Markus Sahr ist Übersetzer, hat auch etliche Portugal-Titel für den Leipziger Literaturverlag übersetzt. Er ist auch Deutschlehrer und seit 2020 im Fachbereich Translationswissenschaften der Uni Mainz tätig. Und Autor ist er auch. Mit allen Leiden, die einen Autor so umtreiben, Geschichten zum Beispiel, die er jahrelang nicht am Schlafittchen zu packen bekommt. Wie die Geschichte des Malers Alfred Wallis. Den gab es wirklich.

Doch außerhalb des englischen Sprachraums ist Alfred Wallis so unbekannt, dass er nicht mal einen Artikel in der deutschen Wikipedia hat. In der englischen ist er natürlich vertreten.

Seit über 20 Jahren treibt die Geschichte des Malers aus der Küstenstadt St. Ives in Cornwall Markus Sahr nun um. Er ist fasziniert von diesem Maler, hat jede verfügbare Biografie gelesen, ist angetan von seiner Lebensgeschichte – und bekam sie doch lange nicht geknackt.

Denn zur Geschichte wird erst, was den Autor wirklich zum „klingen“ bringt. Wer viel liest, weiß das. Der kennt den völlig anderen Ton, der entsteht, wenn jemand sich tatsächlich mit der Figur identifiziert, über die er schreibt.

Denn dann wird der Autor Teil der Geschichte – wenn nicht gar seines Helden. Dann erzählt er nicht mehr, was wirklich geschah. Sondern das, was ihn in der Geschichte berührt hat, worin er sich wiederfindet. Und dieser Alfred Wallis ist zu einem guten Teil Markus Sahr, wie er in St. Ives selbst versucht, in die Haut seines Protagonisten zu schlüpfen.

Die verschwundenen Fischschwärme

Dass es keine reale Schilderung von Wallis’ letztem Tag auf Erden ist, erläutert Sahr im Nachwort sehr ausführlich. Denn ihm ist auch bewusst, dass er den deutschen Lesern diesen Maler überhaupt erst einmal nahebringen muss, der erst mit 70 Jahren begann, überhaupt zu malen.

Nicht ganz zufällig, denn es war auch seine Methode, nach dem Tod seiner Frau nicht in Lethargie zu verfallen. Und Vorbilder hatte er in St. Ives genug.

Die einst blühende Fischerei war längst ins Strudeln geraten. Die modernen motorisierten Fangflotten hatten nicht nur der alten Fischerei ein Ende gesetzt – sie haben auch die einst riesigen Fischschwärme verschwinden lassen, die über Jahrhunderte die Existenzgrundlage der Fischer in Cornwall waren.

Wenn heute die englischen Fischer über die Folgen des Brexit jammern, dann sind das ärmliche Restbestände einer einst florierenden Fischwirtschaft, die schon vor Jahrzehnten zerstört wurde. Nur wollen es die Menschen, die da jeden Tag hinausfahren aufs Meer, selbst nicht wahrhaben, dass sie an der Zerstörung ihrer eigenen Arbeitsgrundlage mitgewirkt haben.

Diese Trauer lässt Sahr sehr deutlich mit einfließen in seine Geschichte, in der er auch die letzten Tage im Leben von Wallis anders ablaufen lässt, als sie tatsächlich passierten. Denn was wie eine Drohung über dem bald 88-Jährigen in dieser Geschichte hängt – die Einweisung ins Armenhaus – ist dem tatsächlichen Wallis wirklich geschehen.

Und zwar schon anderthalb Jahre vor seinem Tod. Was ihn freilich nicht davon abhielt, weiterhin seine Schiffe, Leuchttürme, Küsten und Küstenstädte zu malen in einer scheinbar naiven Art, die aber bis heute unverkennbar ist.

Und die Maler, die St. Ives damals schon als Künstlerkolonie für sich entdeckt hatten, haben das auch erkannt, kauften seine Bilder auf uns sorgten dafür, dass sie in berühmten Galerien ausgestellt wurden.

