Wofür wir uns schämen: Ein Roman über Kindheitsmuster, falsche Rollen und den Mut zum eigenen Leben

Für alle LeserManchmal braucht es ein paar Umwege bis zum ersten Roman – zum Beispiel über 20 Jahre Arbeit als Autor und Ghostwriter in Wirtschaft und Politik. Und dann vielleicht noch den Kontakt zu einer einzigartigen Lektorentruppe wie die des Leipziger Liesmich Verlages, den diese ambitionierten Leipziger ja extra gegründet haben, um verheißungsvolle Manuskripte tatsächlich zum Überraschungsbuch werden zu lassen. So auch Tomas Blums „Wofür wir uns schämen“.
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Schon der Buchtitel lässt ahnen, dass hier Autor und Held an etwas rühren, was die meisten Deutschen ganz unten verschließen, in der dickwandigen Kiste im Keller, in der man alles versteckt, was einem peinlich sein könnte. Was das eigene Selbstbild vom Sieger und souveränen Helden des eigenen Lebens infrage stellen könnte, weil es diese Siegerpose unterminiert. Man zeigt keine Schwäche mehr, spielt stets den Coolen und Smarten und lässt vor allem nichts von den Schwächen, Abgründen und Unsicherheiten nach außen dringen, die einen als etwas anderes zeigen als den toughen Erfolgsmenschen, der immer schon wusste, wo es langgeht.

So ein Typ könnte auch Gregor sein, Team-Leiter in einer Kreativagentur, die freilich kurz vor der Insolvenz steht. Ein fetter Auftrag könnte den Laden retten. Gregors Namen erfährt der Leser übrigens erst ganz am Ende. Der Erzähler, wie wir ihn auf den ersten Seiten kennenlernen, ist nicht grundlos namenlos. Ein Früchtchen, wie sie heute haufenweise in kreativen Jobs unterwegs sind, sich verdingen und eigentlich nirgendwo wirklich mit dem Herzen dabei sind, auch keine echten Beziehungen zu Kollegen und Kolleginnen aufbauen.

Das viel gepriesene Team ist ein anonymer Haufen, in dem sich die Einzelnen nur durch ihre Ticks und ihre Funktion unterscheiden. Und am Ende funktioniert dieser Haufen auch genau so. Aber da ist es Gregor auf jeden Fall schon egal, denn mit der Rothaarigen ganz hinten im Raum ist für ihn ein Stück Kindheit aufgebrochen. Jene große Truhe der verstörenden Erinnerung, die immer beides zugleich ist – ein Abgrund, in den man ungern zurückschaut, und etwas, was einen magisch anzieht, weil es einen mit den Wurzeln des eigenen Gewordenseins verbindet.

Und bei Gregor passiert das erst einmal alles im Kopf. Nicht nur den Namen enthält Blum dem Leser erst einmal vor. Auch die Erinnerungsfetzen, die Gregor die markanten Ereignisse seiner Kindheit wieder lebendig werden lassen, tauchen erst nach und nach auf, vermischen sich mit dem großen Gebrabbel, das sowieso schon in Gregors Kopf passiert. Denn während er nach außen den von sich überzeugten Team-Chef geben kann, ist er in seinem Kopf ein Mensch geblieben, der nichts, was ihm geschieht, wirklich locker nimmt. Nicht locker nehmen kann. Man kann es interpretieren als „Da fehlt ihm etwas“. Was wahrscheinlich die meisten Leute sagen würden, die ihr Leben ohne Rückspiegel und ohne Rücksicht auf Verluste leben. Aber eigentlich ist es – neben der tiefsitzenden Verunsicherung – auch eine nie ermüdende Sensibilität, die dieser Sohn eines wohl doch eher beziehungsunfähigen Vaters nie verloren hat.

Eine Sensibilität, die es in unserer von Ellenbogen geprägten Gesellschaft eigentlich schwer hat. Wer Skrupel hat, kommt schon früh unter die Räder, wird von denen schikaniert, die merken, dass sie diesen Menschen tief verletzen können, wenn sie sich boshaft und schamlos benehmen.

