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Mittwoch, 20. Januar 2021

W.S. Merwins Gedichte über die frappierende Stärke einer erinnerten Vergangenheit

Von Ralf Julke

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    Für FreikäuferMan staunt eigentlich eher über die Nummer, die dieser Gedichtband aus dem Leipziger Literaturverlag bekommen hat: Es ist Band 84 der Reihe „Neue Lyrik“, die Verleger Viktor Kalinke einst selbst mit Band 1 eröffnete. Seither ist es aber eine richtige Bibliothek mit hochkarätiger Lyrik aus aller Welt geworden. Zweisprachig. Dem Leser wird auch bei William S. Merwin das Original nicht vorenthalten.

    Es ist nicht der erste Poet aus den USA, der einen Platz in dieser unermüdlich wachsenden Bibliothek gefunden hat. Charles Wright hat hier schon genauso seinen Ort gefunden wie James Laughlin und C. K. Williams. Und es taucht dasselbe Problem auf: Man kennt ihn hierzulande gar nicht. Gerade solche Übersetzungen zeigen, wie eng der Fokus deutscher Verlage beim Zugriff auf die Literatur der USA der Gegenwart ist. Im Grunde bekommt man nur die Bestseller zu sehen, die Titel, die schon jenseits des großen Teiches für Furore gesorgt haben.

    Das verändert das Bild. Und verfälscht es. Man bekommt viel Strohfeuer zu sehen, viel Thrill und Action, heute von allen beschwatzt, morgen schon vergessen. Und zwar so schnell vergessen, dass es niemals zum Teil dessen wird, was sich wirklich als amerikanische Nationalliteratur behauptet. Und dazu gehört auch Lyrik, mit der man nun einmal im extrem beschleunigten Buchgeschäft keine schnellen Gewinne macht. Lyrik braucht Zeit.

    Und sie braucht Leser, die noch wissen, was Zeit ist, die nicht nur die Überschriften überfliegen und sich durchscrollen durch das Geschnatter des Tages, sondern sich mit Buch und Muße absentieren, sich einen Ort suchen, an dem nichts quäkt und drängelt und die eigenen Gedanken und die gelesenen Worte im Kopf wieder hörbar sind. Klingen und nachklingen. Gedichte leben von der Kraft der Worte. Und niemand weiß das besser als die richtigen Dichter. Und Merwin ist einer, einer, der im Grunde in die Große Tradition der Walt Whitmanns und der William Carlos Williams gehört. Aber auch in die Rilkes und Pasternaks, der großen Stillen, in deren Werk das Schauen, Lauschen und Staunen so zentral ist. Das, was einem passiert, wenn man sich wirklich einlässt auf seine Sinne und die intensive Beziehung zur Welt.

    Und in dieser intensiven Beziehung zum eigenen Da-Sein landet der 1927 geborene Merwin nicht zufällig. Denn er ist eine jener starken Gestalten der amerikanischen 68er, die man heute so gern auf Hippies, Flower Power und Esoterik reduziert. Gerade in Deutschland. Wirklich viel Sorgfalt hat man in Deutschland nie darauf verwandt, den Kern dieser Bewegung in den USA zu verstehen, der scheinbar so ergebnislos in Marihuana-Dämpfen verschwand.

    Da ist es schon ein Wunder, dass wenigstens die führenden Beatniks (z. B. Kerouac mit „On the Road“) übersetzt wurden und Bob Dylan quasi stellvertretend mit 50 Jahren Verspätung den Literaturnobelpreis für seine Liedtexte bekommen hat. Wirklich 50 Jahre zu spät. Vor 50 Jahren wäre das ein Signal gewesen, auch vor 40 Jahren noch, als die Erinnerungen an Vietnam und Watergate noch frisch waren. Als selbst den Musikliebhabern noch bewusst war, dass diese Dichter- und Liedermacher-Szene aus Protest entstand. Aus Protest gegen einen Krieg, gegen die erstarrten Konventionen einer stockkonservativen Gesellschaft und auch gegen Umweltzerstörung und Landraub.