Die Welt mit den Augen eines alten Mannes sehen

Heute werden die zumeist mit Bootsfarbe auf allerlei Pappen gemalten Bilder von Alfred Wallis teuer gehandelt. Und in St. Ives wird es viele Familien geben, die es bedauern, dass sie die Malereien von Wallis damals, als sie ihm das Essen noch vor die Tür stellten, von Krügen und Bechern wieder mühsam abgewaschen haben, um das Geschirr weiternutzen zu können.

Sahr lässt seinen Wallis bis zuletzt in seiner Hütte nahe am Strand wohnen – mit den Erinnerungen an seine Frau im oberen Stockwerk, den hilfreichen, aber von dem alten Mann misstrauisch beäugten Nachbarn und angeheirateten Verwandten. Sie können seine Einsamkeit nicht mehr durchdringen.

Die Tage verbringt er mit Malen, nur den Sonntag räumt er Farbe und Pinsel beiseite, um sich – mit der Lupe vorm Auge – der Bibel zu widmen und zwischendurch den Fischerort zu durchstreifen, angefüllt mit Erinnerungen und Angst vor den Menschen, die ihn wie einen Narren behandeln …

Obwohl das auch nur sein eigenes Gefühl sein kann. Denn er hört nicht mehr gut, merkt oft gar nicht, dass er angesprochen wird. Meinen es die Kinder wirklich böse, wenn sie ihm nachlaufen?

Sahr versucht da natürlich auch Originalaussagen aus den Briefen des alten Mannes mit einzuflechten, die er mit sehr willkürlicher Orthografie an die Maler in London schrieb und die auch im Faksimile veröffentlicht wurden.

Aber was stimmt an solchen Briefen eigentlich? Wer noch rege Korrespondenz führt mit unterschiedlichsten Menschen, weiß, wie subjektiv da Aussagen über das eigene Leben und die Einschätzung der Mitmenschen ausfallen können.

Die Spuren eines Lebens

Und trotzdem entsteht natürlich ein eigenes, stringentes Bild von diesem alten Mann, der in seiner Jugend als Schiffsjunge bis nach Neufundland fuhr, sich später mit allerlei Gewerbe über Wasser hielt, Schrott ankaufte und einen Laden betrieb, dessen Inschrift noch immer an der Mauer steht.

Er lebt in seiner eigenen Vergangenheit, sieht die Spuren seines Lebens bei jedem Schritt, fühlt sich aber immer noch fremd. Ein Zugezogener auch noch nach Jahrzehnten. Wie sich das anfühlt, weiß jeder, der einmal so mutig war, seinen Lebensmittelpunkt in ein kleines Dorf oder eine kleine Stadt zu verlegen.

Und mit 11.000 Einwohnern ist St. Ives ein Nest, auch wenn Sommer für Sommer die Touristen und Künstler einfliegen. Mittlerweile scheint St. Ives von Touristen regelrecht überlaufen zu sein und hat nicht einmal mehr etwas mit dem noch immer stillen und verschlossenen Fischerort zu tun, den Markus Sahr hier zeichnet.

Und durch den er seinen Helden ein letztes Mal laufen lässt auf Wegen, die er jeden Sonntag geht. Mit Gedanken, die er vielleicht schon tausende Male gedacht haben mag.

Es ist im Grunde auch die Geschichte einer Erlösung, indem er seinen Alfred Wallis diesen Tag eben nicht im Armenhaus erleben lässt, sondern noch ganz im Besitz seiner Freiheit, auch wenn der Aufenthalt in seiner kleinen Hütte bedroht ist.

Denn erzählen nicht auch seine vielen Schiffsbilder von der Sehnsucht nach Freiheit? Dem Davonsegeln, dem Wunsch nach der großen Freiheit da draußen auf dem Meer?

