Es ist schon erstaunlich, wie oft selbst in DDR-Zeiten das Land überflogen und fotografiert wurde. Man muss nur wissen, wo man suchen muss. Und Norbert Engst weiß es. Er hat Bauingenieurwesen und Landschaftsarchitektur studiert, wuchs im Chemnitzer Süden auf und ist bis heute diesem ganz besonderen Stadtteil verbunden, der auch über Chemnitz hinaus als Wohngebiet „Fritz Heckert“ bekannt ist.

Aber Engst beginnt viel früher, seine Geschichte aus der Luft zu erzählen. Rein technisch hätte er auch schon in den 1920er und 1930er Jahren beginnen können, als die Luftbildfotografie in Deutschland so richtig Fahrt aufnahm. Aber er wählt das Jahr 1945 als Ausgangspunkt, ein Jahr, aus dem Luftbilder zeigen, welche Schäden die Bombenangriffe der Alliierten in Chemnitz angerichtet haben.

Auf gestochen scharfen Aufnahmen ist praktisch jeder einzelne Bombentrichter zu sehen – auch auf den Feldern der damaligen Dörfer Helbersdorf und Markersdorf, die unter anderem in der Einflugschneise zu den Presto-Werken lagen, in denen Bauteile für Flugzeuge und Getriebe für Panzer hergestellt wurden. Es ist schon erstaunlich, wie genau die Alliierten über die verschiedenen Produktionsstätten der deutschen Rüstungsindustrie informiert waren, obwohl sie noch lange nicht über die Präzisionsbomben der heutigen Zeit verfügten. Deswegen wurden riesige Bombenteppiche gelegt, die dann auch große Teile der Wohnbebauung zerstörten – im späteren Kriegsverlauf sogar ganz gezielt.

Und so sahen denn auch einige Felder bei Helbersdorf und Markersdorf aus wie eine Mondlandschaft. Teilweise war auch der Stadtparkteich betroffen. Schon acht Jahre später, auf Aufnahmen aus dem Jahr 1953 war von diesen Zerstörungen zumindest aus der Luft nichts mehr zu sehen. Dafür zeigen die Luftbilder eine Landschaft, die wir heute gar nicht mehr kennen. Nicht nur, weil das ganze Gebiet später vom Wohngebiet „Fritz Heckert“ überbaut wurde, dessen riesige Dimension einem beim Betrachten regelrecht die Luft nimmt.

Die Bilder zeigen auch jene kleinteilige Feldwirtschaft, die in Deutschland über Jahrhunderte normal war und die einen unerhörten Artenreichtum auch in der landwirtschaftlich bearbeiteten Fläche ermöglichte. Etwas, was selbst Postkarten von damals als Idylle schilderten – zumindest für die Großstädter, die (genauso wie in Leipzig) damals Wochenende für Wochenende hinauszogen in die umliegenden Dörfer und ihre Gasthöfe, um sich vom Staub und Dreck der Industriestadt ein bisschen zu erholen.

Noch hat auf diesen Aufnahmen die industrielle Landwirtschaft dieses bunte Mosaik der Felder nicht zu riesigen monotonen Ackerfluren zusammengezogen, auf denen kilometerweit nur eine Pflanzenart wächst – gepäppelt mit Kunstdünger, mit Pestiziden vor „Schädlingen“ bewahrt. Aber schon seit 1919 gab es in Chemnitz Pläne, diesen dörflichen Süden zu bebauen und hier einen neuen Stadtteil zu schaffen, neue Straßen anzulegen und neue Straßenbahnlinien, erzählt Engst, auch wenn diese Pläne dann auch wegen des Krieges nicht umgesetzt wurden.

Zeitweise gab es wohl auch eine emsige Diskussion um den Chemnitzer Flughafen, der nach dem Krieg sogar erst richtig in Schwung kam. Konnte er die Pläne für das neue Wohngebiet verhindern? Am Ende war die Antwort eindeutig: Vom Flughafen blieb nur noch das alte Flughafengebäude, das heute als Solitär mitten im Wohngebiet steht. Der Flughafen verschwand, 1974 fanden hier noch die IX. DDR-Meisterschaften im Fallschirmspringen statt, während schon der erste Teil des künftigen Wohngebietes stand.

