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Johanna Schwedes‘ Lebensgedichte aus einer Welt mit Sonne, Sternen und vorwurfsvoll hustenden Krähen

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    Leipzig ist eine poetische Stadt. Nicht auf Ebene der Stadtpolitik. Da hat selbst ein Verleger als Kulturbürgermeister nicht viel Aufmerksamkeit gezeigt für die Autoren in der Stadt. Sind ja alle nicht berühmt, tauchen im Preisrummel der deutschen Literaturpreise nicht auf. Und im Westen werden sie nicht gehypt. Ergebnis: Sie schreiben exzellente Texte. Und die erscheinen fast ausschließlich in kleinen, aber sehr ambitionierten Verlagen.

    In diesem Fall beim Leipziger Verlag Reinecke & Voß, wo 2011 auch schon Johanna Schwedes erster Gedichtband „Den Mond unterm Arm“ erschien. Wer jetzt aufmerksam mitgelesen hat, merkt schon: Leipzigs Dichter und Dichterinnen lieben die abendlichen und nächtlichen Stunden, wenn das Gequirle, Gelärme und Gebläke auf den Straßen aufgehört hat, wenn man das Fenster aufmachen kann und vielleicht auch wieder die Bäume rauschen hört, noch ein, zwei Bier trinkt, sich die Zähne putzt und dann ins Bett fällt. So ungefähr: „Licht an Licht aus / Mund auf Mund zu / Sonne runter Sterne rauf“.

    Das kommt kurz und kess daher. Obwohl sich die gebürtige Frankfurterin, die seit 2000 in Leipzig lebt, wohl nie als kess bezeichnen würde. Eher als fordernd, impulsiv, konsequent. Also eine richtige Leipzigerin – mit hohem Zigarettenkonsum, konkreter Feierlaune und hohen Ansprüchen an das Wesen neben sich, das im ersten Kapitel des Büchleins eine tragende Rolle spielt: „Ausatmen und denken für immer“.

    Oder eine ertragende – so aus seiner Sicht. Das kann nicht gutgehen. Die meisten jungen Dichterinnen hören meistens mit dem Anfang auf, wenn das Beieinandersein schwierig wird und die Probleme so vertrackt, dass man gar nicht drüber reden kann, ohne einander zu verletzten oder irgendetwas anzurichten, was man eigentlich nicht will. Oder frau. Nur dass Frauen solche Situationen des Nicht-wirklich-Ausgesprochenen nicht aushalten. Auch wenn ihr kurzer Lebenszeitbegleiter versucht, das von sich abtröpfeln zu lassen und am Ende mit strafenden Blicken pariert. Oder solchen, die frau dafür hält.

    Es ist eine vertrackte Geschichte. Und höret nimmer auf.

    Was schade ist. Aber wenn solche Dinge gutgehen, dann schreibt entweder keine drüber. Oder es liest sich wie ein alberner Frauenroman.

    Dies hier ist zum Glück keiner. Richtige Frauen, die eben nicht versuchen, der schweigenden Herrenwelt alles recht zu machen, sind couragiert, führen auch eine etwas irdischere Sprache. Vielleicht ist es das: Scheinbar begegnen sie den Mannsbildern auf Augen- oder Mundhöhe. Was aber leider auch nicht stimmt. Meistens jedenfalls. Dazu ist dieses Zwischendings für die meisten Männer viel zu unerprobt und völlig vermintes Gelände. Auch wenn frau eigentlich nur wissen will, wie man gerade zueinandersteht. Oder ob man schon in anderen Welten geistert.

    Romantischen vielleicht, für die sich Johanna Schwedes garantiert nicht interessiert. Sie hat ein schön unvertülltes Verhältnis zum Leben und zur täglichen Wirklichkeit. Auch zum Tod. Denn wer auf die alten, abendländisch verkitschten Standardbilder verzichtet, der sieht die Dinge ganz anders. Meist wohl viel realer und vor allem: mit mehr Humor.

    Hätte ich jetzt nicht verraten dürfen. Aber diese Gedichte sind voller Humor, in dem sich menschliche Gelassenheit mit fraulicher Herausforderung trifft, so nach dem Motto: Nun komm mir nicht mit deinen alten Kamellen …

    Im zweiten Kapitel sind eher die Gedichte versammelt, die sich mit dem ganzen verrückten Dasein beschäftigen, dem Wetter, den Frühlingsgefühlen oder dem Tod. Dort darf der Leser nichts Uhlandiges oder Mörik’sches erwarten. Dort darf er aber erwarten, dass dieses ganze Gejammer vom Tod (zu dem ja über Ostern wieder alle Gazetten voll waren) als letzte Speise für die Würmer endet. Oder so: „am Ende sind wir, Du früher, ich später / ein Wohlklang im Bauch der Erde und zufriedener / vielleicht / als ein Teller Gulasch mit Klößen“.

