Zweimal war Leipzig 2022 international in den Schlagzeilen: Einmal, als RB Leipzig (zum ersten Mal) den DFB-Pokal gewann. Und das zweite Mal, als Svante Pääbo, Leiter des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, den Medizinnobelpreis erhielt. Zwei Ereignisse, die Oberbürgermeister Burkhard Jung am Mittwoch, 21. Juni, in seiner kurzen Rede erwähnte zur Überreichung der Ehrenmedaille der Stadt Leipzig an den sympathischen Schweden im Festsaal des Alten Rathauses.

Im Mai hatte Leipzigs Stadtrat einstimmig dafür gestimmt, Prof. Svante Pääbo die Ehrenmedaille zu verleihen, die stets nur 25 lebende Menschen tragen dürfen. Für Pääbo ein schöner Aufhänger für einen Spaß in seiner kleinen Dankesrede.

Gleichzeitig erinnerte Pääbo aber auch daran, was für eine wahnsinnige Stadt Leipzig eigentlich ist – oder war. Da kann man sich ja drüber streiten. Aber dass die 1990er Jahre Wahnsinn waren, wird  jeder bestätigen, der damals dabei war, als Leipzig regelrecht ausblutete und binnen zehn Jahren so viele Einwohner verlor wie in den vielen Jahrzehnten davor nicht. Gerade junge Menschen packten ihre Sachen und zogen der Arbeit hinterher in den Westen.

Leipzig wurde zur „schrumpfenden Stadt“ und verkaufte sich im Marketing trotzdem als „Boomtown“. Und die Stadt setzte auf Wissenschaft. Gerade die Alte Messe, von der die Leipziger Messe gerade Richtung neues Messegelände abgewandert war, sollte zum neuen Wissenschaftsstandort werden. Was nicht hieß, dass Leipzig auch den Zuschlag erhalten würde für das völlig neue Max-Planck-Institut für Anthropologie.

Prof. Svante Pääbo (Nobelpreisträger) hält seine Dankesrede. Foto: Jan Kaefer
Prof. Svante Pääbo (Nobelpreisträger) hält seine Dankesrede. Foto: Jan Kaefer

Mehrere deutsche Städte konkurrierten damals um dieses Institut, das Svante Pääbo erstmals die notwendigen Arbeitsbedingungen für das von ihm begründete Forschungsgebiet der Paläogenetik geben würde, beworben. Darunter – wie Pääbo in seiner Rede spaßeshalber einwarf – „eine kleine niedersächsische Landeshauptstadt“. Aber in Leipzig gefiel ihm diese Aufbruchsstimmung besser, auch irgendwie die Leute, die sich nicht kleinkriegen lassen wollten.

Und er habe es nie bereut, sich 1997 für Leipzig entschieden zu haben, sagt Pääbo. 1997 wurde das markante Institutsgebäude am Deutschen Platz gebaut. Und im Jahr 2000 schrieben Leipzigs Stadtplaner wieder eine ihrer so übermütigen Broschüren, in der sie eine Vision des Leipzigs von 2010 ausmalten. Mit der erstaunlichen Voraussage, im Jahre 2004 würde Svante Pääbo für seine genetischen Forschungen den Medizinnobelpreis bekommen.

Prof. Svante Pääbo (Nobelpreisträger) neben Burkhard Jung (Oberbürgermeister Leipzig), Prof. Johannes Krause (Max-Planck-Institut, Direktor Abt. Archäogenetik) und Friedrich Magirius (ehem. Superintendent und Stadtpräsident). Foto: Jan Kaefer
Prof. Svante Pääbo (Nobelpreisträger) neben Burkhard Jung (Oberbürgermeister Leipzig), Prof. Johannes Krause (Max-Planck-Institut, Direktor Abt. Archäogenetik) und Friedrich Magirius (ehem. Superintendent und Stadtpräsident). Foto: Jan Kaefer

Da entschuldigte sich Pääbo geradezu, dass es dann doch 18 Jahre länger gedauert hätte.

