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Ein Krimi mit Marienerscheinung, Verbrechern und einem Pfarrer, der sich durch nichts aus dem Gleichmut bringen lässt

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    Die Canisiuskirche in Wien gibt es tatsächlich, auch wenn mit den Turmkreuzen alles in Ordnung zu sein scheint. Es ist keines heruntergekracht. Dafür hat der Pfarrer einen Krimi geschrieben, eigentlich schon seinen zweiten. 2014 war der erste erschienen mit dem Titel „Nichts ist vergessen“. Auch da war die Canisiuskirche schon Schauplatz unheimlicher Vorgänge.

    Im zweiten Buch passiert eigentlich lange Zeit gar nichts Unheimliches. Auch Inspektor Ruhandl kommt erst ganz am Ende zum Zug. Denn eigentlich ist es auch kein Krimi. Eher ein Thriller. So ein Thriller, der herauskommt, wenn die eigentlichen Helden nicht solche Saftnasen, Jammereier und Nixmerker sind wie in den üblichen Horror-Schinken aus Hollywood. Auch wenn sie erst mal gar nichts merken. Sich aber auch nicht ängstigen. Warum sollten sie? Nicht nur Pfarrer Stefan ist ein vertrauensvolles Gemüt, das seiner Gemeinde und seiner Jugendgruppe zutraut, Dinge ganz allein auf die Reihe zu kriegen. Seine Freunde sind es auch. Und die Mitglieder der Jugendgruppe erst recht.

    Nur ein paar alte Knattergreise aus dem Gemeinderat merken nichts, wie das überall so ist in der Welt. Sie fangen auch an herumzustänkern, als sie merken, dass die jungen Leute tatsächlich jung sind und keine verbiesterten Gestalten wie sie selbst. Das könnte schiefgehen, geht ja auch in manchen Gemeinden schief, wenn die alten Grambolde die Mehrheit haben und die Noch-Lebendigen nicht wissen, wie sie sich gegen diese Knitterfraktion wehren sollen.

    Das ist wie im richtigen Leben. Oder in der Politik. Wo derzeit die alten Miesepeter den Ton angeben. Es ist tatsächlich der einzige grauenvolle Moment in diesem Buch. Auch wenn es für Pfarrer Stefan und seine Jugendgruppe eine ganze Menge Schreckmomente gibt – so wie den Absturz der Turmspitze gleich nach einer proppevollen Veranstaltung in der Kirche. Was nur gut geht, weil Pfarrer Stefan eine Erscheinung hatte. Obwohl er an so etwas eigentlich nicht glaubt. Aber ohne die Erscheinung und die freundliche Warnung der Marienstatue hätte es schon beim Absturz der Turmspitze eine Tragödie gegeben. Und man hätte die beiden Ukrainer nicht heimlich untergebracht.

    Eigentlich: eine Geschichte voller Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, aber trotzdem ein paar Momente des Misstrauens. In diesem Fall bestätigen sie sich. Später. Denn eigentlich läuft alles prima – nicht zur Zufriedenheit aller. Siehe oben. Dafür haben andere ihren Spaß, die Veranstaltungen in der Kirche sind mutig und deshalb gut besucht. Die Jugendgruppe hat freie Hand und lernt damit eben auch, Verantwortung zu übernehmen. Und hin und her geblendet wird auch. Denn auf Kreta testet die aus Wien geflüchtete Clara derweil aus, ob sich dort ein richtiges Abenteuer-Urlaub-Unternehmen aufziehen lässt.

    Mit Leuten, die ihren Urlaub eben nicht in abgesperrten Ressorts und Wellness-Hotels zubringen wollen, sondern die auf Bergen wandern wollen (in denen augenscheinlich die griechischen Götter noch zu Hause sind), durch aufregende Täler, zu verschwiegenen Buchten. Klingt romantisch – ist es aber nicht mehr in diesem Jahrhundert. Was der Leser am Ende auch noch erfährt. Denn die menschliche Vermüllung der Welt macht auch vor Kreta nicht Halt.

    Die geistige Vermüllung auch nicht.

    Womit jetzt mal nicht die alten Moraltanten gemeint sind, sondern die Leute, die der Leser immer wieder mal schon in Einblendungen mitbekommt. In diesem Fall: ein paar russische Ganoven, echte eingebildete Schwergewichte, die einerseits um ihre Position im System der russischen Mafia kämpfen, andererseits Vorstellungen vom guten Leben haben, die eigentlich nur noch zeigen: Reichtum macht schwachsinnig.

