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Wie Lisa Welzhofer ihren Vater fand und den Schlüssel zu ihrer eigenen Lebensgeschichte

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    Der Titel klingt, als handele es sich um eine Israel-Geschichte. Eine der vielen Ich-will-mal-versuchen-Israel-zu-verstehen-Geschichten. Aber das ist Lisa Welzhofers Suche nach der eigenen Herkunft ganz und gar nicht. Auch wenn die Suche nach ihrem Vater sie in einen Kibbuz am See Genezareth führt. Tatsächlich schreibt die Stuttgarter Journalistin aber eine berührende Familiengeschichte, wie sie viel zu selten geschrieben wird.

    Denn deutsche Familien sind in der Regel schweigende Familien. Man spricht selten oder nie über die Vergangenheit. Man hat das nicht gelernt. Und die Geschichte des Landes gab genug Gründe, über das Vergangene den Deckel des Schweigens zu legen. Nicht unbedingt aus gesundheitlichen Gründen. Denn dieses Schweigen machte viele krank. Er gab keine Räume der Heilung.

    Über die Vergangenheit redete man nicht. Man richtete sich ein, stürzte sich nach dem Krieg in den Wiederaufbau und das „Wirtschaftswunder“. So wie Lisas Großeltern, die sich in Lüneburg eine eigene Existenz aufbauten, ein eigenes kleines Häuschen und einen Kosmos, der auf ihre Tochter Barbara beklemmend gewirkt haben musste – auch wenn ihre Eltern offene und nachdenkliche Menschen waren.

    Aber es war die Zeit der Achtundsechziger, die Zeit der Rebellion und der Suche nach neuen Lebensentwürfen, die sich von den eher konservativen der Elterngeneration deutlich unterschieden. Das war die Zeit, in der es Lisas Mutter auf ihre große Suche trieb – erst nach Griechenland, dann – auf den Rat ähnlich unbeschwerter Reisender – nach Israel, wo Barbara dann in einem Kibbuz nicht nur Tage der unbeschwerten Freiheit genoss, sondern auch den Mann kennenlernte, der dann Lisas Vater werden sollte.

    Nur dass auch Hagai noch nicht das Gefühl hatte, reif für eine Familiengründung zu sein. Barbara kehrte allein nach Deutschland zurück. Lisa wuchs als Kind einer unverheirateten Mutter auf. Der Ausbruch, wie es scheint, ist misslungen. Nur: Beide redeten nie darüber. Nicht einmal in Barbaras letztem Jahr, als sie nach schwerer Krankheit viel zu früh starb und Lisa in einer Situation zurückließ, in der man eigentlich auch als junger Erwachsener nicht landen möchte: Nichts, aber auch gar nichts über die eigene Herkunft zu wissen.

    Das war der Beginn ihrer Suche. Und ihr Glück: Barbara, die junge, kritische und suchende Weltreisende, hatte Tagebuch geführt. Ein Tagebuch, das Lisa den Schlüssel gab, die Spuren ihrer eigenen Herkunft zu finden. Vielleicht war es auch Teil der Trauerarbeit. Sie geht mit sich selbst und ihren Gefühlen sehr analytisch um. Man merkt, dass sie eine gute Journalistin ist, die auch für das eigene Leben gelernt hat, sich Fragen zu stellen, die helfen, die Dinge zu begreifen, sich selbst als Schreibende auch nicht herauszunehmen aus einer Geschichte und die so beliebte (wie bequeme) Königsperspektive einzunehmen.

    Das geht weder im Regionaljournalismus, in dem sie Fuß gefasst hat, noch im eigenen Leben. Nur dass man in letzterem natürlich immer damit rechnen muss, dass es an ganz heftige Gefühle geht – all das, was viele Menschen für gewöhnlich so gut verpacken, dass niemand wieder herankommt.

    Aber das heilt nichts. Und es schafft auch nicht den Boden, auf dem man eigenes Selbstvertrauen aufbauen kann. Denn unausgesprochene Gefühle sorgen für Irritationen, für unbegründbare Ängste und Verstörungen. Es brauchte Mut, dass Lisa losflog nach Israel, um – anfangs mit für sie erstaunlicher Distanz – auf die Suche nach ihrem Vater zu gehen. Nicht wissend, wie das ausgehen würde.

    Der Gesuchte hätte durchaus abweisend reagieren können. Aber dem war nicht so. Spätestens als Lisa dann Hagais Schwester Ada kennenlernt, ist klar, dass ihre fremde israelische Familie sie nicht abweisen würde, im Gegenteil: Man würde auf das neue Familienmitglied aus dem fernen Deutschland mit Neugier und Herzlichkeit reagieren.

    Vielleicht ist es doch eine typische Israel-Geschichte? Könnte das auch in Deutschland passieren?

    Lisas Geschichte, die sie in kleinen Briefen an ihren gerade geborenen Sohn Viktor aufschreibt, ist wie ein Spiegel. Wir sehen uns selbst darin. Unsere eigene, sehr verschwiegene und oft genug abweisende Art, die viel mit unseren Vergangenheiten und dem Schweigen unserer Eltern zu tun hat. Denn so ohne Grund reiste Barbara ja nicht vor 40 Jahren nach Israel und fand im Kibbuz für ein paar Monate jene Freiheit, die auch unsere heutigen Kinder hier im auf Leistung getrimmten Deutschland mit seinen noch immer sehr engherzigen Moralvorstellungen kaum finden.

    Es ist ja noch immer so – auch wenn es Lisa Welzhofer in Stuttgart nicht so stark empfindet und die Sache der Emanzipation für ihre Generation schon sehr weit fortgeschritten einschätzt – dass die jungen Menschen nicht nur der Arbeit und der Ausbildung wegen weggehen, sondern auch, weil sie aus provinziellen Moralvorstellungen fliehen wollen.

