Eine andere Welt ist möglich, Teil 1 der Buchbesprechung

Landwirtschaft in der Krise: Warum in Indien sichtbar wird, was wir in Europa nicht wahrnehmen können

Für alle LeserWahrscheinlich muss man wirklich in einem Land wie Indien leben, um die Dinge klarer zu sehen, in all ihrer Nacktheit. Aus dem noch immer im Konsumwohlstand lebenden Westen heraus ist das fast unmöglich. Nicht nur das billige Nahrungsangebot macht uns blind. Wir sehen nicht mehr, wie auch unsere Nahrungsgrundlage zerstört wird, wenn wir so weitermachen. Das Buch ist mehr als ein Aufruf zum Ungehorsam.

Vandana Shiva ist eigentlich Quantenphysikerin. Das ist auch in Indien eine Ausnahme, wo Hochschulbildung noch immer fast ausschließlich Männersache ist. Doch ihre universitäre Karriere beendete sie genau in dem Moment, als sie merkte, was der Zugriff der international agierenden Konzerne auf die Lebensressourcen der indischen Bauern und indigenen Völker auslöste.

Wir reden ja so gern von den „Märkten“ und der „Globalisierung“, lassen uns die Supermärkte mit Produkten vollstellen, die alle gleich schmecken, miserable Nährwerte haben, uns aber als gesund angedreht werden. Von der Herkunft der in riesigen Mengen eingesetzten Grundstoffe ganz zu schweigen. Darüber erfahren wir nichts.

Warum das so ist? – „Die Öffentlichkeitsarbeit solcher Unternehmen produziert einen geschlossenen Informationskreislauf, in dem die großen Konzerne sorgfältig konstruierte Botschaften liefern, die dann von den Medien verbreitet werden. Die Ausbeuter erklären der Welt, sie würden keinerlei Schaden anrichten. Die wachsende Abschottung der Unternehmen und die Verschleierung ihrer Aktivitäten stellen eine enorme Bedrohung für die Demokratie dar. Um es ganz deutlich zu sagen: Frieden vorausgesetzt, würden wir ohne diese internationalen Konzerne keinen Mangel kennen, denn unser Planet ist zu 70 Prozent von Wasser bedeckt und die Menschheit verfügt über riesige Vorräte an Trinkwasser, die sich ständig erneuern.“

Und trotzdem entstehen weltweit immer mehr Knappheiten an Trinkwasser, Wald, landwirtschaftlichen Flächen und gesunden Nahrungsmitteln.

Geschrieben hat das Buch eigentlich Lionel Astruc, der die Arbeit von Vandana Shiva schon seit Jahren beobachtete – aber die Frau, die 1993 den Alternativen Nobelpreis bekam, hat keine Zeit, noch über sich selbst zu schreiben, auch wenn ihre Sachbücher („Staying alive“ und „Ökofeminismus“) längst zu den wichtigsten Werken der heutigen ökologischen und feministischen Bewegung gehören. Also suchte Astruc das Gespräch mit ihr und verwandelte den Stoff dieser Befragungen in ein Buch, in dem er Shiva wieder in der Ich-Form zu Wort kommen lässt. Mit all ihren Erfahrungen und Emotionen. Man ahnt nur, wie empört sie gewesen sein muss, als sie den Kampf gegen die Unternehmen begann, die den indischen Bauern das Trinkwasser abgruben, die Wälder fällten und dann gar mit Unterstützung der Staatsmacht begannen, ihnen genmanipuliertes Saatgut aufzudrängen, teures Saatgut, das Millionen indische Bauern in die Schulden stürzte, hunderttausende in den Selbstmord trieb.

Es ist das Echo der Debatten um genveränderten Mais in Europa und den Versuch solcher Konzerne wie Monsanto, die EU dazu zu bringen, dieses Saatgut überall in der EU zum Einsatz zu bringen. Was zum Glück nicht gelang. Aber sie lassen nicht locker. Das ist einer der Seufzer, die im Text erscheinen. Die riesigen Konzerne, die uns ständig einreden wollen, sie würden unsere Nahrungsgrundlage sichern und Super-Getreide auf die Felder bringen, das gegen sämtliche Schädlinge resistent sei, haben gar nicht im Sinn, die Nahrungsversorgung zu verbessern. Sie können es auch gar nicht.

