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„Zwanzig Stufen“: Elf magische Geschichten über das Leben von Menschen, die wissen, dass sie Ausgegrenzte sind

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    Auch der Leipziger Literaturverlag ist so ein Brückenbauer, der wichtige Autoren aus anderen Sprachen ins Deutsche holt. Etliche darunter, die in ihren Heimatländern längst berühmt und mit hohen Literaturpreisen geehrt wurden. So wie Hélia Correia, die 2015 mit dem Prémio Camões geehrt wurde, dem höchsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt.

    In eben dieser Welt landet man, wenn man ihre Kurzgeschichten liest, die 2014 unter dem Titel „Vinte Degraus e outros Contos“ erschienen, übersetzt von Dania Schüürmann, was wichtig ist hinzuzufügen, denn in diesen Literarurwelten ist es ein wichtiges Talent, auch den Sprachgestus des Originals mit zu übertragen. Wer die Werke von Gabriel Garcia Marquez verinnerlicht hat, weiß, worum es dabei geht. Bücher wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ leben nicht davon, dass hier im Stakkato Action erzählt wird, sondern dass sich das pralle Leben aus intensiven Bildern, traumhaften Abschweifungen und einer intensiven Hingabe ans märchenhafte Erzählen entwickelt. Immer passiert mehr als nur das, was der Handlung ihre große Dramatik gibt. Immer kommt den Erzählfiguren eine eigene Aura zu, eine ganz besondere Verwobenheit mit der Vergangenheit und der Zukunft. Erst das macht das Jetzt so faszinierend.

    Das war jetzt eine Abschweifung – auch noch zu einem spanischsprachigen Autor. Aber so weit davon entfernt ist Hélia Correia in ihrer Erzählweise nicht. Selbst die Erzählungen eines Albert Camus fallen einem dabei ein, Erzählungen aus jener Welt der Menschen, die man so gern die einfachen Leute nennt: Bauern, Fischer, Bettler, Huren … Menschen, von denen es ganz viele gibt. Und die dennoch immer um ihre Existenz kämpfen müssen, um den nächsten Tag, das nächste Stück Brot. Die Lebensschleifen sind überschaubar. Sie träumen von nichts – schon gar nicht all die seltsamen Träume der reichen Leute, mit deren Welt sie so gar nichts zu tun haben. Aus Sicht der Reichen sind sie Außenseiter. Ausgegrenzte, Andersartige. So hat es auch der Verlag aufs Cover geschrieben. Aber gerade das regt zum Innehalten an.

    Denn wenn man so herangeht wie Hélia Correia an die Gestalten in diesen Kurzgeschichten, dann sind es ja die vielen, die meisten, die, die sich anstrengen müssen und auch erniedrigen für ihr täglich Brot, die sich als Ausgegrenzte fühlen. Ein Leben lang. Oft fühlen sie sich nur in dem harten Leben zu Hause, in das sie hineingeboren wurden – in Correias Geschichten meist Bauerntöchter. Ihnen kommt eher selten der Einfall, ihre vertraute Welt zu verlassen und mehr zu verlangen vom Leben. Da ist die junge Frau aus Griechenland, die sich in „Hélder und Djalme“ einer Reisegruppe anschließt, fast die Ausnahme, auch wenn der Vorgang der Reise das eigentlich Verbindende zwischen diesen Geschichten ist. Zu Ausgegrenzten werden alle diese Menschen, weil sie aus ihrem vorigen Leben herausgerissen wurden und sich in der neuen Umgebung denkbar fremd fühlen.

    Man merkt schon: Es ist ein denkbar heutiges Buch, wo immer mehr Menschen genau diese Erfahrungen machen. Meist nehmen sie die Erfahrungen, Gepflogenheiten und Lebensvorstellungen der Orte mit, die sie mehr oder weniger unfreiwillig verlassen haben. Sie versuchen sich zu arrangieren und das Beste aus ihrem neuen Leben zu machen. Und um sich dabei nicht zu verlieren, spielen – wie in „Seroda“ – Geschichten eine große Rolle. In diesen Geschichten erblüht ihr Leben in neuen Farben, bekommt Glanz und könnte auch zum Abenteuerroman werden. Wenn denn jemand zuhören würde.

