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Die Lebensnachdenklichkeiten von Kloß, Spinne und Norbert jetzt auch als griffiges Unterwegsbuch

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    Auch Spaß macht Arbeit. Jede Menge. Eigentlich hatte sich Volker Strübing seine beiden gegensätzlichen Figuren Kloß und Spinne mal als Pausenfüller im Programm der Lesebühne LSD (Liebe statt Drogen) ausgedacht. Da hockten sie eine Weile, der eine stets kloßbetrübt, der andere immerzu guter Laune. Das hätte auch schon der Endpunkt ihrer Karriere sein können.

    Aber dann meldete sich eine Produktionsfirma bei Strübing, die eine kleine Hörspielserie für die „Show Royale“ auf Radio Eins machen wollte. Irgendwie ist so etwas beim RBB möglich. Vielleicht sind die Berliner und Brandenburger anspruchsvoller beim Radiohören. Kann sein. Nicht immer nur die üblichen Quatschpaare, die mit Großvaterwitzen die Leute bespaßen. Bisschen mehr Grips auf der Welle. Kann ja sein.

    Denn Strübing sprüht zwar zuweilen von einem liebenswerten, schönen, fast selbstverständlichen Humor. Aber er befürchtet nicht zu Unrecht, dass er bei einer anderen Weichenstellung in seinem Leben ein ernsthafter Schriftsteller geworden wäre. Was ja in Deutschland brandgefährlich ist. Da kann man nicht mehr, wie man will. Da muss man Leute beeindrucken, die für Ironie und Heiterkeit nicht viel übrig haben.

    Und gerade da sind seine Tugenden. Hinter jedem heiteren Denker steckt ein begnadeter Melancholiker, der auch ein großer Zweifler ist, ein philosophischer Kopf sowieso. Sonst wäre Strübing auch nie auf dieses sonnige Pärchen gekommen, das die Welt so konsequent von der positiven und der negativen Seite betrachtet. Wobei es gerade die miesepetrigen Interpretationen von Kloß sind, die zum Nachdenken anregen. Zumindest, wenn man das kennt: diesen ewigen Zweifel in sich, dieses Verzagen selbst vor schönen Dingen wie der Liebe, weil irgendwo tief drinnen die Schüchternheit nagt.

    Strübing hat sich quasi aufgeteilt in seine schüchterne, manchmal auch fürchterlich deprimierte Hälfte, und den Immer-wieder-aufsteh-Volker, der sich nicht entmutigen lässt.

    Und damit ist er wohl wie die Meisten. Auch wie die meisten Männer, auch wenn man das so gar nicht sagen darf in einem Land, in dem Schwäche und Menschlichkeit sanktioniert werden. Kloß erlebt das immer wieder. Spinne erzählt davon gar nichts. Der bestellt nur immer wieder seine Brause, obwohl er die von Norbert, dem raunzigen Wirt der Eckkneipe, garantiert nie bekommen wird. Norbert kam dazu, als Strübing die kleine Radioshow schrieb, die nicht nur das Publikum auf Gedanken brachte, sondern auch den Autor. Der setzte sich dann eines Tages an seinen Computer und bastelte aus den kleinen Szenen kleine Videoclips, die sich dann, als er sie im Internet hochlud, als richtige Erfolgsclips entpuppten.

    Wohl auch, weil sie bruchlos waren: So naiv, wie die am Rechner gebastelten Gestalten wirken, sind sie sichtlich nicht. Manchmal taucht auch der blasse Horst auf, der noch viel schüchterner ist als Volker und deshalb auch meistens nicht mal die Aufmerksamkeitsschwelle von Norbert überwinden kann. Und dann sitzt da auch noch Wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Dirk, der ab und zu seinen Hitler in die Runde schmeißt.

    Die kleine Kneipenrunde ist also so eine Art große Gesellschaft, in der aber nicht Dirk den Ton angibt, sondern Norbert: Wer sein Bier nicht bezahlt, bekommt ein Problem. Ach ja: Frauen kommen auch vor. Ganz virtuell. Wie das meist auch im richtigen Leben so ist. Meistens geht es um das Mädchen, in das sich Kloß verliebt hat – was dann ein paar Dialoge ergibt, die mit der Realität mehr zu tun haben, als all die protzigen Debatten über Gleichberechtigung, Feminismus und Emanzipation, die sonst so im Lande geführt werden. Diese Schlagabtausche von Leuten, die augenscheinlich mit all den fatalen Begleiterscheinungen der Liebe nie etwas zu tun hatten. Oder die es im Kopf nicht zusammenbringen, was Liebe, Sex und Schüchternheit eigentlich alles miteinander zu tun haben.