Denn Scham ist kein Negativum, auch wenn es die Schamlosen gern so erzählen. Scham ist das, was uns darauf aufmerksam macht, dass wir nicht nur andere Menschen zutiefst verletzen können, sondern auch unser eigenes Selbstverständnis zerstören, gegen unsere eigenen Gefühle und Grundsätze handeln. Nichts verbindet uns mehr mit anderen Menschen in unserer eigenen Kindheitsgeschichte als die Scham.

Und man erlebt mit diesem Gregor so einige Momente der Scham, verwirrende Momente, weil sie einem auch zeigen, dass man gerade dann, wenn es um ehrliche Gefühle geht, niemals Herr der Lage ist, so souverän etwa wie an dem Tag, als Gregor noch einmal in sein Elternhaus fährt, nachdem er erfahren hat, dass sein Vater gestorben ist. Wo wir dann tatsächlich erfahren, wo seine Ex-Frau abgeblieben ist, von der er sich getrennt hat. Oder wohl besser: Die sich von ihm getrennt hat, nachdem Gregor – wie man zumindest ahnen kann – eine lange Phase mit Tabletten, Psychotherapie und Suizid-Gedanken hinter sich hatte. Eine Phase, die mit seiner Kindheit in einem Elternhaus zu tun haben muss, in dem er wirkliche Nähe und Akzeptanz nicht erfahren hat.

Das klingt jetzt, als stecke in diesem Buch wieder mal eine ganz fürchterliche Kindheits-Drama-Geschichte. Doch Gregors Kindheit mutet eher an wie eine Kindheit, wie sie viele Jungen erleben. Eine Kindheit, in der Jungen sich ihren Eltern nur beweisen können, in dem sie funktionieren, Leistungen bringen und sich durchsetzen. Und nicht nur Gregor hat mit dieser Last zu leben. Seinen Brüdern geht es nicht anders. Nur haben die diesen Packen an Erzogensein nie aufgearbeitet, sperren sich sogar regelrecht ein in ihrer Abwehr gegen den scheinbar Labilen und Erfolglosen.

Doch an diesem Tag ist es Gregor, der den ratlos Hinterbliebenen deutlich seine Meinung sagt. Manchmal braucht es ein halbes Leben, bis man so weit ist und all die Hüllen der falschen Verehrung, der blumigen Worte und verhüllenden Sprache ablegt.

Auch deshalb ist das eigentlich ein Buch, das etwas Wichtiges über unsere heutige Gesellschaft und ihre Selbstverklärung mitteilt. Wir sind weder ein glückliches Volk noch ein vernünftiges, besser als andere sind wir schon gar nicht. Oder gar aufgeklärter. Und es ist just die Rolle, die wir Männern zuweisen, die alles so falsch und verlogen macht. Eine Rolle, die Gregor nicht mehr spielen möchte.

Was nicht heißt, dass er auf einmal souverän ist in diesem Selbersein. Das bricht spätestens auf, als er der rothaarigen Kollegin sehr unbeholfen ins Gesicht sagt, dass er sie kennt – aus einer Begegnung in der Kindheit, die tief in ihm sitzt und ihn immer noch beschäftigen muss, auch wenn die Ereignisse wie aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheinen. Im Kopf schleudert es ihn regelrecht zurück in diese Kindheitstage tief in der Provinz. Aber auch hier präsentiert Tomas Blum die Geschichte nicht hübsch verpackt als Rückblende.

Er macht es ja anfangs dem Leser nicht leicht, den er mit hineinnimmt in den Kopf seines Helden, seine Gedankensprünge, die ineinander überlaufenden Erinnerungsfetzen, die Grübeleien und fast philosophischen Momenten. In all das, was in einem Männerkopf so passiert, wenn er beginnt, sich seines eigenen Denkens, Fühlens und Daseins gewahr zu werden. Bis hinein in ganz poetische Momente, in denen Gregor einfach intensiv den Moment genießt – und sei es das tiefe Einatmen auf dem Dach und das Gewahrwerden, ein lebendiges Wesen unter einem großen Himmel zu sein.