Vielleicht eine Interpretation, die dem realen Wallis nicht ganz gerecht wird, behauptet die englische Wikipedia ja sogar, Wallis hätte zusammen mit Ben Nicholson und Christopher Wood die Künstlerkolonie in St. Ives gegründet. Womit er nicht der naive alte Mann gewesen wäre, den seine Nachbarn belächelten und für einen Verrückten hielten.

Aber vielleicht stimmt ja beides. Wer sagt denn, dass tatsächliche Lebensläufe immer den Erzählungen entsprechen müssen, die man für allgemeingültig hält? Auch ein alter Mann kann ein begnadeter Künstler sein, auch wenn er seiner Umwelt mit Misstrauen begegnet und am Ende im Armenhaus landet.

Wenn der Held verloren geht

Natürlich ist da etwas, was Markus Sahr tief bewegt haben muss, sodass er über 20 Jahre um die Geschichte herum kreiste, bis ihm ein Freund den Tipp gab, nur den letzten Tag von Wallis zu beschreiben. So fokussiert wird ein simpler Tag zum Spiegel eines Lebens – konzentriert, aufs Wesentliche reduziert.

Und dennoch so offen, wie Lebensgeschichten immer sind. Wirklich immer. Auch für Künstler, die einem natürlich alle möglichen Geschichten darüber erzählen können, warum sie malen und warum sie so malen, wie sie es tun.

Fragen, die natürlich auch den Autor selbst beschäftigen, sonst hätte ihn die Geschichte von Alfred Wallis nie so in ihren Bann geschlagen.

„Doch ich verlor Wallis, sobald er das Haus verließ. Erst der Blick auf die Frau, Erinnerungen an England, die mit Wallis nur bedingt zu tun hatten, brachten wieder einen kleinen Geländegewinn, Wallis nahm Gestalt an von innen“, schreibt Sahr. „Dennoch dauerte es viele Jahre, viele Umzüge, von Land zu Land, ehe ich Wallis den Küstenweg entlanggehen sah.“

Und sterben lassen wollte er ihn anfangs auch nicht. Aber selbst Gestalten, die ein Vorbild in der Realität haben, zwingen ihre Autoren oft, ihren Regeln zu folgen beim Erzählen. Eigentlich sogar immer. Nur: Die schlechten Autoren zwingen sie dann meistens, nach ihren Regeln weiterzumachen.

Das werden dann meist grausam schlechte Romane. Die anderen hören zu und gestehen sich ein, dass ihre Helden nur dann die wirkliche Geschichte erzählen, wenn sie sie loslassen und ihnen folgen. Manchmal auch die richtige Geschichte des Autors, die dann in der Geschichte seines Helden steckt.

Wer schaut da den Möwen nach?

Eines Autors, der dann zuweilen mit seinem Helden reflektiert über das Leben, die Liebe, das Meer, die Möwen und alles, was gewesen ist. Denn auch das alte St. Ives existiert ja nur noch in der Erinnerung. Die „malerischen“ Boote, die am Strand verrotteten, wurden auf Geheiß der Gemeinde fortgeräumt. Aus Fischerkaten wurden Touristenunterkünfte und Ateliers.

Und wie es sich vielleicht einmal anfühlte, hier durch leeren steilen Gassen zu gehen, kann dann nur ein Schriftsteller versuchen auszumalen. Immer mit dem Zweifel im Hinterkopf, ob er alles richtig sieht, oder gar mit den Augen von Wallis. Oder zwischendurch jedes Mal verwirrt feststellen muss: Es ist alles anders.

Denn meist bemerkt man erst viel, viel später, wie sehr sich alles verändert hat.

Aber an Wallis erinnert noch heute ein Grabstein auf dem Friedhof von St. Ives. Man hat den seltsamen Alten nicht vergessen. Und gerade weil er so gar nicht ins typische Bild eines erfolgreichen Malers passt, reizt der Stoff zum Erzählen. Denn etwas steckt drin, das eben nicht glatt und rundgeschliffen ist. Sondern sperrig wie eine Lebensgeschichte, die auf irgendeine Weise erzählt werden muss.

Markus SahrWallis Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2022, 16,95 Euro.

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