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Der brennende Kelch: Lauter seltsame Vorfälle in der Jugendgruppe und ein verdammt zwielichtiger Regisseur

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    Ist das wirklich ein Kriminalroman, was Johannes Gönner da geschrieben hat? L-IZ-Leser/-innen kennen den Autor ja schon seit seinem 2016 erschienenen Roman „Das geheimnisvolle Kloster“. Er wählt ja nicht ganz ohne Grund immer wieder die Wiener Canisius-Gemeinde zum Schauplatz seiner Bücher, denn dort ist er seit 2009 Pfarrer. Und sein Roman-Pfarrer Stefan erzählt auch ein Drittel der Geschichte in „Der brennende Kelch“.

    Aber ist es wirklich ein Kriminalroman, was Gönner hier aus der Perspektive verschiedenster Betroffener erzählen lässt? Denn weder Pfarrer Stefan noch der Leiter der Firmgruppe, Gregor, haben die Talente eines Detektivs. Und die Polizei kommt auch erst sehr spät ins Spiel, als der Regisseur Mario Boromino alias Staffner ausgerechnet zu Weihnachten verschwindet.

    Da haben Gregor und die Jugendlichen aus der Firmgruppe schon eine Serie seltsamer, teilweise erschreckender Erlebnisse hinter sich – mal brennt die halbe Elektrik im Gruppenzimmer, dann tauchen alte Zeitungsschnipsel wie aus dem Nichts auf, ein Mädchen leidet schreckliche Schmerzen, weil ihre Freundin einen Unfall hat. Ein Mädchen wird im verschlossenen Zimmer blutig tätowiert, ohne dass ein anderer Mensch im Zimmer ist. Und dann brennt auf einmal gar der Kelch zur Christmesse, obwohl Messwein gar nicht von allein brennen kann.

    Wer als rational denkender Mensch aufgewachsen ist, der bekommt echte Kopfschmerzen bei all diesen Vorgängen, die auch Gregor und Stefan auf eine harte Probe stellen. Denn sie sind zwar gläubig, aber gleichzeitig naturwissenschaftlich gebildete Menschen. Mit Zeichen und Wundern können sie nicht viel anfangen, mit Voodoo, Geistererscheinungen und geheimnisvollen Botschaften aus dem Jenseits oder der WhatsApp-Gruppe schon gar nicht.

    Nur: Was passiert da eigentlich und sorgt dafür, dass die so glücklich zusammengestellte Firmgruppe zum Zentrum seltsamer und beängstigender Ereignisse wird? So seltsam, dass der Bischof gar einen Exorzisten entsendet, der freilich schon nach dem ersten Gespräch trocken feststellt, dass das ganz bestimmt nicht seine Wiese ist und er sich völlig unterfordert fühlt.

    Auch wenn es dann munter weitergeht mit den seltsamen Vorfällen und der Bischof gar schon mit dem Gedanken spielt, die ganze Pfarrei der Canisius-Kirche aufzulösen.

    Doch auch wenn die Erzählerposition jedes Mal wechselt, wird spätestens nach dem Verschwinden des Regisseurs, der mit den Kindern Ödön von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ einstudiert hat, klar, dass hier jemand ein seltsames Verwirrspiel aufgezogen hat.

    Und auf einmal wirkt die Geschichte wie eine Parabel auf die Gegenwart mit all ihren Verschwörungsmythen, Falschspielen und Fakenews. Mit denen so viele Menschen nicht umgehen können, die das Erfundene nicht mehr von der Wirklichkeit zu trennen vermögen. Es gar selbst für die Wirklichkeit halten.

    So wie frühere Zeitalter felsenfest an Engel, Geister, Dämonen, Teufel und Wunder glaubten. Oft ja mit tragischen Folgen. Denn Menschen werden manipulierbar, wenn sie der Realität nicht mehr vertrauen, wenn ihnen vermeintlich alles bestätigt, dass es geheimnisvolle Mächte gibt, Vorgänge, die sich rational nicht erklären lassen.

    Wenn diese Mystifikation erst einmal im Kopf der Menschen steckt, kommen sie kaum noch heraus aus dieser Welt der Mutmaßungen.

    Es ist also alles angelegt, die kleine Canisius-Gemeinde in Angst und Schrecken zu versetzen. Aber weder Pfarrer Stefan noch seine ratgebenden Freunde Arnold und Gerald sind die Typen, die sich von solchen Ereignissen irre machen lassen, auch wenn sie monatelang im Dunkeln tappen, weil sie nicht wissen, wie das alles passiert und woher das kommt. Das erfahren sie alle erst, nachdem der verschwundene Boromino in einer spektakulären Aktion wieder aufgetaucht ist.

    Da verknüpfen sich dann die Fäden, erfährt man die Hintergründe der jungen Leute in der Firmgruppe, die so ganz zufällig gar nicht aufgetaucht sind, als Gregor verzweifelt nach Jugendlichen für die Gruppe suchte. Man erfährt auch eine für sich abenteuerliche Geschichte um uralte Pergamente, die Mario Boromino ausgerechnet in der Canisius-Kirche gefunden hat in einem Raum, den nicht mal der Pfarrer kannte.