Aber Burkhard Jung ging nicht grundlos darauf ein, wie sehr gerade das MPI für evolutionäre Anthropologie zur Initialzündung für den Aufstieg des Wissenschaftsstandorts Leipzig wurde. Heute arbeiten inzwischen 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Deutschen Platz 6. Und das Institut wächst weiter. Stadt und Freistaat haben schon die Erweiterungsfläche für den Neubau gesichert, der für weitere 300 Menschen Arbeitsräume schaffen soll.

Und welche Rolle Pääbos Forschungen inzwischen weltweit spielen, das erzählte in seiner Laudatio Professor Johannes Krause, Direktor der Abteilung für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, ausführlich – und dankbar.

Denn Pääbo war auch sein Doktorvater und hat mit dem Institut nicht nur ihm Forschungsbedingungen geschaffen, die das Institut bis heute zum Flaggschiff an der Spitze der genetischen Archäologie machen. Und zu einem „Juwel unter den Max-Planck-Instituten“.

Laudator Prof. Johannes Krause (Max-Planck-Institut, Direktor Abt. Archäogenetik). Foto: Jan Kaefer
Laudator Prof. Johannes Krause (Max-Planck-Institut, Direktor Abt. Archäogenetik). Foto: Jan Kaefer

Wahrscheinlich brauchte es tatsächlich erst den Nobelpreis, um diese gegenseitige Bedingtheit wieder sichtbar zu machen – dass es eine aufgeschlossene Stadt und Stadtgesellschaft braucht, um einem Institut wie dem MPI für evolutionäre Anthropologie das richtige Umfeld zu bieten – und ein solches Institut, um deutlich zu machen, wie attraktiv Leipzig inzwischen wieder für Forschende aus aller Welt ist.

Aber Krause plauderte auch aus dem Nähkästchen. Denn Pääbos genetische Forschungen begannen mit einem Abstecher ins Ägyptische Museum in (Ost-)Berlin, wo er sich ein paar Proben besorgte, in denen er erstmals Jahrtausende alte genetische Überreste nachwies.

Seinen ersten Artikel dazu veröffentlichte er 1984 in der Zeitschrift „Das Altertum“ – eine archäologische Zeitschrift, die damals in der DDR erschien. Aber schon 1985 folgte der nächste Beitrag, dann schon in der international renommierten Zeitschrift „Nature“.

Wie aus Pääbos eigensinnigem Sonderweg dann mit der Zeit ein völlig neuer Forschungszweig wurde, das erzählt Krause in seiner Laudatio sehr ausführlich. Auch welche Ergebnisse seitdem für weltweites Aufsehen sorgten – ganz zentral natürlich die Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms und der Nachweis, dass alle heute lebenden Menschen außerhalb Afrikas Spuren der Neandertaler in ihrem Erbgut tragen. Die Kenntnisse über die Vielfalt der menschlichen Entwicklung haben sich seither gewaltig vermehrt.

Und notwendigerweise erwähnte Burkhard Jung auch das 2001 eröffnete Pongoland, wo Forscher des MPI sich mit den nächsten menschlichen Verwandten, den Menschenaffen beschäftigen. Es ist eben nicht nur ein Besuchermagnet im Leipziger Zoo.

Und dass Svante Pääbo längst zu einem richtigen Leipziger geworden ist, fand Jung durchaus erwähnenswert. Denn er lebt tatsächlich hier im Leipziger Osten, hat Leipzig zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht. Was man eben auch als Spitzenforscher nur macht, wenn man sich mit Stadt und Einwohnern wohlfühlt.

Vielleicht ist ja doch noch etwas da von dieser „an Größenwahn grenzenden Aufbruchsstimmung“, die Svante Pääbo 1996 in Leipzig entdeckte. Schön wär’s.

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