommen, die Geschichte des einstigen Nikolaipfarrers Friedrich Ernst Lewek aufzuarbeiten. Der Name war schon aus den Recherchen aus dem Erich-Zeigner-Haus bekannt als nicht ganz namenloses Opfer der NS-Justiz. 2004 gab es auch schon einen Versuch, dem von seiner Kirche entlassenen und von den Nazis zur Zwangsarbeit in Osterrode gepressten Pfarrer einen Stolperstein zu beschaffen, der freilich gescheitert ist. Jetzt gab es einen zweiten Anlauf, bei dem sich auch die Kirchgemeinde selbst engagierte.

    Im März 2015 konnte der Stolperstein tatsächlich verlegt werden direkt vor dem Eingang zum Predigerhaus, wo Friedrich Ernst Lewek einst als Nikolaipfarrer mit seiner Familie lebte, bevor ihm die Predigerstelle von der von den Deutschen Christen dominierten Landeskirche entzogen wurde. Weil er „Halbjude“ war – also aus rassistischen Gründen. Da muss man nicht lange nachdenken: Wer die Geschichte so eines Mannes aufschreibt, der kommt ohne eine Warnung vor den Entwicklungen der Gegenwart nicht aus. Der Schoß ist fruchtbar noch …

    Eigentlich hatten die Schülerinnen und Schüler des Nikolaigymnasiums sich in die alten Aktenbestände vertieft, um die Biografie Leweks für das Stolpersteine-Projekt zu erstellen. Aber bei den Recherchen auch in Kirchenarchiven waren sie dann mehr als überrascht, was da alles zu lesen stand. Denn die Geschichte der „Deutschen Christen“ und wie sie die Landeskirchen gleichschalteten, Chauvinismus und Rassismus auch in den Kirchgemeinden propagierten und rigoros gegen Pfarrer vorgingen, die nicht bereit waren, sich der NS-Ideologie anzudienen, wird nicht unbedingt in den Schulen vermittelt.

    Deswegen sind solche Projekte wie die Stolpersteine so wichtig, weil sie erstmals auch sichtbar machen, wie viele Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen zum Opfer der Nazis wurden – eben nicht nur die Juden, die von den „willigen Vollstreckern“ in Scharen zur Schlachtbank geschickt wurden, die Sinti und Roma, die Homosexuellen und Behinderten, die Kommunisten, Sozialdemokraten und Teilnehmer des 20. Juli 1944. Auch Gläubige und auch Seelsorger, die sich dem Regime der „Deutschen Christen“ nicht fügen wollten. Und es war in der Evangelischen Kirche nicht viel anders als in anderen gesellschaftlichen Organisationen dieser Zeit: Die Täter und Vollstrecker fanden sich im eigenen Apparat, in Leuten wie in Friedrich Coch, der die Gunst der Stunde nutze, das ersehnte Amt des Landesbischofs zu bekommen und sich als Handlanger der NS-Ideologie anzudienen. Was ihm in Sachsen leichter fiel als anderen NS-nahen Kirchengrößen, denn die sächsische Landeskirche war anfangs stark von den „Deutschen Christen“ dominiert. Die Mitglieder des Pfarrernotbundes und der folgenden Bekennenden Kirche waren in der Minderheit. Die meisten Pfarrer rechneten sich sogar eher einer Mitte zu, die sich ganz heraushielt aus diesen Kämpfen.

    Andererseits macht die Spurensuche der Projektgruppe auch sichtbar, dass es trotzdem einige Aufrechte gab, die nicht bereit waren, sich immer wegzuducken oder anzudienen. Sie versuchten Lewek durchaus zu helfen. Denn als Pfarrer und Persönlichkeit war er geachtet. Auch das wird selten als Mechanismus beleuchtet, was eigentlich passiert, wenn bürokratische und autokratische Personen Politik machen, wie sie gewachsene Vertrauens- und Respektverhältnisse mit Füßen treten und die ganze Gesellschaft mit einer Arroganz durchtränken, die sich in Windeseile in Misstrauen gegen diffamierte Gruppen verwandelt. Und hinter dem Misstrauen beginnen Vertrauensentzug und Feigheit. Auf einmal wird eine Welt, in der alles auf Respekt und Vertrauen gegründet war, in etwas verwandelt, in dem Bürokraten des Hasses und der Verleumdung alle Verhältnisse mit schwelender Angst durchtränken.

    Das funktioniert auch heute noch. Faschismus ist keine deutsche Erfindung. Und er ist kein „Sündenfall“, sondern die Umsetzung von Feigheit und Verachtung mit staatlichen Mitteln.

    So ist die Beschäftigung mit dem Schicksal von Friedrich Ernst Lewek, den die eigene Kirchenobrigkeit erst aus dem Amt und später aus der Wohnung drängte, auch ein Teil des heutigen Widerspruchs gegen die wieder um sich greifende Verachtung der Feiglinge, die gern Alle und Jedes bevormunden wollen und wieder Angst und Misstrauen säen. Ohne dass jemand ihre Rolle und ihr Denken hinterfragt.

