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Eine dramatische Mordserie und die vergessenen Schatten einer verklärten Schulzeit

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    Wer Möwewind auf der Karte sucht, wird es nicht finden. Ein wenig erinnert die Insel, die das Autoren-Duo Andrea Timm und Christhard Lück erfunden hat, an Sylt, ein bisschen an Hiddensee. Zwei Polizisten reichen in der Regel aus, um die Straftaten auf der Insel im Zaum zu halten. Zumindest galt das bis 2016. Da bekamen es die Kommissare Rosenbroek und Leessen mit einem ermordeten Pfarrer zu tun, nachzulesen in „Der Mond ist aufgegangen“.

    Und beinahe hätte dieser zweite Krimi von der schönen Urlaubsinsel den Titel „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ bekommen. Aber die Idee, eine Krimi-Serie mit beliebten Kinderliedern zu betiteln, muss kollidieren. Denn natürlich tragen auch viele Bücher mit Kinderliedern genau diesen Titel. Und im St. Benno Verlag auch noch ein Band mit „Abendgeschichten und Liedern aus der guten alten Zeit“, erschienen 2017. Ojemine, wird da der Verlagsdirektor gesagt haben.

    Schade, sagt sich der Leser. Denn gerade das Verspielte im Titel zeigt ja auf ganz zurückhaltende Art, dass Mord und Totschlag auch in der scheinbaren Idylle zu Hause sind. Kinder dürfen in einer heilen Welt leben. Aber wer als Erwachsener noch immer daran glaubt, hat irgendwie die Kurve nicht gekriegt. Wobei: Es ist nicht ganz einfach, erwachsen zu werden.

    Das merken manche Zeitgenossen spätestens beim 20-jährigen Klassentreffen. Ein solches findet nämlich jetzt auf Möwewind statt – Svea und Fritjof, die schon im ersten Inselkrimi eifrig den beiden Inselpolizisten dabei geholfen haben, den Mörder zu finden, haben diesmal ein großes Jahrgangsstufentreffen auf Möwewind organisiert. Zur Schule gegangen sind sie zwar in einer Klosterschule auf dem Festland, aber vier aus der Klasse hat es auf Möwewind verschlagen. Und die schöne Insel wollen sie ihren einstigen Klassenkameradinnen und -kameraden vorstellen.

    Auch das neue Kurhotel ist fertig, sodass alle problemlos unterkommen. Und eigentlich deutet alles auf ein paar vergnügte Tage hin, auf dieses überschäumende Beisammensein, bei dem alte Freundschaften noch einmal aufgefrischt werden, alte Rollen wieder eingenommen und jeder ein bisschen prahlt mit seinen Erfolgen im Leben, mit Frau und Kindern und Karriere.

    Und es wird ausgelassen gefeiert. Man ist ja eine verschworene Gemeinschaft. Da fließt der Alkohol, lodert das Lagerfeuer. Und am nächsten Morgen sind die ersten beiden tot.

    In gewisser Weise entwickelt sich die Geschichte schnell zu einer kleinen Hommage an Agatha Christie und ihren Krimi „Und dann gab’s keines mehr“, früher auch mal als „Zehn kleine Negerlein“ übersetzt, weil dieser Abzählreim aus gedankenlos rassistischen Zeiten im Roman eine zentrale Rolle spielt, da ja in einer kleinen Gruppe, die die Insel nicht verlassen kann, einer nach dem anderen zu Tode kommt und nur eines klar ist: Der Täter ist in der Gruppe zu suchen. Das ist Thriller pur.

    Und ein wenig ist es auch auf Möwewind so. Denn alles deutet darauf hin, dass jemand aus der Klassenstufe eine alte Rechnung zu begleichen hat. Nur haben die Versammelten keinen blassen Schimmer, was das für eine Rechnung sein könnte. Denn alle schwelgen in lauter schönen Erinnerungen. Und auch die beiden Inselpolizisten und ihre freiwilligen Helfer brauchen lange, um die richtige Spur zu finden. War es ein eifersüchtiger Ehemann? Wollte sich jemand an dem umtriebigen Hotelwirt rächen? Oder hat der karrieregeile Werner, der die Insel so schnell wieder verlassen hat, etwas damit zu tun?

    Und die Zeit drängt. Denn am übernächsten Tag wollten eigentlich alle wieder abreisen. Rosenbroek und Leessen müssen des Täters habhaft werden. Und kommen immer weiter unter Druck, denn weitere Todesfälle folgen. Das so schön geplante Klassentreffen wird immer mehr zum Albtraum. Aber natürlich auch zur Spurensuche.

    Für das Autoren-Duo ist ihre künstlich erschaffene Ferieninsel auch ein Experimentierraum. Ganz ähnlich wie im ersten Band. Schon deshalb, weil zwei ihrer Helden auch noch Seelsorger sind – und zwar geplagte. Sie schlagen sich mit ihren eigenen Unsicherheiten und Abgründen herum. Und natürlich mit der ewigen Frage: Haben sie jetzt richtig gehandelt? Haben nicht gerade Seelsorger eine besondere Verantwortung den ihnen anvertrauten Schäfchen gegenüber? Dürfen sie überhaupt Fehler machen? – Also lauter Fragen, die sich aufmerksame Menschen auch ständig stellen, weil man nun einmal immer wieder irrt, jemanden verletzt, falsch reagiert, also Schuld auf sich lädt.