    Und Merwin war in dieser Szene zu Hause. Wenn der Sirius im Titel dieses 2008 erschienenen Gedichtbandes auftaucht, hat das indirekt auch mit dieser Bewegung zu tun, direkter freilich mit seiner tiefen Verwurzelung in der griechischen Mythologie und Philosophie. Zu Recht betonen die beiden Übersetzer Helmbrecht Breinig und Susanne Opfermann, dass Merwin selbst unter den Dichtern Amerikas eine Ausnahme ist, da er tatsächlich als einziger zwei Mal den Pulitzer-Preis bekam, 1971 das erste Mal für seinen Gedichtband „The Carrier of Ladders“ (1970), den er aus Protest gegen den Vietnam-Krieg zurückgab.

    Für „The Shadow of Sirius“ bekam er den Pulitzer-Preis dann 2009 zum zweiten Mal. Da lebte er schon mit seiner Frau Paula auf Maui (Hawaii), „wo er eine alte Ananas-Plantage in ein Refugium für hunderte von Palmenarten aus aller Welt umgewandelt hat, ein Beitrag zur Rettung der Biodiversität mit weltweiter Bedeutung“.

    Er schrieb also nicht nur über Schönheit und Bedrohtheit der Welt, sondern er wurde aktiv. Und er hörte nicht auf zu schreiben und zu übersetzen. Und auch wenn er keine „Großen Gesänge“ schreibt wie Whitman, der einst das kolossale Erwachen der USA beschrieb, hat er denselben großen Atem. Aus jeder Zeile spürt man das Wissen darum, wie klein und vergänglich der Mensch und alle seine Werke sind. Er hat in Frankreich, England und Spanien gelebt. Noch stärker geprägt hat ihn die Kindheit in der Bergbaulandschaft Pennsylvanias.

    Und in diesem Gedichtband tut er etwas, was den Leser natürlich frappiert, weil es so berührend vertraut ist. Denn in den meisten Gedichten ist er in diesen Kindheits- und Lebenslandschaften unterwegs. Schwebend fast, denn man merkt, dass diese Gedichte aus Erinnerungen kommen. Solchen Erinnerungsfetzen, die man meist in Träumen hat, in denen man auf einmal mit den Menschen, Tieren und Landschaften längst vergangener Jahre in Berührung kommt. Szenen, Eindrücke, Bilder, die irgendwo tief im Speicher des Gedächtnisses abgelegt sind, aber verbunden sind mit Emotionen, die uns damals oft gar nicht bewusst waren, und von denen wir oft nicht ahnten, wie stark sie waren.

    Und dann taucht das wieder auf – ein Lichtfleck, der an die Lichterspiele der Kindheit erinnert, der Geruch von Himbeeren, der ganze Sommertage wieder in Erinnerung ruft, eine Morgendämmerung, die einem die Bilder der Graureiher aus längst vergangenen Tagen ins Bewusstsein ruft, eine ganz bestimmte Stimmung auf der Veranda, die einem so vertraut ist, dass man die Anwesenheit des schon längst gestorbenen Lieblingshundes hinter sich zu spüren meint …

    Genau der Stoff, aus dem Gedichte ja tatsächlich gemacht sind. Gute Gedichte, die in Worte fassen, wie komplex und verwirrend unsere Beziehung zur Wirklichkeit tatsächlich ist. Deswegen der Sirius im Buchtitel mit seinem seltsamen Schatten. Das Wort „elegisch“ verwenden die Übersetzer, um den Ton zu beschreiben, den Merwin benutzt. Aber da sträubt sich alles im Leser. Das ist nicht elegisch. Keine Trauer, keine Klage. Eher ein großer stiller Gesang über das Einssein und Einswerden mit der Welt. Das stille Wissen darum, dass wir nur deshalb so voller Sinneslust sein können, weil das Leben endlich ist und das Verlieren uns begleitet. Gerade in den wenigen Gedichten aus der französischen Landschaft wird es greifbar, wenn Merwin über die Menschen sinniert, die die alten, verfallenden Mauern gebaut haben. Menschen, die längst verschwunden sind. Ihre Namen vergessen und der Zweck der Mauern genauso.

