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„Fliegen lernen“ – Susanne Niemeyers Geschichten über Wesen, die da sind, wenn wir aus unseren Sorgen nicht herausfinden

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    Engel sind sonderbare Gestalten. Aber eigentlich haben sie nichts mit den geflügelten Kleinkindern zu tun, die auf barocken Gemälden herumflattern. Und auch nichts mit den liebevollen Schutzengeln, an die viele glauben. Und dennoch erklären sie vieles von dem, was unser Leben ausmacht, wenn man sich ernsthafter mit beidem beschäftigt. So wie Susanne Niemeyer.

    Die Engelgeschichten aus der Bibel, die im Untertitel zitiert sind, gibt es ja tatsächlich. Es sind jene Stellen, die jeder findet, der nach den Engeln in der Bibel sucht und dann verwirrt feststellt, dass die so gar nichts mit den diversen süßlichen Engelbildern aus der bildenden Kunst zu tun haben. Was ist da passiert?

    Wahrscheinlich ist wirklich der Barock schuld mit seiner übersüßten Vorstellung von Engeln, Himmel, Hirten und dem Lieben Gott, Jungfrau Maria und Innigkeit. So wurden die Boten Gottes verharmlost und sentimentalisiert. Und auch ihre Aufgabe verschwand hinter kindlichen Erwartungen. Aus den Boten oder gar dem Wesen als Botschaft (wie im hebräischen Ursprungswort mal’ach) wurden harfenspielende Mädchen mit Flügeln am Nachthemd.

    Aber in all diesen Szenen in der Bibel, die Niemeyer auswählt, sind die Gesandten Gottes viel näher an diesem hebräischen mal’ach als an den „englischen Himmelsbewohnern“. Und alle Stellen, die Niemeyer zitiert, zeigen auch noch die ursprüngliche Unentschiedenheit dieser „Geistwesen“ und damit die frühe Beziehung der Menschen zu ihren Göttern – und zu sich selbst.

    Etwas, was ja der Wim-Wenders-Film „Der Himmel über Berlin“ sehr bildhaft zeigte. Denn – kann es sein, dass all das, was manche Menschen als eine Botschaft Gottes, einen himmlischen Rat begreifen, eigentlich ein Zwiegespräch mit sich selbst ist? Das eigene Nachdenken und Leben in Träumen, die manchmal völlig überraschend eine Lösung anbieten, einen Rat oder einen Hinweis, der auf einmal weiterhilft in scheinbar ausweglosen Situationen?

    Ganz ähnlich scheint Susanne Niemeyer ihre Engel zu sehen. Sie erzählt nicht die alten Bibel-Geschichten nach. Die stehen als Zitat nach jeder kleinen Geschichte, in der sie den in der Bibel geschilderten Vorgang versucht, in unseren (oder ihrem) heutigen Alltag zu verorten. Womit sie schon einmal etwas Faszinierendes schafft: Zu zeigen, dass die alten Gleichnisse aus der Bibel sehr viel mit unserer ganz menschlichen Wirklichkeit zu tun haben. Wir stehen selbst immer wieder vor ganz ähnlichen Entscheidungen wie die scheinbar so fremden Gestalten aus dem Alten und dem Neuen Testament – auch wenn wir nicht gerade unseren liebsten Sohn opfern oder – wie Elia – alle Propheten umgebracht haben.

    Es ging ja auch im damaligen Judäa nicht ganz so blutrünstig zu, wie es die alten Bibel-Geschichten oft erzählen. Die schlimmsten Gräueltaten lassen sich historisch schlicht nicht belegen. Was natürlich auch den Verdacht nahelegt, dass die vielen Erzähler, die die biblischen Geschichten zusammentrugen, auch mit Absicht übertrieben. Kennt man ja auch von Homer und vom Autor des Nibelungenliedes. Augenscheinlich liebten die damaligen Zuhörer solche Übertreibungen nicht nur, sondern erwarteten sie auch. Oder brauchten sie sogar, um die Botschaft dahinter plastischer vor Augen zu haben. Denn lesen konnten sie ja nicht. Sie waren auf das Gehörte angewiesen.