Ab 1972 kann Engst entlang der diversen Luftaufnahmen dann die Einzelgeschichten zu den jeweiligen Bauabschnitten erzählen. Im Grunde ist ja die Geschichte von „Fritz Heckert“ die Parallelgeschichte zu Grünau in Leipzig. Sowohl die Bauzeit als auch die geplante Zielgröße für die künftige Bevölkerung waren ähnlich, die Baumethode sowieso. Auch wenn das Chemnitzer Neubaugebiet ein wenig davon profitieren konnte, dass ein Großteil der Häuser an einem Hang errichtet wurden, das Ganze dann nicht so langweilig platt aussah wie die meisten Neubaugebiete der DDR. Mit der Morgenleite wurde sogar ein Waldstück integriert.

Erst die Bilder vom Erdboden aus zeigen dieselbe architektonische Tristesse, die eben diese Baugebiete überall hatten. Hier sollten eben vor allem möglichst viele Wohnungen möglichst schnell entstehen – in riesigen Häuserblöcken auf freiem Feld. Für all das, was einem Wohnviertel erst Aufenthaltsqualitäten gibt, fehlte in der Regel das Geld oder es wurde erst für ganz zuletzt geplant. Denn zuerst stand ja die Beseitigung des Wohnungsmangels auf der Tagesordnung. Und auch das Wohngebiet „Fritz Heckert“ war noch nicht ganz fertig, als die Deutsche Einheit kam, auch wenn die Bauarbeiten bald zum Erliegen kamen und dann auch in Chemnitz das begann, was in allen Industriestädten des Ostens geschah: ein Großteil der einst standortprägenden Betriebe wurde dichtgemacht, die Leute verloren ihre Arbeit. Und vor allem die gut Ausgebildeten packten auch in Chemnitz sehr schnell ihre Sachen und wanderten zu den Arbeitsplätzen im Westen ab.

Sodass auch das Wohngebiet „Fritz Heckert“ nun erlebte, was auch Grünau erlebte: Einen eingreifenden Rückbau ganzer Plattenbauzüge. Was andererseits ebenso wieder positive Effekte hatte, denn jetzt war auch genug Platz da, das Viertel aufzuwerten, mehr Grünflächen anzulegen, mehr Feizeiteinrichtungen. Einige Blöcke im Gebiet haben heute, so schreibt Hengst, sogar richtige Wartelisten von Interessenten, die hier einziehen wollen.

Und so wie er den Aufbau des riesigen Wohngebietes mit Luftbildern gezeigt hat, kann Engst auch die Rückbauten ab den späten 1990er Jahren zeigen. Nur kurz sind dabei dann die neu entstehenden Brachen zu sehen, die bald schon unter neuem frischen Grün verschwinden. Fast 50 Jahre nach Baubeginn sind auch die damals neu gepflanzten Bäume deutlich gewachsen. In farbenkräftigen Bildern zeigt Engst am Ende noch, dass durchaus idyllische Ecken entstanden sind in diesem Wohngebiet. Und bei den Bewohnern scheint so ein Gefühl der Heimatverbundenheit entstanden zu sein. „Grün – Hell – Luftig“, beschreibt es der Autor.

Sein Buch ist im Grunde die exemplarische Geschichte für ein typisches DDR-Neubaugebiet – zumindest für jene Neubaugebiete, die am Rand der Großstädte entstanden und die sich gerade nach 1990 deutlich wandelten. Und deren Vorgeschichte oft vergessen ist – weil kaum noch sichtbar in der Topografie. Weshalb Engst im Titel ja bewusst vom Chemnitzer Süden spricht, der über Jahrhunderte ein dörflich geprägter war und seit 1972 zunehmend unter den riesigen Blockreihen verschwand, die dann den Namen „Friz Heckert“ bekamen.

Norbert Engst Der Chemnitzer Süden, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2020, 19,90 Euro.

Leipziger können jetzt auch in Luftbildern von 1990 und 2019 nach Stadtinformationen suchen

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