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Mit satirischem Zeichenstift schaut Matthias Friedrich Muecke dem wilden Filmvolk beim Arbeiten zu

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    Jüngst hat er erst das Godot-Buch von Marion Brasch stimmungsvoll illustriert und gezeigt, was dem berühmten Herrn Godot alles passierte, während zwei ratlose Landstreicher auf ihn warteten. Aber da hat er den beiden Verlegern von Voland & Quist wohl auch verraten, dass er da noch ein esoterisches Feld ganz gut kennt aus seiner Arbeit als Szenenbildner für den Film.

    Eigentlich ist er freischaffender Maler und Grafiker, hat einen Lebensmittelpunkt in Falkenberg bei Berlin, den anderen in Leipzig, der kleinen Möchtegern-Filmstadt an der Pleiße, wo ab und zu Straßen und Plätze von riesigen Trucks versperrt werden und ein paar seltsame Leute so wichtig tun, als wenn sie gerade das Projekt Weltrettung begonnen hätten. So eine gewisse Überzeugung haben Filmleute wohl wirklich. In aller Welt. Egal, wie teuer ihr Film wird, wer ihn bezahlt, wie trivial die Geschichte ist und wie niederschmetternd die Zuschauerzahlen. Jeder Film ist ein neuer Versuch, Bäume auszureißen, die Welt in Staunen zu versetzen und ein Werk hinzusetzen, das irgendwie die Menschen zu besseren Wesen macht. Erlöst vom Übel des Alltags. Irgend so etwas.

    Jüngst erst haben Clemens Meyer und Claudius Nießen ja in ihrem Himmelhunde-Buch durchgespielt, wie man geistig völlig herunterkommt, wenn man sich lauter Trash-Filme reinzieht, von denen wohl selbst die Regisseure nicht wussten, ob sie absichtlich Trash produzierten oder eigentlich einen oscarverdächtigen Megafilm im Kopf hatten – was nicht heißt, dass oscarverdächtige Filme kein Trash sind – die meisten sind es eben doch. Und das hat mit den Mechanismen dieses Gewerbes zu tun, das in gewisser Weise ein sehr horizontales ist. Was auch Muecke durchblicken lässt, wenn er die Rollen von Drehbuchautorin, Filmproduzent, Producerin, Herstellungsleiter usw. beschreibt und bebildert. Wobei man bei seinen Zeichnungen jedes Mal dieses Gefühl hat: Die Type kennst du doch. Der saß doch jüngst erst bei der Pressekonferenz vorn und hat mit seinen Goldringen geklimpert!

    Wer derart in der Filmwelt lebt, nimmt irgendwann wahrscheinlich zwangsläufig eine Rolle an, die man irgendwo in hunderten Filmen so schon mal gesehen hat. Höchst befremdet, weil man so viel Hollywood in der realen Welt nicht vermuten würde. Schon gar nicht bei regionalen Straßenfilmchen für den MDR. Aber augenscheinlich färbt das Metier ab. Und wenn es nicht da stünde, würde man trotzdem richtig raten, wer nun welchen Job hat – vor Beginn der Dreharbeiten, während dieser und danach. Es ist eine riesige Teamarbeit, eine Menge Schufterei, viel Kleinarbeit. Ach ja: Und das liebe Geld kommt auch nicht allein.

    Womit man beim Horizontalen ist, der schlichten Tatsache, dass weder Drehbuchautoren noch Regisseure bestimmen, was gedreht wird. Denn was gedreht wird, das bestimmen die Geldgeber – in Deutschland mal der Staat und seine diversen Fördertöpfe oder gleich die bräsigen Sender mit ihrem provinziellen Blick auf die Welt. Weshalb Drehbuchautoren 121 oder 221 Fassungen des Drehbuchs schreiben müssen und zumindest der Producer das Gefühl haben muss, dass das Ergebnis so eine Art Knaller wird. Wird es meistens nicht. Denn wenn er für den Knaller keine Geldgeber findet, gibt es den Film nicht. Dafür zehn Filme über die üblichen Themen mit der üblichen Heimatsoße.

    Da sind wir aber abgeglitten. Darüber schreibt Muecke ja gar kein Wort. Auch wenn in seinem Buch so nebenbei ein Film mit dem umwerfenden Titel „Das Leben“ gedreht wird. Was aber an der Personage am Filmset nichts ändert, diesen eindrucksvollen Spezialisten, die mit einem gewaltigen Aufwand in Szene setzen, was es am Ende ins Drehbuch geschafft hat.  Dabei vollbringen sie wahre Wunder, scheinen sogar Flugzeuge aufhalten zu können und Ämter zum Einlenken zu bringen. Na gut. Beim Film werden auch Amtsleiter schwach. Damit können Filmleute ja immer rechnen. Manche Leute sind ja schon happy, wenn sie bei den Danksagungen im Abspann erwähnt werden. Weshalb ab und an der Abspann inhaltsreicher ist als der Film, der ja noch längst nicht fertig ist, wenn alles abgedreht ist. Jetzt kommen erst die ganzen Schnipsel-, Ton- und Stimmungskünstler zum Zug, die aus dem Rohmaterial eine flüssige Filmschleife machen mit den richtigen Übergängen, gut abgemischtem Sound und jeder Menge Effekte, die Leute im Kino zum Heulen bringen oder reif für den Notarzt machen.

