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Peter Henkels „Schluss mit Luther“

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    Noch rollt der große Luther-Express, feiert die evangelische Kirche sich auf den Höhepunkt des 500-jährigen Jubiläums der Reformation zu. Hunderte Luther-Bücher sind erschienen, die den Theologen aus Wittenberg in der Regel glorifizieren, gar zum Vorkämpfer der Moderne und der Aufklärung machen. Nur: Augenscheinlich war Luther das gar nicht, stellt Peter Henkel fest.

    Der Mann ist Journalist und hat das gemacht, was auch Journalisten meist nicht machen: die Primärquellen gelesen. Das, was Martin Luther selbst geschrieben hat, nicht das, was die Legende draus gemacht hat. Es ist ja alles verfügbar. Nur liest es selten einer, wie schon Fabian Vogt feststellte in seinem Büchlein „Luther für Eilige“. Aber mit „kurz & knackig“ geht der meiste Teil dessen, was Luther wirklich schrieb, verloren. Und er schrieb viel. Seine Streitschriften waren Bestseller. Sie wurden von den Lesekundigen in Deutschland und darüber hinaus regelrecht verschlungen. Aber das hat wohl weniger mit seiner Theologie zu tun, wie Peter Henkel feststellt. Die kennen selbst Pfarrer und Theologen oft nur rudimentär, in jenen groben Zügen, in denen sie sich deutlich von der katholischen Kirche absetzt. Die aber wollte Luther doch eigentlich reformieren, war es nicht so?

    Die Antwort lautet wohl: nicht unbedingt. Jedenfalls nicht so, wie es heute verstanden wird. Man übersieht es nur so leicht, weil auch die evangelische Kirche lieber nicht so genau hinschaut. Denn wenn man Luthers Schriften dann doch mal genauer liest, dann wird ein Mann sichtbar, der sich ein sehr kompliziertes und in sich widersprüchliches Modell zusammengezimmert hat, wie man die Bibel und insbesondere Paulus verstehen muss. Der Rettungsgedanke, den ja auch Joachim Köhler in seinem Buch „Luther!“ so zentral gestaltet hat, ist überwältigend: Da findet Luther nach all den Selbstquälereien im Kloster endlich den Schlüssel, sich von seinem immerfort strafenden, ungnädigen und nur mit ständigen Bußübungen zu bezähmenden Gott zu befreien, entwirft das Bild eines gnädigen Gottes, dem man einzig aus innigem Glauben dienen muss – und dann macht er im Grunde alles wieder systematisch zunichte, weil er mit seiner Berufung auf die Bibel (sola scrittura) quasi den Teufel mit dem Beelzebub austreibt.

    Denn wenn man die Heilige Schrift zum Maß aller Dinge macht, wird auch all der Blödsinn, der darin steht, wieder mit einem Heiligenschein umgeben. Dass die Bibel ganz und gar keine göttliche Verkündung ist, sondern die Arbeit von Generationen von Erzählern, Priestern und Korrektoren, haben nun 200 Jahre kritischer Quellenarbeit belegt. Heute weiß man tausend Mal mehr über Entstehung und Zeitschichten der Bibel als zu Luthers Zeit. Auch deshalb werden 90 Prozent der Bibel auch von Pfarrern, Theologen und Lehrern nie erwähnt, schon gar nicht im Original, das von Mord, Blutlust und Vernichtungseifer nur so strotzt. Und zwar nicht nur von Seiten biblischer Könige, Feldherren und Propheten, sondern auch von Gott selbst. Der ist – bis weit ins Neue Testament hinein – ein grimmer Wüterich. Ein Kerl, der augenscheinlich ein echtes Problem mit seinem Selbstbewusstsein hat.

    Und diese Widersprüche tauchen allesamt auch bei Luther wieder auf. Eben noch waren auch die Forscher froh, in Luthers Biografie den erlösten und befreiten Mönch aus Erfurt gefunden zu haben – da bezeugen ausgerechnet seine Altersschriften, dass ihm sein Rettungsgedanke vom Leben allein aus Gnade und Glauben wohl doch nichts geholfen hat. Den strafenden, ungnädigen, wütenden Gott hat er augenscheinlich verinnerlicht. Und nicht nur in den Spätschriften über die Juden wütete er und forderte Tod und Vernichtung für die, die nicht bereit waren, sich seinem Gott unterzuordnen. Genauso radikal schrieb er auch gegen die Papstkirche, gegen die Bauern, gegen Abtrünnige seiner eigenen Lehre, gegen Frauen, den Humanisten Erasmus von Rotterdam, (andersgläubige) Fürsten und gegen Hexen.

