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41.000 Euro aus ehemaligem SED-Vermögen für das Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V.

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    Am Freitag, 15. Februar, gab es hohen Besuch in den Räumen des Archivs Bürgerbewegung Leipzig e. V. im Haus der Demokratie. Staatsministerin Dr. Eva-Maria Stange war angereist, hat einen Zuwendungsbescheid über 41.000 Euro aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR, den sogenannten PMO-Mitteln, an das Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V. übergeben. Geld, das für ein wichtiges Projekt gebraucht wird.

    Die Gelder sind vorgesehen für die Programmierung einer Onlinedatenbank und die Anschaffung eines neuen Servers für das Archiv. Eigentlich einen Archivverbund, bestehend aus dem Archiv Bürgerbewegung in Leipzig, der Umweltbibliothek in Großhennersdorf und dem Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage in Werdau. In allen drei Archiven werden Zeugnisse zu Widerstand und Opposition in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ, 1945 bis 1949) und der DDR (1949 bis 1990) gesammelt.

    Und darüber hinaus, wie Uwe Schwabe, Vorstand des Archivs Bürgerbewegung, betont. Denn längst ist auch die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ein Thema für Historiker und neue Sammlungsbestände aus der frühen Aufarbeitungszeit nach 1990 kommen ins Haus.

    Bislang aber haben Forscher Schwierigkeiten herauszufinden, wo welche Zeitzeugnisse eigentlich zu finden sind. Deswegen haben die drei Archive einen Verbund gebildet und auch das jetzt zu finanzierende Projekt gestartet: Die Herstellung einer gemeinsamen Datenbank auf einem großen Server, in der alle verfügbaren Archivalien sauber verschlagwortet zu finden sind.

    Aber das braucht halt einen großen Server, eine ordentliche Datenbankprogrammierung und vor allem fleißige Helfer, die die gesammelten Dokumente ins System einarbeiten.

    „Das beschäftigt uns bestimmt die nächsten zwei Jahre“, sagt Dr. Saskia Paul, die Leiterin des Leipziger Archivs. Schon heute sind ungefähr 235 laufende Meter Archivgut aufgearbeitet – darunter viele wichtige Dokumente zur Vorgeschichte der Friedlichen Revolution.

    Während Eva-Maria Stange erklärt, woher das Geld kommt, arbeitet im Nebenzimmer gerade ein junger Forscher an eben dieser Vorgeschichte. Sein Thema: Die nicht ganz so gewaltfreie Vorgeschichte des friedlichen Herbstes.

    Da kann man sich bestimmt auf die nächste Veröffentlichung freuen, die wieder ein Stück der späten DDR-Geschichte sichtbar macht, wie sie in den DDR-Geschichtsbüchern garantiert nicht vorkam – und in den Geschichtsbüchern der Nachwendezeit auch nicht. Denn über die wichtigsten Entwicklungen im Osten haben DDR-Medien ja nichts berichtet. Und die Westmedien konnten stets nur punktuell berichten – meist auch nur da besonders brisant, wo sie von Umweltaktivisten oder Bürgerrechtlern in der DDR Zuarbeit erhielten.

    Auch diese damals zumeist jungen Leute, die Fotos machten, Daten sammelten oder gar Filme drehten, sind heute, fast 30 Jahre nach dem Herbst 1989, logischerweise im höheren Alter. Viele gehen in den Ruhestand und überlegen, wo sie die Dokumente ihres Lebens lassen können, immerhin wichtige Zeugnisse einer Geschichte, die sie direkt mitgestaltet haben – die aber oft genug wissenschaftlich noch nicht aufgearbeitet wird.

