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Was uns bewegte(e): Das Archiv Bürgerbewegung packt seine 30-jährige Geschichte in eine Festschrift

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    Es ist eine Schatzkammer, eine Fundgrube. Und wie wertvoll sie ist, werden erst künftige Historiker/-innen wirklich erfassen, wenn sie sich in die Bestände des Archivs Bürgerbewegung Leipzig vertiefen. Denn da werden sie die Antworten finden, die die die archivalischen Bestände des DDR-Staatsapparates nicht geben können. Auch auf Fragen, die bisher noch gar nicht gestellt wurden. Aber jetzt feiert das Archiv erst einmal 30. Geburtstag.

    Und dazu hat es eine Publikation mit vielen Fotos und vielen Beiträgen aufgelegt, die natürlich zuallererst die Geschichte des Archivs erzählt, die zwar offiziell mit der Vereinsgründung 1991 beginnt, aber eigentlich schon zwei Jahre früher mit einem Aufruf Leipziger Bürgerrechtler/-innen begann, ein Archiv für die Stimmen der Bürgerbewegung zu schaffen, wohl wissend, dass die Bestände von MfS, SED, Gewerkschaften oder was sonst so staatlich noch auf Papier gebracht wurde, immer nur die Seite der Macht erzählen.Und damit eine einseitige Sicht auf die DDR und ihren Machtapparat begünstigen. Denn in einem Land, in dem es keine freie Presse gab und kein wirklich offener öffentlicher Dialog existierte, entsteht ein Ungleichgewicht auch in der Deutungsmacht.

    In einem Kapitel, in dem es um die Bildungsangebote des Archivs für Schulklassen geht, wird auch etwas erwähnt, was den meisten Menschen nicht wirklich bewusst ist: dass Geschichte – also unser Bild von dem, was geschehen ist – immer eine Konstruktion ist. Und das betrifft nicht nur die Geschichtslehrbücher der DDR.

    Das betrifft auch die heutige Sicht auf die DDR, die voller Stereotype ist, oft auch voller Einseitigkeit, je nachdem, wer gerade die Deutungshoheit beansprucht oder Geschichte als ideologischen Vorwurf benutzen möchte. Geschichte als Vehikel und Keule. Das Ergebnis ist ein in zwei Extreme zerrissenes Bild von der DDR – die „zweite deutsche Diktatur“ auf der einen Seite und „Ostalgie“ auf der anderen. In beiden Fällen sind das unbewegliche und letztlich falsche Konstrukte.

    Sie erzählen nichts darüber, in welchen Widersprüchen Menschen in der DDR lebten, wie die gesellschaftlichen Problemdiskussionen verliefen und die Bürger des Landes den aufrechten Gang übten und Wege suchten und fanden, sich von der staatlichen Vormundschaft Stück um Stück zu befreien. Immer im Wissen darum, dass es dafür Sanktionen, Ausgrenzungen und Strafen hagelte und die verknöcherten Staatsorgane nicht mit sich spaßen ließen.

    Und das alles wurde ja tatsächlich reflektiert und dokumentiert. Nur halt nicht in staatlichen Archiven, sondern in privaten Sammlungen, Briefen, Tagebüchern, Fotos. Das Archiv Bürgerbewegung hat zwar anfangs vor allem die Dokumente der nicht nur in Leipzig aktiven Bürgerrechtsgruppen und des Neuen Forums gesammelt und zu einem entscheidenden Zeitpunkt auch gerettet, als überhaupt noch nicht klar war, ob diese einmaligen Zeitzeugnisse überhaupt jemals professionell archiviert werden könnten.

    Aber inzwischen sind auch Dutzende Vor- und Nachlässe von engagierten Menschen in die Bestände des Archivs Bürgerbewegung Leipzig gekommen, die die Ereignisse weit über die Jahre 1988/1989 hinaus dokumentieren. Beispielhaft genannt werden der Aufstand von 1953, die Beatdemo von 1965 (die im Buch „All you need is beat“ von Yvonne Liebing von 2005 dokumentiert ist), die Sprengung der Paulinerkirche (zu der Andrew Demshuk sein gut recherchiertes Buch „Demolition in Karl Marx Square“ 2017 veröffentliche) und natürlich die Friedensbewegung ab Anfang der 1980er Jahre oder die Umweltbewegung in Rötha.

    In einigen vom Archiv betreuten Publikationen wurde mittlerweile die dokumentierte Widerständigkeit von Bürgern der DDR in erstaunlicher Breite dargestellt, so wie in dem Band mit Reden zu den Montagsdemos in Leipzig „Wir haben nur die Straße“ von 2016, „Opposition, Widerstand und Revolution“ von 2014 oder dem Band „Unruhiges Leipzig. Beiträge zur Geschichte des Ungehorsams in Leipzig“ von 2016.