    Eine Geschichte, mit der Gönner auf einen echten Leipziger Skandal anspielt, der vor über 150 Jahren für Aufsehen sorgte. Im Zentrum stand nichts anderes als der berühmte, von Konstantin von Tischendorf gefundene „Codex sinaiticus“, von dem ein gewisser Konstantinos Simonides behauptete, er habe ihn selbst gefälscht. Wenig früher hatte Tischendorf selbst den Mann als Fälscher antiker Texte entlarvt. Und nun lässt Gönner in der Canisius-Kirche gleich eine ganze Kiste von bisher völlig unbekannten antiken Texten auftauchen, die aus Tischendorfs Besitz stammen sollen. Darunter ein Evangelium aus der Feder des Jesus-Bruders Joses – Stoff genug, die ganze Kirchen- und Bibelgeschichte auf den Kopf zu stellen.

    Und am Ende stürzen sich natürlich die Medien auf die Vorgänge in Canisius. Es wäre ja die absolute Weihnachts-Story, wenn Jesus ganz normal Geschwister hätte wie andere Menschen auch. Oder gar drei verschollene Dramen von Euripides wieder auftauchen würden nach über 2.000 Jahren.

    Genug Stoff für Mystifikationen, wäre da nicht das seltsame Spiel von Mario Boromino, der es tatsächlich für höchste schauspielerische Kunst hält, wenn Menschen nicht nur lernen, im Leben eine Rolle zu spielen (und in einer Firmstunde machen es die Jugendlichen tatsächlich zum Thema), sondern so gut in andere Rollen schlüpfen zu können, dass andere Menschen nicht einmal merken, dass hier gespielt wird.

    Ein durchaus spannendes Thema, das Gönner auch mit der Diskussion um eins der zehn Gebote verbindet: Du sollst nicht lügen.

    Denn welche Folgen hat so ein Gebot, wenn eine menschliche Gesellschaft ihre Mitglieder zwingt, immer eine Rolle zu spielen, die mit ihrer eigenen Persönlichkeit nicht identisch ist? Zwar sorgen die Jugendlichen schnell dafür, dass das Thema abgewürgt wird. Aber genau darum geht es in dieser Geschichte. Und den jungen Leuten ist das sehr wohl bewusst. Das lernt man spätestens auf dem Schulhof: Wer nicht die erwarteten Rollen annimmt, wird zum Außenseiter.

    Also strengen sich Jungen wie Mädchen frühzeitig an, die richtigen Rollen zu lernen – und damit natürlich auch zu lügen, andere Gemütszustände und Meinungen zu äußern, als sie wirklich haben. Bei allen Mystifikationen, die die Leser/-innen in Atem halten, merkt man doch, wie Gönner dieses Thema beschäftigt.

    Denn wenn eine Gesellschaft die jungen Menschen zum Rollenspiel zwingt, werden alle menschlichen Beziehungen seltsam, wächst das Misstrauen, ob die geäußerten Gefühle und Ansichten wirklich ehrlich gemeint sind, ob man wirklich dem Menschen gegenübersteht, den man zu sehen vermeint, oder ob man in ein Rollenspiel geraten ist, in dem von Wahrhaftigkeit keine Rede mehr sein kann.

    Gönner treibt diese Brüchigkeit einer von Rollenspielen verzerrten Welt natürlich auf die Spitze – in Bereiche, in denen das Inszenieren von Rollen schon mächtig nach Manipulation riecht und die Frage aufwirft, was gewiefte Manipulateure eigentlich anrichten können in einer Welt, in der die meisten Menschen nicht damit rechnen, derart betrogen und an der Nase herumgeführt zu werden? Gar in einer Welt, in der es tatsächlich Leute gibt, die solche Manipulationen professionell betreiben, um ihre Interessen durchzusetzen? Damit kann man ganze Gesellschaften destabilisieren.

    Und dass der Gedanke so abwegig nicht ist, weiß jeder, der „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann gelesen hat, den Gönner freilich nicht erwähnt. Aber auch in „Geschichten aus dem Wiener Wald“ geht es ja um Machtgefälle, Manipulation und die Verführbarkeit von Menschen, die alles Mögliche glauben, wenn es sie nur der Schwierigkeit des Selberdenkens enthebt.

    Ich jedenfalls nehme Gönners Hinweis auf Horvaths Stück recht ernst, der seinem Stück ja diesen Schlüsselsatz vorangestellt hat: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“

    Und da lohnt sich einmal das Zitat eines ganzen Wikipedia-Absatzes: „Die Dummheit ist für Horváth das Instrument des Bewusstseins, mit dessen Hilfe es sich allen Kalamitäten, unbequemen Konflikten, harten Selbsterkenntnisprozessen zu entziehen versucht und das Gefühl der Unendlichkeit, das heißt der euphorischen Selbstbetätigung, Macht, Freiheit und ungetrübten Gewissheit, im Recht zu sein, sich erschleicht. Dummheit ist willentliche Ignoranz, bewusstes Ignorieren von Fakten. Wo Dummheit und der Unwille, das eigene Hirn zu benutzen, auf eine desolate Umwelt treffen, entwickelt sich das Klima für kollektive Bosheit, für Menschenvernichtung, Rassismus und andere Spielarten pervertierten Massenverhaltens, an dem doch jeder für seine Person beteiligt ist.“

    Das spielt mit, wenn Gönner all die mystifizierenden Vorgänge inszeniert, die irgendwann die Frage nicht mehr überblenden können: Wer zieht hier die Fäden? Und was passiert eigentlich, wenn einer keine menschlichen Grenzen akzeptiert, wenn es um die Manipulation anderer Menschen geht?

    Eine sehr gegenwärtige und vor allem sehr beunruhigende Frage.

    Johannes Gönner Der brennende Kelch, St. Benno Verlag, Leipzig 2020, 14,95 Euro.

    Ein Krimi mit Marienerscheinung, Verbrechern und einem Pfarrer, der sich durch nichts aus dem Gleichmut bringen lässt

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