    Und zwar nicht in Nebensätzen. Seine Streit-Schriften sind echte Streitschriften, so grob und beleidigend, dass der Autor sich heute vor Klagen nicht retten könnte. Und das habe wohl eher wenig mit dem gern zitierten Grobianismus seiner Zeit zu tun, schreibt Peter Henkel in dieser Analyse, die selbst natürlich auch eine Streitschrift ist – oder eine Art Muntermacher in einem Friede-Freude-Eierkuchen-Jubiläum, in dem ein Luther gefeiert wird, den es so nie gegeben hat. Und wo über eine Fortexistenz des Luthertums diskutiert wird, als müsse man den Menschen nur noch emsiger erzählen, wie errettend die luthersche Reformationsidee noch heute ist.

    Nur: Dummerweise helfen Luthers Schriften dabei überhaupt nicht. Denn darin begegnet der Leser einem Radikalen, der überhaupt nicht so argumentiert, als ruhe er in Gottes Hand, fühle sich in Gnade aufgenommen und hätte seinen Frieden gemacht mit Gott. Im Gegenteil: Er predigt so hemmungslos, dass man als Außenstehender, als Nicht-Gottgläubiger, schnell zu zweifeln beginnt, ob dieser Luther sich der Gnade und Menschenliebe seines Gottes überhaupt sicher ist. Denn sein Gott erscheint als einer, der seiner eigenen Schöpfung nicht vertraut. Und das, obwohl Luther ganz zentral dekretiert, dass der Mensch überhaupt nichts tun kann, um sich die Gnade Gottes zu erringen oder zu erkaufen – nicht mal durch gute Werke. Er ist von Anfang an ein Sünder. Was – so von außen betrachtet – natürlich der größte Bockmist aus der Bibel ist. Das kommt davon, wenn man alles, was da vor 2.500 Jahren zusammengeschrieben wurde, ernst nimmt. Eva, Adam, Apfel und Sündenfall sind ganz zentral in Luthers Botschaft. Die naiven Laien sehen dann immer nur Cranachs nettes nacktes Pärchen mit Apfel und Schlange – dass Luther hier aber den Teufel geradezu als Grundbaustein seiner Lehre einbaute, wird erst richtig klar, wenn man weiß, wie viele Texte Luther über das böse Werk und die Allgegenwart des Teufels geschrieben hat. Er wurde ihn zeitlebens nicht los.

    Aus Henkels Perspektive logischer Schluss: Hier hat Luther – genauso wie bei seiner Hexen-Verdammung – den puren Aberglauben des Mittelalters mit eingebaut in sein Glaubensgebäude. Ohne den mächtigen und allgegenwärtigen Teufel gibt es seinen (gnädigen) Gott nicht. Und das Fatale: Er gab sich spätestens ab 1525 genauso kompromisslos wie die katholische Seite. Nach einem Feuerwerk der Schriften, mit denen er im Grunde das ganze Reich für seine Ideen zu einer Kirchenreform aufrüttelte, folgte nun eine Phase, die Henkel mit Luthers früher, depressiver Phase vergleicht. Auf einmal scheinen alle Ängste wieder da zu sein. Nur dass er den Furor jetzt nicht mehr gegen sich selbst richtet, sondern gegen alle die Abtrünnigen, Eigenmächtigen und Widerspenstigen, die nicht bereit sind, sich seiner Sicht auf die Dinge bedingungslos unterzuordnen. Sein Vokabular wirkt – gerade im Vergleich mit heutigem religiösem Fundamentalismus – radikal, aggressiv und tödlich.

    Und Henkel ist sich sicher, dass all das, was Europa in den nächsten Jahrhunderten zerreißen sollte, genau hier seine Wurzeln hat. Der dreißigjährige Krieg hat in Luthers kompromissloser Haltung genauso seine Wurzeln wie der lang anhaltende Hexenwahn in Luthers gnadenloser Sicht auf Frauen und der Antisemitismus der Nazis seine Wurzeln in Luthers völlig undifferenziertem Judenhass. Denn er enthielt sich ja nicht einmal, konkrete Anweisungen zu geben, wie Juden entrechtet, gedemütigt und vertrieben werden sollten.

    So agiert keiner, der seinen gnädigen Gott gefunden hat. Und schon gar nicht, wenn ein Kernpunkt seiner Theologie ist, dass jedem Menschen sein Schicksal vorbestimmt ist. Wenn aber Gott alles vorgibt (das nicht ganz unwichtige Thema: Ist Gott allmächtig?), dann ist jedweder Mensch entweder völlig unschuldig vor Gott und jeder Mensch, egal, was er glaubt, Gottes Kreatur – oder dieser Gott ist nicht allmächtig, nicht gnädig und nicht gut. Eher ein finsteres Abbild eines Theologen, der nicht daran glauben kann, dass er in Gottes Gnade lebt und die Welt von Gott gut bestellt ist.