    Und auch der Leser wird lange im Unklaren gelassen, worauf ein paar winzige eingestreute Spuren hindeuten. Die eigentliche Geschichte, die zu den Morden führt, erfährt er sehr spät. Da haben sich die Ereignisse längst überschlagen. Da hat jemand augenscheinlich eine 20 Jahre lang aufgestaute Wut, die sich jetzt kaltblütig und systematisch entlädt. Sehr kaltblütig, da staunt man schon. Aber wer den Agatha-Christie-Thrill liebt, kommt auf seine Kosten – und sucht natürlich hinterher vergeblich eine aufregende Ferieninsel namens Möwewind.

    Und wer skeptisch ist, wird trotzdem vom moralischen Grunddilemma eingefangen, das ein Dilemma unserer Zeit ist. Denn Auslöser für die späten Taten war das Verhalten einer „coolen“ Mädchenclique, die sich damals nicht nur als modisch schicke Truppe der schönsten Mädchen des Jahrgangs versammelte (und auch den Referendar verrückt machte), sondern auch den Ton in der Klasse angab – und ihr Herausgehobensein aus der Klasse auch mit bitterböser Verachtung für andere sichtbar machte. Was dann schon in der Schulzeit zu einem schweren Fall von Mobbing führte, mit dem aber weder die Mitschüler noch die Klosterschulleitung wirklich hilfreich umgehen konnten.

    Und das ist ein sehr gegenwärtiges Thema in einer Gesellschaft, in der Mobbing so etwas wie ein Volkssport geworden ist, wo sich das permanente Bewerten von Menschen ummünzt in einen regelrechten Ich-bin-was-Dünkel. Die Schönsten, die Reichsten, die Besten. Und wenn es gegen Nicht-so-Schöne, Nicht-Erfolgreiche geht, dann wird das Mobbing schnell rücksichtslos und vernichtend. Und die Täter(innen) merken oft gar nicht, was sie da anrichten.

    Oder wollen es nicht merken, weil das ja augenscheinlich in unserer Gesellschaft ein ganz normales Verhalten ist. Man grenzt sich ab, wertet ab, tritt nach unten und macht sich fit für die Karriere. Alle sind nur noch mit Drängeln, Schubsen und Konkurrieren beschäftigt. Das ist es doch, was hinter dem institutionalisierten Mobbing steckt.

    Gerade das Mordmotiv wird zum eigentlichen doppelten Boden. Und gerade für jene – wie die Zwillinge Svea und Friederike – zum Problem, die eigentlich von sich dachten, sie hätten auch ein Herz für die Erniedrigten und Beleidigten. Und dennoch müssen sie sich nun an eine Situation erinnern, in der sie nicht geholfen haben, geschwiegen und weggeguckt.

    Hoppla, sagt man sich da: Und das von zwei Autoren aus dem Münsterland? Also sind die Menschen im Osten und Westen dieses kopfschmerzenden Deutschlands doch nicht so verschieden, teilen im Grunde dieselben Sorgen und Unsicherheiten. Und werden eigentlich von denselben Fragen getrieben, wenn sie mal dazu kommen, drüber nachzudenken: Wie leicht oder schwer fällt es eigentlich, sich gegen das Böse aufzulehnen, wenn es passiert?

    Oder ist man dann zu ängstlich oder zu bequem? Will man es nicht sehen?

    Timm und Lück treiben das Drama natürlich auf die Spitze. Mobbingopfer wehren sich eher selten und schon gar nicht so kühl kalkuliert wie in diesem Krimi. Wobei auch das mit dem kühl vielleicht nicht stimmt, auch wenn es beinah eine perfekte Mordserie wird. Aber am Ende ist dann doch so etwas wie Liebe im Spiel, diese seltsame Verwirrung, die in diesem Fall zumindest einen Anschlag verhindert.

    Was einen aber so recht nicht froh macht, weil das im Lieben eigentlich auch eine irrationale Wahl ist – Liebe oder Leben.

    Das kann nicht mal ein Priester entscheiden.

    Und da die beiden Autoren so viele ehemalige Schüler aus der Klosterschule nach Möwewind gebracht haben, taucht das Thema moralische Verantwortung noch in einigen anderen Facetten auf. Denn sogar das macht dieses tragische Klassentreffen sichtbar: Die schlimmen Dinge geschehen vor allem deshalb, weil alle drüber schweigen und niemand wagt, die erste Frage zu stellen.

    Aber genau das sind ja die wirklichen menschlichen Zwickmühlen. Man fiebert zwar die ganze Zeit mit, ob dieser Inselkrimi dann doch nicht so blutig ausgeht, wie er auszugehen droht. Aber wenn man sich dann mal vom Buch löst, tauchen solche Gedanken dabei auf. Nicht ganz unwichtige Gedanken in einer Zeit, in der viele Menschen nicht mehr zuhören wollen und vom Neid- und Karrierefieber blind geworden sind. Da sieht man die Mitmenschen nicht mehr als leidende Wesen, sondern nur noch als lästige Konkurrenten.

    Da ist natürlich nicht viel Platz für den kleinen Mut, für Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Genau die Fragen, die sich die eigentlichen Möwewind-Helden die ganze Zeit stellen. Wahrscheinlich brauchen wir viel mehr solcher Inseln, in der Menschen mal rauskommen aus der zerstörerischen Tretmühle der Überheblichkeit.

    Andrea Timm; Christhard Lück Mord an der Klosterschule, St. Benno Verlag, Leipzig 2018, 12,95 Euro.

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 58 ist da: Ein Mann mit dem Deutschlandhütchen, beharrliche Radfahrer, ein nachdenklicher Richter und ein hungriges Leipzig im Sommer 1918

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