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Wie unsere DNA von 54.000 Jahren europäischer Migrationsgeschichte erzählt

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    Schon in zehn Sprachen übersetzt wurde dieses 2015 im Albert Bonniers Verlag erschienene Buch der schwedischen Wissenschaftsjournalistin Karin Bojs „Min europeiska familj“. Mittlerweile hat sie mit Peter Sjölund schon einen Nachfolgetitel vorgelegt: „Svenskarna och deras fäder de senaste 11.000 åren“. Der baut natürlich auf ihrer ersten grandiosen Reise in die Welt unserer Vorfahren auf – der heutigen Europäer.

    Und diese Geschichte beginnt ungefähr vor 54.000 Jahren im Nahen Osten, wahrscheinlich in der Gegend von Galiläa am See Genezareth. Ein Schauplatz, den sich die Wissenschaftsjournalistin bei Schwedens größter Tageszeitung „Dagens Nyheter“ nicht ausgesucht hat. Denn ihre Geschichte ist – anders als die von Jean M. Auel – nicht erfunden. Auch wenn Jean M. Auels Bücher über die Steinzeitwelt auch deshalb weltweit beliebt sind, weil die amerikanische Autorin sich tatsächlich mit dem modernen Stand der Archäologie ihrer Zeit beschäftigt hat.

    Fast vergessen schon William Goldings Buch „Die Erben“ von 1955, in dem er im Grunde dieselbe Begegnung beschreibt, mit der auch Karin Bojs ihr Buch beginnt: Die zweier Menschengruppen – der alten Gruppe, die schon seit hunderttausenden Jahren Europa und Asien besiedelte und dort auch in den härtesten Phasen der Eiszeit ausharrte, und den Neuankömmlingen aus Afrika. Es ist die Begegnung zwischen den Neandertalern und dem Modernen Menschen, die irgendwo in der Gegend von Galiläa stattgefunden haben muss, was nicht nur durch archäologische Höhlenfunde nachgewiesen ist, sondern auch durch die moderne Genforschung.

    Die Leipziger bekommen es ja immer mit, wenn das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie seine neuesten Forschungsergebnisse – zum Beispiel zum Neandertaler – bekanntgibt. Im Institut am Deutschen Platz wird mit den modernsten Techniken der Genforschung gearbeitet. Und natürlich besucht Karin Bojs auch den Leiter dieses erstaunlichen Instituts, Svante Pääbo. Denn sie wollte es jetzt wirklich wissen.

    Der Anlass war die Beerdigung ihrer Mutter und das Gewahrwerden, dass sie nicht nur aus recht komplizierten Familienverhältnissen stammte, sondern dass sie über die ganze Vorgeschichte ihrer Familie eigentlich nichts wusste. Da ging es ihr wie so vielen Menschen der Gegenwart. Man kennt noch seine Großeltern, vielleicht hat man sogar noch seine Urgroßeltern kennengelernt. Aber dann verliert sich die ganze Familiengeschichte im Dunkel der Geschichte.

    Aber da sie sich seit Jahren auch beruflich damit beschäftigte, wusste Karin Bojs, dass gerade in den letzten Jahren spannende Forschungswerkzeuge entstanden sind, mit denen man das erkunden kann, was kein Familien- und kein Kirchenbuch hergibt: Man kann in die Geschichte der eigenen Vorfahren zurückschauen. Denn davon erzählt unsere DNA. Das wussten die Forscher schon im späten 20. Jahrhundert.

    Denn so haben sie ja herausgefunden, wo die früheste gemeinsame Vorfahrin aller modernen Menschen lebte, gern auch als Ur-Eva bezeichnet: Das war irgendwann vor 200.000 Jahren irgendwo in Afrika. Dort entstand der Zweig der modernen Menschen, dem wir alle angehören, und deren Vertreter irgendwann vor 54.000 Jahren begannen, über den Nahen Osten nach Norden zu wandern, wo sie dann den Neandertalern begegneten. Es war mal wieder so ein Zeitfenster in den Eiszeiten, in denen sich das Klima erwärmte und damit auch die Vegetation und die Tierwelt in den höheren Breitengraden wieder eine Blüte erlebten. So etwas hat Menschen schon immer animiert, neue Jagdgründe zu erkunden.