    „Deswegen bekommen wir jetzt immer öfter solche Sammlungen“, sagt Saskia Paul. Logisch: Damit wächst die Arbeit und der Archivplatz wird rar. Die Räume im Haus der Demokratie sind im Grunde schon ausgereizt. Ein Großteil der gesammelten Akten und Dokumente ruht schon in einem Außenlager. Logisch, dass im Gespräch mit der Staatsministerin auch die Platzfrage angesprochen wurde. Immerhin gibt es durchaus einige sächsische Gedenkstätten, die über entsprechende Räume verfügen. „Das sollten wir nutzen“, sagte Eva-Maria Stange, die weiß, dass die 41.000 Euro beim Archiv Bürgerbewegung genau für die Zwecke verwendet werden, für die sie auch gedacht sind.

    Das Ministerium hat die Herkunft der Mittel noch einmal detailliert beschrieben: „Nach der deutschen Wiedervereinigung verwaltete die Treuhandanstalt das Vermögen von SED und anderen Massenorganisationen der DDR. Man ging von einem Vermögen von mindestens 1,6 Milliarden Euro aus. Die SED, aber auch andere Parteien hatten Teile ihres Vermögens über Scheinfirmen auf Schweizer Banken transferiert. In einem jahrelangen Rechtsstreit unter Regie der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS), die vom Bundesfinanzministerium als Treuhandnachfolge eingesetzt worden war, wurde auf die Herausgabe dieser Mittel geklagt. Diese werden auf Basis der Einwohnerzahl (Königsteiner Schlüssel) auf die ostdeutschen Bundesländer verteilt. Gemäß Einigungsvertrag dürfen diese Mittel nicht wahllos vergeben werden. Die ostdeutschen Länder müssen das Geld für Maßnahmen der wirtschaftlichen Umstrukturierung oder für investive oder investitionsfördernde Maßnahmen im sozialen und kulturellen Bereich einsetzen.“

    Ein Teil dieser Mittel wurde jetzt nach dem Bevölkerungsschlüssel nach Sachsen ausgereicht.

    Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange: „Das Archiv Bürgerbewegung e. V. leistet mit seinem ausgewählten Sammlungsprofil und der Veröffentlichung der zusammengetragenen Dokumente einen grundlegenden Beitrag zur Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur. Wir setzen die PMO-Mittel auch dafür ein, Gedenkstätten weiter zu lebendigen Orten des Erinnerns zu gestalten. Das bleibt eine unverzichtbare und dauerhafte Aufgabe.“

    Das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) erhält rund 16 Millionen Euro der 62 Millionen Euro aus PMO-Mitteln, die auf den Freistaat Sachsen aus dem PMO-Vermögen entfallen. Einige der sächsischen Einrichtungen, die jetzt aus PMO-Mitteln vom SMWK unterstützt werden:

    – KZ-Gedenkstätte Sachsenburg, Stadt Frankenburg
    – Sorbisches National-Ensemble, Bautzen
    – Gedenkstätte Runde Ecke, Leipzig
    – Sportmuseum Leipzig
    – Karasek-Museum, Seifhennerdorf
    – Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V., Chemnitz
    – Gedenkstätte Bautzner Straße, Dresden
    – Gedenkstätte Sophienkirche-Busmannkapelle, Dresden
    – Gedenkstätte Großschweidnitz
    – Staatliches Archäologisches Museum Chemnitz – smac
    – Sächsische Staatstheater Dresden

    Und es geht auch in Leipzig nicht nur um jenen Prozess, den wir Friedliche Revolution nennen. Materialien aus dem Archiv Bürgerbewegung sind ja schon in mehrere Bücher eingeflossen, die Widerstand und Opposition im deutschen Osten zum Thema hatten. Selbst den Ostdeutschen ist oft nicht bewusst, wie viele Kapitel mutiger Widerständigkeit es im Osten gab – von Studentenprotesten in der sowjetischen Besatzungszone über den Aufstand am 17. Juni 1956 über den Beat-Protest in Leipzig und die Proteste gegen die Biermann-Ausbürgerung und die Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre bis zu den Ereignissen im Jahr 1989, die die Entwicklung vom Herbst ’89 in Gang setzten.

