Die Geschichte von Reiner Zufall: Eine leicht phantastische Geschichte um das Drama des vielbegabten Kindes

Für alle LeserReiner hat es nicht einfach. Mal abgesehen davon, dass er die Schwerkraft aufheben kann, Airbusse anstelle der Piloten landen kann und auch locker mal ein großes Konzert dirigiert, hat er ein Problem: Er denkt zu viel nach, hat zu viele Talente und erlebt immer wieder harsche Konfrontationen mit der Welt, weil er die Dinge zu gut beherrscht. Da fühlen sich die Leute, die er mal kurz vertreten hat, in ihren edelsten Persönlichkeitsrechten verletzt.

Der Leipziger Peter Lemar ist Musiker und Schriftsteller, hat ein Faible für Physik und Astronomie, hat mal als Lehrer gearbeitet, als Hörfunkproduzent und Journalist. Das ist selbst für einen ostdeutschen Künstler seiner Generation ein sehr bunter Gemüsegarten. Aber ein typischer – jedenfalls was Menschen betrifft, die mit zu vielen Talenten gesegnet sind und deshalb in kein Raster passen. Und die es auch nicht fertig bringen, sich zu beschneiden.

Das sieht zwar für Außenstehende manchmal wie Prokrastination aus, jenes seltsame Leiden, mit dem heute vor allem junge Leute zu kämpfen haben. Oder glauben, kämpfen zu müssen, weil sie nicht wirklich wissen, warum sie bestimmte Dinge, die andere für normal halten, einfach nicht tun wollen. Das Aufschieben solcher Dinge ist nicht immer Versagen vor der Herausforderung. Oft ist es auch ein tiefsitzendes Gefühl, das den Betroffenen lähmt, weil er ahnt, dass die üblichen Erwartungen einer normierten Gesellschaft gar nicht das sind, was ihn (oder sie) wirklich erfüllt.

Die meisten Menschen in unserer Gegenwart leben an ihren eigenen Wünschen und Fähigkeiten vorbei.

Und damit sind wir bei Herrn Prokustes, dem Burschen aus der griechischem Mythologie, der geradezu besessen war davon, alle Menschen auf ein Einheitsmaß zu bringen und ihnen auch mal die Glieder verkürzte, wenn sie über sein mittelmäßiges Bett hinausragten.

Tatsächlich bewegt sich Reiner Zufall zwischen beiden Polen, erlebt das, was vieltalentierte Menschen auch heute noch erleben: Sie passen nicht. Nirgendwo. Nicht in der Schule, wo sie die Lehrer beschämen, weil sie zu viele Fragen stellen und vom Lehrstoff abschweifen, nicht in der Universität, weil ihre Forschungsergebnisse die alten Theorien des maßgeblichen Forschers infrage stellen und damit natürlich deren Autorität untergraben, nicht im Hörfunk, wo sie die hauptamtlichen Plapperer beschämen, und auch nicht im Musikbusiness, weil sie nicht die Modemusik herstellen, die von den auf Mehrheitsgeschmack getrimmten Sendern zum Hit hochgejazzt wird.

Es steckt eine Menge von Peter Lemar selbst in diesem Reiner Zufall. Und damit auch eine Menge Verwunderung darüber, dass viele Begabungen so gar nichts nützen, um in einer Welt der Anpassungsfähigen Erfolg zu haben und Karriere zu machen. So ein wenig also das „Drama des begabten Kindes“, von Peter Lemar ins Phantastische verfremdet – sein Reiner ist nicht nur scharfsinniger Beobachter seiner Mitwelt, er hat auch ein paar wunderbare Kräfte, mit denen er die für alle gültigen Naturgesetze aushebeln kann.

Aber das sind eigentlich nicht die stärksten Passagen. Wahrscheinlich aber die lustigsten und am leichtesten zu verfilmenden. Das eigentliche Drama aber spielt sich im Kopf ab. Begabte Kinder geben sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden. Gerade da, wo Erwachsene gern zu allgemeingültigen Behauptungen greifen, stellen sie erst die richtig verwirrenden Fragen.

Wem es so erging in jungen Jahren, der wird sich in solchen Passagen wiedererkennen: „Reiner hatte auch einen Blick für das Absurde. Zum Beispiel verstand er nicht, warum Menschen nur in stählernen Tauchbooten die Tiefsee erkundeten, während Tiefseefische genauso beschaffen waren wie normale Fische und warum sein Planet zwar ein Gewicht von sechs Trilliarden Tonnen hatte, aber gleichzeitig schwerelos durchs All schwebte. Noch dazu mit affenartiger Geschwindigkeit, von der man nichts mitbekam. Es faszinierte ihn, nachts die Sterne zu beobachten und dabei den Eindruck zu haben, die ganze Welt drehe sich um ihn und er selber stünde fest im Zentrum. Er kannte das Gefühl von seiner eigenen Innenwelt, von der Wahrnehmung von sich selbst. Auch da hatte er eine Zeitlang geglaubt, er selber sei der Nabel der Welt, was in gewisser Weise stimmte, aber gleichzeitig eine Illusion war.“

Wobei das Staunen über diese Widersprüche nicht einmal der Kern des Dramas ist. Viele Kinder kennen diese scheinbar absurden Erfahrungen (zumindest die, die nachts wirklich noch den richtigen Sternenhimmel sehen können), die meisten gewöhnen sich das aber spätestens in der Schule ab. Sie staunen nicht mehr, sondern werden „cool“ und lernen fürs Leben, dass man sich über nichts mehr wundert, macht, was verlangt wird und ansonsten das Rotzlöffeltum heraushängen lässt, die Selbstsicherheit des Arrivierten, der nachdenkliche, neugierige und sensible Mitmenschen verachtet.