    Logisch, dass Karin Bojs in Leipzig landet und Svante Pääbo besucht, der sich ja gerade mit dieser Phase des Übergangs beschäftigt und der noch nicht ganz zu Ende gelösten Frage, warum die Neandertaler ausgestorben sind. Die meisten Forscher tendieren zu der Annahme, dass der moderne Mensch dabei eine wesentliche Rolle spielte. Auch wenn beide Populationen noch ein paar Jahrtausende nebeneinander lebten. Möglicherweise auf kritischer Distanz.

    Im Buch „Svenskarna och deras fäder de senaste 11.000 åren“ steht eine andere Jahreszahl im Titel. Denn die Begegnung mit dem Neandertaler ist in einer Beziehung wichtig: Sie klärt die Frage, warum heutige Europäer bis zu 2 Prozent Neandertaler-Erbgut in ihren Genen haben. Der Neandertaler hat uns einige wichtige Eigenschaften vererbt, die uns unser Überleben im kühleren und sonnenärmeren Norden erleichtert haben.

    Aber die Eiszeit war noch nicht wirklich zu Ende. Es gab noch ein paar heftige Kaltphasen, bis sich das Eis vor ungefähr 11.600 Jahren tatsächlich ganz aus Europa zurückzog und die Temperaturen auf die Werte stiegen, die wir heute gewohnt sind. Dass in dieser Zeit freilich auch Mammuts und Wollnashörner verschwanden, erwähnt Karin Bojs nicht extra. Aber auch an derer Verschwinden hat der moderne Mensch möglicherweise eine Aktie.

    Auch da streiten die Forscher noch. Deswegen sollte man sich vom Mammut auf dem Titel nicht verwirren lasen. Es geht im Buch nicht um Mammutjäger, sondern um Karin Bojs lange Suche nach echten Vorfahren in ihrer langen, langen Familiengeschichte. Denn das, was in den letzten 54.000 Jahren geschah, ist in unserer DNA gespeichert.

    Und das Instrument, mit dem die Wissenschaftler arbeiten, steht mittlerweile auch interssierten Menschen offen. Und Karin Bojs hat die Chance natürlich genutzt und ihre DNA sequenzieren lassen und sich damit selbst zum Forschungsprojekt gemacht. Die DNA verrät nämlich sehr genau, zu welcher Haplo-Gruppe jeder gehört. Diese Haplo-Gruppe verät sehr genau, mit welchen Bevölkerungsgruppen man am nächsten verwandt ist. Und das ist schon der Punkt, der viele Forscher des 20. Jahrhunderts in regelrechte Verzweiflung gestürzt hat, denn sie waren mit anderen Bildern von Volksgruppen und Völkern aufgewachsen, sehr statischen Bildern, die auch viel mit der Herausbildung moderner Nationalismen zu tun haben.

    Aber unsere DNA erzählt nicht von statischen Völkern und Gemeinschaften, sondern von großen, eindrucksvollen Wanderbewegungen. Europa ist ein Schmelztiegel – nicht nur der Kulturen, sondern auch der Gene. Und viele der Forscher, die Karin Bojs aufsuchte, sind überzeugt davon, dass alle diese Begegnungen von Neuankömmlingen und Alteingesessenen fruchtbar wurden – nicht nur, was die Kinder betrifft, sondern auch die Kulturtechniken. Und die größten Einwanderungsbewegungen waren regelrechte Revolutionen.