Eigentlich erfahren wir schon früh, wie fremd ihm das Rennen im Hamsterrad geworden ist, all diese Hatz nach Geld und Anerkennung. Einer Anerkennung, hinter der sich letztlich die Einsamkeit versteckt, die unauflösbare Verlorenheit, wenn einer aus seinem Elternhaus nur das Gefühl mitbekommen hat, nicht zu genügen.

Dahin muss einer erst einmal kommen. Und dass er in diesem anonymen Team einer ist, der diesen Zugang hat, merkt zumindest die rothaarige Kollegin hinten im Raum. Auch wenn sie noch gar nicht wissen kann, dass sie beide ein Moment in der Vergangenheit verbindet. Ein Moment ganz elementarer Nähe, in der das Kind Gregor seine Schüchternheit überwindet und Gefühle zulässt, die so eigentlich im Erwartungskosmos des Vaters keinen Platz haben. Ein Moment, in dem die spätere Kollegin das hilflose Opfer einer wirklich kaputten und strenggläubigen Familie ist. In der Provinz stecken viele Provinzen. Und viele starre Masken, hinter denen sich die Menschen voreinander verstecken.

Große Städte haben nur den Vorteil, dass man hier den Nachbarn seltener über den Weg läuft. Das Maskenspiel aber hört meistens nicht auf. Und noch viel seltener öffnen sich zwei Menschen so voreinander, wie es Gregor und die Rothaarige dann machen, als sie sich die gemeinsame Geschichte erschließen und dabei merken, dass sie sich gerade in ihrer Verletzlichkeit zutiefst vertraut sind. Zum Heulen vertraut. Tomas Blum hat hier tatsächlich die Geschichte einer Begegnung geschrieben, die mit dem ganzen Liebes-Euphorie-Quatsch in der handelsüblichen Literatur einmal nichts zu tun hat. Auch wenn Gregor gerade darüber ebenfalls reflektiert. Er kann nicht anders. Egal, ob beim Autofahren, auf der Toilette oder beim spontanen Bad im Fluss mit der Rothaarigen – seinen Kopf kann er nicht ausschalten. Neue Eindrücke rufen alte Bilder wach, banale Situationen ganze Wagenladungen an Befürchtungen, Bedenken samt Gegenrede.

Was auch dazu führt, dass er in Situationen, in denen andere schnell und zielsicher reagiert hätten, zögert, überlegt, in Zwiespalt gerät. Was dann auch immer wieder verwirrende Folgen hat, die ihn auch gefühlsmäßig tief in die Bredouille bringen. Gründe genug, sich zutiefst zu schämen. Und dann doch – zögernd, verwirrt und völlig unsicher, was daraus folgen wird – eine Entscheidung zu treffen, die nur aus dieser (schamhaften) Selbsterkundung richtig und sinnvoll ist.

Auch wenn daraus lauter Ungewissheiten folgen. Aber selbst das rührt ja an die seltsame Grundlage unserer Gesellschaft, in der augenscheinlich nur die belohnt werden, die all ihre Gefühle, ihre Vorstellungen von einem ehrlichen Leben bereit sind, vor sich selbst zu verleugnen, in die erwarteten Rollen schlüpfen und sie ausfüllen, egal, was das mit ihnen anrichtet. Erstaunlich, aber je länger man in dieser von Blendern und So-tun-als-ob-Menschen beherrschten Gesellschaft lebt, umso deutlich wird, dass Adornos Worte vom „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ auf diese scheinbar von Wohlstand trunkene Gesellschaft genauso zutreffen wie auf vergangene Gesellschaften.

Wir erfahren nicht, wie die Geschichte von Gregor und Marie ausgehen wird. Aber fast jungfräulich nackt stehen sie zuletzt auf einer Wiese. Eben erst hat es Gregor völlig von den Füßen gehauen. Aber eins weiß er ganz genau: Das hier ist ihm noch nie passiert.

Und was Tomas Blum mit dieser Erzählweise gelingt, ist im Grunde das, worum es die ganze Zeit geht: Wieder ein Gespür dafür zu bekommen, was Lebendigsein wirklich ist.

Tomas Blum Wofür wir uns schämen, Liesmich Verlag, Leipzig 2019, 14,95 Euro.

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