Bekannt wurde Angelina Polonskaja 2001, als beim Melbourne Arts Festival ihr Oratorium „Kursk“ aufgeführt wurde. Es bestand aus zehn ihrer Gedichte, die sich mit dem Unglück des Atom-U-Boots Kursk, das 2000 in der Barentsee gesunken ist, beschäftigen. Das Drama der „Kursk“ wirkt heute wie die Ouvertüre zur Tragödie des heutigen Russland. Denn was wird aus einem Land, wenn das einzelne Menschenleben nicht zählt?

Eine Frage, die auch durch die Kurzgeschichten von Angelina Polonskaja geistert, die der Verlag mit Novellen klassifiziert. Aber es sind keine Novellen. Jedenfalls nicht so, wie man sie in der Tradition der italienischen Renaissance – man denke etwa an Boccaccios „Decamerone“ – erwarten würde.

Wikipedia diskutiert die völlig unterschiedliche Verwendung des Begriffes Novelle vor allem in der westlichen Literatur. Aber in der russischen Literatur spielt die Novelle wieder eine deutlich andere Rolle als etwa in der deutschen.

Aber bevor wir das jetzt durchdeklinieren, schreiben wir lieber das schöne Wort Kurzgeschichte hin. Man wird auch eher keine Verwandtschaft mit Boccaccio, Keller oder Gogol finden. Dafür etwas, was einem aus der Welt der amerikanischen Short Story nur zu vertraut ist: jede Menge auf sich selbst und ihre Einsamkeit zurückgeworfenen Menschen.

So ein bisschen wie in den Geschichten Raymond Carvers. Und einige Familien, die die Heldinnen aus Polonskajas Geschichten besuchen, sind den von Carver geschilderten Familien sehr ähnlich. Was nicht nur daran liegt, dass diese Geschichten in den USA handeln.

Die Einsamkeit der Reisenden

Denn ähnliche Einsamkeiten findet die Autorin auch in den Urlaubsorten am Mittelmeer, in Frankreich und Deutschland.

Alles auch Lebens- und Reisestationen von Angelina Polonskaja. Auch die Inszenierung ihres Oratoriums „Kursk“ taucht – etwas verfremdet – wieder auf, eingesponnen in die verstörende Begegnung mit einem der teilnehmende Musiker und einem Ehepaar namens Mark und Anna, deren Ehe schon lange kaputt ist – nicht nur wegen Annas Seitensprüngen.

Sondern auch wegen Marks Gewalttätigkeiten. Beiläufig erfährt man, dass in ihm noch der Krieg tobt, Jahre, nachdem er als Soldat im Einsatz gewesen war. Die Gewalttätigkeit lässt er an seiner Frau aus.

Und auch in anderen Geschichten begegnen einem solche gewalttätigen Männer, auch in Geschichten, die Polonskaja in ihrer Heimat Russland spielen lässt, wo sie noch heute lebt.

Oft sind die Geschichten geradezu grenzüberschreitend entstanden, haben Orte wie Frankfurt, Stuttgart und Dortmund als Adresse – und dann immer wieder Malachowka, wo Polonskaja geboren wurde und wohin sie auch heute immer wieder zurückkehrt.

Es ist dann keineswegs überraschend, dass fast alle ihre Geschichten Geschichten von Heimatlosigkeit und Entwurzelung sind, Geschichten von Menschen, die überall fremd sind. Regelrechte Nomaden, auch wenn es keine Fluchtgeschichten sind.

Aber wer freiwillig oder unfreiwillig zu einem so ortlosen Leben verdammt ist, erlebt im Grunde dieselben Fremdheiten wie Menschen auf der Flucht, misstraut jeder Nähe und stellt selbst langjährige Partnerschaften infrage.

Jahrelang leben einige der Protagonisten in diesen Geschichten schon zusammen – aber ihre Liebe bleibt Oberfläche. Darunter wuchern Misstrauen und Angst. Auch die permanente Angst vor dem Verlassenwerden.

Ein Leben im Transit

Und auf einmal entdeckt man in diesen Geschichten auch die westliche Einsamkeit. Irgendetwas ist da passiert, was wir augenscheinlich nicht wirklich begriffen haben. Etwas, was die stolzen Demokratien des Westens so austauschbar macht mit den verklemmten Autokratien des Ostens.

Beide haben ihre Wurzeln verloren. Während die Dörfer veröden, weil die jungen Menschen wegziehen in die Städte, Alkohol, Gewalt und Vorurteile die Stimmung dumpf machen, sind die großen Städte zu Transitstationen geworden, zu regelrechten Nicht-Orten, an denen sich die dort Gestrandeten nie wirklich zu Hause fühlen. Auch nie wirklich ankommen.

Selbst die Refugien, die sie sich irgendwo in schönen Gegenden im Süden schaffen, sind nichts als Orte der Einsamkeit. Sie fühlen sich dorthin gelockt – und fühlen sich dennoch nur verloren. Sich selbst abhandengekommen. Und dem jeweils anderen nie durch Nähe verbunden.