In genau so einer Welt leben wir. Lemar hat schon mehrere Bücher über dieses Phänomen geschrieben, mit dem er bis heute nicht in Frieden leben mag. Seinen Reiner lässt er immer wieder – trotz aller Erfolge – scheitern. Und zwar nicht am Erfolg, sondern am Kleingeist und der Missgunst der Menschen, die er für einen Moment vertreten durfte. Denn seine Talente haben ihn nicht gehindert, einige Dinge sehr gut zu beherrschen.

Ganz irdische Dinge, denn seine übernatürlichen Fähigkeiten wendet er im Erwachsenenleben nicht mehr an. Immer wieder bieten sich ihm Gelegenheiten, zu zeigen, was er kann. Er gründet auch eine Band, hat Erfolg in der Hitparade. Doch immer wieder landet er in solchen Situationen vor Gericht, wird verklagt und muss teure Entschädigungen zahlen, weil er die Persönlichkeitsrechte der Leute verletzt hat, deren Stelle er einen Moment lang einnehmen durfte.

Auch das so eine typische ostdeutsche Erfahrung, die zum Unwohlsein der Jahre nach 1990 gehört: Für Nichtigkeiten bekommt man Klagen an den Hals, wird mit Geldstrafen überzogen – und kann sich nicht wehren. Denn die Gerechtigkeit gehört in Deutschland den Leuten, die sich teure Rechtsanwälte leisten können.

Wer das erlebt hat, weiß, dass das zur Disziplinierung führt, zu Kopfeinziehen und Ausweichen. Und zum Entmutigen. Und auch dieser Reiner lässt sich zunehmend entmutigen. All seine Talente nutzen ihm nichts, denn damit stört er die Mittelmäßigen und Angepassten, die das Geld haben und die Macht, ihn zu verklagen. Und sei es wegen Nichtigkeiten.

Was aber passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, in der das die Norm ist? Damit werden ja auch sämtliche Maßstäbe und Ansprüche mittelmäßig, entsteht eine Prokrustes-Gesellschaft, in der man sich lieber selbst die Beine abhackt, wenn man auf eine der gut bezahlten Stellen will. Oder man wird zum Außenseiter.

So wie die meisten Kreativen, aber auch eigenwillige junge Wissenschaftler, die die Hierarchien und erstarrten Theorien infrage stellen. Was sind wir eigentlich für eine Gesellschaft? Jedenfalls keine, die ihre Begabungen und Potenziale fördert. Denn die lassen sich ja nicht vermarkten, sind nicht Mainstream, fordern heraus, stellen unbequeme Fragen oder stellen gar ihr Gegenüber infrage.

Da kann sich jeder selbst umschauen in seiner Umgebung: Talente sieht er da keine. Aber jede Menge erfolgreiches Mittelmaß, hochmütigen Opportunismus, selbstverliebte Eitelkeiten.

Kein Wunder, dass dieser Reiner irgendwann resigniert. „Sollten die anderen ihre Elitepartner finden, zu Erfolg und Reichtum gelangen, sich bei Facebook wichtigtun und 2.000 Freunde haben … Er war bereit, dem ewigen Karussell der Eitelkeiten zu entsagen. Sicher würde es irgendwo Welten geben, in denen andere Gesetze herrschten. Aber für diese Welt war er nicht gemacht. Nicht für dieses Universum!“

Da wird es dann wieder ein bisschen märchenhaft. Denn der echte Peter Lemar kann zwar auch ausrechnen, wie viele Planeten im Universum möglicherweise mit (intelligentem) Leben besiedelt sind. Aber er kann sich nicht wegbeamen. Er muss auch nach Erscheinen des Buches in Leipzig bleiben und es aushalten, dass er sich in den Eitelkeiten des Mainstreams überhaupt nicht zu Hause fühlt, nicht gemeint und auch nicht herausgefordert wie etwa von Strawinskys „Der Feuervogel“.

An der Stelle fällt ihm dann Descartes‘ Spruch „Ich denke, also bin ich“ ein, der auch von Philosophen gern falsch verstanden wird. Nur macht es in Reiners Kopf dabei „Klick!“ und es wird ein „Ich denke, also bin ich hier falsch!“ daraus. Und schwups landet er in einer Welt, in der er auch seiner großen Lebensliebe Maria wiederbegegnet, die ihm beiläufig klarmacht, dass er ein bisschen spät kommt. Denn darauf hätte er ja schon vor Jahren kommen können.

Eigentlich ist die Reiner-Zufall-Geschichte eine fast anekdotische Erzählung über ein begabtes Kind, das mit dem Erwachsenwerden nicht einsehen wollte, dass es fortan nur noch ein angepasster Hamster im Laufrad sein sollte, um ein Leben lang lauter überflüssige Dinge zu tun, um eine in irrem Leerlauf befindliche Gesellschaft am Leben zu erhalten, die mit ihren Talenten und kreativen Kindern so gar nichts anzufangen weiß. Und das Verblüffende für Peter Lemar war, dass das nach 1990 munter so weiterging. Vielleicht sogar noch einen Zacken schärfer, mit all den Folgen einer zunehmend deprimierten Gesellschaft, die nicht mal mehr eine Ahnung hat, warum sie so ratlos und deprimiert geworden ist.

Peter Lemar; Michael Fischer-Art Die Geschichte von Reiner Zufall, Agenda Verlag, Münster 2020, 14,90 Euro.

Peter Lemars Himmelsreise zu den Berühmten, die er immer schon mal persönlich sprechen wollte

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