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Hannes Ley erzählt vom ersten Jahr der Facebook-Gruppe #ichbinhier

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    Es ist das Buch zur Zeit und die Bewegung zur Zeit, über die Hannes Ley hier schreibt, Kommunikationsberater in Hamburg und im Dezember 2016 Gründer der Facebook-Gruppe #ichbinhier, die binnen weniger Monate Furore und von sich Reden machte. Denn das zeigte Wirkung, dass auf einmal engagierte Netznutzer dem überall aufquellenden Hass widersprachen, der das Internet zu überschwemmen drohte.

    Vor allem in den sogenannten „social media“ schienen die Emotionen zu toben, übernahmen Hater, Trolle, Infokrieger, Verschwörungstheoretiker und Lügner die Hoheit, rissen alle Diskussionen an sich, zerstörten jede respektvolle Unterhaltung. Und sie bestimmten auch unübersehbar politische Kampagnen und Wahlen. Und sie griffen auch in den deutschsprachigen Netzen immer mehr nach der Hoheit über die gesellschaftlichen Diskussionen. Als wären die Menschen reineweg verrückt geworden. Und die Hassprediger tatsächlich das, was sie behaupteten: das Volk, die Mehrheit.

    Obwohl sie eindeutig nur eine kleine Gruppe sind. Keine Randgruppe mehr, aber eben auch nicht „das Volk“. Doch das Auftauchen der „social media“ und allen voran Facebook hat vor allem ihnen einen neuen Raum in der Öffentlichkeit verschafft. Und das mit einem Medium, das wie für sie wie gemacht scheint. Denn das, was Trolle und Hassprediger lieben, wird bei Facebook belohnt. Neben starker Gegenrede zu ihren Beiträgen (Aufmerksamkeit) gibt es auch die Likes und ein lautstarkes Echo in einer immer besser vernetzten Community gleichgesinnter „Volksvertreter“, Hater und Trolle.

    Wenn Hannes Ley die Geschichte von der Gruppe #ichbinhier erzählt, kommt er um die Beschreibung der Veränderungen, die die sozialen Netzwerke in unserer Gesellschaft bewirkt haben, nicht umhin. Es ist ja nicht nur so, dass die neuen Kommunikationskanäle auch Menschen die Möglichkeit geben, sich lautstark in Diskussionen einzubringen, die vorher nicht mal die Gelegenheit dazu gehabt hätten. Diese Diskussionen haben auch den politischen Diskurs verändert. Denn wo ein Netzwerk wie Facebook für immer mehr Menschen zum ganz normalen Informations- und Kommunikationskanal wird, da verlagern auch Politiker und Parteien ihre Kommunikation in diese Netzwerke – und sie passen sich den Regeln an, die dort herrschen.

    Die aber leider nichts mit den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) zu tun haben, die sich Konzerne wie Facebook geben – lauter Paragraphen, die Respekt und korrekten Umgang miteinander predigen. Aber stattdessen dominieren Wut, Hass, Lüge, Empörung und ein allgemeines Gebrüll die Diskussionen. Ein Phänomen, das so längst auch in den Kommentarspalten der großen Medien zu sehen ist.

    Reichweite über allem und die Folgen

    Fast nirgendwo wird durch die Medien selbst eingegriffen, moderiert, nur selten werden die Schreihälse gestoppt. Oder wenigstens beharrlich daran erinnert, dass zu einem Dialog auf Augenhöhe so simple Dinge gehören wie Respekt, ein Verständnis für den anderen, das Bemühen um ein Sprechen von gleich zu gleich. Facebook hat das alles immer laufen lassen, viele Medien auf Facebook auch, da es eine „aktive Facebookseite“ verspricht, wenn man die Menschen ohne Regeln aufeinander loslässt.

    Die Algorithmen dieses Netzwerks haben so etwas sogar immer verstärkt – denn Beiträge, die derart ungefesselt den Hass loslassen, die finden sofort viel Unterstützung und Bestätigung. Die sind wie ein Streichholz im Stroh, das sofort entflammt – und wo am Anfang vielleicht eine simple Nachricht stand, brennt auf einmal ein Scheiterhaufen aus Worten, fallen Menschen mit wutschnaubendem Tonfall übereinander her.

    Was möglicherweise ganz simple Gründe hat: Man muss seinem Gegenüber nicht in die Augen schauen. Man sieht ihn ja nicht. Man glaubt sich anonym unterwegs in einer anonymen Menge. Und greift zu Tönen, die man sich richtigen Menschen gegenüber nicht wagen würde in den Mund zu nehmen. Die Anonymität schürt die Hemmungslosigkeit geradezu, aber auch bei Klarnamenangaben fallen normale Alltagsregeln. Man wähnt sich für das Gegenüber halt nicht greifbar.

