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Das schlaflose Buch und die Frage nach dem Wertvollsten im Leben

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    Man hat es beinah vergessen, denkt sich so als großer Mensch: Kindsein ist doch ganz einfach. Nicht so kompliziert wie das Leben als Erwachsener. Man futtert, spielt, macht sich schmutzig, will nicht ins Bett und – na ja – dann kann man nicht einschlafen. Weil der ganze Tag so aufregend war. Zum Beispiel. Das kennen auch die Großen. Aber was kann man tun, wenn im Kopf die Show immer weiterläuft und nirgendwo ein Aus-Knopf ist?

    Das ist für Große ein Rätsel. Und für Kleine erst recht. Erst recht für nicht mehr ganz so kleine, die schon eine Menge wissen von der Welt. Ja, genau diese kleinen Klugscheißer, die uns immer so überraschen, weil sie Dinge wissen, die unsereins erst im Lexikon nachschlagen muss. So wie dieses ruhelose Geschöpf, das Moni Port in diesem Buch zeichnerisch begleitet in die Untiefen der Nacht. Die erst einmal so tief nicht sind, denn die „Gedanken hüpfen von Ast zu Ast“.

    Schäfchen kommen übrigens nicht drin vor in diesem liebevoll, witzig und traumhaft gestalteten Einschlaf-Buch. Schafe sind wohl eher etwas für die Leute, denen wirklich nichts anderes einfällt. Dieses Mädchen hier trinkt erst einmal einen Schluck Wasser. Das hilft manchmal, doch etwas ruhiger zu werden. Aber wie erwähnt – es ist eins dieser blitzgescheiten Biester, das beim Wassertrinken schon mal dran denkt, dass der menschliche Körper zu mehr als der Hälfte aus Wasser besteht.

    Das kann man sich gar nicht vorstellen. Auch wenn es die kleine Nachdenkerin sichtlich versucht. Was sie sofort auf die Meere bringt, die den größten Teil der Erdoberfläche bedecken. Und im Meer leben Blauwale. Und Blauwale sind riesengroß und schwer, schwerer als Elefanten …

    Man sieht schon: Im Kopf eines pfiffigen Kindes findet alles Mögliche Platz. Auch ein Schwarm Wale, Elefanten, Käfer, Marienkäfer, Süßigkeiten und die wichtige Frage, die die ganze Familie beschäftigt: Was ist eigentlich das Wertvollste auf der Welt?

    Erwachsene, die nie Phantasie hatten und deshalb zwangsweise den Beruf eines Fondsverwalters erlernt haben, würden natürlich GELD sagen. NOCH MEHR GELD! UND NOCH NOCH MEHR!

    Deswegen regieren die Phantasielosen unsere Welt, die grauen Männchen aus „Momo“ und die Kassierer aller Art. Gier macht mächtig.

    Das lernen zwar kluge Kinder irgendwann, aber wenn sie wirklich klug sind, wollen sie mit diesen Pfeifen irgendwann nichts mehr zu tun haben und riskieren lieber ein eigenes Leben, mit Neugier, Bauchfragerei und lauter dicken Gedanken zur Unfassbarkeit der Welt.

    Und natürlich gibt es mehrere gute Antworten zum Wertvollsten auf der Welt. Pinkepinke gehört nicht dazu.

    Und weil das ein Traumbuch ist, oder besser ein Ich-kann-nicht-einschlafen-Buch, beginnen selbst bei großen Leuten beim Blättern die Gedanken zu wandern. Die Illustrationen von Moni Port tun eine Menge dazu, zuletzt hat man so etwas wohl in Umberto Ecos „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ gesehen, wo der Erzähler mit den Büchern und Bildern seiner Kindheit versucht, wieder Kontakt zu seinem verlorenen Ich zu finden. Also ungefähr den Weg andersherum, den abendlich kribbelnde Gedanken so nehmen. Man will sich ja eigentlich endlich in den Schlaf verlieren. Und dann fallen einem Märchen ein oder die gigantischen Maße der Freiheitsstatue in New York.