    Deswegen sind die großen Bücher der Religionen eigentlich keine Handlungsanweisungen, wie spätere Fundamentalisten oft meinten. Jedenfalls nicht in dieser Auslegung. Sie waren Großerzählungen, in denen eine Gruppe Menschen zu sich selber kam, ein Eigenbild entwickelte und einen Fundus des idealen Lebens. Die Geschichten von Propheten, Königen, Gott und seinen Boten gaben Halt und Rahmen. Und auf einmal werden diese seltsamen Gestalten begreifbarer, vertrauter. Als wären sie unserer zweites Ich, das uns stärkt, trägt, tröstet, uns die Furcht nimmt. So wie in der Geschichte mit den beiden Marien, die am leeren Grab Jesu den Engel sehen, der sagt: „Fürchtet euch nicht.“

    Eigentlich ein Spruch, über den man nicht lange nachdenken muss, um sich damit sofort in die Gegenwart zu beamen. Und eigentlich geht es in all den kleinen Geschichten, die Susanne Niemeyer erzählt, um nichts anderes, auch wenn sie ab und zu tatsächlich allerlei verrückt gekleidete Gestalten darin auftauchen lässt, die sich ganz ähnlich verhalten wie die Engel im „Himmel über Berlin“. Sie tun etwas, was viele Menschen heute von anderen kaum mehr bekommen: Sie hören zu, sind da, wenn jemand einsam ist.

    Manchmal bringen sie Dinge in Bewegung oder erscheinen tatsächlich als fünfjähriges Kind, das den zufälligen einsamen Babysitter erst einmal zum Nachdenken bringt darüber, was er eigentlich noch für Wünsche hat im Leben. Selbst das wissen ja die meisten Menschen nicht mehr, irre geworden von einer Welt, wo einem allüberall die schnelle Befriedigung aller Wünsche versprochen wird. Man könne es sich ja einfach kaufen als Erwachsener, sagt der Mann in der Geschichte. Und merkt erst beim Aufschreiben, dass man die Erfüllung der wirklich wichtigen Wünsche überhaupt nicht kaufen kann.

    Diese Geschichte trifft mitten ins Mark unserer Zeit. Denn sie zeigt, warum so viele von uns so einsam, verloren, ratlos und verängstigt sind. Und zutiefst verunsichert, so verunsichert, dass sie ihre Hilflosigkeit in „Besorgnis“ verpacken und voller Aggression auf die Straße gehen, um alles Mögliche zu fordern. Lautstark. Und doch ins Leere geschrien. Denn jede Umfrage zeigt ja: Sie machen damit alles nur schlimmer. Aber sie lösen nichts. Und sie erlösen sich auch selbst nicht aus ihren Nöten und Ängsten. Sie sind weit, weit weg von diesem „Fürchtet euch nicht.“

    Nicht mal ahnend, dass ihre Ängste tatsächlich nur in ihrem Kopf sind.

    Es ist die Geschichte von Bileam und der Eselin, die Susanne Niemeyer hier so verwandelt, dass sie auch auf die Besorgten von heute passen könnte. „In einer Zeit lange nach den Großen Kriegen, als die Welt aufgeklärt war und das Sonnensystem vermessen, da lebte ein Volk, das nannte sich besorgt. Es wollte, dass alles so bleibt, wie es nie war. Das Neue war ihm zuwider, dem Zeitgeist misstraute es, die anderen verfluchte es aus Angst, sie könnten das besorgte Volk verschlingen.“

    Also holen sich die Besorgten einen Propheten, der sie in ihrer Sorge bestärken soll. Aber Liam kann das nicht. Weil er nur sagen kann, was Gott ihm tatsächlich in den Mund legt. Man merkt schon, das ist eine Geschichte mit doppeltem und dreifachem Boden. Auch weil sie das Besorgtsein dort abholt, wo es herkommt. Auch wieder so ein biblischer Moment, der aber zutiefst menschlich ist: Liam predigt den Besorgten am Ende die Liebe Gottes. Oder besser: dass Gott die Liebe ist.

    Was natürlich schwierig ist, wenn Menschen nicht an Gott glauben. Und auch anders kein Verhältnis zu sich selbst finden. Denn man kann es ja auch so ausdrücken: Gott ist die Liebe in uns. Was ja bekanntlich Jesus dann auf den Punkt brachte mit seinem Spruch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

    Das ist wohl das Schwerste. Und davon erzählen diese Engel-Geschichten ja alle: Dass man vor Angst in der Welt vergeht, wenn man die Liebe und das Vertrauen zu sich selbst nicht findet. Wenn man für alles, was einem geschieht, immer andere verantwortlich macht und sich selbst nur noch ängstigt vor einem schrecklichen Verschlungenwerden. Von was auch immer.