    Hannes Ley hat das nicht mehr ausgehalten. 2016 hatte er die Nase voll – auch weil sich selbst bei den großen Medien augenscheinlich niemand die Mühe machte, in den Foren Respekt und einen menschlichen Umgangston durchzusetzen. Die Idee, die er dann umsetze, stammt aus Schweden, einem Land, wo man die Kunst der guten Kommunikation wesentlich besser beherrscht als im eiligen Deutschland. Was aber auch nichts nützt, wenn die Hassprediger, die Hetzer und Verleumder die Netze und die Diskussionen okkupieren und damit dafür sorgen, dass die gesamte gesellschaftliche Debatte vergiftet wird.

    Deswegen hat sich die dortige Gruppe von Menschen, die sich mit Gegenrede dem Hass entgegenstellten, schon früh gegründet. Hannes Ley nahm das Modell als Vorbild, startete kurz vor Weihnachten 2016 und gewann schon binnen kurzer Zeit viele Mitstreiter – hunderte, tausende, zehntausende mittlerweile. Alles Menschen, die es sich als ihre Aufgabe gesetzt haben, dem schäumenden Hass im Netz einen ruhigen, um Verständigung bemühten Ton entgegenzusetzen.

    Oft reicht es schon, den ersten Pöbler in einem Kommentar zur Rede zu stellen, zum Einlenken und Antworten zu bewegen – und schon nimmt die Diskussion nicht die gewohnte Bahn in lauter Hass-Postings. Man kommt wieder auf das eigentliche Thema zurück.

    Manchmal.

    Nicht immer.

    Facebook als Versuch eines Gesellschaftsforums ist gescheitert

    Mittlerweile haben Hannes Ley und seine Mitstreiter ja ihre Erfahrungen gesammelt. Nicht alle Menschen, die sich im Internet wütend zu Wort melden, sind tatsächlich Trolle, die ihre wahre Freude daran haben, jede Diskussion zu zerstören. Es sind auch Infokrieger und Bots unterwegs. Vieles, was im Netz entgleist, ist von den Akteuren tatsächlich genau so gewollt, weil sie damit Misstrauen säen können, Halbwahrheiten oder gleich richtige Lügen, die berühmten „Fake News“, die im Präsidentschaftswahlkampf in den USA so für Furore sorgten. Dass Staaten wie Russland systematisch daran arbeiten, die westlichen Gesellschaften auf diese Weise zu destabilisieren, ist mittlerweile belegt.

    Aber auch andere Gruppen – wie die vielen populistischen Bewegungen der Neuzeit – haben die Möglichkeiten der „social media“ für sich entdeckt, um ihre Art der Kommunikationszerstörung zu betreiben. Und das Fatale – das sich auch nach einem Jahr nicht geändert hat – ist: Die Algorithmen von Facebook & Co. befördern das. Sie schaffen die Blasen, in denen die Menschen nur noch Nachrichten bekommen, die sie in ihrer Haltung bestätigen. Meldungen und Nachrichten, die dieses Muster unterlaufen, werden regelrecht ausgefiltert. Die Facebook-Welt ist eine Welt ohne Korrektiv.

    „Immer wieder wird klar, dass Facebook dem Monster, das es erschaffen hat, nicht mehr Herr wird“, schreibt Ley. „Der Versuch, das Netzwerk sich selbst zu überlassen, ist gescheitert, ebenso wie die Versuche, mit Algorithmen die komplexe Welt der sozialen Interaktion zu lenken.“

    Mittlerweile hört man ja auch von Facebook-Chef Mark Zuckerberg nachdenklichere Töne. Die Erkenntnis, welche fatalen Folgen sein Nutzernetzwerk im Präsidentschaftswahlkampf oder in der Brexit-Debatte gespielt hat, kommt so langsam bei ihm an.

    Aber er wird den Baufehler nicht beseitigen können. Dazu ist seine Art, Kommunikation zu denken, schlicht zu simpel. Da hätte er sein Studium vielleicht doch besser beenden sollen. Vielleicht hätte er dann auch begriffen, dass Demokratie nicht nur davon lebt, dass jeder seine Meinung sagen darf, sondern dass alle Meinungen auch ins Gespräch kommen. Das zentrale Element einer demokratischen Gemeinschaft ist die Auseinandersetzung auf Augenhöhe und mit Respekt.

    Genau das, was die vielen Mitstreiter von #ichbinhier versuchen, mit ihrem Einsatz wenigstens in einigen Diskussionsspalten Wirklichkeit werden zu lassen.

    Eine Arbeit, die oft frustrierend ist. Auch weil dieser Ton des Sich-gegenseitig-Niedermachens längst auch Eingang gefunden hat in die Parlamente, Talkshows und die politische Berichterstattung. Was bei Facebook & Co. gezündet wurde, hat die ganze Gesellschaft erfasst. Hat auch Menschen in Angst und Panik versetzt, die eigentlich Profis in der Kommunikation sein sollten. Und viele Medien sind dabei mit schlechtem Beispiel vorangegangen, haben sich regelrecht zum Verstärker einer entgleisten Diskussion gemacht.