    Und das wirkt bis heute nach. Die lutherische Kirche kann genauso wenig von ihren Dogmen lassen wie die katholische. Und all die Widersprüche in Luthers Theologie (von denen Henkel nur die schlimmsten streift), machen die Kirche im Grunde sprachlos, was die Herausforderungen und die Nöte der Gegenwart betrifft.

    Umso schlimmer, so Henkel, wenn ausgerechnet orthodoxe Christen den Atheisten erklären wollen, was heute eigentlich humanitäre Werte sind. Nicht einmal die zehn Gebote eignen sich dafür, denn schon das erste Gebot ist ein Gebot der Ausgrenzung.

    Man merkt schon, dass Henkel diese Generalkritik am radikalen Luther aus konsequent atheistischer Sicht vollzieht. Wobei er betont, dass das Wort Atheist eigentlich falsch ist, denn es stammt ja ebenfalls aus dem theologischen Repertoire und bezeichnet die Ausgegrenzten, die Menschen, die keinen bzw. nicht den richtigen Gott haben.

    Aber Vernunft braucht keine Götter. Sie braucht nicht einmal eine Gottesvorstellung, denn sie beschäftigt sich rational, kritisch und immer wieder fragend mit den Tatsachen unserer Welt und auch mit unseren ethischen Lebensvorstellungen. Denn bezähmt wurden die Religionsstreitereien und -kriege erst durch die Vernunft, durch moderne Konzepte der Toleranz, die man bei Luther einfach nicht findet. Und wo man sie findet, hat er sie später alle mit brachialer Sprachgewalt wieder beiseite gewischt. Möglich, so Henkel, dass Luthers Radikalität mit seiner Kindheit und seinen eigenen seelischen Nöten zu tun hat. Das hilft, Luther besser zu verstehen. Aber gerade das sollte einen auch davor bewahren, ihn als Säulenheiligen zu feiern und zu meinen, man könne die Folgen seiner Schriften ausblenden, irgendwie entschärfen, indem man sie als kleine Schatten in seinem Werk beschreibt. Daran, dass Luther gerade durch seine brachiale und kompromisslose Art auch Großes bewirkt hat und die europäische Geschichte ohne den von ihm ausgelösten Zeitenbruch nicht denkbar ist, ändert das nichts.

    Aber gerade das 500-jährige Jubiläum zeigt, wie sehr Luther seinem Jahrhundert, eigentlich sogar dem abergläubischen und radikalen Mittelalter verhaftet ist. Ein Menschenleben gilt bei ihm nicht viel. Und eine Theologie der Toleranz hat er auch nicht geschaffen, auch wenn die evangelische Kirche gern eine hätte. Im Gegenteil: Gerade bei evangelikalen Christen lebt eine Menge der Lutherischen Intoleranz fort.

    Kann man trotzdem etwas lernen von diesem Luther? – Vielleicht, wie man es nicht machen sollte, wenn man die Welt wirklich in einen besseren Ort verwandeln möchte. Mehr Gesprächsbereitschaft, mehr Respekt vor Andersdenkenden, mehr Gefühl auch für die Bereitschaft des intellektuellen Gegners, gemeinsame Lösungen zu finden. Mehr Souveränität also im Umgang mit Gottes Geschöpfen. Wenn Wut und Verachtung den Geist füllen, dann kommt genau das, was Erasmus von Rotterdam vorhersagte: ein Meer von Blut und eine Radikalisierung, die aus verstörten Gläubigen blutrünstige Gotteskrieger macht.

    Das wäre ein Ansatzpunkt fürs Jubiläum gewesen. Denn was an Aufklärung, Moderne und Menschenrechten nach Luther kam, kam ganz ohne Luther, oft genug auch gegen seine Verfechter. Und es hat unsere Haltung zur Welt so radikal verändert, dass sich der von Teufeln geplagte Martin Luther wohl sehr fremd und einsam fühlen würde. Luther ein Freiheitsheld? Die Frage verneint Henkel und kann das auch gut begründen.

    Peter Henkel Schluss mit Luther, Tectum Verlag, Baden-Baden 2017, 18,95 Euro.

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      1 KOMMENTAR

      1. „Ein Riese aus Denkkraft und Leidenschaft“, so begann 1983 eine Artikelserie in der „Jungen Welt“. Mit einem rationalen Auschlussprinzip wird man/frau einer so schillernden tief religiösen Persönlichkeit nicht gerecht!

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