    Und manchmal klingt Muecke dann so wie Frank Bröker, wenn der vom Eishockey schwärmt. Was natürlich einen Verdacht bestätigt: Dass eine Menge Leute, die einem manchmal mit ihrer geballten Ladung von Überzeugungskraft begegnen, tatsächlich in völlig in sich geschlossenen Welten leben – mit ihren eigenen Regeln, Geschichten, ihrem Code und ihren Helden. Und zwar schon so lange, dass das, was sie da tun, mit den Welten der anderen Menschen gar nichts mehr zu tun hat. Was diese Welten natürlich zum Schillern bringt wie Seifenblasen und so geheimnisvoll wie einen Zirkus.

    Aber dann sieht man diese aufgeschminkten Gestalten und bekommt das flaue Gefühl, dass man es mit denen wohl keine fünf Minuten aushalten würde, wenn man es denn mal müsste. Und trotzdem gibt es die ewigen Praktikanten, die alles tun würden, um in dieser Welt auch nur den Dienstboten spielen zu dürfen. Es schimmert so ein wenig die Jagd der Moderne nach Ruhm und Glamour durch.

    Und man denkt an Pratchetts Roman „Moving Pictures“ und hat all diese seltsamen Gestalten vor sich, die in den Holy Wood Hills auf einmal über sich hinauswachsen. Aus blassen Allerweltsmenschen werden: Stars. Und zwar nicht nur in ihrer Rolle, sondern auch jenseits der Szene. Die Welt verändert sich und der künstlich geschaffene Glanz überstrahlt auf einmal die alltäglichen Händel der Welt.

    Aber was passiert, wenn Menschen das nicht mehr unterscheiden können? Wenn sie die Tricks von Sounddesignerin und Tonmischer für das Wirkliche und Echte nehmen? So dass die ungemischten Töne der Wirklichkeit nicht mehr beeindrucken und nicht mehr für ernst genommen werden?

    Fast würde man sich noch ein Extra-Kapitel wünschen mit den Leuten im Bild, die das Geld „spendieren“. Und die noch viel stärker die Allmacht ausstrahlen, die die Verfügungsgewalt über DEN FILM ihnen gibt. Sie sind ja die eigentlichen Zampanos, die die gängigen Bildwelten erschaffen lassen, die die Realität zur schäbigen Kulisse werden lassen. Eine Kulisse, die vielen Konsumenten der von ihnen gelieferten Ware schon längst nicht mehr reicht. Egal, ob Amokläufer, Hassprediger, Laienpolitiker, Präsidentenkandidat, Talkshow-Teilnehmer – immer mehr Leute treten so auf, als wären alle Kameras auf sie gerichtet und sie müssten nun eine große Rolle ausfüllen. Und die ganze Medienwelt ist von diesen Schaumschlägern begeistert, bringt sie groß ins Bild …

    Irgendwann geht man dann, wenn man noch ein paar funktionierende graue Zellen hat, nicht mehr ins Kino und bringt den Fernseher als Schrott zurück zum Händler, ohne sich eine neue Verblödungsmaschine zuzulegen. Auch wenn man genau weiß, dass diese Welten, die all diesen Mumpitz produzieren, so hermetisch abgeschottet sind, dass man nichts, aber auch gar nichts dran ändern kann. Nicht mal beim Geld, das die Nachtgestalten sich eintreiben lassen, damit ihre Fiktions-Maschine geschmiert weiterlaufen kann.

    Nein, wirklich lustig ist das Buch nicht geworden. Eher ein bissig-satirischer Blick in eine Welt, in der alle überdrehen, um immer neue Fiktionen zu erzeugen, von denen zumindest die Geldgeber überzeugt sind, dass man das ganze Geld unbedingt dafür ausgeben muss. Denn das Tier, das sie füttern, ist unersättlich. Und der Hammer von gestern ist längst schon von neuen Hammer-Filmen verdrängt. Einer hammerhärter als der andere. Am Ende landet der ganze Schrott – natürlich – bei Meyer und Nießen in durchsoffenen Zombie-Nächten mit Bergen von Trash, die nur eins sicher verraten: Dass noch viel riesigere Berge von Trash produziert werden und niemand diesen Zirkus mehr stoppen kann.

    Matthias Friedrich Muecke … und Action, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2016, 19,90 Euro.

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