    Was auch daran liegt, dass sich nicht nur die Landeskirchen nach 1945 hüteten, das Kapitel NS-Zeit aufzuschnüren. Auch das erzählen die Schüler in diesem Buch, das aus ihren biografischen Recherchen entstanden ist. Denn irgendwann merkten sie, dass sie Leweks Geschichte nicht erzählen können, wenn sie die Verstrickungen der sächsischen Landeskirche in die Schandtaten des NS-Regimes weglassen, diese amtgewordene Obrigkeitshörigkeit, die zu jeder Untat bereit ist – ohne Emotion, ohne irgendeine Frage: Ist das noch christlich? Wenn sich Religionen einer Staatsideologie andienen, verlieren sie jede Moral.

    Und an diesem Zustand änderte sich nach der Befreiung durch die Amerikaner nichts. Das war Leweks großes Problem, als er nach der Rückkehr aus der Zwangsarbeit, die ihn körperlich kaputt gemacht hatte, und Leipzigs Befreiung durch die Amerikaner wieder Pfarrer wurde in Leipzig und sehen musste, dass niemand bereit war, die in der NS-Zeit in die Führungspositionen gekommenen kirchlichen Amtsträger zu hinterfragen. Er war sogar so verzweifelt, dass er den OBM von Leipzig, Erich Zeigner, um Hilfe anfragte – womit er sich der Landeskirche gegenüber endgültig in eine unhaltbare Position brachte.

    Das ist eigentlich die Stelle im Buch, an der es richtig spannend wird. Denn hier wird die Frage nach der Aufarbeitung der NS-Geschichte der sächsischen Landeskirche gestellt. Und die nach der Frühzeit der ostdeutschen CDU, die von Lewek mitgegründet wurde – als demokratisches Gegengewicht zu KPD und SPD. Aber auch hier kam es bald zum Bruch, weil die CDU-Granden nur zu bereit waren, sich dem „Demokratischen Block“ anzudienen und damit zum braven Unterstützer der SED zu werden. Das war die Zeit, als Lewek kurzzeitig im Leipziger Stadtrat aktiv war in der Hoffnung, hier wenigstens ein bisschen politisch Einfluss nehmen zu können. Am Ende saß er aber für den Verband der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in der Volkskammer.

    Zwar haben die Angehörigen des Nikolaipfarrers mitgeholfen, Material über Lewek zusammenzutragen. Aber spätestens hier fehlen die persönlichen Zeugnisse. Was schade ist. Denn die amtlichen Urkunden zeigen immer nur den vom Staat gesehenen Bürger. Sie zeigen keine Emotionen, keine Motive, keine persönlichen Haltungen. Wenn es davon keine Zeugnisse mehr gibt, wäre es ein echter Verlust. Denn damit fehlen wichtige Aspekte nicht nur in der Biografie des Mannes, der schon 1953 im Alter von 60 Jahren an den Spätfolgen der Zwangsarbeit starb.

    Natürlich ist das wieder ein gesonderter Teil der biografischen Forschung, der über das hinausgeht, was Schüler in so einem Projekt schaffen können. Tatsächlich haben sie ein wichtiges Kapitel aus der Geschichte der Nikolaikirchgemeinde erst einmal sichtbar gemacht und auch dem lange vergessenen Friedrich Ernst Lewek wieder einen Platz in der Erinnerung gegeben. Das Buch vereint ihre Forschungsergebnisse, enthält auch die deutliche Mahnung an die Gegenwart, die Prof. Dr. Rainer Vor, der Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Nikolaikirche e.V. ausgesprochen hat.

    Und am Dienstag wird das Buch sowieso aktuell. Dann findet die kleine Feierstunde im Predigerhaus der Nikolaikirche statt.

    Die Meldung der Nikolaikirchgemeinde dazu:

    Umbenennung eines Gemeindesaales

    Am Dienstag, 23. August, wird um 18 Uhr im Rahmen einer kleinen Feierstunde der historische Saal im Predigerhaus, Nikolaikirchhof 3, in Ernst-Lewek-Saal umbenannt.

    Ernst Lewek war von 1926 bis 1938 Pfarrer an der Nikolaikirche Leipzig. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung, seiner Mitgliedschaft in der Bekennenden Kirche und seines mutigen Eintretens gegen nationalsozialistisches Denken wurde er mehrfach verhaftet und schließlich des Amtes enthoben. Die evangelisch-lutherische Kirche hat ihn davor nicht geschützt und nach Kriegsende nur unzureichend rehabilitiert. Lewek starb 1953 an den Folgen der Arbeitslager.

    Schüler der Neuen Nikolaischule haben sich unter Anleitung vom Erich-Zeigner-Haus e.V. und im Auftrag des Fördervereins der Nikolaigemeinde mit dem Leben von Ernst-Lewek beschäftigt und im März 2015 einen Stolperstein verlegt. Nunmehr soll in Anwesenheit einiger Kinder und Enkel von Lewek ein Gemeindesaal in dem Haus nach ihm benannt werden, in dem er als Pfarrer mit seiner siebenköpfigen Familie gewohnt hatte und das er nach seiner Entlassung im Jahr 1940 endgültig verlassen musste. Auf diese Weise soll Ernst Lewek eine späte Rehabilitation und eine Würdigung seiner Verdienste erfahren. Darüber hinaus will die Kirchgemeinde an das eigene Versagen erinnern und ein Zeichen gegen Diktatur und Rassismus setzen.

    Die Feierstunde ist öffentlich. Gäste sind willkommen.

    „Das Leben und Wirken von Friedrich Ernst Lewek“, bookra Verlag, Leipzig 2016, 4,90 Euro.

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