    Und damit keiner sich falsch gemeint fühlt, schreibt Susanne Niemeyer noch dahinter: Alles frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig. Und in der nächsten Engel-Geschichte packt Susanne Niemeyer noch einen drauf. Man merkt schon: Sie hat eine Botschaft mit diesem Buch. Und die ist nicht nur für Leute gedacht, die an richtige Engel glauben. Sondern auch und gerade für alle, die die Liebe zu sich selbst verloren haben. Und auch gleich noch die Gelassenheit in Schuld und Reue. Was Niemeyer über eine Träumende erzählt, die jede Nacht lauter Alpträume träumt von Ungeheuern, die sie bedrohen. Ein Ungeheuer, das jede Menge mit den schrecklichen Nachrichten aus aller Welt zu tun hat. Aber Eva, die hier träumt, möchte nicht albträumen. Und sie weiß zumindest eins: Wenn sie Nacht für Nacht gegen das Ungeheuer kämpft, hören die Albträume nicht auf. Sie muss es anders tun. Was sie dann nach dem Aufwachen tut: Sie kocht sich eine Tasse Tee und schreibt auf: „Jedes Wesen ist von Gott gemacht, also auch das Ungeheuer.“

    Das ist wirklich den meisten nicht bewusst. Aber das erlöst Eva noch nicht. Denn die nächste Nacht bringt ihr die nächste Einsicht: „Das Ungeheuer tobt auch in mir.“

    Das wäre schon eine starke Botschaft an die Besorgten aus der anderen Geschichte, die sich ja bekanntlich für die Guten halten und meinen, man müsse das Ungeheuer nur mit Gewalt aus der Welt schaffen, so wie alles, was sie besorgt. Es klappt aber nicht. Auch wenn einem im Traum dann der Engel mit dem Flammenschwert beisteht. Man kann das Ungeheuer bekämpfen. Aber man kann es nicht töten. Die eigentliche Botschaft steckt dann gar nicht in den neuen Erkenntnissen, die Eva auf ihren Zettel schreibt, sondern in der fast beiläufigen Feststellung der Autorin: „Das Ungeheuer war ihr mittlerweile vertraut.“

    Was mit den vielen Engel-Geschichten vorher zu tun hat, in denen die jungen und alten Heldinnen und Helden oft nur verdutzt feststellen, dass ein Engel bei ihnen ist. Aber er sagt ihnen nicht, was sie tun sollen, er rettet sie auch nicht. Aber er ist da und erinnert sie daran, dass sie wirklich leben. Dass sie selbst es sind, die auf sich aufpassen müssen. Oder der einfach jedes Jahr zu Aschermittwoch kommt und die Heldin der Geschichte aufmerksam anschaut, damit sie merkt: Sie wird wahrgenommen, tief und intensiv. So sollte sie sich selbst anschauen. So sollten sich Menschen anschauen. Gerade weil so viele immer einsamer sind. Was sie ja sind, weil sie diese Liebe verloren haben – zu sich selbst und zu den anderen. Und wer den anderen nicht anschaut, ihm nicht in die Augen schaut, der erfährt nichts über ihn. Der bleibt verschlossen in seinen Ängsten und Sorgen.

    Hab ich jetzt zuviel erzählt?

    Bestimmt nicht. Die Aschermittwoch-Geschichte ist die letzte im Buch. Sie steht nicht ohne Grund da, gleich nach der Geschichte mit dem Mädchen, das seinen Babysitter dazu bringt, seine wirklichen Wünsche aufzuschreiben.

    Und man ahnt, welche Rolle die Engel auch in der Bibel gespielt haben. Vielleicht sind sie nur unser aufmerksames Ich, das sich zu Wort meldet, wenn wir uns allein fühlen mit uns. Kann sein. Aber irgendjemand muss ja aufpassen auf uns. Und wenn wir es selbst sind. Das wäre ein Anfang.

    Susanne Niemeyer Fliegen lernen, Edition Chrismon, Leipzig 2018, 15 Euro.

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