    Ein ostdeutsches Phänomen, das ja auch längst wieder ins Grübeln bringt, ob das mit der Emanzipation in der DDR eigentlich so weit her war. Aber die Emanzipation gab es wirklich – sie war einer der Hauptgründe dafür, dass gerade die Töchter und Enkelinnen der emanzipierten Frauen ihre Koffer packten und in die Welt entschwanden.

    Der Osten ist dadurch um ein gewaltiges Stück provinzieller geworden, patriarchalischer, konservativer und muffiger. Sie merken schon: Was Lisa bewegt, bewegt uns eigentlich auch. Auf etwas andere Art – aber genauso heftig.

    Und spätestens die nächste Generation wird wie Lisa auf die Suche gehen nach den verschwundenen Wurzeln und den schweigenden Vätern. Und nur wenige dieser Väter werden sich als so offen, freundlich und neugierig erweisen wie dieser Hagai, den Lisa dann in Jerusalem tatsächlich trifft. Und sie erkennt vieles, was sie an sich selbst beobachtet hat, wieder. Diese ferne Familie wird ihr auch deshalb vertraut, weil sie dort auch ein Stück jener Rastlosigkeit wiederfindet, die sie selbst und ihre Mutter umtrieb.

    Immerhin tut sich ganz große Geschichte auf. Auch diese jüdische Familie hat eine Geschichte der Auswanderung, der Vernichtung, des Kampfes um den jungen Staat Israel und den Aufbau eines Kibbuz hinter sich. In den 1970er Jahren galt das Modell Kibbuz bei vielen Jugendlichen im Westen als Vorbild einer alternativen, sozialistischen Lebensweise.

    Israel hat sich seitdem sehr verändert. Aber vieles von dem, was Lisa in Barbaras Tagebücher fand, findet sie auch bei ihrer neuen Familie wieder. Nach und nach entsteht eine innige Beziehung. Und der Kontakt zu Hagai und seiner Familie erschließt Lisa auch vieles von dem, was sie an ihrer schweigsamen Mutter erlebt hat. Die rebellische Barbara mit ihren Träumen von einem anderen, selbstbestimmteren Leben wird sichtbarer.

    Es ist nicht das Einzige, was Lisa unbedingt ihrem kleinen Viktor mitgeben möchte, der ja seine Großmutter nie kennenlernen wird. Und Fotos im Album allein erzählen nicht die ganze Geschichte. Lisa Welzhofer gibt ihrem Sohn (und dann auch ihrer Tochter Rosa) eine Familiengeschichte mit auf den Weg, in der nicht nur die Großeltern und Urgroßeltern lebendig werden, sondern auch Lisa selbst.

    Denn durch ihre Suche wurde sie auch mit den eigenen Unsicherheiten und offenen Fragen konfrontiert, war regelrecht gezwungen, sich mit ihrer eigenen Position im Leben und ihren Lebensvorstellungen auseinanderzusetzen. Die wieder sehr viel mit unserer derzeit gültigen deutschen Art zu tun haben, Dinge als selbstverständlich anzusehen, die es gar nicht sind.

    Und keine Frage: Diese Briefe an Viktor werden an vielen Stellen sehr berührend, sehr intensiv. Gerade auch da, wo die längst Erwachsene von ihren eigenen Unsicherheiten schreibt. Da steht sie zwar längst mitten im Arbeitsleben, hat ihre eigene kleine Familie – und fühlt sich doch noch unsicher wie eine Jugendliche. Also ganz ähnlich wie Barbara, mit der sie nur zu gern noch über all das gesprochen hätte. Aber Barbara hat ihre Unsicherheiten mit Schweigen ummantelt. Nur ihr Tagebuch gibt einen Einblick in ihre Gedankenwelt.

    Gerade die Zeit des großen Aufbruchs nach 1968 war ja auch eine große Zeit der Unsicherheit. Keiner der jungen Leute wusste, ob man wirklich neue Formen des freieren Zusammenlebens finden würde. Vieles scheint seitdem gescheitert, in den Zwängen des Alltags verschwunden. Aber tatsächlich machen Lisas Briefe auch sichtbar, dass tatsächlich gar nichts verschwunden ist. Dieselben Fragen treiben die jungen Frauen von heute um.

    Manche Errungenschaften sind heute alltäglich. Andere müssen selbst im Alltag ausgekämpft werden. Und die Unsicherheit wird wohl immer Teil des menschlichen Lebens bleiben. Sie gehört zur Freiheit und Selbstbestimmung. Auch wenn das Lisa Welzhofer nicht besonders betont: Es ist allgegenwärtig. Ihre so stille Mutter wird mit der Suche nach dem Vater immer greifbarer, ihre Träume fassbarer.

    Daran hat sich nichts geändert.

    Und dass Lisa Welzhofer ihre Suche nun mit noch mehr Lesern teilt, macht die Sache nur noch anrührender. Es ist eine besondere Familiengeschichte, die sie erzählt. Aber es ist auch eine, die bei vielen Lesern die eigene Suche nach dem richtigen Platz in der Welt anklingen lassen wird. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass uns die heute so irritierten Israelis in vielem viel vertrauter sind, als wir meist denken.

    Wir begreifen die fremden Länder nicht, wenn wir nur dem medialen Geplänkel der Politiker zuschauen. Wir begreifen sie erst, wenn wir sie in ihrem Alltag kennenlernen. Dazu muss man sich aber selbst auf die Reise begeben. Und manchmal wird das eine richtige Lebensreise.

    Lisa Welzhofer Kibbuzkind, Edition Chrismon, Leipzig 2018, 14 Euro.

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