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60 kleine und etwas größere Texte über 50 Jahre Bachforschung und die Facetten eines modernen Bach-Bildes

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    Für Freikäufer Dass wir überhaupt so viel über Johann Sebastian Bach wissen und manchmal das Gefühl haben, wir würden ihn uns richtig lebendig vorstellen können, wie er da Thomaner und Stadtmusikanten dirigiert, verdanken wir fast ausschließlich der emsigen Bach-Forschung. Denn Bach selbst hat so gut wie kein Zeugnis über sein persönliches Leben hinterlassen.

    Aber wer denkt schon daran, dass sich später ganze Forschergemeinschaften dafür interessieren könnten? Dass es nicht nur Bach-Werkausgaben geben würde, sondern auch noch Bach-Jahrbücher und Berge von wissenschaftlichen und populären Büchern, die alle nur ein Ziel haben: herauszubekommen, warum dieser Komponist heute noch immer so fasziniert und als einer der Größten unter den Großen gilt. In Leipzig sowieso als der Größte.

    Aber wie hat er das gemacht? Und wie kam er dazu? Jüngst hat ja John Eliot Gardiner seine Sicht auf diesen Ausnahmemusiker und die Entstehung seiner Musik in einem sehr emotionalen Buch versucht zu fassen. Untertitel: „Musik für die Himmelsburg“. Eine mitreißende Interpretation, die an vielen Stellen ahnen lässt, dass sie auf einem Fundament der modernen Bach-Forschung aufbaut. Denn Vieles weiß man nur, weil dutzende Bach-Forscher in den vergangenen Jahrzehnten in die verstreutesten Archive gegangen sind, alte Quellen neu interpretiert haben, Kompositionen neu analysiert haben, aber auch alte Anekdoten über Bach hinterfragt haben, die in Leipzig immer lebendig waren, die aber meist so nicht stimmen, wie sie erzählt werden, weil der historische Kontext fehlt. Wenn man den selbstbewussten Thomaskantor freilich in die tatsächlichen historischen Umstände versetzt, werden viele seiner Handlungen logischer, verständlicher, wird der Komponist begreifbar als Mensch und zum Handeln Getriebener in seiner Zeit.

    Diese Arbeit haben in den vergangenen Jahrzehnten Männer wie Hans-Joachim Schulze geleistet, 29 Jahre lang Mitherausgeber des Bach-Jahrbuchs, von 1992 bis 2000 offiziell Direktor des Bach-Archivs, davor eher inoffiziell. Auch davon erzählt er in diesem dicken Buch, das sein Lebenswerk quasi zum 80. Geburtstag würdigt, auch wenn der nun auch schon wieder ein Weilchen her ist.

    Aber 800 Seiten erzählen eben auch davon, wie breit ein Forschungsfeld sein kann, selbst wenn es auf den ersten Blick nur ein Thema hat: Johann Sebastian Bach. Aber als Schulze einstieg in das Gebiet, war es gerade im Umbruch, wurden viele alte Standards aus dem 19. Jahrhundert infrage gestellt und damit auch das ziemlich erratische Bild des Thomaskantors, das in Zeiten geschnitzt wurde, als man große Heiligenfiguren für einen nationalen Kanon schnitzte. Dass das Bild vom großen Genie so nicht stimmen konnte, wurde deutlicher, als sich die Forscher mit Schülern, Herkunft und der Familie Bachs näher beschäftigte, mit Förderern und Freundeskreisen, die Bach trotzdem hatte, obwohl er sich (scheinbar) so gern mit der Obrigkeit stritt.

    Der dicke Sammelband besteht aus lauter kleinen und größeren Beiträgen, die Schulze zu all den Facetten geschrieben hat, die ihn selbst am Leben und Werk Johann Sebastian Bachs beschäftigt haben. Mal ist es ein längerer Essay für ein Buch, mal ein Beitrag für eine Zeitschrift, mal ein Vortrag. All das wurde noch einmal durchgesehen und um Anmerkungen ergänzt, die deutlich machen, wo die damaligen Erkenntnisse und Anregungen mittlerweile durch weitere Forschungen und Quellenfunde bestätigt wurden.