    Aber es wird nicht traurig. Eher steckt stille Verwunderung darin, dass das so ist. Dass der Dichter mit langer Verspätung vom frühen Tod eines Mannes erfährt, dem er damals in sprühender Lebenslust beim Arbeiten zusah. Er hat den jungen, unermüdlichen Menschen in Erinnerung behalten. Also lebt dieser Mensch doch noch? Wenn auch nur noch in Gedanken?

    Leben wir nicht immer so? Die Fotos der Eltern in jungen Jahren, die sie als Menschen zeigen, die wir niemals kennengelernt haben, erwecken trotzdem all das in uns, was uns vertraut war und immer geblieben ist. Ein Ton, ein Wort, eine Geste können die vertrauten Gefühle erwecken.

    Es lohnt sich, die übersetzten Zeilen auch immer wieder im englischen Original zu lesen. Auch wenn die Übersetzer gut sind – oft sind sie zu Kompromissen gezwungen. Wer zweisprachig liest, weiß es, wie schwer sich gerade Atmosphäre und Nuancen übersetzen lassen. Wie viele emotionale Welten zwischen dem heutigen amerikanischen Englisch und unserem heutigen Deutsch liegen. Wenn sich Staatsmänner und Völker manchmal nicht verstehen, liegt es auch zuweilen genau daran …

    Und an den Worten. Auch das kein Zufall, wenn Merwin ausgerechnet über das alte Englisch-Wörterbuch seines Vaters ein Gedicht schreibt, auf das der Vater so stolz war, das aber der Sohn noch viel häufiger zur Hand nahm. Denn wer so intensiv mit Sprache arbeitet, der weiß, dass schon geringste Nuancen ein Wort anders klingen und wirken lassen. Viele Worte sind wie Schlüssel – sie lassen eine ganze Welt auftauchen.

    Die Übersetzer werden es wissen, wie man an so einem simplen Vers verzweifeln kann: „O nameless joy of the morning“.

    Schon das deutsche „Oh“ ist etwas völlig anderes als das kurze, in der englischen Lyrik eher seltene „O“. Die Engländer haben selbst in den wildesten Zeiten der Barock-Lyrik ihre Gedichte nicht so verschnörkelt und mit gestischen Silben gespickt wie die Deutschen. (Und deutsche Lesebücher sind bis heute mit diesem ziselierten Schrott von Möchtegern-Dichtern gefüllt.) Sie waren immer pragmatischer, sachlicher und auch genauer.

    Und ist das denn „Morgenfreude“, dieses hochbelastete Wort aus der deutschen Romantik, das hier steht bei Merwin? „Joy of the morning“ ist auch emotional etwas anderes. Was jetzt nichts gegen die Übersetzung sagt. Es geht nur um die Schwierigkeiten, aus dieser sachlichen und dennoch genau nuancierten Sprache ins oft genug schrecklich phlegmatische Deutsch zu übersetzen. Und bei Merwin kommt es auf Nuancen an. Genau das, was man als unaufmerksam rasender Zeitgenosse schon lange nicht mehr sieht und hört und wahrnimmt, nicht mal mehr ahnt. Denn dazu braucht es die Stille solcher Morgen, wie sie Merwin beschreibt – auch hier in „Die Lachdrossel“.

    Wo die „Stille des dunklen Tals“ („the hush of the dark valley“) die Erinnerung anklingen lässt, „verlorene Gesichter die / um die Ränder des Schlafes schweben“, und auch die „Worte die kürzlich verstummt sind / um aufzutauchen unter den Sätzen der Zukunft“ findet man hier. Manchmal schweben diese Gedichte so wie die Altersgedichte von Boris Pasternak. Hier lässt ein Dichter zu, dass die Erinnerungen sich wieder entfalten dürfen, wachwerden vom Gesang eines Vogels oder beim Anblick eines Flusses, der sich scheinbar nicht bewegt. Aber ist es wirklich noch derselbe Fluss?