    Die modernen Menschen, die vor 11.000 Jahren bis nach Schweden vordrangen, waren noch Jägergemeinschaften. Sie profitierten von einer regelrechten Warmzeit, die ihnen Jagdwild in Hülle und Fülle bot. Irgendwie muss es auch wie das Paradies gewesen sein, denn Europa bot allen Nahrung an im Überfluss. Und auch diese Einwanderungswelle fand Karin Bojs in der Analyse ihrer DNA. Sie schildert sehr plastisch, wie ihr die längst vergangenen Welten immer vertrauter wurden, als sie begann, die Orte zu besuchen, wo die neu entstandene DNA-Variante ihren Ursprung nahm.

    In diesem Fall führte sie ihre Reise zu den berühmten Höhlen in Südfrankreich, wo unsere Vorfahren die faszinierenden Höhlenmalereien hinterließen. Aber auch Schmuck und Musikinstrumente stellten diese frühen Europäer schon her. Und natürlich spielte die Jagd eine zentrale Rolle in ihrem Leben – möglicherweise verbunden mit eindrucksvollen (Tier-)Kulten.

    Im Grund bereiste Karin Bojs bei der Recherche zu ihrem Buch alle wichtigen Brennpunkte der modernen archäologischen Forschung. Sie versucht, die Lebensbedingungen ihrer Vorfahren und Vorfahrinnen zu rekonstruieren und stellt sich natürlich auch all die Fragen, die sich jeder Mensch stellt, wenn er sich ein Bild dieser frühen Besiedlungsepoche zu machen versucht: Woher haben wir unsere blauen Augen? Mit wem kamen die Gene für hellere Haut nach Europa? Das zum Beispiel scheint erst mit der nächsten großen Einwanderungswelle der Fall gewesen zu sein, die irgendwann vor 8.000 bis 7.000 Jahren passierte.

    Das waren die Einwanderer, die Landwirtschaft und Viehzucht nach Europa brachten. Und natürlich reiste Bojs auch hier zum Ursprung dieser Wanderungsbewegung – nach Syrien. Denn dort finden sich die ältesten Spuren der beginnenden Landwirtschaft, die ältesten Dörfer. Und nicht nur das: Eine Haplo-Gruppe in Karin Bojs Familie verweist genau auf diesen Ursprung. Haplo-Gruppen sind genetische Verwandtschaftsgruppen, die auf einen gemeinsamen Ursprung all jener Menschen verweisen, die diese Gruppen in ihren Chromosomen tragen.

    Und anfangs war auch Karin Bojs überrascht, dass sich in ihrer DNA sowohl die Spuren der frühen Jäger fanden, die irgendwo aus dem nordspanischen Raum in den skandinavischen Raum einwanderten, als auch die Spuren jener Menschen, die über Kleinasien und/oder Griechenland die Donau aufwärts zogen und ungefähr vor 7.500 Jahren auch in dem Gebiet ankamen, wo heute Leipzig und Halle liegen.

    Und das Schöne an der Konstellation: Eine reisende Reporterin wie Karin Bojs kann in Leipzig absteigen, Svante Pääbo und die anderen namhaften DNA-Forscher am Max-Planck-Institut besuchen – und dann einfach mit der S-Bahn nach Halle fahren, um dort im Landesmuseum für Vorgeschichte eine der eindrucksvollsten Ausstellungen zu jener Zivilisation zu besuchen, die vor 7.500 Jahren an Elster und Saale Fuß fasste. Und hier wird auch sichtbar, was die dritte große Einwanderungswelle an Revolutionen auslöste.

    Die kam vor 4.800 Jahren aus dem Osten – aus den großen Steppen im Süden Russlands. Mit dieser Kultur, die auch das domestizierte Pferd und den Wagen mitbrachte, wird auch das Indogermanische in Verbindung gebracht, jene Ur-Sprache, aus der die meisten der heutigen Sprachen in Europa kommen. Und auch die Haplo-Gruppe, die man mit diesen Einwanderern aus der Steppe verbindet, ist heute nicht nur nachweisbar in Europa, die dominiert sogar im DNA-Bild der meisten europäischen Männer.