Was wir in Europa ebenfalls nicht mitkriegen, weil wir – zum Glück – keine Anschauungsbeispiele vor Augen haben. Das alles passiert weitab, unsichtbar für uns, in Indien, Afrika und Südamerika. Denn das Saatgut, das Konzerne wie Monsanto den Bauern aufgedrängt haben, ist in der Regel nicht an die örtlichen Klimabedingungen angepasst. Es ist Einheitssaatgut, in riesigen Mengen hergestellt und mit ein paar genetischen Veränderungen versehen, die die Pflanzen entweder gegen die von Monsanto & Co. hergestellten Umweltgifte resistent machen sollen oder gleich Gifte produzieren sollen, die gegen Schädlinge wirken.

Das Problem, das die Konzerne nie benennen: Sie wissen überhaupt nicht, wie sich der Austausch einzelner Gensequenzen auf die gesamte Pflanze auswirkt. Obwohl jeder Genetiker weiß, dass Gene niemals einzeln wirken, dass man nicht einmal punktgenau sagen kann, wo eigentlich die jeweilige Funktion eines Gens zu finden ist. Denn die Natur arbeitet nicht mechanistisch und nach dem Baukastenprinzip. Neue Eigenschaften der Lebewesen bilden sich immer im Komplex aus. Immer spielen unterschiedlichste Genabschnitte zusammen. Wer diese Zusammenhänge zerstört, verändert zwangsläufig auch andere Eigenschaften von Pflanzen und Tieren. Mit Folgen, die der Gen-Bastler nicht abschätzen kann.

In den Ländern, in denen genveränderter Mais, Baumwolle usw. zum Einsatz kamen (meist von der Regierung massiv unterstützt), kam es schon nach wenigen Jahren zu massiven Ernteeinbußen. Aber nicht nur das sind die negativen Folgen. In Indien tummelte sich auch der amerikanische Konzern PepsiCo, auch er mit dem vollmundigen Versprechen neuer Arbeitsplätze und steigender Steuereinnahmen. Das Argument kennt man ja. Mal war es der massive Druck auf die Bauern, Kartoffeln für Cracker anzubauen, spezielle Kartoffeln, die sich eigentlich nur zur Produktion von Crackern eigneten. Aber die schnellste Folge dieser Politik war, dass die Bauern nicht mehr die vielen ursprünglichen Kartoffeln anbauten, die sie seit Jahrhunderten gezüchtet hatten. Ergebnis: Die Kartoffeln verschwanden von den Märkten. Der Zugriff des Konzerns sorgte dafür, dass die Inder ein rapide verschlechtertes Nahrungsangebot hatten. Und tausende Bauern anschließend in Konkurs gingen, weil ihnen die Cracker-Kartoffeln auf dem Feld verfaulten.

Ähnliche Beispiele erzählt Shiva zu Reis, Mais, Soja und Baumwolle. Jedes Mal brechen die großen, fast ausschließlich amerikanischen Konzerne in die Länder mit dem Heilsversprechen ein, endlich mit der „unrentablen“ alten und kleinteiligen Landwirtschaft aufzuräumen. Und dann bringen sie Regierungen, Parlamente und Bauern dazu, das neue künstliche Saatgut als Heilsbringer zu sehen und möglichst ganze Landschaften damit zuzupflanzen. Das Ergebnis sind genau die Monokulturen, die den Artenreichtum verschwinden lassen. In Indien – so Shiva – eben auch den Reichtum der vielen lokalen Sorten, die die Bauern im Lauf der Jahrhunderte gezüchtet haben.