    Tatsächlich wird dieser Band dadurch spannend, dass er zeigt, wie die Bach-Forschung in den vergangenen 50 Jahren immer neue Erkenntnisse gewann und mit alten Irrtümern aufräumte, das Bild des Komponisten ergänzte und damit auch greifbarer machte, neues Verständnis schuf für die Aufführungspraxis seiner Zeit und die Zwänge, die hinter vielen von Bachs Kompositionen standen. Manches Rätsel ließ sich noch nicht ganz lösen, weil einfach die nötigen Quellen nicht vorliegen, manche noch im 19. Jahrhundert zitierte Quellen in den Kriegswirren verloren gingen.

    Umso wichtiger ist die Spurensuche, die Rekonstruktion der ganzen Musikepoche bis hin zur damaligen Aufführungspraxis. Man ahnt so ein bisschen, dass sich Bach von ganzem Herzen gefreut hätte, hätte er über die heutigen Möglichkeiten verfügt, professionelle Orchester zu finden und einen gut geschulten Knabenchor.

    Der Band ist in mehrere thematische Kapitel geteilt, die zeigen, wie breit gefächert die Forschung eines Bachforschers sein kann. Und auch sein musste, denn ein vergleichbarer Briefkanon, wie er zu Mozart existiert, war zu Bach nicht verfügbar. Und jahrzehntelang überschatteten alte Legenden die Bach-Geschichte. Man denke nur an die unhaltbare Anekdote (die die Anekdotenerzähler heute trotzdem weitererzählen), Bach wäre nach seinem Tod schnell vergessen gewesen und erst durch Mendelssohn Bartholdy wiederentdeckt worden. Eine Legende, der Schulze sehr prononciert entgegentritt. Denn sie stimmt nicht.

    Sie stimmt auch deshalb nicht, weil sie immer ausgeblendet hat, dass Bachs Nachlass nach seinem Tod eben nicht in gedruckter Form vorlag, sondern an Frau und Kinder vererbt wurde, so dass sich auch die Noten in alle Himmelsrichtungen verstreuten und später – wenn die Sache gutging – bei kompetenten Sammlern landeten. Aber ein Großteil von Bachs Werk scheint verloren. So dass es auch in der Werkhistorie große Löcher gibt, die der Laie nicht sieht, wenn er die oft stringent erzählten Bach-Geschichten hört oder liest.

    Da hilft dann manchmal nur die Re-Konstruktion über das (musikalisch erlebte) Werk, so wie es Gardiner gemacht hat. Auch er hat sich seinen Bach konstruiert. Aber einen, der dem sehr nahe ist, was die Forschung über den Musiker alles herausgefunden hat in den vergangenen Jahrzehnten. Bis hin zu Bachs eher eingeklemmter Position als Thomaskantor in Leipzig – eigentlich (nach dem Willen der Obrigkeit) erst Lehrer an der Thomasschule und in zweiter Hinsicht als Kantor für die Kirchenmusik zuständig. Ein Aspekt, den gerade die neuere Forschung erst herausgearbeitet hat, dass Bach eigentlich darauf gehofft und hingearbeitet hatte, in Leipzig eine Art städtischer Direktor Musici zu werden (ein Titel, den er sich auch selbst zulegte), und damit wirklich Souveränität über das Leipziger Musikleben zu gewinnen.

    Damit ist er – unter den gegebenen Voraussetzungen – sehr weit gekommen und die Welt bewundert ihn für die Maßlosigkeit, die so überhaupt nicht zum starren Wunsch der Bürgermeister passte, der Kantor möge sich an seine Aufgaben halten, sich um seine Lehrtätigkeit kümmern – und zwar zuallererst. (Was wieder mit der Legende vom Besten, den man bekommen könne, zu tun hat – aber die Story liest man besser bei Schulze selbst.)