Es gibt keine Wärme in Polonskajas Geschichten, nur jede Menge Einsamkeit, Rast- und Ortlosigkeit. Und das Gefühl, in einer Welt unterwegs zu sein, die längst am Abgrund steht. Der Name Tschechow fällt – als Zitat aus einer einsamen Geschichte.

Als hätte sich an der Verlorenheit der Tschechowschen Gestalten seit hundert Jahren nichts geändert. Zynismus und Fatalismus sind allgegenwärtig. Denn natürlich hat man keine wirkliche Beziehung zur Welt, wenn man sie nicht liebt. Und sich selbst auch nicht.

Das Böse und die Faszination des Abgrunds

Und das kommt einem dann doch wieder sehr vertraut vor: diese Ohnmacht vor der Allgegenwart des Bösen. „Eine winzige Uhr gegen die riesige Welt, die jeden Augenblick in den Abgrund stürzen kann“, heißt es etwa in einer Passage in der 2016 entstandene Geschichte „Engel sein“.

„Der Dritte Weltkrieg ist durchaus kein Atomkrieg oder sonst eine Asche. Frieden auf lange Sicht gibt es nicht. Es gibt kurze Atempausen zwischen einander ablösenden Spielarten des Bösen. Wir sind, ohne es zu merken, längst im Dritten Weltkrieg. Die Menschheit kehrt dahin zurück, wo sie hergekommen ist. Das heißt, in den Staub. Ins Nichts. Gesiegt hat ein Symbol. Darunter kann man alles Mögliche verstehen. Mit dem Bösen kämpfen, fällt niemandem ein. Im Gegenteil, man verneigt sich fanatisch vor ihm.“

So übersetzt es Erich Ahrndt, der all diese Geschichten erstmals ins Deutsche übertragen hat.

Es scheinen nur die Gedanken der Heldin in dieser Geschichte zu sein, die in ihrer Beziehung nicht glücklich ist und hadert. Aber natürlich steht auch die Frage: Wie viel von der Sicht der Autorin steckt darin? Wer erzählt hier eigentlich? Wessen Stimme und Gedanken hören wir?

Selbst die Menschen auf den Gemälden der Renaissance-Maler kommen einer ihrer Heldinnen wie eingesperrt vor, wie bettelnd darum, befreit zu werden. Die Nacht als ruheloser Ort spielt nicht ohne Grund eine dominierende Rolle in diesen Geschichten. Es ist die Zeit, in der viele ihrer Protagonistinnen nicht schlafen können, ruhelos durch Häuser laufen, von Schreien oder Träumen aufgeschreckt.

Das, was emotional nicht bewältigt ist, meldet sich mit den Stimmen der Menschen zu Wort, die eigentlich längst gestorben sind. Realität und Traum gehen ineinander über. So, wie die Telefonanrufe aus Russland wie Anrufe aus dem Jenseits wirken und den ruhelos Reisenden vermelden, dass gerade wieder ein Stück ihrer Heimat gestorben ist.

Wo ist das wirkliche Zuhause?

Denn natürlich ist es so, dass Polonskaja nicht grundlos Themen des Exils aufgreift. Auch wenn ihre reisenden Heldinnen jederzeit zurückkehren können. Aber wohin zurück? „Der ‚Horizont der Ereignisse‘. Von wo man nicht zurückkehrt“, heißt es am Ende von „Engel sein“.

„Es verlangte mich plötzlich dringend nach Hause. Nein, nicht dahin, wo mich ein langes, straßenbahnähnliches Zimmer mit dem Geruch amtlich verwalteten Wohnraums erwartete. Sondern nach meinem wirklichen Zuhause, dem mit Liebe erbauen Haus. Von dem mich mein eigenes Land getrennt hatte, das mir keine Wahl zwischen Exil und Irrsinn ließ.“

Man kann auf verschiedene Weise heimatlos werden. Auch durch eine Arbeit, die einen zwingt zum Immerunterwegssein. Durch das falsche Denken einer Wirtschaft, die Menschen wie Verfügungsmasse benutzt und hin- und herschiebt. Stichworte: mobil und flexibel.

Und während die einen nicht fortkönnen und sich kärglich durchschlagen müssen, während es um sie herum immer leerer und sinnloser wird, weil die Kinder fehlen, die einem erst so etwas wie Hoffnung geben, sind die anderen wie ewige Nomaden, ziehen von einer Beziehung in die nächste, von einer Stadt in die nächste, können zwar überall leben. Sind aber nirgendwo wirklich zu Hause.

Und die so leben – mit Jetlag und immer gepackten Koffern – geraten in eine Welt, in der alles beliebig ist, austauschbar. Ein Ort wie der andere. Ein Mensch wie der andere, austauschbar, weil für wirkliche Nähe die Kraft fehlt. Die Liebe sowieso.