    Man versteht bald, warum Bojs von „meiner europäischen Familie“ spricht – denn diese vielen verschiedenen Wurzeln machen uns tatsächlich erst zu den Europäern, die wir heute sind. Und jedes Mal, wenn neue Einwandergruppen dazukamen, gab es einen neuen Quantensprung in der Technologie, in der Ernährung, in der Kultur. Unzählige Gräber erzählen davon. Aber auch die großen Steingräber in Skandinavien und Norddeutschland. Und weil Landwirtschaft extrem vom Kreislauf des Jahres abhängt, spielte zuletzt auch die Astronomie eine enorme Rolle – was man ja bekanntlich in Nebra und Goseck (gleich hinter Leipzig) sehr gut besichtigen kann.

    Und je genauer die DNA-Analysen sind, umso feinteiliger werden auch die Verwandtschaftsstränge, die sichtbar werden. Da wird es regelrecht anrührend, wenn Karin Bojs die genetischen Spuren einer ihrer Vorfahrinnen sucht – in schwedischen Archiven aber nichts mehr zu finden ist, die DNA-Spur aber vermuten lässt, dass diese Frau einst bei Wikingerraubzügen aus Irland als Sklavin mitgebracht wurde. Am Ende staunt auch Bojs nicht mehr, wie stark sich die gesamte europäische Einwanderungsgeschichte in ihrer DNA abbildet. Auf einmal ergeben die archäologischen Funde verbunden mit den DNA-Untersuchungen der bei den Grabungen gefundenen menschlichen Überreste ein komplexeres Bild und über die Jahrtausende werden Verwandtschaften sichtbar, die sogar heutige Familienforscher begeistern.

    Und selbst der Leser merkt, dass Bojs die ganze Zeit auch von seiner Familie erzählt, diesem großen Raum der Begegnungen, Verschmelzungen und Innovationen, der Europa seit 11.000 Jahren ist. So beiläufig wird auch der Reichtum jener Gesellschaften sichtbar, die vor 3.000 bis 5.000 Jahren in Nord- und Mitteleuropa existierten – zur selben Zeit wie die Hochkulturen in Ägypten oder im Zweistromland. Samt ihren Handelsverbindungen über die großen Flüsse und die Meeresküsten bis ins Mittelmeer.

    „Es ist wichtig, dass wir uns Wissen aneignen und zu verstehen versuchen, was unsere DNA uns verrät“, schreibt Karin Bojs, die auch dazu rät, die alten Stammbaum-Bilder aus unseren Köpfen zu verbannen. Wir stammen nicht nur aus einer Wurzel, sondern aus vielen Quellen, die sich in unseren Vorfahren vereinten und wieder neue Bäche und Flüsse ergaben. Im letzten Teil des Buches macht die Autorin andeutungsweise sichtbar, wie komplex schon die Geschichte der eigenen kleinen Familie wird, wenn man auch nur drei, vier Generationen weiter in die Vergangenheit geht.

    Wenn man gar 1.000 oder mehr Jahre weit geht, hat man auf einmal eine fast unübersehbare Zahl von Vorfahren, die aus unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und Einwanderungswellen stammen und deren DNA – wenn sie mal, wissenschaftlich analysiert, von einer Welt erzählt, in der Menschen immer wieder wanderten, neue Welten erschlossen und neue Erfindungen machten. Ein aufregender Prozess, wenn man den Sinn dafür schärft und auch noch – wie Karin Bojs – Lust darauf bekommt, zu all den berühmten Ausgrabungsstätten zu reisen, in denen die Puzzle-Stücke unserer Frühzeit ausgegraben wurden.

    Karin Bojs Meine europäische Familie, WBG Theiss, Darmstadt 2018, 29,95 Euro.

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