    Aber schon das Beispiel Telemann hatte ja gezeigt, dass ein Teil des Rats sehr wohl auf eine eigenständige Stadtmusik hinarbeitete. Telemanns Wirken an der Neukirche/Matthäikirche gehört hierher genauso wie die Gründung des Großen Konzerts noch zu Bachs Zeiten. Das hatte „der Alte“ durchaus richtig beobachtet, wie das nebeneinander herlief.

    Und Schulze geht in einigen Beiträgen genau darauf ein, wie die moderne Bachforschung auch diese Aspekte herausarbeitete und damit vieles begreifbarer machte, was diesen Bach herausforderte, immer wieder auch zu Höchstleistungen anspornte, mit denen er beweisen wollte, dass er mehr war als ein Kantor.

    Dem Leser wird vieles spürbar, was die Bachforschung in den vergangenen 50 Jahren beschäftigt hat, wo man tatsächlich völlig neue Arbeitsfelder, wo man Bachs Wirken im Leben seiner Zeitgenossen und Schüler sichtbar machte und wie sich die Sicht auf seine Kompositionen veränderte, weil man sich endlich auch gründlicher mit den Instrumenten der Bach-Zeit in Leipzig beschäftigte. Was dann eben auch etliche der Mitwirkenden in seinen Konzerten namhaft werden ließ.

    Alles Dinge, mit denen sich Hans-Joachim Schulze selbst beschäftigte oder zu denen er sich positionierte, als sie das Bach-Bild zu verändern begannen. Der Leser ist also streckenweise mittendrin in den Diskussionen der Zeit, erlebt direkt mit, wie die Interpretationen erarbeitet wurden, die heute das Bach-Bild bestimmen. Und am Ende wird umso deutlicher, dass es den einen, in Eisen gegossenen Bach nie gab, dass seine größte Meisterschaft wohl darin bestand, immer wieder auch schnell und souverän auf Entwicklungen und aktuelle Ereignisse reagieren zu können. Auch dann, wenn er scheinbar nur ältere Kompositionen für neue Zwecke überarbeitete, umarbeitete, aus dem Weltlichen in das Kirchliche verpflanzte. Und dabei stets nach neuer Vollendung suchte.

    Man staunt über den einen wie den anderen – den Komponisten, der immer das Bestmögliche anstrebte, und den Forscher, der sich mit einer erstaunlichen Bandbreite an Themen beschäftigte, die alle mit Johann Sebastian Bach zu tun haben. Dieser Sammelband ist eben nicht nur ein etwas spätes Geburtstagsgeschenk, sondern auch eine sehr gut lesbare Zusammenfassung dessen, was in den vergangenen 50 Jahren in der Bachforschung alles passiert ist. Und was eben nicht nur die deutsch-deutsche Bach-Werkausgabe beeinflusste und die neuen Bücher der Bachforscher, sondern auch die Bachrezeption insbesondere unter Musikern. Denn was Schulze in einem seiner frühen Texte nach vermisst – nämlich die historische Aufführungspraxis mit den Instrumenten der Bachzeit – ist heute Arbeitsfeld vieler begabter Solisten und Orchester, die damit auch eine Klangwelt wiedererschaffen haben, die womöglich der der Bachzeit nahekommt.

    Ob es wirklich so war, werden wir nie wissen.

    Aber je mehr Spuren gefunden, je mehr Puzzle-Steine eingefügt werden in das Bild, umso wahrscheinlicher wird, dass das neue gewonnene Gesamtbild der damaligen Wirklichkeit nahekommt.

    Ein Buch nicht nur für Bachkenner, auch für Leute, die sich diese Forschungswelt in aller Ruhe und kleinen, gut lesbaren Partien erschließen wollen. Kein Buch, das Eile hat. Aber eines, das einlädt zum Verweilen. Zu entdecken gibt es eine Menge.

    Die LEIPZIGER ZEITUNG ist da: Seit 15. September überall zu kaufen, wo es gute Zeitungen gibt

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