In „Der Jasminstrauch am Zaun“ (der in der Geschichte gnadenlos herausgerissen wird), klingt das so:

„Ein leerer Kanarienvogelbauer, der Gürtel eines im Straßenstaub ausgebreiteten Regenmantels, ein nicht mehr junge Mann, plötzlich gebeugt, hilflos auf einer Stufe im Hörsaal sitzend. Er hat die Vorlesung jäh unterbrochen, vom eigenen nicht stattgefundenen Leben betäubt – ich fand jede einzelne sich im Wehklagen des Universums verlierende Tragödie unerträglich.“

Es ist die Geschichte einer Beerdigung – aber auch eine des Nicht-mehr-Dazugehörens. Die Dagebliebenen haben sich in die Kirche geflüchtet. Zeigen der Angereisten, dass ihre Ungläubigkeit hier auf Misstrauen stößt.

Heillose Geschichten

Es muss gar nicht mal Russland sein. So geht es den in die Welt Geschleuderten überall, sie leben im grauen Reich des Fortgegangenseins und des Nicht-mehr-da-seins. Können nicht loslassen und nicht ankommen. Wahrscheinlich geht es Millionen genau so.

Auch wenn sich die meisten wohl eher betäuben, indem sie sich mit Arbeit und einem auf Norm gestrickten Alltag ausfüllen. Eine Maske aufsetzen. Und lieber alles in sich verschließen, was nach Geborgenheit ruft.

In gewisser Weise sind es heillose Geschichten, die auch ahnen lassen, warum so viele Menschen dann auch beim Dableiben eigentlich unaushaltbare Zustände erdulden. Sich machtlos fühlend.

In „Abschied“ thematisiert sie dieses Verlieren: „Ein letztes Mal vor dem Winter drehe ich mich nach dem Wald um. Wer weiß, ob wir hierher zurückkommen werden. Ob wir es schaffen, unversehrt zu bleiben, ohne die Waffen zu verlieren. Nach uns wird keiner da sein, sie zu tragen.“

Es ist einer der Abschiede, in denen schon das Wissen liegt, dass man sich nicht wiedersehen wird. Die Entwurzelten sind nicht zu beneiden. Man sieht ihnen nicht an, wen sie schon alles verloren haben. Manche geben sich cool, tun so, als wäre das nur Ballast in ihrem Leben, in dem es nur um Bewegung geht, Fortschritt, immer neue Ziele. Das Marketing-Sprech ist ja voll davon.

Was er nie erwähnt, ist das, was verloren geht dabei, was sich in unsere Albträume und unerfüllbaren Sehnsüchte verwandelt. Und natürlich in Trauer.

In der Geschichte „In Andalusien“ klingt das dann so: „Ich hatte aufgehört, an das Leben zu glauben. Endlos spulte ich vor Fremden meine eigene Vergangenheit ab. Ich korrigiere mich: mittlerweile Fremden. Die mir nicht gehörten, unter keinen Umständen. Ich hatte nicht die Kraft, mich mit jemandem auszusprechen. (…) Es war nicht nötig, Gott zu bitten, sie mir zurückzugeben, die Erbärmlichen, Feigen, Gemeinen, hoffnungslos Verschwundenen.“

Leben mit gepackten Taschen

Man versucht, sich zu schreiben, von sich hören zu lassen, in Kontakt zu bleiben. Und dann reißt die Verbindung ab, werden die Erlebnisse zu kleinen, verwirrenden Szenen, Szenen von Begegnungen, die immer schon die Distanz und das Zweifeln in sich tragen. Lieber gleich wieder die Taschen packen, abreisen, dafür sorgen, dass einen das Verhängnis nicht mit hinein- oder hinunterzieht.

Doch das schlimmste Verhängnis ist dann am Ende das Nichtmehrdazugehören. Die Verwandlung des eigenen Aufenthalts in etwas, was immer schon das Abreisen und Wegfahren in sich trägt.

Es sind keine gemütlichen Geschichten. Aber wahrscheinlich vielen sehr vertraut, die die Scheu vor wirklichem Vertrauen und Nähe längst verinnerlicht haben. Weil sie glauben, dann erspare man sich den Schmerz und die Trauer und die Unberechenbarkeit, wenn man richtigen Menschen wirklich nahekommt.

Aber es steckt im Denken unserer Zeit. Das Kalte, Gefühllose kommt nicht immer in Panzern und Uniformen daher, sondern auch im Kostüm der Rastlosigkeit, des immerfort Getriebenseins einer Welt, in der das Wohl der Menschen völlig egal ist, wenn es sich nicht bilanzieren lässt.

Und da ist wirklich die Frage: Wie wehrhaft sind wir da? Wehren wir uns? Oder lassen wir uns verwehen vom Wind, ganz dem Zeitgeist hörig, der keine Einkehr kennt und kein Es-ist-genug?

Angelina Polonskaja Möge die Nacht nicht enden Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2022, 19,95 Euro.

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