Die stille Rebellion heißt heute wieder Makramee

Für FreikäuferDas Wörtchen Entschleunigung fällt auch. Gleich im Vorwort zu Heike Beckers neuem Buch. Bislang hat sie die Handarbeitsbegeisterten im Buchverlag für die Frau mit ihren drei Büchern zur Margaretenspitze erfreut. Das war eine Wiederentdeckung. Aber auch das Makramee ist eine Wiederentdeckung, auch wenn das letzte große Feuerwerk erst 40 Jahre zurückliegt.

Man bringt es sofort mit Popkultur und Hippiebewegung in Verbindung, mit gebatikten Röcken und riesengroßen Sonnenbrillen, Plateauschuhen und aufmüpfigen Partys. Stimmt auch irgendwie. Es gehörte zu dieser Kultur. Selbstbewusste junge Frauen knüpften drauflos, knüpften sich Gürtel und Armbänder, Traumfänger und Blumenampeln. Und dann, so vermutet Heike Becker, verschwand all das, weil der aufrührerische Geist der Sechziger verpönt war. Och ja, war ja tatsächlich so. Das hieß damals „moralische Wende“ und in Deutschland machte sich – nach dem Katzenjammer der „bleiernen Zeit“ – die kohlsche Moralisiererei breit. Die Bundesrepublik verbürgerlichte wieder, die jungen Hippies wurden Banker, Anlageberater und im schlimmsten Fall auch Manager in Zeitungsverlagen. Manche wechselten von ganz links nach ganz rechts und spielten nun den Alt-Revoluzzer, der den jungen Nachkömmlingen erzählt, dass Rebellion reineweg unanständig ist.

Der kurzen Zeit des Aufbruchs folgten vier fette Jahrzehnte des fortwährenden Beleidigtseins, der umworbenen „Mitte“, die sich schon immer wunder was eingebildet hat auf ihre Phantasielosigkeit und ihren begrenzten Horizont.

Und wenn Heike Becker Recht hat, dann kommt so ein bisschen vom alten aufrührerischen Geist der Beat-Generation jetzt wieder zurück. Über das Selbermachen. Denn Selbermachen hat längst schon etwas Widerständiges: Es ist die radikalste Antwort auf den Konsumismus und die Angepasstheit. Und gegen die Zeitfresser, die einem jederzeit ein schlechtes Gewissen machen, weil man nicht fortwährend rotiert, surft, sich irgendwelches Nachrichten- und Unterhaltungsgeschnatter reinzieht.

Aus damit. Weg mit diesen ganzen Maschinen der Töffelunterhaltung. Es wird wieder gestrickt, gehäkelt, geknüpft. Und Makramee ist leicht, schreibt Becker. Und außerdem ist es eine uralte Kunst. Schon die alten Ägypter kannten sie, die Chinesen und Inkas und auch die gelangweilten Seeleute auf dem Meer, die sich – wenn der Wind nicht wehte – hinsetzten und ein paar Taue zerspleißten und dann aus den einzelnen Schnüren faszinierende Knüpfkunstwerke schufen. Einschlägige Museen können Knüpfkunst aus über 500 Jahren zeigen. Denn natürlich bot sich diese Kunst auch immer an, den Alltag zu verschönern, jenen Hauch von Eleganz zu schaffen, den sich das normale Volk anders nie leisten konnte. Also knüpften es sich die Frauen selbst.

Irgendwie ist es wieder ein sehr frauliches Buch. Frauen mögen diese filigranen Kunstwerke, die ihrem Auftritt ein gewisses Extra geben. Und man kann – da man ja nicht nur auf das grobe Garn der Schiffer angewiesen ist – erstaunlich vielfältige kleine Gebilde knüpfen, die das Selbstbewusste mit dem Lebendigen verknüpfen. Mal sind es phantasievolle Ohrringe, mal Kettenanhänger oder Eulenketten.

Eine leicht zu erlernende Technik ist das, betont die Autorin. Natürlich erklärt sie alle Grundlagen gleich zu Beginn des Buches und gibt auch eine kleine Knotenkunde. Schnelle Erfolgserlebnisse seien garantiert, schreibt sie. Und wenn man hineinblättert ins Buch, hat man Mädchenkichern im Ohr. Denn solche filigranen Gebilde aus bunten Garnen mit lauter lustigen Zutaten wie Muscheln, Perlen und Glaskügelchen, die finden Mädchen toll. Sie wirken verspielt, aber auch immer selbst gemacht – im besten Sinn: Wahrscheinlich war das auch schon 1968 der Moment, der dieses Geknüpfte so rebellisch wirken ließ. Jedes kleine Kunstwerk betont, dass hier die Herrin des Hauses eben nicht einfach losgefahren ist zum Supermarkt, um ein handelsübliches Ding zu besorgen, sondern sich hingesetzt hat und mit Freude am Knüppern all die kleinen Sachen geschaffen hat, die ihre Umgebung unverwechselbar machen. Bis hin zu den freischwingenden Blumen im Zimmer. Das sieht so verletzlich aus, dass man sich kaum traut umzublättern.

Aber auch das kommt einem sehr weiblich vor. So sind sie nun mal, die Emsigen: Sie schaffen in jeder Wohnung lauter Orte, an denen man sich ganz, ganz vorsichtig bewegen muss, sonst gibt’s Ärger. Aber schon die Beschreibung der einzelnen Projekte weist ja darauf hin: Es braucht schon beim Knüpfen Konzentration. Was dann logischerweise hilft, den Tag zu entschleunigen. Allein dafür lohnt es sich schon, diese Kunst einmal auszuprobieren. Und wenn’s gelingt, hat man wieder eine ganze Welt für sich entdeckt.

Heike Becker Makramee – dekorativ und schön, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2017, 14,95 Euro.

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

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