    Die Leute mit all ihrem Schmott und ihren goldenen Kreditkarten wissen einfach nichts mehr anzufangen mit all dem Mammon. Außer noch mehr Schmott zu machen und über Leichen zu gehen. Welche Rolle da die beiden Ukrainer spielen, das merken dann die Gemeindemitglieder von Canisius erst spät. Mal ganz zu schweigen vom geheimnisvollen Kloster. Das taucht nämlich auch erst kurz vor Ende auf und ist nicht ganz so geheimnisvoll wie vermutet. Dafür Schauplatz eines großen Showdowns, bei dem am Ende die griechische Polizei zeigt, was sie drauf hat, so lange sie nicht aufgelöst ist aus Ersparnisgründen.

    Deswegen gibt es an geeigneter Stelle auch saubere und berechtigte Kritik an den Deutschen, eigentlich einer sauberen deutschen Regierung, die mit ihrer Privatisierungspolitik für eine Menge zerstörten Vertrauens und zerstörter Lebensgrundlagen in Griechenland verantwortlich ist. Johannes Görner lässt also die desolate Gegenwart nicht weg. Und wo Strukturen derart kaputtgespart werden, haben natürlich die Mafias diverser Länder freie Spielwiese. In diesem Fall geht es um verhökertes russisches Kriegsgerät. In unsicheren Zeiten blühen die Waffengeschäfte.

    Womit natürlich in Canisius niemand rechnet. Und trotzdem ist man auf einmal mittendrin, fallen Schüsse in der Kirche, wird mehrmals versucht einzubrechen, wird selbst die Expedition nach Kreta zu einem Abenteuer, das ein paar heftige Wendungen nimmt und beinah übel ausgeht. Erst spät wird allen Beteiligten klar, in was für eine verzwickte Geschichte sie da hineingeraten sind.

    Und so nebenbei bekommt Pfarrer Stefan noch ein bisschen mehr zum Grübeln, als er auch noch einen alten Tonbecher ersteigern kann, der ihn auf ganz und gar unvermutete Gedankenwege bringt.

    Ansonsten ist für Horror und Entsetzen eigentlich kein Platz. Dazu sind alle Beteiligten stets viel zu sehr beschäftigt. Und nicht einmal die Erzählweise, die bei deutschen Großautoren garantiert zu hunderten Seiten inneren Monologs geführt hätte, ändert daran etwas. Alle Handelnden schildern das Erlebte aus ihrer eigenen Sicht, reflektieren auch mal. Aber die Fragen, die sie stellen, stellen sie nicht ans beliebte Freudsche Über-Ich, sondern wenden sich damit vertrauensvoll an Freunde, Mitstreiter, Wegbegleiter.

    Man redet miteinander! Ach, ist das eine Freude.

    Vielleicht ist genau das der Punkt, der eine lebendige Gemeinschaft von einer von schweigendem Entsetzen gelähmten Gesellschaft unterscheidet. Auf jeden Fall gibt es der Geschichte eine Leichtigkeit, die eher die Frage aufwirft: Warum versinkt dann eigentlich der Rest des Kontinents in dieser bleiernen Bedenkenträgerei? Gefällt den Leuten das?

    Das Ergebnis ist jedenfalls ein richtiger Kirchen-Krimi mit einer wohltuenden Leichtigkeit. Wahrscheinlich eher nichts für Leser, die solche Begegnungen mit dem Verbrechen in der Welt immer ganz schlimm und schrecklich bedenklich finden und dann in zergrübelte Mega-Romane versinken. Man merkt zumindest sehr deutlich, was dem Autor wichtiger ist. Und das ist jedenfalls ein gelungenes Gemeindeleben – über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Und wahrscheinlich werden viele seiner Gemeindemitglieder eher verwundert durch ihre Kirche streifen und sich fragen: Aber so gefährlich sieht es hier doch gar nicht aus, oder?

    Bestimmt nicht. Aber es sieht ganz so aus, als wolle der Pfarrer noch mehr solcher Krimis schreiben. Immerhin liegt Canisius in Wien. Und dort gilt nach wie vor der alte Song: Das Böse lauert immer. Und überall.

    Johannes Gönner Das geheimnisvolle Kloster, St. Benno Verlag, Leipzig 2016, 9,95 Euro.

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