    Das sind Gedichte zwar voller Wehmut (wenn das Wort denn überhaupt stimmt), aber auch voller Gelassenheit. Dieser Gelassenheit, die so sehr mit dem Aufbäumen der 1960er Jahre zu tun hat, als zumindest junge Menschen das Gefühl hatten, dass es in dieser Welt nicht um die Wut und Dummheit der Mächtigen geht, sondern um die Schönheit und Endlichkeit des Lebens. Die man wahrnehmen muss. Und das geht nur in Stille und Offenheit. Deswegen gibt es so viele Aussteigergeschichten. Und die, die es ernst gemeint haben, sind ausgestiegen. Haben sich auch dem Lärm der Welt entzogen.

    Nur dass die Orte, an die man fliehen kann, natürlich verschwinden. Dazu ist die alles verschlingende Maschine zu blind und stur und unersättlich. Auch das klingt an, wenn Merwin über die alte Heimat eigentlich mitten in der Bergbauregion erzählt: Dass all dies nur noch in seiner Erinnerung existiert. Und wenn er es nicht mehr erinnert, ist es fort. So wie die vielen Fotos des Photographen verschwinden, wenn er stirbt und die Erben den Nachlass in den Müll bringen. „Glücklicherweise kaufte jemand der verstand / was auf den Scheiben war“. Erst so werden Gesichter, Orte, Erinnerungen gerettet, erzählen von etwas, das längst vergangen ist und nirgendwo mehr gesehen werden kann. Die Bilder von „Tagen die niemand sah außer der gebückten Gestalt / unsichtbar unter dem Tuch / die gerade verschwunden war“.

    Das ist nicht elegisch. Das ist versonnen, besonnen, nachdenklich. Und es hat augenscheinlich auch den Nerv der heute noch lesenden Amerikaner getroffen. Denn was ist wirklich die Seele dieses Landes? Was atmet wirklich Leben und ist nicht so vergänglich wie der Twitter-Spruch von gestern?

    In solchen Gedichten findet sich ein Land wieder. Wenn es sich finden will. Und es ist uns sehr vertraut. Solche Töne findet man auch in der „sächsischen Dichterschule“. Denn erst da, wo wir uns unserer Endlichkeit bewusst werden, wird uns die Fülle des Kosmos erst so richtig bewusst.

    Hab ich jetzt was gesagt? Hab ich. Selber lesen. Wahlweise an einem stillen See, in einem Birkenwald oder auf der Veranda eines Hauses irgendwo in der Heide, wo man die Vögel noch hört und ein paar auftauchende Erinnerungen nicht in einem tödlichen Unfall im Straßenverkehr enden.

    W. S. Merwin Der Schatten des Sirius, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2018, 19,95 Euro.

    Warum so eilig oder Wie wird man wieder Herr seiner Zeit? – Die neue LZ Nr. 52 ist da

     

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    1 KOMMENTAR

    1. Ohch.. schade.. der Rezensionstext ist schon zu Ende.
      Man möchte bei Ralfs Texten immer eine kleine Ewigkeit weiterlesen..
      Der Geruch von Himbeeren in meiner Großelterns Garten.. erinnert anhand von Worten.
      Die man weitergeben und mitnehmen kann als gefühlte Gedanken weitergetragen für das Gute und Bessere dieser Welt. In Stille und Offenheit.
      Herzensfreude einfach und geteilt miteinander.

      Dankeschön für’s Aufmerksammachen.
      Freuen uns auf die zum Gespräch anregen werdenden Gedanken und Übersetzungsvariationen anhand des Buches.

      Nebengedanke (der sogenannten Realität):
      Manchmal klingt manches ja auch sehr ähnlich..
      Heart’s Fear (gesprochen Hartz Vier) übersetzt Herzens Angst..
      Nico Simsrott:
      https://www.youtube.com/watch?v=s5KezAzwMj0

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