    Da merkt man, dass so eine Dichterin nur in Leipzig landen konnte, in einer Stadt, in der nächtens Leute wie Andreas Reimann und Wolfgang Krause Zwieback spazieren gehen und ihren gedanklichen Schabernack treiben mit allem, was sie sehen und was ihnen durch den Sinn geht. Eine Stadt, in der sich zwar die Anzugträger alle furchtbar ernst nehmen, aber nicht die Dichter. Seit Lessing nicht. Darüber hat Reimann schon geschrieben. Selbst ein Ringelnatz wäre ein geistiger Verwandter dieser jungen Frau, die für den viel besungenen Klops am Himmel nicht eine romantische Zeile übrig hat. Warum auch? – „Grobe Himmelsträne, Mond / glotzendes Kuhauge“.

    Wer das Gedicht zu Ende liest, erfährt, dass auch die Sonne sich was gefallen lassen muss. Diese Dichterin kennt kein Pardon, auch mit sich selbst nicht. Vielleicht ist sie nur ehrlicher als andere und schreibt, was sich die Prinzessinnen nie zu sagen trauten. Dass das Leben durchaus auch Niederschläge bereithält und solche Tage, in die man steigt „wie in einen ausgeleierten Pullover“. Und das kommt nicht nur aus dem Bauch. Das hat auch mit Realitäten hier zu tun, die so viele kennen – außer die Bundesminister. Wo das Geld nicht hinten reicht und vorne schon lange nicht. Und hilfreiche Eltern anrufen, wenn es eine beim ersten Schnee langgelegt hat „auf der Straße / schwerer als ein Haus / der Asphalt klingelt, ich geh ran“.

    Die Bilder sind so zwingend, dass man sich fragt: Was haben denn die ganzen Lyriker in den vergangenen 1.000 Jahren getrieben? Hatten die Eier auf den Augen? Oder wollten die einfach nicht, dass jemand merkt, dass ihr Leben ihnen wirklich nahegeht und voller Poesie ist? Rauer Poesie, sehr schlagkräftiger, die einem auch manchmal eins auf die Nase gibt, oder den Schnabel. Hinter diesem trockenen und zuweilen bissigen Humor steckt in der Regel (quasi der Regel Ringelnatz) ein mit allen Sinnen gelebtes Leben, das auch seine Solange-Tage kennt. „Solange noch ein Vogel / kopfüber meinetwegen / ein paar Töne aus dem Schnabel fallen lässt …“

    Das stammt schon aus dem letzten Kapitel: „Ahnung von Schnee“. Denn Frühling ist ja was Feines in Leipzig, da hat man jede Menge Gründe, sarkastisch zu sein. Aber wenn es anfängt, nach Winter und Schnee zu riechen, dann geht es wohl nicht nur Johanna Schwedes so, dass sie sich auch noch über den letzten heiseren Vogel freut. Denn Leben ist endlich. Irgendwie steckt eben doch ein Leider drin. So ein gar nicht Rilkesches „alle Schmerz-Rispen abgeerntet“.

    Und dann?

    Dann ist das Bändchen ausgelesen und man kann von vorne anfangen. Wie im richtigen Leben eben, in dem man sich schon mal wundert über die Weggefährten, die neben einem auftauchen: „wie bist du eigentlich hier hingekommen“?

    Wer sich nicht mehr wundern kann, ist schon tot und macht sich deshalb auch keine Wintergedanken. Und wird auch keine Gedichte lesen. Denn für die richtigen Gedichte braucht man die Freude am Entdecken. Gerade wenn es solche Momente sind, die einem so erstaunlich vertraut vorkommen, weil da jemand genau aufgepasst hat – auch auf sich selbst beim Spazieren, wenn’s ungemütlich ist draußen und „eine alte Krähe / Gefieder in der Haarfarbe meiner Mutter / hustet vorwurfsvoll“.

    Das kann nur eine Leipziger Krähe gewesen sein. Woanders husten sie nicht vorwurfsvoll.

    Johanna Schwedes Der Asphalt klingelt, ich geh ran, Reinecke & Voß, Leipzig 2018, 10 Euro.

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