    Aber zu diesen südlichen Geschichten gehört eben auch, dass das Phantastische nie weit ist, dass ein wunderschönes Kleid, das zum Tanzen einlädt, eben nicht nur die stille und langsam verstaubende Freude einer Frau ist, die sich dem heuchlerischen Kirchenkostüm ihrer Umgebung anpassen und auf Tanz und Freude verzichten muss, es ergreift selbst die Initiative und bringt zwei große Frauen-Geschichten zusammen. Man vergisst es ja fast. Aber Frauen sind auch in europäischen Kulturen oft genug die Ausgegrenzten und moralisch Bevormundeten. Mal ist es die wuchernde Natur, die auf ihre Art zum Rächer wird, mal taucht der Tod selbst als weibliche Gestalt auf und verführt den Helden der Geschichte zu einem Mord. Und selbst eine Hommage an englische Vampir-Geschichten findet sich im Buch, die gerade durch ihre Unentschiedenheit zeigt, wie schnell Außenseiter auch zu Opfern werden können. Der Aberglauben kommt aus diesen Grenzreichen, in denen die Regeln noch nicht geklärt sind, in denen die Bewohner eines abgeschiedenen Dorfes noch nicht wirklich wissen, mit was für einem Wanderer sie es zu tun haben. Die Unsicherheit ist beiderseitig. Und man merkt: Das ist auch irgendwie die Gegenwart. Es sind immer die Außenseiter, die Einander-Fremden, die sich an Übergängen und Grenzen begegnen, die ihr labiles Dasein mit anderen ebenso Labilen immer wieder neu aushandeln müssen. Es geht – wie in „U-Bahn Zoo“ um Grenzen der Akzeptanz. Akzeptanz, die man sich stillschweigend erarbeitet. Niemand spricht die Regeln aus. Man duldet einander. In der Duldung steckt der Respekt. Denn in dieser Welt kommen alle nur irgendwie über die Runden – auch indem sie tagtäglich eine Gesetzesübertretung riskieren.

    Es sind trotzdem erstaunlich souveräne Gestalten, die in diesen Geschichten auftreten. Immer wieder beschreibt Hélia Correia den Gang ihrer Protagonistinnen, der stets auch von ihrem Charakter erzählt und von ihrer Erdverbundenheit. Sie sind diesem Wuchern der Pflanzen, dem Staub der Wege nicht fremd und wissen darüber alles, was man wissen muss. Ihnen ist das Land noch nicht fremd, nicht die Vergänglichkeit, nicht der Tod. Sie würden nicht in moderne Geschichten von modernen Menschen passen. Vielleicht gehören sie auch in eine verschwundene Welt, in der all unsere elektronischen Spielzeuge nicht existieren. Was dazu zwingt, das Nächstliegende wahrzunehmen und mit den Pflanzen und Tieren viel intensiver zu leben.

    Da wird ein Großteil des Daseins wieder magisch. Oder surreal. Und damit erstaunlich dicht. Diese Menschen werden nicht aus der Bahn geworfen, weil sie sich beim Smalltalk verplappern oder in der Hektik den roten Porsche zerbeulen. Bis auf die zwei reichen Damen, die im Buch auftauchen, gibt es eigentlich niemanden, der irgendetwas Wertvolles besitzt. Und selbst diese beiden Damen haben nichts von dieser TV-Eitelkeit, die heute selbst in deutschen Romanen oft unausstehliche Grämlichkeit verbreitet. Wer Besitz nicht als Fetisch braucht, sondern sich täglich ums Brot kümmern muss, der sieht die Welt ganz anders, kräftiger, lebendiger, auch bedrohlicher. Alles bekommt wieder Konsistenz. Und die Außenseiter erkennen einander, weil sie sich ganz genauso vorsichtig und behutsam bewegen.

    Die Regeln der Reichen und Oberflächlichen gelten hier nicht.

    Auch wenn man nicht immer weiß, auf welcher Ebene man mit der Autorin gerade ist, spürt man eines immer: Das Leben selbst ist ein magisches Geschenk. Und ein kosmisches, was einen in einigen dieser magischen Sätze regelrecht anspringt. „Gelassenheit begleitete die Rotation des Hauses im Universum. Wenn man von Gewinnern und Besiegten sprechen würde, denn täglich liegt in allem Kampf, dann sähen wir die Angst am Boden.“

    Ein doppeldeutiger Satz. Aber ein wahrer. Aber mit wem unterhält man sich darüber, wenn in so einem Land wie unserem fast alle glauben, dass sie dazugehören? Und in Panik geraten, jemand könnte auch nur vermuten, sie gehörten nicht dazu, sie wären Außenseiter. So wie alle anderen auch.

    Ich sage jetzt nicht: „Hu!“

    Sonst erschrickt noch einer und fällt vom Stuhl.

    Hélia Correia Zwanzig Stufen und andere Erzählungen, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2018, 16,95 Euro.

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