    Man berichtet nicht mehr über Fakten und Zusammenhänge, sondern urteilt fortwährend über Menschen, macht sie verächtlich, empört sich und verstärkt die Angstkampagnen der Populisten. Die Zerstörung des Gesprächs hat Methode. Die meiste Aufmerksamkeit bekommt man mit Tabubrüchen. Und keine Partei hat das in Deutschland so exemplarisch vorgemacht wie die AfD. „Sie war äußert kreativ darin, neue Tabubrüche zu finden, den Ton noch schriller werden zu lassen, und bestimmte damit die Diskussion“, schreibt Ley. „Ihre Themen wurden in Talkshows behandelt, in Zeitungen analysiert, sie sorgten auf Facebook für drastische Reaktionen.“

    Keine Bewegung hat sich die Möglichkeiten der neuen Meinungsverstärker so zu eigen gemacht wie die Neuen Rechten. Und alle haben mitgemacht, haben die wilden Argumentationen noch verstärkt. Und da #ichbinhier da längst unterwegs war, konnten Ley und seine Mitstreiter tagtäglich erleben, wie all das funktioniert. Und wie sich die eigentlich Verantwortlichen immer wieder wegduckten und der Zerstörung der gesellschaftlichen Diskussion den Platz überließen.

    Allen voran Facebook selbst, das diese Probleme erst leugnete, dann kleinredete und jetzt mit völlig unzureichenden Mitteln versucht zu bekämpfen. Es wird nicht funktionieren. Mark Zuckerbergs Traum, ein echtes Forum für die Gesellschaft zu schaffen, ist gescheitert. Er hat ein Netzwerk geschaffen, in dem sich Trolle, Hassprediger, Lügner und Prahlhänse richtig wohlfühlen und damit auch richtig Geld verdienen können.

    Aber verlieren Ley und seine Mitstreiter da nicht den Mut?

    Er berichtet auch ein wenig aus dem Innenleben der Gruppe, wo man auch gelernt hat, wie man sich selbst schützen muss gegen all die Bosheit und die oft sehr persönlichen Angriffe. Denn gerade die Hasserfüllten, die im Netz unterwegs sind, machen auch gern Menschen zu Freiwild, nutzen die Verfügbarkeit persönlicher Daten für echte Angriffe – nicht nur Morddrohungen im Internet, sondern auch Übergriffe auf das Privatleben.

    Man hat es tatsächlich mit einer kleinen, hasserfüllten Bewegung zu tun, die immer da war – aber die nie in der Geschichte so einfache Möglichkeiten hatte, ihren Hass und ihre Fakes millionenfach zu verbreiten, gesellschaftliche Stimmungen kippen zu lassen und vor allem Ängste zu schüren, die für alles instrumentalisierbar sind.

    Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis nach dem Lesen dieses Buches: Was für eine Büchse der Pandora die technikgläubigen Narren aus dem Silicon Valley da aufgemacht haben und wie wirksam diese ist, ganze Gesellschaften in Angst und Hass zu tauchen, bis der Hass jedes Vertrauen und jeden Respekt zerstört.

    Ob das die Technikkonzerne in den Griff bekommen, bezweifelt Hannes Ley. Seine Hoffnung liegt tatsächlich im wachsenden Netzwerk von #ichbinhier und ähnlichen Bewegungen, die dem Drohen, Wüten und Lügen beharrlich ruhige Gegenrede entgegensetzen und damit erreichen, dass sich der Diskurs wieder in sachlicheren Bahnen bewegt. Jedenfalls hat Ley den Eindruck, dass #ichbinhier schon eine Menge Eindruck hinterlassen hat – auch und gerade bei Menschen, die im Internet einer respektvollen Gegenrede zuvor nicht begegnet waren.

    Im hinteren Teil des Buches gibt er auch noch die notwendigen Tipps, wie man mit Hasspostings im Internet umgehen sollte – denn hilflos ist man nicht wirklich. Und wenn Grenzen überschritten werden, müssen auch Pöbler lernen, dass dann die Polizei vor der Tür steht und eine Anklage vor einem richtigen Gericht fällig ist. Denn eines stimmt eben nicht, was viele Netz-Aktivisten immer behauptet haben: Von allein entsteht keine freiere Gesellschaft im Internet. Es braucht dieselben Regeln des respektvollen Umgangs, die auch das Leben in den realen Gesellschaften erst möglich und erträglich machen.

    Und man muss auch lernen, dass man auch kleine Gruppen mit ihrem Hass nicht unwidersprochen herumtoben lassen darf. Vielleicht hat das Begreifen, wie viel Mut und Rückgrat Demokratie auch im Internet braucht, erst begonnen. Dann beschreibt das Buch den Anfang von etwas, bei dem dann auch ratlose Politiker lernen, dass das „Neuland“ vor allem eines war bisher: Ein mütterlich ignorierter Tobeplatz für das Schlimmste, was Menschen zu bieten haben, wenn sie glauben, dass niemand sie dabei sieht und hört, wenn sie ihrer Zerstörungslust freien Lauf lassen.

    Hannes Ley #ichbinhier, DuMont Buchverlag, Köln 2018, 20 Euro. Die L-IZ.de auf Facebook.

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