    Alles Bücher, die materialreiche Gegenrede auch zu den heutigen Falsch- und Feindbildern der Ostdeutschen sind, die sich in offiziösen Reden meist entweder als diktaturgeprägte Autoritätshörige angepangert sehen oder als renitente Demokratieverächter, was beides zwar auf einige Gruppen zutreffen mag.

    Aber gerade die vielen mittlerweile im Archiv Bürgerbewegung gesammelten Stimmen zeigen etwas völlig anderes, was auch 32 Jahre nach der Friedlichen Revolution sperrig im Raum steht und sich selten bis nie in den Schlammschlachten der Politik wiederfindet: Dass es in der DDR die ganzen 40 oder auch 45 Jahre, wenn man bis zur SBZ zurückgeht, immer einen ausgeprägten Bürgersinn gab, der sich immer wieder auf verschiedenste Weise zu Wort meldete und mit dem Bürger dieses eingemauerten Landes sich gegen Gleichmacherei, Entmündigung und amtliche Entrechtung wehrten.

    Deswegen ist das Wort „Ungehorsam“ so schön, weil es genau diesen bürgerlichen Anspruch auf eigenes Denken und Handeln deutlich macht. Den man viel zu leicht mit der heute so inflationär benutzen Vokabel „bürgerlich“ verwechselt, die letztlich nur immer konservativ meint, aber nie das, was in der Französischen Revolution erstmals als Citoyen zum Aktivposten der Geschichte wurde: der Staatsbürger, der es sich nicht gefallen ließ, an der Gestaltung seines Staates nicht mitwirken zu können, der sich politisch zu Wort meldete und sich nicht mehr nur verwalten und entmündigen lassen wollte.

    Der sich also auch nicht einreden ließ, dass die Sprengung der Paulinerkirche stillschweigend hinzunehmen wäre oder die Niederschlagung des Prager Frühlings einfach zu akzeptieren. Der auch die Märchen vom erfüllten Plan nicht glaubte und die falschen Nachrichten zum sauren Regen, zu Tschernobyl oder den Folgen des Uranbergbaus nicht einfach akzeptierte. Und damit auch die Macht des Staates über die Informationen infrage stellte.

    Neben einigen anderen ähnlich gelagerten Archiven dokumentiert das Archiv Bürgerbewegung diesen widerständigen Bürgergeist, der sich in den 1980er Jahren nicht mehr einschüchtern ließ, sondern immer vehementer nach Aufmerksamkeit verlangte. Wofür ja auch die durchaus erstaunliche Samisdat-Literatur der DDR gehört, dokumentiert zuletzt am Beispiel der „radix“-Blätter im Buch „Fenster zur Feiheit“ von 2019.

    Und dann ist ja da noch dieser häufige Gast im Archiv Bürgerbewegung, der westdeutsche Journalist Peter Wensierski, der mit „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ diesen widerständigen Leipziger Bürgern regelrecht ein Denkmal geschrieben hat. Hier bekommen die Widerständigen ein Gesicht und man taucht mit ihnen ein in diese ganz und gar nicht angstlosen Monate vor dem Herbst 1989.

    Etwas, was man nur nachempfinden kann, wenn man weiß, wie man in einem Land lebt, in dem die staatliche Observation allgegenwärtig war und alle Informationsquellen reglementiert und zensiert. Da braucht es jede Menge Mut und Vertrauen in die Menschen, mit denen man Aktionen plant. Und dass das alles keine Fiktion ist, das kann jeder nachforschen im Archiv Bürgerbewegung, das nach einer Odyssee durch Leipzig seit 2012 im Haus der Demokratie zu Hause ist.

    Mittlerweile verfügt es auch über die wohl reichste Fotosammlung zur Bürgerbewegung, beherbergt den kompletten Satz der Leipziger Anderen Zeitung und macht mit lebendig gestalteten Ausstellungen auch außerhalb des Hauses aufmerksam auf die Vorgeschichte der Friedlichen Revolution und längst auch auf ihr Umfeld, denn ohne die ermutigenden Vorgänge in Polen, Ungarn und Tschechien ist auch die Friedliche Revolution in der DDR nicht denkbar.

    Das Öffnen der Perspektive für die Komplexität von Geschichte ist Arbeitsgrundlage in diesem besonderen Archiv, in dem ambitionierte Forscher/-innen jene Dokumente finden, die es in staatliche Archiven des Ostens schlichtweg nicht gibt.

    Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V. (Hrsg.) „Was uns bewegt(e). Festschrift zum 30-jährigen Jubiläum“, Leipzig 2021

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