    Keine Schafe. Keine Bankiers.

    Die Bankiers fielen nur mir ein beim Blättern, weil ich solche phantasievollen Kinder kenne und eigentlich mit Bedauern sehe, wie ihnen versucht wird, das Träumen abzugewöhnen. Mit dieser praktizierenden Häme, die mit Verachtung auf alle wirklich wichtigen und schönen Tätigkeiten herabschaut. Denn wer sich umschaut in der Welt sieht ja, dass völlig unnütze Jobs völlig überbezahlt sind, während kreative und arbeitsame Tätigkeiten hundsmiserabel bezahlt werden. Das eine hält man nur aus, wenn man auf alle Hoffnung verzichtet, das andere nur, wenn man sein Herz gegen einen Stein eintauscht. Wie in „Das kalte Herz“.

    Und wie man so drüber nachdenkt, merkt man schon: Die berühmtesten Kindergeschichten sind allesamt Märchen und Traumgeschichten. Geschichten von einer Welt, in der Herzensgüte und Phantasie wieder wertgeschätzt werden. Was mit unserem Blick auf alles Schützenswerte um uns herum zusammenhängt. Oder haben sie noch ein fröhliches Gefühl, wenn Sie die Vögel vorm Fenster zählen? So viele sind es ja nicht mehr. Und die Mauersegler sind eh schon wieder abgeflogen. Im Traum der kleinen Schlaflosen sind sie noch da. „Sind Vögel frei?“

    Mauersegler können beim Fliegen schlafen. Aber die Kleine im Buch kann nicht schlafen.

    Es ist ein kluges Mädchen. Es ist ein kluges Buch. Und man hüpft mit der Kleinen von Gedanke zu Gedanke, von Bild zu Bild. Eins folgt aus dem anderen. Heringe, Makrelen und Haie kommen auch noch. Wie aber schlafen Haie, wenn sie immerfort in Bewegung bleiben müssen?

    Sie ahnen es: Die Kleine kann immer noch nicht einschlafen.

    Aber wer eine rege Phantasie hat weiß, wie das ist, wie man in Gedanken in einem riesigen bunten Buch blättert und einem immer wieder Dinge begegnen, die einen eh schon immer beschäftigt haben – aber auf die zugehörigen Fragen gibt’s einfach keine fertige Antwort.

    Kinder sind eben meistens wie Große. Nur dass die Großen entweder unvernünftig sind und sich dann irgendwelche Helferlein einwerfen. Oder sie haben sich wie Momo dafür entschieden, lieber ein Leben mit nützlichen und wichtigen Tätigkeiten zuzubringen und dafür auf die grauen Träume der Gierigen zu verzichten. Dann nehmen sie die Wale und Muscheln und Elefanten, wie sie kommen. Denn eigentlich sortiert ja nur das Gehirn alle Tageserlebnisse so ein, dass alles Wichtige morgen wiederzufinden ist. Und wer viel erlebt und viel Phantasie hat, der hat abends viel einzusortieren.

    Für den ist das, was das Mädchen in diesem Buch erlebt, eine alltägliche Übung in Gelassensein. In Wieder-zu-sich-finden.

    Und so betrachtet, ist hier ein erstaunlich gelassenes Kind am Werk. Man möchte ihm die Daumen drücken, dass es sich diese Phantasie erhält.

    Es ist also eigentlich ein Buch für alle Eltern und Kinder, die sich noch nicht für ein Leben mit Herz entschieden haben, sondern noch schwanken, ob sie sich zu den Stress-Menschen hinüberschlagen wollen. Solange alle Beteiligten noch darüber nachdenken, was wirklich das Wertvollste ist im Leben, ist noch nichts verloren. Dann ist es auch egal, ob man das Buch jeden Abend bis zu Ende schafft oder einer von beiden schon vorher einschläft – beim Zelten im Wald zum Beispiel.

    Moni Port Das schlaflose Buch, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2018, 14 Euro.

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