    Dass Norbert die Dinge wesentlich pragmatischer sieht, erfährt der Zuschauer in den Clips immer, wenn ein dicker fetter Stempel sich auf das Bild drückt: „Norbert erklärt die Welt“.

    Das macht er jetzt in diesem Buch, in dem Volker Strübing 16 seiner kleinen Hörspiele noch einmal überarbeitet und in druckreifen Text verwandelt hat, natürlich auch. Meistens greift der internetaffine Wirt dann auf irgendetwas zurück, was er da mal irgendwo gelesen hat. Wahrscheinlich spotten die Menschen in 50 Jahren über dieses Ungetüm „Internet“, in dem 90 Prozent der wabernden Informationen irgendwelcher Abfall sind, den irgendwer in die Welt posaunt und Millionen Leute verteilen es weiter. In Netzwerken, in denen der Besitzer die ganze Zeit herumgeht und Beschwerden abwimmelt, weil er für den Müll, der da gepostet wird in seinem Netzwerk, keine Verantwortung übernimmt.

    So bekommt Norbert eine sehr sardonische Haltung zur Welt, leicht ironisch angehaucht, obwohl der Mann nie lacht und auch nicht lächelt. So dass man nie weiß: Wie ernst meint der das jetzt? Gerade wenn er sich immer tiefer in seine eigenwilligen Erklärungen zur Welt vertieft und dabei die steilen Thesen eigentlich schon ad absurdum führt. Die Frage ist nur: Auf welcher Bezugsebene? Die Welt ist ihm ja ziemlich schnuppe. Ihn interessiert nur der Umsatz in seiner Kneipe. Brausetrinker mag er nicht. Die ganzen Latte-Macchiato-Typen und Veganer auch nicht. Ein ordentliches Steak ist für ihn konzentriertes Getreide. Bier natürlich auch. Ist eben so ein richtiger alter Berliner Eckkneipenwirt, der nie auf die Idee käme, sich eine Krawatte umzubinden oder gar an Schönheitswettbewerben teilzunehmen.

    Deswegen fällt natürlich auf, dass das eigentliche übliche Eckkneipenpublikum fehlt. Denn selbst Kloß mit seiner schlechten Laune wirkt hier eher wie ein ganz und gar nicht angestammter Gast, der sein Bierchen zum Feierabend trinkt und dabei durchaus tiefsinnig darüber nachdenkt, wie er damit seine Autonomie als liebender Mann demonstrieren kann. Was ja die üblichen Kneipengäste eher selten tun. Da ist das Leben in der Kneipe schon Freiheit genug. Es ist also eine ganz besondere Kneipe, die Strübing da gefunden hat – aber gerade in dieser Reduktion ein so typisches Ensemble der heutigen Männlichkeit im Land, dass man den Dreien stundenlang zuhören könnte.

    Denn sie tun ja irgendwie genau das, was bei normalen Menschen früher fortwährend im Kopf passiert ist. Als sie noch keine Ich-schalt-mich-mal-aus-Geräte anschalten konnten und immer wieder solche Momente (mit oder ohne Bierglas vor sich) hatten, in denen sie versuchten, die Gründe für ihr aktuelles Lebensproblem herauszufinden. Was nur bis zu einem bestimmten Alkoholpegel geht – danach funktioniert das sowieso nicht mehr.

    Dazu braucht man dann Typen wie Spinne, die eifrig Widerworte geben und den Pangloss machen. Das reizt ja zum Argumentieren, da muss man seine Position erst mal absichern und verstärken. Was ja Kloß in aller Konsequenz tut. Wer bringt es schon fertig, beim ersten Anruf bei einem angebeteten Mädchen erst mal zu erklären, dass man mit ihr aus lauter betrüblichen Gründen nie und nimmer eine Beziehung aufnehmen würde?

    Vielleicht ist diese kleine Kneipe trotzdem genau der richtige Ort, um über die großen Fragen des Lebens nachzudenken. Oder wenigstens mal zu reden. Denn zurechtkommen muss man damit ja dann doch wieder auf seine eigene Weise. Und wenn es mal wieder schiefgeht, dann wartet da immer noch Norbert, der jeden Gast akzeptiert, solang der seine Bierchen trinkt und auch bezahlt, bevor er geht.

    Volker Strübing Kloß und Spinne, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2016, 10 Euro.

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