    Die jüngste Veröffentlichung dieser Art war Peter Wensierskis Buch „Fenster zur Freiheit“ über die legendären radix-blätter, die ein paar mutige junge Leute zwischen 1986 und 1989 am Rande von Berlin druckten. Die radix-blätter selbst sind mittlerweile kostbares Archivgut. Aber sie wurden auch vor Jahren schon digitalisiert, könnten auch online gelesen werden, wenn der Server der Landesbibliothek Sachsen (SLUB), wo sie liegen, nicht gerade technische Probleme hätte.

    „Aber wir arbeiten gerade daran. Es ist wirklich schade, wenn gerade diese Texte nicht zugänglich sind“, sagt Uwe Schwabe, Vorstandsvorsitzender des Archivs Bürgerbewegung Leipzig e. V. Und zur Geldübergabe am Freitag: „Wir freuen uns sehr, dass das Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V. vom Sächsischem Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst bei der Verteilung der Mitteln aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR mit berücksichtigt wurde. Es ist im 30. Jahr der Friedlichen Revolution ein wichtiges Zeichen, dass die ehemaligen SED-Millionen jetzt beim Archiv Bürgerbewegung für die Aufarbeitung der SED-Diktatur eingesetzt werden.“

    Einem ganz aktuellen Dokumenten-Paket kommt das Geld natürlich direkt zugute. Denn gerade hat das Archiv Bürgerbewegung auch das ganze Archiv der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) übernommen. In der VOS vereinigten sich ab den 1950ern Menschen, die in Speziallagern, Gefängnissen und Zuchthäusern der SBZ bzw. der DDR gelitten hatten und danach in den Westen gingen. Sie konnten sich nur im Westen organisieren. Deshalb war die VOS lange Zeit auch nur im Westen aktiv. Wikipedia berichtet von einigen schlagzeilenträchtigen Verwicklungen bei der heutigen VOS.

    Aber das ändert nichts am Wert der Dokumente, denn die alten VOS-Akten enthalten nicht nur die Namen von Menschen, die im Osten aus politischen Gründen inhaftiert waren – eine Geschichte, die bislang stets nur punktuell von einzelnen Zeitzeugen erzählt wurde – sie enthalten auch Schilderungen zur Haft, zu den verhängten Urteilen und den einzelnen Haftorten der Betroffenen. Und etliche Ordner brauchen wohl auch besondere archivalische Betreuung, sind von den Einflüssen der Zeit stark gezeichnet.

    Für Eva-Maria Stange ist der Verbund der drei Archive auch Grundlage für eine mindestens 20-jährige Perspektive. Denn bislang wird auch das Archiv Bürgerbewegung noch aus verschiedenen Projekttöpfen finanziert, sodass die archivalische Arbeit und die Sicherung der Dokumente mit etwa 200.000 Euro im Jahr gesichert sind. Aber diese Gelder müssen immer wieder neu beantragt werden. Wünschenswert wäre deshalb eine institutionelle Förderung. Und zwar eine, die den Archivbestand auch in 20 Jahren noch sichert, sagte Stange. „So weit müssen wir schon denken.“

    Gerade wenn die jungen Leute, die in den 1980er Jahren die Friedliche Revolution durch ihr mutiges Engagement vorbereiteten, jetzt altersmäßig in den Ruhestand gehen und immer mehr persönliche Dokumente ihren Weg ins Archiv finden. Das ist ein ganz zentraler Teil ostdeutscher Erinnerung, der oft genug in einer westdeutsch dominierten Geschichtsbetrachtung untergeht. „Und gerade mit der hiesigen Universität haben wir einen guten Kontakt“, sagt Schwabe. „Von dort kommen immer wieder junge Leute zu uns, die hier Material für ihre wissenschaftlichen Arbeiten finden.“

    Und immer mehr Material finden, wenn die drei sächsischen Archive sich vernetzen und den wachsenden Dokumentenbestand für die Forschung zugänglich machen.

    Fenster zur Freiheit: Wie die radix-blätter das Ende der SED-Herrschaft gedanklich vorbereiteten

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