Das ist ein Punkt, der sie besonders wütend macht: die Saatpiraterie der großen Konzerne, die sich einfach Züchtungen mit besonderen Eigenschaften aneignen und diese Spezialzüchtungen dann als Patent anmelden – ein Patent, für das sie sich dann auch noch von den Bauern, denen sie dieses Saatgut verkaufen, extra bezahlen lassen.

Da wird die jährliche aufmerksame Arbeit von Bauern, die ihr Saatgut immer daraufhin ausgewählt haben, welche Erträge es konkret an ihrem Standort bringt, einfach enteignet. Gestohlen regelrecht. So gestohlen, dass Farmer, die das Saatgut nicht jedes Jahr neu kaufen, sondern selbst weiterzüchten, in den USA verklagt werden können. Und Konzerne wie Monsanto bekommen dabei recht. Ein Thema, bei dem Shiva auch den massiven Einfluss der Großkonzerne auf die US-Politik thematisiert.

Berühmt geworden ist Shiva nicht nur durch die vielen friedlichen Protestaktionen, die sie organisiert hat. Als sie merkte, welch ein Unheil die Konzerne anrichteten, als sie hunderttausende indischer Bauern dazu brachten, das teure amerikanische Einheitssaatgut anzuwenden, baute sie die erste indische Samenbank auf, im Grunde eine zentrale Farm, auf der fortan Samen aller von den Bauern selbst gezüchteten Pflanzen gesammelt wurden. Nicht um sie einzufrieren, wie das die Europäer im Hohen Norden tun, sondern um sie zu vermehren und wieder auszuteilen. Ein Kapitel, das so simpel ist, dass man sich fragt: Wie konnte man sich von dem tollen Gen-Märchen der Großkonzerne so einlullen lassen?

Denn Samen bewahren ihre Vielfalt nicht dadurch, dass sie irgendwo im Tresor liegen, sondern indem sie jedes Jahr neu ausgesät werden, also im lebendigen Kreislauf bleiben und immer wieder mit den ganz konkreten Umweltbedingungen vor Ort in Berührung kommen. Nur so erwerben Pflanzen Resistenzen gegen bestimmte Schädlinge, stimmen sich mit der gewaltigen Mikrowelt der Bodenorganismen ab, passen sich den örtlichen Temperaturverhältnissen und den verfügbaren Wassermengen an. Sie werden resilient, also im besten Sinne: widerstandsfähig.

All das ist echte Züchterarbeit – meist von Frauen verrichtet, wie Shiva betont. Was sie selbst überraschte. Auch sie hatte eher den männlichen Bauern im Blick, bevor sie sich in all die Regionen auf den Weg machte, in denen es Probleme gab. Doch es sind in aller Welt fast immer die Frauen, die sich um die Saat kümmern. Auch weil sie dann auch diejenigen sind, die mit den Erntefrüchten die Familie ernähren müssen. Und diese Rolle üben Millionen Frauen noch heute aus in aller Welt.

Kein Wunder, dass Shiva im Verlauf des Buches immer kritischer die enge Verquickung von Kapitalismus und Patriarchat thematisiert. Der Kapitalismus bringt den mechanistischen und technokratischen Machbarkeitswahn mit sich – und das Patriarchat sichert den Männern den Zugriff auf alle Ressourcen. Und sie greifen, wenn sie sich die Gaben der Natur aneignen wollen, immer auch wieder zur Gewalt. Was übrigens einen etwas anderen Blick auf die Revolutionen und Bürgerkriege im Nahen Osten ergibt, als ihn die vom „Terrorismus“ besessenen Europäer haben. Denn all die Aufstände im Arabischen Frühling waren Aufstände in Nahrungskrisen. In Syrien zum Beispiel nach einer Reihe von Jahren mit heftigen Missernten.

Aber sind Männer denn nicht total glücklich mit ihrem Kapitalismus?

Nicht wirklich. Dazu mehr im zweiten Teil der Buchbesprechung.

Vandana Shiva; Lionel Astruc Eine andere Welt ist möglich, Oekom Verlag, München 2019, 20 Euro.

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